#netzrundschau 06/2015

# die buchpreisblogger

Den Junirückblick beginne ich mit einer Notiz in eigener Sache: Vor wenigen Tagen ist der Startschuss zum Projekt »Die Buchpreisblogger« gefallen. Eine Gruppe von sieben Literaturbloggern – analog zur siebenköpfigen Jury – liest die Longlist des Deutschen Buchpreises, die am 19. August bekannt gegeben wird, begleitet den Auswahlprozess kritisch und stößt Diskussionen an. Die teilnehmenden Blogs sind buchrevierBuzzaldrins BücherKaffeehaussitzer, Klappentexterin, lustauflesen.de, masuko13 und Sätze&Schätze. Was ich damit zu tun habe? Ich bin wie schon im vergangenen Jahr die Facebook-Redakteurin des Buchpreises, koordiniere als solche das Projekt und werde selbst einige Hintergrundberichte beitragen. Meine sieben MitstreiterInnen und ich freuen uns auf den Austausch mit allen Interessierten!

# zukunft der kritik

Ein Feuilleton muss durchdacht und kundig sein. Es muss mit intelligenten Lesern rechnen. Es darf den Kontakt zu den Wissenschaften nicht verlieren, also zu den Leuten, die ständig die Welt erkunden, ganz gleich, ob es Klimaforscher, Soziologen, Kunstgeschichtler sind. Und ein Feuilleton muss überraschen. […] Es hat keinen Sinn, ein Thema einfach nur hochzujazzen, weil es alle Welt thematisiert. Was genauso wichtig ist, ist, dass wir der traditionelleren Welt der Kultur (Musik, Bildenden Kunst, Literatur, Tanz, Geisteswissenschaften) Aspekte abgewinnen, die auch für Leser interessant sind, die das normalerweise nicht so interessiert. Das heißt, über das Rezensorische hinauszugehen.

Wer hier spricht, ist der neue FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, Nachfolger von Frank Schirrmacher. Die Kritik an der Literaturkritik ist auch in diesem Monat ein großes Thema, derzeit wird sie vor allem im Perlentaucher geübt, wo Kritiker Wolfram Schütte anregt, eine Literaturzeitung im Netz – Arbeitstitel Fahrenheit 451 – zu gründen, und erste Ideen zur Umsetzung skizziert. »Ich bin entsetzt über den offenkundigen Verfall von Öffentlichkeit«, pflichtet Alexander Kluge seinem Kollegen bei. »Zum Schluss ist alles nur noch Werbung und verwaltetes Medium.« Auch die Journalistin Sieglinde Geisel fordert eine Erneuerung der Kritik ein, hält deren Bedeutungsverlust jedoch für ein inhaltliches, nicht für ein strukturelles Problem. Ähnlich sieht es Verleger Jörg Sundermeier, der die Debatte schon vor einigen Monaten entfachte und nun einmal mehr betont, dass es nicht nur mündige LeserInnen, sondern vor allem mündige KritikerInnen braucht.

Nikola Richter vom Digitalverlag mikrotext wirft ein, Literaturkritik finde bereits überall statt, und hat gleich ein paar Lektüretipps parat. Und auch ein Blogger meldet sich erfreulicherweise zu Wort, Tilman Winterling von 54books, der vorschlägt, das Beste aus Print und Blogs zu vereinen, um »etwas mit sehr viel Mehrwert« zu schaffen. Womit wir wieder bei den Literaturbloggern wären, deren Rolle ja am Rande der obigen Debatte ebenfalls verhandelt wird / noch zu verhandeln ist. Zuletzt ist wiederholt das Stichwort Professionalisierung gefallen (siehe #netzrundschau 05/2015), unter anderem ging es um die Frage, wie mit Rezensionsexemplaren umzugehen sei. Klarheit schafft hier wiederum Tilman, der im wahren Leben Jurist ist und weiß, wo Kritik aufhört und Werbung anfängt. Blogger Fabian Thomas von The Daily Frown holt indes zu einem Rundumschlag aus und wirft seinen Kollegen »fehlende Distanz, Gefallsucht und Harmlosigkeit aus Prinzip« vor. Die Diskussion ist eröffnet!

