Frankfurter Lyriktage / 2

Vorüber ist es, dieses eindrucksvolle Festival! Elf Tage, dreiundzwanzig Veranstaltungen an beinahe ebenso vielen Spielstätten in und um Frankfurt, rund achtzig Mitwirkende, darunter Schriftsteller, Wissenschaftler und Musiker: Das waren die Frankfurter Lyriktage, die dieses Jahr zum vierten Mal stattfanden und so viele Besucher anzogen wie in keiner der vorangegangenen Ausgaben – knapp 2.500 sind es laut den Organisatoren gewesen. Ist die neue Aufmerksamkeit, die die Lyrik erfährt, auf Jan Wagners Auszeichnung mit dem Preis der Leipziger Buchmesse zurückzuführen, fragte die Festivalleiterin Sonja Vandenrath am Abschlussabend, oder ist – umgekehrt – die Auszeichnung ein Symptom ebendieser neuen Aufmerksamkeit? Dass Letzteres der Fall ist, darüber war man sich fast durchweg einig in den vergangenen Tagen: Jahrelang habe man darauf hingearbeitet, habe neue Plattformen für die Lyrik geschaffen, der Preis gelte somit nicht nur Wagner selbst, sondern der gesamten Szene. Ihre Lebendigkeit einmal mehr sichtbar gemacht zu haben, ist das große Verdienst der Lyriktage.

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Flohkraut, Melde & Giersch

Kein Poesiefestival derzeit ohne Jan Wagner. Seine Regentonnenvariationen (Hanser Berlin) erhielten im Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse: Dieser wird seit 2005 vergeben und ging erstmals an einen Lyriker – entsprechend groß war der Rummel um den Band, über 40.000 Mal hat er sich bislang verkauft. Gleich zwei Abende durfte Wagner denn auch im Rahmen der Lyriktage bestreiten. Im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm las er gemeinsam mit Michael Krüger, tags drauf war er in Eppstein im Taunus zu Gast – es war eine der ausgewählten Veranstaltungen, mit denen das Festival in die Rhein-Main-Region ging. In den kellerartigen Gewölben der Burgvilla fanden sich mehr als fünfzig Zuschauer ein, um den Regentonnenvariationen zu lauschen, diesen filigranen Klangmalereien über Tier, Pflanze und Ding: »[…] hinter der garage, / beim knirschenden kies, der kirsche: giersch / als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch / geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch / schier überall sprießt, im ganzen garten giersch / sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.«

Klar und prononciert las Wagner, er hatte sichtlich Lust am Vortrag, und das Publikum hörte ihm aufmerksam zu, lachte viel, staunte. Ein Staunen, das noch größer wurde, als der Autor zu einem älteren Band griff, Die Eulenhasser in den Hallenhäusern. Drei vergessene Dichter stellt er darin vor, ihre Biografien, ihre Werke, die Forschung, die es zu ihnen gegeben hat. Alles Fiktion wohlgemerkt, angefangen bei Wagners Herausgeberfunktion: Die Dichter hat er erfunden, ihre Gedichte mitsamt wissenschaftlichen Kommentaren selbst geschrieben und so eine kuriose und höchst vergnügliche ‚Anthologie‘ geschaffen, die gleichzeitig als ein weiteres Zeugnis seiner virtuosen Sprach- und Fabulierkunst gelten darf. Denn jeder der »Drei Verborgenen«, so der Untertitel des Büchleins, hat freilich seinen eigenen Duktus, seine eigenen Themen; dass die im Ländlichen verhaftete Lyrik des norddeutschen Bauern Anton Brant ebenso aus Wagners Feder stammt wie das aberwitzige sechsstrophige Anagrammgedicht, mit dem er den Abend beschloss, ist schlicht bemerkenswert.

Lyrik? Cool!

In der Stadtbücherei ging es am Donnerstag um neue Formate der Lyrikvermittlung – das Besondere an den Gästen: Sie sind Autoren und Veranstalter zugleich. Nora Gomringer leitet das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg, Léonce W. Lupette ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift karawa.net, Tristan Marquardt ist Mitglied des Berliner Lyrikkollektivs G13, Martin Piekar gehört den Frankfurter Dichtungsfans an, und Daniela Seel ist Verlegerin von KOOKbooks. Die Dichter vernetzen sich zunehmend und werden selbst zu »Machern«, wie Moderatorin Sonja Vandenrath es ausdrückte, sie gründen Verlage, realisieren – online wie offline – Magazine, organisieren Festivals und rufen Werkstätten ins Leben, wo sie sich über ihre Arbeit austauschen. Vieles passiert mittlerweile jenseits der etablierten Institutionen, in Off-Locations wie Bars, Clubs oder auch Kirchen, wo neue Formate ausprobiert werden und junge, oft noch gänzlich unbekannte Autoren in den Fokus rücken. Wie Orte Veranstaltungen kodieren, das war eines der vielen Themen an diesem Abend.

