Leif Randt: Planet Magnon

Randt - Planet Magnon (c)

»Heute noch werden wir aus dem Halbschlaf erwachen«

So viel sei vorweg gesagt: Aus dem Halbschlaf werden wir, wiewohl es zu Beginn von Leif Randts neuem Roman Planet Magnon verkündet wird, nicht erwachen. Nicht der Ich-Erzähler Marten Eliot und auch nicht der Leser. Wir bleiben bis zum Schluss in einem »Schwebezustand«, ähnlich jenem, den die titelgebende flüssige Substanz Magnon induziert – seltsam apathisch, zwar nicht vollkommen unberührt, aber auch nicht erschüttert vom Geschehen, allenfalls irritiert. Wir versuchen zu rekapitulieren, was da passiert ist, versuchen es rational und emotional zu erfassen, aber wir merken, es geht nicht so recht an uns heran, es geht uns nichts an.

Marten Eliot ist Mitglied der Dolfins, eines von zehn Kollektiven, zu denen sich die Menschen in Randts Universum zusammengeschlossen haben. Dieses Universum besteht aus sechs Planeten, über ihnen allen schwebt das Computerprogramm ActualSanity auf einem eigenen Shuttle und reguliert – unter Rücksicht der individuellen und kollektiven Handlungen, Diskurse und Wünsche – das Zusammenleben der Bewohner. Tatsächlich scheinen die Verhältnisse wohlgeordnet und allesamt zufrieden-gleichmütig in ihrer jeweiligen Blase, Dissens gibt es keinen. Doch nun, 48 Jahre nach der Einführung von AS, beginnt es unter der glatten Oberfläche zu gären, und erste Risse werden deutlich.

Die Dolfins zeichnen sich, so teilt uns das Glossar am Ende des Romans mit, durch »aparte Attraktivität, hochwertige Fabrikate, Experimentierfreude, wortkarge Sachlichkeit« aus. Unter dem Punkt »Kritik« ist »Verlogenheit« vermerkt, eine Eigenschaft, die sie mit allen anderen Kollektiven gemein haben. Mit Ausnahme der Hanks, die sich gerade neu formieren und sich auflehnen gegen die propagierte Allgegenwart des Glücks. Ein jeder hat das Recht auf Unglück, meinen die Hanks, auch »Kollektiv der gebrochenen Herzen« genannt, und warnen vor der Aushöhlung des Einzelnen: »Heute arbeitet jeder daran, sich möglichst schmerzfrei abzukapseln. […] Unsere Planetengemeinschaft schläft.«

Mit Protestaktionen wollen sie die Menschen aus dem (Halb-)Schlaf reißen, und ausgerechnet in diese Zeit des (kleinen) Aufruhrs gerät nun Marten, als er gemeinsam mit seiner Kollegin Emma Glendale durch das Sonnensystem reist. Aufgebrochen, um neue Mitglieder für die Dolfins zu gewinnen, kommen die beiden Spitzenfellows mehr und mehr vom Weg ab und folgen den Spuren der Aufständischen. Hat das Kollektiv der gebrochenen Herzen vielleicht recht, leben sie tatsächlich in einer sedierten Gesellschaft? Oder handelt es sich umgekehrt um einen Coup von ActualSanity, um die Bevölkerung in Angst zu versetzen und sie auf diese Weise umso fester ans System zu binden?

Nein, diese Fragen stellt sich Marten nicht ernsthaft, und es kommt auch nicht zum großen Knall, im Gegenteil: Was über zweihundertfünfzig Seiten angelegt und zugespitzt wird, verpufft am Ende recht klanglos. Es ist freilich ein Spiel mit den Erwartungen des Lesers, und man fände es auch gewitzt, würde man es nicht bereits aus dem 2011 erschienenen Vorgängerroman kennen, Schimmernder Dunst über CobyCounty, für den Leif Randt zu Recht jede Menge Lob bekam. Auch hier zeichnet sich ein Unheil ab, die Erwartungen werden hochgeschraubt, und am Schluss – ist doch alles wie zuvor. Gerade in dieser Nichtwendung steckt die Überraschung, die Irritation. Nur eben nicht beim zweiten Mal.

Und überhaupt kommt einem vieles aus CobyCounty bekannt vor. Die scheinbar makellose und deshalb umso unwirtlicher anmutende Realität, die als Abbild unserer auf ständige Selbstoptimierung ausgerichteten Gesellschaft gelesen werden kann; der Ich-Erzähler, der jede seiner Regungen, jedes Handeln reflektiert, dabei aber nie das große Ganze und schon gar nicht seine eigene Rolle darin hinterfragt; und nicht zuletzt der sachliche, fast schon unterkühlte Ton. »Mancher vergleicht unsere zwischenmenschliche Konzeption mit jener der Shifts. Das ist ungenau beobachtet. […] Nichtsdestotrotz gehe ich ab und zu gerne in ihren gut aufgeräumten Bistros essen. Zudem hatte ich auch schon Affären mit Fellows des Kollektivs. Dazu stehe ich.«

Leif Randt hat einen Sound und inszeniert Welten, die ziemlich einzigartig sind in der jungen deutschsprachigen Literatur, und kann allein deshalb zu den interessanteren Autoren gezählt werden. Dennoch fällt es schwer, sich ehrlich für den Roman zu begeistern, ein bisschen ist es wie mit der PostPragmaticJoy, jenem von den Dolfins angestrebten Bewusstseinszustand, bei dem laut Glossar »Rauscherfahrung und Nüchternheit […] ihre scheinbare Widersprüchlichkeit überwinden«. Man ist von der Lektüre berauscht und ernüchtert zugleich, amüsiert sich über diese und jene Begebenheit, diese und jene Formulierung, fragt sich im selben Augenblick jedoch, was das alles soll.

Leif Randt: Planet Magnon. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 304 Seiten, 19,99 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» Fräulein Julia
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6 Kommentare zu „Leif Randt: Planet Magnon

    1. Mich hat es schon gereizt, weil ich wie gesagt spannend finde, was Leif Randt macht, und es sich lohnt, sein Werk zu verfolgen. Aber die Erwartungen wurden nicht ganz erfüllt, vielleicht auch, weil sie nach CobyCounty so hoch waren. Eine klare Empfehlung kann ich deshalb leider nicht aussprechen – lieber zum Vorgänger greifen.

      Gefällt 2 Personen

  1. Ich war bei einer Lesung von Leif Randt, da hat er den Prolog sowie drei Kapitel gelesen und einen eigens produzierten Kurzfilm gezeigt. Danach musste ich mir Planet Magnon gleich kaufen und fand es großartig! Allerdings habe ich auch den Vergleich zu CobyCounty nicht… mal sehn ob sich meine Meinung ändert, wenn ich auch das gelesen habe.

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    1. Ich habe Leif Randt ebenfalls auf einer Lesung erlebt, allerdings fand ich das Gespräch nicht sonderlich geglückt, was aber eher am Moderator denn am Autor lag. Letzterer ist auf eine kauzige Art sympathisch und wie gesagt: Im Vergleich zu dem, was es sonst so in der aktuellen deutschen Literatur gibt, ist das, was er macht, ziemlich interessant, auch wenn dieser konkrete Roman mich nicht gänzlich überzeugt hat.

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