# literaturblogs

Bleiben wir bei den Blogs, denn dort ist in den vergangenen Wochen allerhand Schönes passiert. So gab es bei der Klappentexterin die fünfteilige Interviewreihe »Talking about Haruki Murakami«, bei der die Übersetzerin Ursula Gräfe, der Lektor Stephan Kleiner, die Illustratorin Kat Menschik sowie die Buchhändlerinnen und Bloggerinnen pinkfisch und masuko13 zu Wort kamen. Auch auf dem Blog lust zu lesen gibt es eine neue Rubrik: »Was macht eigentlich …?« Bisherige Gesprächspartnerinnen waren wiederum Kat Menschik sowie die Übersetzerin Gabriele Haefs. Der Schneemann stellt die Ariadne-Krimis aus dem Argument Verlag vor: »Und ganz nebenbei beweisen die Ariadne Krimis, dass gute Literatur und Genre noch nie im Widerspruch zueinander standen, dass der Krimi mehr kann, als nur zu unterhalten. Vielleicht sogar die Welt zu einem etwas besseren Ort machen, Buchstabe für Buchstabe.« Hoffentlich der Beginn einer ganzen Reihe spannender Verlagsporträts.

# literaturportale

Während im Perlentaucher noch eifrig diskutiert wird, wie eine Online-Plattform für Literatur aussehen könnte, hat sich andernorts bereits eine formiert: BOOKMARKS, gegründet von Felix Wegener und Harald Link. »Wir unterhalten uns mit Liebhabern – von Büchern«, heißt es auf der Webseite. »Das können Autoren sein, Journalisten, Blogger, Verlagsangestellte oder Buchhändler, Bibliothekare, Initiatoren von Projekten rund ums Buch – digital oder print.« Das bevorzugte Format ist das Video, auch bei den Buchbesprechungen. Ebenfalls im Juni online gegangen ist indiebook.de unter der Verantwortung von Martin Stamm. Ziel ist es, »das relevante Portal im Internet für unabhängige Verlage und engagierte Buchhandlungen zu werden und das vielfältige Angebot der Independents möglichst umfassend darzustellen«. Neben den Verlagsportfolios dürfte vor allem das Magazin interessant werden, wo Neues vorgestellt und an Vergessenes erinnert werden soll, so die Macher.

# digitale literatur

Ja, auch ich bin nun endlich im Besitz eines Tablets und lese digital – erster Kauf (in der E-Book-Boutique minimore by the way) ist das Mammutprojekt Tausend Tode schreiben, herausgegeben und verlegt von Christiane Frohmann. Während ich mich also gerade erst auf Entdeckungstour begebe, sprechen andere bereits vom Scheitern, namentlich Konstantin Richter in der Welt und Johannes Haupt im Deutschlandradio Kultur, die die E-Book-Single als einen Flop bezeichnen. Eine kluge Replik gibt es vom Autor und Blogger Frank O. Rudkoffsky: »Ein neues Format braucht Zeit, um sich zu entwickeln und zu finden. Zunächst einmal müssen Grenzen ausgelotet, Möglichkeiten erkundet werden – und zwar sowohl seitens der Autoren als auch seitens der Leser.« Rudkoffsky macht auf einige spannende Projekte aufmerksam (siehe auch Teil 2 seiner Replik, eben online gegangen) und verweist zudem auf zwei ältere Artikel, die ebenfalls einen guten Überblick bieten: »Die Vorzüge digitalen Lesens« auf Literaturen sowie »Eine andere Form – ein neues Medium« auf 54books.

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5 Kommentare zu „#netzrundschau 06/2015

  1. So wünschenswert es auch sein mag: Das Projekt dieses Online-Magazins wird eine Kopfgeburt bleiben, denn es werden sich keine Schreiberinnen und Schreiber finden, die das qualitativ stemmen könnten. Die „Krautreporter“ ist hier das Beispiel, wie solche Projekte scheitern. Die Kritikerinnen und Kritiker, die mit ihrem Schreiben Geld verdienen müssen, veröffentlichen und produzieren weiter in den Medien, die Geld bieten. Und die anderen …? Na ja – es gibt wenige nur.

    Wenn ich bei Buchbesprechungen die Wahl zwischen Literaturblogs und Zeitungen (vorzugsweise der FAZ) habe, dann wähle ich die FAZ. Die meisten Lit-Blogs bringen es nicht. Ausführlich habe ich das bei Sieglinde Geisel beschrieben. http://www.sieglindegeisel.ch/2015/06/25/eine-digitale-literaturzeitschrift-unbedingt/

    Zudem: kaum einer wird die Zeit haben für lau oder wenig Geld diese Arbeit zu leisten. Denn es ist Arbeit. An einer guten Besprechung, die so gut ist wie das Buch selber und nicht bloß eine laue Sichtung des Inhaltes, sitzt ein geübter Schreiber zwei Tage. Mindestens. Wenn nicht mehr.

