#netzrundschau 05/2015

Vor knapp drei Wochen erschien im Börsenblatt ein Meinungsbeitrag von mir über das Selbstverständnis von Literaturbloggern und löste eine kleine Debatte aus – oder besser: Er befeuerte eine Debatte, die schon seit geraumer Zeit geführt wird, die aber augenscheinlich nach wie vor aktuell ist, möglicherweise mehr denn je. Interessant ist dabei jedoch gar nicht so sehr die Frage, ob und welche Literaturblogs eine Daseinsberechtigung haben, auch wenn manch einer noch immer der Ansicht ist, Blogs tragen zum Niedergang der kulturellen Standards bei. Viel wichtiger ist doch, in welche Richtung sich die Literaturkritik entwickelt in Zeiten, da Aufmerksamkeit ein zunehmend rares Gut ist und die traditionellen Medien unter dem Druck immer knapperer finanzieller Mittel ächzen, worunter vor allem die kulturelle Berichterstattung leidet. Inwieweit Blogs in diesem Szenario eine Chance sein können, ob sie gar das Zeug zum Leitmedium haben, darüber lohnt es sich auch weiterhin nachzudenken.

freitag

Auf meinen Artikel, der – das möchte ich noch einmal betonen – aufgrund des begrenzten Platzes freilich zugespitzt und stark verallgemeinernd ist, gab es zahlreiche Reaktionen, er wurde in vielen Blogs aufgegriffen und schaffte es sogar ins Feuilleton (u.a. hier). Höchste Zeit also für einen Rückblick auf das, was bisher geschah − und zudem eine gute Gelegenheit, um eine neue Rubrik einzuführen, die ich schon seit Längerem plane: die #netzrundschau, in der ich, soweit es die Zeit erlaubt, einmal monatlich zusammenfassen will, was im Netz so passiert ist. Hierfür gibt es berühmte Vorbilder, etwa die Buchkolumne von Karla Paul und den Linkradar des Journalisten Jan Drees, die einen guten Überblick über aktuelle Entwicklungen und Debatten rund um die Literatur und um angrenzende Themen geben. So umtriebig wie diese beiden werde ich zwar gewiss nicht sein, den einen oder anderen Fund werdet ihr aber hoffentlich trotzdem bei mir machen. Auf geht’s!

# literaturblogdebatte

Viele Blogger reagierten auf die Debatte mit Texten, in denen sie ihr Tun, ihre Motivation und ihre Ansprüche hinterfragen. »Ich hab Follower und es gibt Personen, denen gefällt, was ich schreibe«, merkt beispielsweise Tobias von buchrevier in »10 Gründe, warum ich über Literatur blogge« an. »Aber ich weiß auch: wenn ich ab morgen nichts mehr blogge, würde das kaum einer bemerken. In solch düster, selbstzweifelnden Momenten tut es gut, sich […] immer wieder mantraartig vor sich herzusagen: ich tue das alles nur für mich, nur für mich, nur für mich.« Die GeschichtenAgentin nimmt indes den Begriff »Laienkritiker« auseinander: »Laie bin ich nicht, denn ich agiere als Leserin und als Leserin bin ich Profi. Kritikerin bin ich nicht, denn die Rolle des Kritikers steht für mich in einer wissenschaftlichen Tradition, deren Erfüllung mir nicht wichtig ist.« Wie Blogger sich professionalisieren können, darüber schreibt Judith von leseloop in ihren »5 No-gos bei Rezensionen« und erntet dafür Kritik von anderen Bloggern, allen voran Hekabe, die fragt: »Seit wann muss das Publikum vor ›schlechter‹ Literaturkritik mit einer Knigge geschützt werden?«