So erzählte Martin Piekar von der Reihe »Lyrik an der Theke« der Dichtungsfans, die zu Beginn der Frankfurter Lyriktage Premiere feierte und die mehr als Werkstattgespräch – zwischen den Autoren sowie mit dem Publikum – denn als klassische Wasserglaslesung angelegt ist; auch Tristan Marquardt und Léonce Lupette berichteten von eigenen Initiativen. Daniela Seel betonte, dass diese kuratorische Arbeit, die die Autoren seit Jahren betreiben, entschieden dazu beigetragen habe, die Lyrik (wieder) sichtbar zu machen. Für sie ist der Preis an Jan Wagner eine Auszeichnung der gesamten Szene. Deren Vielfalt spiegelte sich auch in den Werken, die die fünf anwesenden Lyriker zum Schluss vortrugen und von denen einige noch im Entstehen begriffen waren. So bekamen die Zuhörer beispielsweise geistreiche Zweizeiler von Marquardt zu hören, der 2013 mit das amortisiert sich nicht debütierte, während Gomringer ein beklemmendes Gedicht über Demenz aus dem Band Morbus las. Dies war fraglos eine der spannendsten und ergiebigsten Podiumsdiskussionen des Festivals, und bei all den klugen und engagierten Autoren wundert man sich nicht im Geringsten, dass die Lyrik derzeit so viel im Gespräch ist.

Weibliche Verse

Ausgehend von der österreichischen Lyrikerin Christine Lavant, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, gingen am Freitag im Goethe-Haus die Lyrikerinnen Mara-Daria Cojocaru, Ulrike Draesner und Ulla Hahn gemeinsam mit Literaturkritiker Uwe Wittstock der Frage nach, ob es ein weibliches Schreiben gibt. Drei Generationen von Dichterinnen, die in unterschiedlichen Abstufungen die Benachteiligung von Frauen erlebt und beobachtet haben, die aber dennoch – oder gerade deshalb – entschieden die These von einer geschlechterspezifischen Ästhetik zurückwiesen, wiewohl man, so räumten sie ein, natürlich immer auch aus der eigenen Erfahrung heraus schreibe. Viel wichtiger sei aber – darin waren sich die drei Autorinnen einig – die Rezeption durch den Leser, der in einen Text seine eigenen Erfahrungen und Gedanken hineinlege und ihn so vom Autor loslöse. Zwischendurch lasen Cojocaru, Draesner und Hahn auch ausgewählte Gedichte, darunter einige politische und einige höchst intime, über Themen, die vermeintlich ‚weiblich’ sind, die jedoch alle etwas angehen.

Die lange Nacht der Lyrik

Neun Autoren und Autorinnen, drei Moderatoren, hundertfünfzig Besucher, gut fünfeinhalb Stunden: Das war die lange Nacht der Lyrik, in der die Frankfurter Lyriktage am vergangenen Samstag in der Evangelischen Akademie am Römerberg ihren krönenden Abschluss fanden. Zu Gast waren Heinrich Detering, Marion Poschmann, Rike Scheffler, Paulus Böhmer, Gerhard Falkner, Clemens J. Setz, Silke Scheuermann, Christian Lehnert und Uwe Kolbe, durch den Abend führten Alf Mentzer vom Hessischen Rundfunk, Hubert Spiegel von der FAZ sowie Hans Jürgen Balmes, Lektor beim S. Fischer Verlag. Zwar hätte man sich mehr junge Autoren auf der Bühne gewünscht, gerade auch solche, um die sich die Podiumsdiskussion »Lyrik? Cool!« drehte (und es überraschte kaum, dass sich die Altersstruktur auch im Publikum widerspiegelte), doch anregend war die Mischung allemal. Viel Erstaunliches erfuhr man über die Prozesse des Schreibens, über die verschiedenen Ansätze und Einflüsse, über Formen und Inhalte; die Ergebnisse gab es in je zehn- bis zwanzigminütigen Lesungen zu hören.

Rike Scheffler beispielsweise bezieht den Leser in ihre Gedichte ein, indem sie ihn Leerstellen selbst füllen lässt oder ihm Regieanweisungen gibt. So auch an diesem Abend, an dem das Publikum als eine Art Chor fungierte und Teil einer beeindruckenden Performance wurde. Beeindruckend war auch Paulus Böhmer, der mit tief dröhnender Stimme aus einem seiner berühmten Langgedichte las. Der Auftritt von Clemens J. Setz gehörte sicher zu den amüsantesten Momenten des Programms: Er erzählte etwa, dass es sich bei den Texten im Band Die Vogelstraußtrompete gar nicht um Gedichte handele, sondern lediglich um Fundstücke, schließlich stamme vieles davon aus dem Internet, weshalb er sich vorkomme wie ein Hochstapler. In Wirklichkeit ist er natürlich ein Tiefstapler, die Zuhörer waren hingerissen von seinem Sinn fürs Skurrile, seiner lakonischen Art zu erzählen, seinem trockenen Humor. Als Letzter betrat Uwe Kolbe die Bühne und begeisterte das Publikum trotz fortgeschrittener Stunde mit Geschichten über seinen rappenden Sohn, mit seiner Leidenschaft für Dylan Thomas und nicht zuletzt mit seinen Gedichten.

Was für ein Fest der Lyrik!

Was andere über die Frankfurter Lyriktage schreiben (2):

» FAZ
» Buchmarkt
» Süddeutsche
» Frankfurter Rundschau
» Faust Kultur

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