Im Gespräch mit Jan Drees

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»Mich begeistert Literatur,
weil sie dem Wahnsinn einen gewissen Sinn geben kann.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt der Literaturkritiker Jan Drees zu Wort. Alle bisherigen Gespräche dieser Reihe können hier nachgelesen werden.

Jan_Drees

Wer bist du und was machst du mit Literatur?

Ich bin Jan Drees und komme aus Wuppertal, also eher aus der Peripherie dessen, was man »Literaturszene« nennt – selbst die große Elberfelder Dichterin Else Lasker-Schüler wurde erst richtig bekannt, als sie nach Berlin zog. Mein Blog heißt LesenMitLinks.de.

Und was macht Literatur mit dir?

Mich begeistert Literatur, weil ich mit ihr neue Utopien kennenlerne, neue Blicke auf die Welt, weil sie (meistens, ich rede nicht von Camus) dem Wahnsinn einen gewissen Sinn geben kann.

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen? Und wie zum Schreiben?

Geschrieben habe ich schon immer, also, seitdem ich schreiben konnte. Es ist ein ständiges Ordnen, Phantasieren, Sinnsuchen, die stete Arbeit nach dem Goetz’-Prinzip: »Don’t cry, work!«. Nach ersten kurzen Sachen kam irgendwann der Roman Staring at the Sun (da war ich 20), aus der Schülerzeitung ging es weiter mit Magazinen und Radio und dem Feuilleton. Eines kam zum anderen. Die Arbeit selbst, das Lesen, Nachdenken, Schreiben, hat sich bislang nicht geändert.

Inwiefern überschneiden, ergänzen und beeinflussen sich deine verschiedenen Tätigkeiten?

Lesen macht demütig und viel über das Schreiben anderer nachzudenken führt unweigerlich zu dem Gedanken: Alles war schon da. Alles war sogar schon besser da. Und dann komme ich auf mein eigenes Leben und denke – gut, das habe nur ich.

Wie sieht dein literarischer Alltag aus?

Facebook, lesen, Facebook, schreiben, Romane lesen, über Romane schreiben, Facebook, lesen, was für den Blog schreiben, Facebook schreiben, Likes zählen – und zwischendurch telefonieren, Bier trinken, mit Kollegen chatten.

Was war ein besonders schöner Moment in deinem bisherigen Werdegang ein erfolgreiches Projekt zum Beispiel oder eine inspirierende Begegnung?

2010 traf ich zum ersten Mal den Schriftsteller Hartmut Lange, damals im Deutschen Historischen Museum von Berlin. Wir saßen beisammen, sprachen über die Vergänglichkeit und Lange sagte, es gäbe nur eine Hoffnung, die uns hilft, die Kontingenz des Lebens auszuhalten: Das sei Gott. Dann schwieg er kurz, schaute mich an und setzte hinzu: »Aber ich bin ja leider Atheist.« Da beschloss ich, meine Dissertation über ihn zu schreiben.

Welches Buch hat dich zuletzt beschäftigt? Und welches ein Leben lang?

Zuletzt hat mich das Buch Blaise Pascals »Pensées«. Systematische »Gedanken« über Tod, Vergänglichkeit und Glück von Ulrich Kirsch beschäftigt, mein Leben lang der Tristan Gottfried von Straßburgs.

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt, im Literaturbetrieb treiben dich um?

Mich beschäftigt die schleichende Prekarisierung der Kritik, die 2015 fehlende Möglichkeit der Verlage, über die Backlist Einnahmen zu erhalten, die Deprofessionalisierung des Buchhandels aufgrund fehlenden Kapitals und damit bedingtem Einsatz von Hilfskräften und Einzelhandelskaufleuten aller Art.

Wie würdest du den Zustand der Literaturkritik beschreiben?

Zur Literaturkritik gab es gerade eine größere Debatte (eben hier), in der ich meine Position dargelegt und mehr Leidenschaft eingefordert habe.

Jan Drees (9. Mai 1979). Bis 2003 startete Jan Drees als 800-Meter-Läufer für den TSV Bayer 04 Leverkusen. Er war Junioren-Europacupsieger 1996 in Ljubljana und gewann zwischen 1996 und 1999 acht Medaillen bei Deutschen Meisterschaften. 1997 belegte er den ersten Platz beim U18-Länderkampf in Frankfurt (Oder), 1998 gewann er bei den Deutschen Jugend-Hallenmeisterschaften in Chemnitz über 800 Meter. Nach einem Volontariat bei BBDO Deutschland studierte Drees bei Peter Matussek in Düsseldorf Neuere deutsche Literaturwissenschaften, Mediävistik und Kommunikationswissenschaften. Heute arbeitet Drees als Rezensent, Kolumnist und Autor für Radio, Zeitschriften und Zeitungen (Der Freitag, Rolling Stone, Bayrischer Rundfunk, Deutschlandradio Kultur, WDR 5, WELT u.a.) und ist Promotionsstudent der Graduate School »Practices of Literature« in Münster. 2000 erschien sein Roman Staring at the Sun im Diana Verlag, 2007 erschien ein überarbeiteter, in die Jetztzeit übertragener Remix des Buchs, nun im Eichborn-Verlag. Drees‘ zweiter Roman, Letzte Tage, jetzt, wurde 2006 veröffentlicht (auch als Hörbuch, eingelesen von Mirjam Weichselbraun). 2010 erschien die literaturwissenschaftliche Studie Rainald Goetz: Irre als System: Mit der Theorie Niklas Luhmanns wird hier Goetz‘ Rasierklingenschnitt beim Bachmannpreis in Klagenfurt 1983 als immanenter Teil des Romans gelesen. 2011 erschien bei Eichborn das illustrierte Sachbuch Kassettendeck: Soundtrack einer Generation von Drees und Christian Vorbau. Interviewpartner waren u.a. Benjamin von Stuckrad-Barre, Westbam, Smudo, Hans Nieswandt, Alexa Hennig von Lange und Peter Glaser. Teil des Kassettendecks ist ein 70-seitiger Kurzroman. 2013 erschien seine Erzählung Teneriffa im Sukultur-Verlag und die Studie Twitteratur. Digitale Kürzestschreibweisen in Zusammenarbeit mit Sandra Annika Meyer bei Frohmann.

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