    Der Vorteil eines solchen Online-Magazins für Literatur wäre sicherlich, daß unabhängig von kommerziellen Interessen auch Bücher aus Verlagen besprochen werden können, die ansonsten im Feuilleton nicht vorkommen, und qua Medium ist es vor allem die Dialogform, die eine Zeitung so nicht bieten kann. Leser und Text-Produzent stehen sich nicht starr gegenüber. Wenn jedoch, wie bereits in den Online-Foren der Zeitungen, dort die Autoren des Textes nicht bereit sind, den Kommentierenden zu antworten, dann bleibt dieser Dialog einseitig. Mithin ein Monolog. Und wenn Kommentare nicht über über die je eigene Subjektivität, über Äußerungen „Wie gut du das geschrieben hast“ und „Wie ansprechend!“ und was der emotionalen Bekundungen mehr sind, nicht hinausgelangen, dann rutscht die Sache in die Banalitäten des Betriebs hinab. Mit der gebildeten Öffentlichkeit ist es nämlich eine sehr besondere Sache.

    Facebook als (Dialog-)Alternative halte ich für gefährlich und unbrauchbar. Wer sich deren AGBs durchliest, der wird dort nicht schreiben oder eigene Bilder einstellen wollen. Die darf Facebook nämlich ungefragt zu eigenen kommerziellen Zwecken weiterverwenden, sofern es mag.

    Ob die Öffentlichkeit zerfallen ist, wie Kluge das auf „Perlentaucher“ diagnostiziert, bezweifle ich. Sie ist allerdings vielfältiger geworden, weil die Medien sich diversifiziert haben. Sie ist anders geworden. Vielleicht separierter, kleinteiliger, weil es das Leitmedium „Zeitung“ in der alten Form nicht mehr gibt. Einen Verfall muß man jedoch – teils zumindest – bei einer großen Zeitung wie „Die Zeit“ feststellen. Ich nenne es die Iris-Radischisierung bzw. die Georg-Diezisierung des Feuilletons: Betroffenheitsstatements statt sachhaltiger und kluger Analysen. Wenn dann zu allem Überfluß, wie in der letzten „Zeit“ bei den Buchbesprechungen, eine Seite wie „Lektüre im Liegen“ Buchtips in launig-beliebiger Kurzform hineingeschmiert wird, dann sehe ich allerdings den Unterschied zum gewöhnlichen Literaturblog nicht mehr. Jörg Sundermeiers Vorwurf an die professionelle Literaturkritik scheint sich, was solche Formen der Kritik betrifft, zu bewahrheiten.

    Ich denke, der Bedeutungsverlust der Kritik ist inhaltlich wie auch strukturell gelagert.

    Gefällt 3 Personen

    1. Auch ich bin skeptisch, was die Umsetzung angeht, aber allein, dass Schütte mit seinem Vorschlag diese doch sehr lebhafte Diskussion angestoßen hat, ist schon ein gutes Ergebnis. Vielleicht wird es die besagte Zeitschrift nicht geben, aber irgendetwas tut sich vielleicht trotzdem, vielleicht findet sich ein alternatives – praktikableres – Modell. Doch allein, dass man jetzt überhaupt darüber redet, halte ich wie gesagt für eine gute Sache.

      Zu den Kommentaren, die nicht über ein »Danke schön, tolle Rezension!« hinausgehen: Ja, das ist leider in den allermeisten Fällen so, und es ist ein Thema, dass unter den Bloggern immer wieder aufkommt. Tobias Lindemann hat auf seinem Blog libroskop eine Diskussion angestoßen, die in eine ähnliche Richtung zielt und sich auch auf die obige Debatte bezieht: Warum reden wir eigentlich nur noch darüber, wie wir über Literatur zu reden haben, statt über die Literatur selbst zu reden? Woraufhin Sophie Weigand von Literaturen eine neue Rubrik ins Leben gerufen hat, den #litsaloon, in dem sie sich mit anderen Bloggern oder auch Nichtbloggern über Bücher streiten will. Dafür braucht es natürlich aber ein streitbares Objekt und jemanden, der es ebenfalls gelesen hat. Zu generellen Fragen wie der nach der Literaturkritik können alle etwas sagen, haben alle eine Meinung – zu einzelnen Büchern aber nicht. Prinzipiell stimme ich dir – und Tobias und Sophie – jedoch zu: Mehr Diskussion rund ums Buch wäre wünschenswert. Diese anzustoßen ist natürlich auch und vor allem die Aufgabe der Rezension, also des Bloggers. Keine leichte Aufgabe wohlgemerkt.

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