Frankfurter Lyriktage / 1

Seit einer Woche laufen die Frankfurter Lyriktage, vier Veranstaltungen habe ich bisher besucht, vier weitere folgen, darunter die lange Nacht der Lyrik, mit der das Festival am kommenden Samstag ausklingen wird. Halbzeit also und Zeit für ein erstes Resümee. Die Lyriktage versammeln, so heißt es im Programmheft, »Stimmen, die dafür stehen, die Poesie formal wie gedanklich voranzubringen.« Wie vielfältig diese Stimmen sind, das zeigt sich in der vierten Ausgabe mehr denn je, denn erstmals es gibt kein Motto, keinen Themenschwerpunkt. Das Programm, konzipiert vom Kulturamt unter der Leitung der Literaturreferentin Sonja Vandenrath, ist eine anregende Mischung aus Lesungen, Podiumsdiskussionen und Konzerten, es kommen Dichter ebenso zu Wort wie Musiker, Literaturwissenschaftler ebenso wie Verleger. Selbst wer bislang kaum Berührungspunkte mit der Lyrik hatte, wird hier fündig.

Eröffnet wurde das Festival mit einem fulminanten Lesungskonzert von Marcel Beyer und dem Ensemble Modern, das eigens für die Lyriktage entwickelt wurde. Rund 250 Gäste hatten sich am Mittwoch, dem 10. Juni, im Dominikanerkloster eingefunden, um der Uraufführung zu lauschen, und es dürften 250 glückliche Gäste gewesen sein, denn was Beyer gemeinsam mit dem Ensemble-Mitglied Hermann Kretzschmar zusammengestellt hatte, war schlichtweg beeindruckend. Der Lyriker las eigene Gedichte, hauptsächlich aus dem Band Graphit (2014 bei Suhrkamp erschienen), sowie ausgewählte fremde Werke, etwa das beklemmende »The Hollow Men« von T. S. Elliot (»This is the way the world ends / This is the way the world ends / This is the way the world ends / Not with a bang but a whimper.«) oder Gottfried Benns »Nur zwei Dinge«, auf die Beyers Gedichte wiederum Bezug nahmen, sie zitierend und überschreibend wie in »An die Vermummten«.

Doch traten die Texte nicht nur miteinander in einen Dialog, sondern auch mit der Musik. Das zwölfköpfige Ensemble interpretierte Stücke aus dem 19. und 20. Jahrhundert, von Kretzschmar in sogenannten »Modulen« auf aufregende Weise fragmentiert und neu arrangiert. Sie waren mit dem Gelesenen eng verschränkt, nahmen es vorweg, antworteten darauf und stellten spannende Kontraste her. Vor allem durch dieses Zusammenspiel – mehr noch als durch die Texte selbst – entfaltete sich die Kraft des Konzertes. Es fiel schwer, die Gedichte zu erfassen oder sie gar zu durchdringen, und bisweilen schwirrte einem der Kopf – doch bedauert hat man dies nicht im Geringsten. Allein der Klang und der Rhythmus waren faszinierend genug, man hörte den Texten zu wie einem Instrument, nicht zuletzt dank Beyers angenehm sonorer Stimme und seinem hervorragenden, nuancenreichen Vortrag. Chapeau an alle Beteiligten für diesen furiosen Auftakt!

Lyrik an der Theke

Gemütlich ging es am Donnerstag weiter mit »Lyrik an der Theke«, einer neuen Reihe der Frankfurter Dichtungsfans, die in regelmäßigen Abständen im Blauen Haus stattfinden wird. Gastgeber war an diesem Abend Martin Piekar, der 2012 den Open Mike in der Sparte Lyrik gewonnen hatte und dessen Band Bastard Echo im vergangenen Jahr im Verlagshaus J. Frank erschienen ist. Zum Gespräch hatte er Martina Hefter und Jan Kuhlbrodt geladen, die zusammen das Performance-Duo Hefter & Kuhlbrodt ergeben. So ging es vor allem um die Performance als Teil des Gedichts und deren Bedeutung beim Schreibprozess, aber auch um das Verstehen von lyrischen Texten und darum, ob Verständnis überhaupt notwendig sei. »Ich bin der festen Überzeugung«, sagte Kuhlbrodt, »dass es auf der Welt kein einziges Gedicht gibt, das unverständlich ist. Es gibt nur unterschiedliche Abstufungen im Aufwand, den man betreibt, um zu verstehen.«

Das Publikum wurde von Anfang an mit einbezogen, was der Veranstaltung einen angenehm lockeren Charakter verlieh (es störte sich überdies auch niemand daran, wenn man sich – ganz gemäß dem Motto der Reihe – an der Theke ein weiteres Glas Wein holte). Allerdings führte dies auch dazu, dass die Diskussion schon bald zu mäandern begann und etwas richtungs- und zusammenhangslos wurde. Dabei hatten Hefter und Kuhlbrodt durchaus Interessantes zu sagen, man hätte gerne mehr von ihnen gehört. Als sie und Piekar Kostproben aus ihren Arbeiten gaben, war man jedoch schnell versöhnt – zumal man wirklich gerne dort saß, in dieser schönen Location am Ufer des Mains, im Licht der untergehenden Sonne, bei Bier und sommerlichen Temperaturen. Grund genug, an diesen Ort zurückzukehren und ein weiteres Mal mit den Dichtungsfans an der Theke zu stehen.

