#netzrundschau 07/2015

# zukunft der kritik

Auch im Juli wird eifrig Kritik an der Literaturkritik geübt und über neue Wege und Möglichkeiten nachgedacht. Angestoßen wurde die Debatte vor gut einem Monat von Wolfram Schütte, der zur Gründung eines Online-Literaturmagazins aufrief, woraufhin Kritiker, Blogger und Verleger allerlei Vorschläge und Gegenvorschläge machten und noch immer machen. Ekkehard Knörer beispielsweise wünscht sich eine Zeitschrift, die sich an den angelsächsischen Review-Formaten orientiert; Dana Buchzik weist auf die Notwendigkeit hin, auch die Leser einzubinden; Wolfgang Tischer hingegen zweifelt an der Idee einer neuen Zeitschrift, räumt aber ein, dass es einen »Inselführer« braucht, der »die literarischen Debatten im Netz zusammenfasst oder erschließt«; Florian Kessler plädiert stattdessen für einen renovierten Alfred-Kerr-Preis, der »Literaturbeiträge jedes Kalibers«, online wie offline, berücksichtigt; Jan Drees fordert schlichtweg mehr Leidenschaft (nicht, ohne zuvor ein bisschen Ordnung in die Debatte gebracht zu haben); und Guido Graf stellt sich die Kritik gar als »eigene Kunst« vor.

Das Gespräch findet jedoch nicht nur im Perlentaucher, sondern auch anderswo statt, etwa auf literaturkritik.at, wo Renate Giacomuzzi die bisherigen Positionen rekapituliert und sich ebenfalls gegen Schüttes Vision ausspricht, oder im SWR2, wo Hans Ulrich Gumbrecht, Denis Scheck und Julia Schröder über den Niedergang des Großkritikers diskutieren. Und auch außerhalb des Netzes, nämlich in Berlin: Mitte des Monats luden Sieglinde Geisel, Lars Hartmann und Thierry Chervel zu einem Treffen ein, um die Grundpfeiler des zu gründenden Magazins zu skizzieren, und etwa zur selben Zeit machte Jörg Sundermeier beim #pubnpub abermals seinen Standpunkt klar. Jochen von lustauflesen.de hat mitgeschrieben und darüber nachgedacht, was die Kritik an der Literaturkritik für die Arbeit der Blogger bedeutet: »Hamsterrad anhalten, Schnellschussphilosophie über Bord werfen, sich auf die Kriterien besinnen, genau lesen und noch genauer schreiben.«

# zukunft der blogs

Und damit wären wir bei der anderen großen Debatte, die momentan geführt wird und die mit der obigen eng verknüpft ist. Literaturblogger denken derzeit viel darüber nach, wie sie über Bücher reden wollen, können und sollen, welche Rolle sie im literarischen Gespräch einnehmen. Für Aufsehen sorgt ein Porträt der Booktuberin Sara Bow in der SZ: Unter dem Titel »Sara! Mir graut’s vor dir« äußert Thomas von brasch&buch seinen Unmut über diese Form der Kritik (nachdem er bereits im Rahmen der obigen Debatte die Idee des elitären Clubs befürwortete), woraufhin er – wenig überraschend – jede Menge Gegenwind von anderen Booktubern bekommt, aber auch von gleichgesinnten Bloggern wie etwa Sophie von Literaturen. Mara von Buzzaldrins Bücher erklärt, warum sie gerade die Vielfalt mag (siehe hierzu auch Sieglinde Geisels informatives Radiofeature), und Birgit von Sätze&Schätze erinnert daran, dass der mündige Leser sehr wohl imstande ist, sich aus der Fülle an Blogs diejenigen herauszusuchen, die seinen eigenen Bedürfnissen am meisten entgegenkommen.

Eine flammende Rede gegen »Kuscheldiskussionen« in Blogs hält hingegen Chris von booknerds.de: »Seid strunzsubjektiv, denn ihr seid Individuen – es ist Euer Privileg, aus der langweiligen Objektivität auszubrechen.« (»Uns fehlt die Streitlust«, findet im Übrigen einige Tage später auch Volker Weidermann im Gespräch mit der NZZ.) Stichwort »streiten«: Tobias von Libroskop hat genug von all den Debatten und fragt, ob wir stattdessen bitte endlich wieder über Literatur reden können. Er wünscht sich »leidenschaftliche, kluge, kenntnisreiche und gewitzte Beiträge«, und er wünscht sich einen regen, gerne auch mal hitzigen Austausch. Gesagt, getan: Sophie ruft einen literarischen Saloon ins Leben und streitet sich in der ersten Folge mit Fräulein Julia über Anke Stellings Roman Bodentiefe Fenster. Thomas Brasch sucht indes den Dialog mit der booktubenden Jugend, und auf dem soeben gegründeten Gemeinschaftsblog Let’s talk about books kommen künftig eine Handvoll Blogger zum Gespräch zusammen. Mitlesen und -diskutieren ist ausdrücklich erwünscht!

# gegenwart der blogs

Auch wenn noch so oft wiederholt wird, wie ermüdend die Debatte doch ist, so sprechen die Gedanken, die formuliert werden, und die Initiativen, die daraus hervorgehen, doch für sich. Es ist immer sinnvoll, darüber nachzudenken, was besser gemacht werden kann – wie auch immer man dieses »besser« für sich selbst definiert. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass vieles bereits gut läuft, davon zeugen auch in diesem Monat zahlreiche hervorragende Beiträge. Sophie führt ihre Reihe über Literaturmagazine fort und gewährt diesmal einen Einblick in die Akzente von Hanser, auf Intellectures gibt es ein ausgesprochen interessantes Interview mit dem Übersetzer Ulrich Blumenbach, Birgit liest Ralf Rothmanns Im Frühling sterben vor dem Hintergrund ihrer eigenen Familiengeschichte, und Tobias von buchrevier wirft einen Blick auf Skandale rund um den Deutschen Buchpreis. Außerdem empfehlenswert: »Ortstermin«, der neue Podcast von Radiojournalist Christian Möller, der mit Kulturmenschen durch die Gegend läuft und plaudert.

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2 Gedanken zu “#netzrundschau 07/2015

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