Cynan Jones: Graben

Jones - Graben (c)

»So als wüssten sie, dass er gleich von etwas entsetzlich Großem niedergewalzt würde«

»Niederwalzen«: Will man über die Art von Literatur reden, die der Münchner Verlag Liebeskind macht, dann ist dieses Wort zweifelsohne angemessen. Gewiss, das Programm ist vielseitig, es finden dort auch das zauberhaft-surreale Werk der Japanerin Yoko Ogawa Platz oder humorvolle Titel wie Mordecai Richlers Wie Barney es sieht und aktuell Das Liebesleben des Nathaniel P. von Adelle Waldman. Und doch: Der Schwerpunkt liegt woanders, beim literarischen Noir nämlich, der zwar erst 2005, fünf Jahre nach der Verlagsgründung, einen Platz im Programm bekam, seither aber so stark wie keines der anderen Segmente in der Wahrnehmung von Presse und Publikum verhaftet ist. David Peace erscheint hier, James Sallis, Pete Dexter, Donald Ray Pollock, Daniel Woodrell – allesamt hochkarätige Vertreter einer Literatur, die rau ist und düster, die dorthin geht, wo es wehtut, von einer maroden Welt erzählt und in marode Seelen eindringt. In diesem Frühjahr ist ein neuer Name hinzugekommen: Cynan Jones. Und niederwalzen, das kann auch er.

Der walisische Schriftsteller hat bereits vier Romane veröffentlicht, wurde nun aber erstmals ins Deutsche übertragen. Und zwar von Peter Torberg, der neben einigen von den oben Genannten auch jede Menge für Heyne Hardcore übersetzt hat und inzwischen selbst für ebendiese Literatur steht – wo Torberg seine Finger im Spiel hat, darf man getrost mit etwas Gutem rechnen. Nun also Graben: Allein das Umschlagmotiv, ein Gemälde des deutschen Malers Guido von Maffei aus dem 19. Jahrhundert, geht unter die Haut und nimmt bereits vorweg, was im Folgenden in aller Drastik geschildert wird. Keine Minute kann sich der Leser erholen, eben noch blickt er auf den von Jagdhunden angegriffenen Dachs, und im nächsten Moment wird er Zeuge, wie der zugerichtete Kadaver entsorgt wird, nachts an einer verlassenen Straße irgendwo in Wales. Der Prolog ist verstörend, der gesamte Roman ist es – brutal und roh, eine Tortur. Für die Tiere freilich, die darin zuhauf ihr Leben lassen, aber auch für uns, die das lesen.

Einmal war er im Auto unterwegs gewesen, da hatten zwei Tauben sich auf die Straßen gesetzt, und der Wagen vor ihm hatte nicht gebremst und eine davon erwischt, hatte sie mit einem dumpfen Geräusch zu Brei zermalmt und nur kurz das Tempo gedrosselt. Er merkte jetzt, wie ihn die Menschen mit einem Gesichtsausdruck ansahen, der wohl jenem ähnelte, den er damals gehabt hatte. So als wüssten sie, dass er gleich von etwas entsetzlich Großem niedergewalzt würde.

Der, der hier niedergewalzt wird, ist Daniel, ein Schafzüchter. Vor ein paar Wochen hat er seine Frau verloren, ein Pferd hatte ausgeschlagen und ihren Schädel zertrümmert. Seither bewirtschaftet er die Farm allein und zerbricht fast an der täglichen Arbeit, vor allem aber an der Leere, die seine Frau hinterlassen hat. Wenn er an sie denkt, klingt es, als sei sie noch zugegen, da stehen noch ihre Stiefel im Hauseingang und da ist noch ihr Geruch im Schlafzimmer. »Nur das Licht vom Treppenabsatz fiel herein, und in der Dunkelheit erahnte er fast ihre Umrisse im Bett.« Es sind stille Passagen, die im scharfen Kontrast stehen zu all der Gewalt in diesem Roman, dem Leser jedoch nicht weniger zusetzen. Der Schmerz und die Wut zermürben Daniel allmählich – wäre da nicht die Verantwortung für die Farm, die ihn stetig weitermachen lässt, hätte er womöglich längst kapituliert, hätte der Sehnsucht nach einem baldigen Ende, nach einem »allerletzten Aufprall« nachgegeben. Er hat keine Vorstellung, wie nah der Aufprall tatsächlich ist.