»Professionalität« ist auch ein Stichwort für den Schneemann alias Alexander Roth, der »8 Denkanstöße zum Verhältnis von Bloggern und Journalisten« gibt. Er betont dabei, dass er das Schreiben zum Beruf machen will, gehört also zu jenen Bloggern, die sich sehr wohl als Kritiker begreifen – und die in meinem Artikel zugegebenermaßen zu kurz gekommen sind. Lesenswert sind in diesem Zusammenhang auch die etwas älteren Beiträge »Literaturkritik: Alles Willkür, oder was?« von brasch & buch sowie »7 Unschärfen – Über die Kritik an der Kritik und das Bloggen« auf lustauflesen.de. Journalist und Blogger Jan Drees denkt gleich in mehreren Artikeln über den Zustand der Literaturkritik und die Rolle der Blogs nach. Auf »Lesen mit Links« spricht er von der »Prekarisierung der Kritik« und begründet, »Warum es 2015 Literaturblogs braucht« (der Artikel ist auch im Freitag erschienen, eine aktualisierte Fassung kann man online nachlesen). Eine »weitere Selbstverständnisdebatte« fordert übrigens auch Dirk Knipphals in der taz, allerdings aus einem anderen Anlass: der Bekanntgabe des neuen Literarischen Quartetts.

# verleger im gespräch

Natürlich gab es aber auch andere Themen in diesem Monat, etwa das Verlegen in Zeiten der Digitalisierung. »Ich glaube, dass die Chancen für die Verlagsbranche durch die Digitalisierung weniger im E-Book liegen als in der Vermittlung von Büchern«, sagte beispielsweise Siv Bublitz, Verlegerin der Ullstein Verlage, die – nebenbei bemerkt – mit resonanzboden einen spannenden Blog ins Leben gerufen haben (und eine Veranstaltungsreihe namens »Resonanzraum« gleich dazu). Auch Hanser-Verleger Jo Lendle kam zu Wort und sprach u.a. über die Motivation hinter der Hanser Box: »Es geht darum, uns selbst die Augen zu öffnen: Was kann das Verlegen heute alles sein? Wie können im Digitalen neue Erzählformate vorgestellt werden? […] Für uns ist es ein Sandkasten, in dem wir Autoren vorstellen, Zwischenrufen Raum geben und Dinge ausprobieren. Schon damit Amazon das nicht alleine tut.« Zudem gibt es ein Porträt von Daniel Kampa, der seit 2013 Hoffmann & Campe leitet und darum bemüht ist, aus dem »Gemischtwarenladen« einen Verlag mit Profil zu machen.

Button Netzrundschau

13 Gedanken zu “#netzrundschau 05/2015

  1. Ich habe das Gefühl, dass die Literatur-Szene durch die Buchblogger bereichert wird. Durch die Vielfalt der Meinungen zu einem Buch ergibt sich ein recht differenziertes Bild… und es werden auch Bücher behandelt, die den „großen“ Kritikern sowieso zu wenig anspruchsvoll sind.
    Ich finde es schade, dass man neue Strömungen und Entwicklungen nicht einfach als Bereicherung sieht. Letztlich sind auch die professionellen Kritiken „nur“ Meinungen. Ich finde es gut, dass in der Literaturszene eine breite Auseinandersetzung von verschiedenen Standpunkten aus stattfindet. Für mich stehen private Rezensionen und zb die Radiosendung „Kontext“ (ö1) einfach nebeneinander. Verschiedene Herangehensweisen, verschiedene Ergebnisse. Warum kann das nicht beides interessant sein?

    Diese breite Auseinandersetzung vermisse ich in der bildenenden Kunst ein wenig … dort geschieht viel „im Elfenbeintum“ der Avantgarde und vermittelt oft ein wenig das Gefühl, dass es für „normale“ Menschen nicht mehr zugänglich oder verständlich ist. Ich denke nicht, dass das für die Literaturszene erstrebenswert ist.

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    1. Den Vergleich mit der bildenden Kunst finde ich spannend, liebe Charlotte. Das ist ein Bereich, mit dem ich mich – zumindest was die Kritik und die Rolle der Blogs dabei angeht – überhaupt nicht auskenne. Ich nehme an, in der Literaturszene war es vor nicht allzu langer Zeit nicht viel anders, erst das Netz hat viele neue Wege geöffnet und bietet auch den vermeintlichen Laien eine Plattform, sodass das Gespräch insgesamt demokratischer geworden ist, vielfältiger, lebendiger. Dass das nicht auch in der Kunst passiert ist, überrascht mich offen gestanden – ich wünsche es ihr aber, denn diese Öffnung ist zweifelsohne ein Gewinn.