Pop/Poesie

Am Samstag wurde es wieder musikalisch: In der Städelschule kamen die Liedermacher Maike Rosa Vogel und Bernd Begemann sowie der Literaturwissenschaftler Heinz Drügh zusammen, um der Poesie im Pop nachzuspüren. Was für eine spannende Runde – und was für ein knapper Zeitrahmen! Die Veranstaltung dauerte zwar ganze drei Stunden, doch nahm die Diskussion selbst gerade einmal ein Drittel davon ein – dabei wäre noch Gesprächsstoff für so viel mehr dagewesen. Geredet wurde über die Positionierung zwischen Kunst und Kommerz, über den Zusammenhang zwischen Lyrik und Poptexten, über Helene Fischer. »Ich singe auf Deutsch«, sagte Begemann, »weil ich das Entsetzen in den Gesichtern des Publikums sehen will. Wofür sonst macht man Kunst?« Und Vogel ergänzte, dass man hierzulande noch immer ein großes Problem mit dem Gefühl – vor allem dem negativen – habe, offenbar ertrage man es nicht, zumindest nicht auf Deutsch.

Begemann bewies, dass er nicht nur als Musiker, sondern auch im Gespräch ein Entertainer ist – so sehr, dass kurz zu befürchten war, er würde die Diskussion dominieren. Doch Vogel und Drügh wussten auf charmante Weise das Wort zu ergreifen, und FAZ-Redakteur Jan Wiele moderierte souverän. Und für eine Bühnenshow – genau genommen zwei – war im Anschluss ohnehin noch genügend Zeit. Maike Rosa Vogel stand da mit Gitarre und Mundharmonika und sang hinreißend davon, wie es ist, ein Hippie zu sein oder für fünf Minuten keine Angst vor gar nichts zu haben. Und Bernd Begemann? Der tanzte über die Bühne, gestikulierte wild, schrie und fluchte, und natürlich sang er auch, »Ich habe nichts erreicht außer dir« zum Beispiel und »Zweimal zweite Wahl«, und sorgte dafür, dass das Publikum eine Stunde lang lauthals lachte. Es war um zehn, als das letzte Lied ausklang, man stand hinterher noch etwas draußen im Garten, trank Bier und dachte bei sich, wie viel Spaß Lyrik doch machen kann.

Kitsch und ganz viel Gefühl

Ein Gedanke, der am Montagabend wiederkehrte, als es hieß »Du bist so schön, es fühlt sich an wie Frühling«. Die Zeile entstammt dem Song »Sehnsucht« von Dagobert, dem selbsternannten Schnulzensänger, der mit »Morgens um halb vier« für Furore sorgte. Im Lokal des Mousonturms veranstalteten die Macher der Reihe text&beat eine Podiumsdiskussion über Kitsch in der Lyrik, und geladen waren neben Dagobert die Lyrikerinnen Swantje Lichtenstein und Ulrike Almut Sandig sowie der Philosoph und Schlagerexperte Wolfgang Buschlinger; durch den Abend führten Carolin Callies, selbst Lyrikerin, und Musikkritikerin Christina Mohr. Ein großer Kreis also, der mehr Platz benötigt hätte – sowohl im räumlichen als auch im zeitlichen Sinne. Zusammengedrängt auf einer schmalen Bühne versuchten sie in kaum mehr als einer Stunde, des Themas Herr zu werden, und fragten danach, was Kitsch überhaupt bedeutet, wo er aufhört und wo Ironie anfängt und welche Rolle Authentizität bei alledem spielt.

Illustriert wurde dies anhand von Musikbeispielen, darunter »Ein kleines Einfamilienhaus« von Peter Weck und »Sexualverkehr« von Christian Steiffen, vor allem aber anhand der Werke der anwesenden Künstler. Wobei das kitschige Moment bei Sandigs ausgefallenen Gedichten nur schwer auszumachen war, und Lichtenstein wurde ohnehin quasi als Vertreterin der Gegenseite eingeladen, entsprechend sperrig waren ihre Text- und Tongebilde. Kitsch – den lieferte vor allem Dagobert, der mit geschlossenen Augen und geballter Faust so herrlich gefühlige Zeilen sang wie »Du bist viel zu schön, um auszusterben / Lass deine Kinder deine Schönheit erben / Es muss weitergehn mit Menschen so wie du und so wie wir/ Ich will ein Kind von dir«. Die Frage, wie echt Dagobert ist und wie viel Kunstfigur, wurde an diesem Abend nicht abschließend geklärt, doch fest steht, dass er das Repertoire des Schlagersängers perfekt beherrscht – und damit die Zuhörer wunderbar unterhält, Kitsch hin oder her.

Was andere über die Frankfurter Lyriktage schreiben (1):

» Hessischer Rundfunk
» Frankfurter Rundschau
» Frankfurter Neue Presse
» Tagesspiegel
» Die Welt
» Journal Frankfurt

3 Gedanken zu “Frankfurter Lyriktage / 1

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