Dafür wird der »große Mann« sorgen, der im gesamten Roman namenlos bleibt und der, wo immer er auftaucht, mindestens Unbehagen, meistens aber Furcht verbreitet, selbst Gegenstände scheinen sich vor ihm zu ducken. Ein wenig holzschnittartig kommt er daher, im Gegensatz zu Daniel hat er kaum Tiefe, besteht nur aus Masse und Grausamkeit und – immerhin das – aus der Angst, die Polizei könne ihn aufgreifen und zurück ins Gefängnis bringen. Der Mann fängt Dachse und verkauft sie an Hundebesitzer für illegale Kämpfe, er reißt ihnen Krallen und Zähne heraus, damit die Hunde nicht ernsthaft verletzt werden, und richtet sie hinterher so zu, dass es aussieht, als wären sie von einem Auto überfahren worden. Jeden Dachsbau kennt er in der Gegend, jede Farm und deren Besitzer, er weiß, wie er sich bewegen muss, um unentdeckt zu bleiben. Doch ausgerechnet in Daniel täuscht er sich, er sieht nur dessen Trauer, nicht aber den Zorn, der in ihm wütet, sieht nicht, wie wenig ihm das Leben noch bedeutet.

Eine Kollision der beiden Männer ist unausweichlich, man weiß es von Beginn an. Man weiß es und kann doch nicht weggucken, wenn der eine den Schafen beim Ablammen zur Seite steht, notfalls mit der Säge, und der andere seinen Terrier auf die Dachse hetzt, und man wartet mit zunehmender Beklemmung darauf, dass sie in das Revier des jeweils anderen eindringen und alles auseinanderbricht. Doch genau diesen Moment des Aufpralls, auf den alles zuläuft, spart Cynan Jones ungeheuerlicherweise aus – wie er überhaupt vieles ausspart in diesem Roman. Graben ist ein schmales Buch, gerade einmal 175 Seiten, die noch dazu großzügig gesetzt sind: Jones kommt mit wenigen Worten aus, um eine große Geschichte zu erzählen. Aber anders als etwa bei Sallis ist dies nicht auf einen reduzierten Stil zurückzuführen – Jones’ Sprache ist im Gegenteil bildreich, bisweilen sogar umständlich –, sondern auf einen äußerst bündigen Plot, der kaum Haken schlägt, die Figuren in wenigen prägnanten Szenen zeigt und sie dann konsequent aufeinander zutreibt. Gerade in dieser Stringenz entfaltet das Drama seine volle Sogwirkung.

Ärgerlich sind allerdings einige erzähltechnische Ungenauigkeiten. Der Fokus liegt abwechselnd auf Daniel und dem großen Mann, doch gibt es mitunter eigentümliche Perspektivwechsel, die wie Brüche wirken. Etwa als Daniels Mutter fragt, wie es weitergehen wird: »Weiß ich noch nicht, antwortete er. Er wusste es wirklich nicht. Sie nahm ihn in den Arm und spürte die ungeheure Verwüstung in ihm.« Oder: »Er schien […] zu wissen, dass der Wunsch nach dem Schlag, dem letzten Knall, immer öfter kommen würde.« Während man hier schlichtweg mangelnde Sorgfalt vermuten kann, möchte man dem Autor anderswo Unbeholfenheit unterstellen, zum Beispiel dort, wo er sich eines kursiv gesetzten Einschubs bedient, um zu erzählen, was Daniel bis zum Schluss nicht weiß: dass seine Frau schwanger war, als sie starb. Ein Glück, dass der Roman ebenso stark endet, wie er begann, und derartige Holprigkeiten schnell vergessen sind. Das zentrale Motiv der Dachsjagd wird im Epilog noch einmal aufgegriffen – nur, dass hier kein Dachs mehr gejagt wird, sondern ein Mensch. Diese letzten zwei Seiten sind, wie vieles andere in diesem Buch, eine Wucht.

Cynan Jones: Graben. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind, München 2015, 176 Seiten, 16,90 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

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5 Kommentare zu „Cynan Jones: Graben

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