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  2. Ein schöner Artikel liebe Caterina, doch ehrlich gesagt bin ich bereits des Themas über. Ich fand deinen Artikel im Börsenblatt hervorragend; später habe mich dazu durchgerungen, nach diesem äußerst ekelhaften Wörtche-Artikel, keine weiteres Öl ins ohnehin bereits langsam verglühende Feuer der Netzdiskussion zu gießen und werde nun einfach wieder das machen, woran ich schon die ganze Zeit Freude habe, egal wie jemand mich und meine Arbeit (denn das ist sie, es ist mehr als nur ein Hobby) bewertet. Soll er mir doch gerade mal im Mondenschein begegnen 🙂

    Solch eine Debatte gibt es immer und immer wieder, doch zum Glück beruhigen sich die Gemüter auch wieder.

    Hab eine gute Woche ♥
    Liebe Grüße
    Sandra

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    1. Liebe Sandra,
      viele Blogger sind der Debatte bereits überdrüssig, und ich kann es durchaus verstehen, denn es ist ermüdend, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen. Andererseits denke ich, dass es lohnt, darüber zu diskutieren, solange es Leute wie Wörtche gibt (und er ist ja beileibe nicht der Einzige, der so denkt), die unsere Arbeit, unser Engagement in Abrede stellen.

      Aber wie ich oben schrieb: Es geht mir gar nicht mehr so sehr um die Frage, ob das, was wir tun, berechtigt ist oder nicht, denn die allermeisten sind sich einig, dass es sehr wohl berechtigt ist. Was ich hingegen wirklich spannend fände, wäre zu überlegen, inwiefern Blogs für die traditionelle Literaturkritik von Nutzen sein können, wie Journalisten und Blogger voneinander lernen können. Hier wäre mehr Ideen- und Meinungsaustausch wünschenswert, statt immer noch darüber zu reden, was besser und was schlechter, was richtig und was falsch ist.

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  3. Vielen Dank für die Übersicht. Da sind mir einige durchgerutscht. Aber ich schließe mich Sandra an: Irgendwann wird man der Diskussion überdrüssig. Von daher zurück zum Wesentlichen – der Literatur und der Freiheit sich so über diese zu äußern, wie es einem gefällt.

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    1. Du hast es neulich an einer anderen Stelle schon so schön gesagt: Lasst uns das tun, was wir am liebsten tun und am besten können – die Literatur feiern! Jawohl, liebe Bücherliebhaberin, lass uns das tun. (Trotzdem halte ich gelegentlich ein ‚Metagespräch‘ für sinnvoll – man lernt ja auch selbst, indem man sich mit anderen konfrontiert.)

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  4. Liebe Caterina,
    Vielen Dank für den Artikel und die (für mich) hilfreichen Links zu den Reaktionen auf die Debatte! Ich betreibe erst seit kurzem einen Blog, den ich unter anderem mit Buchkritiken fülle. Dazu muss ich aber auch sagen: es sind persönliche Kritiken, vielleicht ein bisschen Erlebnisbericht, und mit professionellen Rezensionen nicht zu vergleichen. Ich finde Literaturblogs deswegen gut, weil ich sie persönlich dazu nutze, mir Leseideen zu holen und ich gerne nach der Lektüre eines Buches noch andere Eindrücke sammle. Wenn ich mehr Hintergrund und eine (eher medienwissenschaftliche) Einordnung will, lese ich den Feuilletons-Teil einer Print-/Online-Zeitung.

    Das Bloggen über Literatur ist (m)ein Hobby, das mich viel Zeit kostet. Die Frage ist, ob ich nach dem Studium im Arbeitsalltag überhaupt noch die Zeit habe, mich auf dieser Spielwiese auszutoben. Warum also nicht mittels Blog ein bisschen Schreiben üben, sich an Kritiken ausprobieren und Spaß daran haben? 😉

    Liebe Grüße
    Frau K.Tose

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    1. So sehe auch ich das, liebe Frau K.Tose. Der Blog ist eine Spielweise, und wir alle gehen mit den verschiedensten Motivation an sie heran: um sich besser an das Gelesene zu erinnern, um mit anderen in einen Dialog zu treten, um sich im Schreiben zu üben, um Kontakte zu knüpfen, um Neues zu entdecken. Und so vielfältig die Motivationen sind, so unterschiedlich sind die Ergebnisse – das Schöne daran ist, dass für jeden etwas dabei ist. Also alle weitermachen wie bisher und lesen, schreiben, glücklich sein! 😉

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