Ulla Lenze: Die endlose Stadt

Lenze - Die endlose Stadt (c)

»Du wirst zur Stadt, sobald du sie betrittst«

»Seit ich 16 bin, reise ich nach Indien. Oft mit dem Gefühl, in ein inneres Trödeln zu geraten, auch Freiheitsräusche, schon weil die gewohnten kulturellen Codes ausgehebelt sind.« Dies schreibt die Autorin Ulla Lenze zu Beginn des Jahres in der Welt, nachdem sie auf Einladung des Goethe-Instituts Frank-Walter Steinmeier durch Delhi begleitet hat. Eine ähnliche Situation schildert die erste Szene ihres Romans Die endlose Stadt, den sie etwa zeitgleich fertiggestellt hat und der nun in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist. Da wandelt der Außenminister samt »Entourage« durch Istanbul, darunter die Fotografin Holle Schulz, die wie ihre Schöpferin in ein inneres Trödeln gerät, immer wieder ihre Freiheit und ihr Selbstverständnis als Künstlerin hinterfragt.

Holle fotografiert urbane Räume ohne Menschen. Dank eines Stipendiums verbringt sie einige Monate in Istanbul, sie wohnt in einer Künstlerresidenz und hat ein Verhältnis mit dem Dönerbudenbesitzer Celal, mit dem sie sich nur rudimentär verständigen kann. Holle ist weitgehend mittellos und ohne festen Wohnsitz: Diese Ungebundenheit ist der Motor für ihr Schaffen, gleichzeitig ist sie jedoch als Künstlerin auf Förderung angewiesen, kann Abhängigkeiten nicht gänzlich vermeiden – ein ständiger innerer Zwiespalt. Als Holle auf den Bauunternehmer Christoph Wanka trifft, der ihre Bilder kauft und ihr einen Aufenthalt in Mumbai in Aussicht stellt, gerät ihr Selbstbild zunehmend ins Wanken.

Eigentlich verabscheut sie Menschen wie Wanka, denen es scheinbar einzig um die Anhäufung von Geld und Statussymbolen geht. Sie, die jedes Denken in starren Kategorien ablehnt, begreift jedoch bald, dass sie selbst in einem solchen verhaftet ist, dass sie weit weniger frei von Vorurteilen ist, als sie glaubte, und Wanka weit reflektierter, als sie insgeheim annahm. Sie beginnt zu straucheln: zwischen Berlin, wo sie eigentlich lebt, Istanbul und Mumbai; zwischen Celal und Wanka, zwei Männern, die sie aus unterschiedlichen Gründen nicht versteht und von denen sie sich dennoch nicht lösen kann; zwischen dem Drang, Kunst zu schaffen, und der Notwendigkeit, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Erst dieses Straucheln macht die Figur – und den gesamten Roman – so interessant: Während Holle sich zu Beginn noch als die moralisch Überlegene stilisiert (was die Lektüre zunächst etwas anstrengend macht), erweist sich ihr Koordinatensystem zusehends als unzulänglich, sodass sie gezwungen ist, ihre Überzeugungen infrage zu stellen und sich selbst neu zu verorten. In diesem Prozess wird auch die Rolle der Kunst immer wieder diskutiert, werden ihre Aufgaben und ihre Grenzen aufgezeigt: »War Kunst sozialkritisch, war sie keine Kunst mehr, sondern Botschaft. War sie autark, wurde sie höhnisch.« In vielerlei Hinsicht geht es in Die endlose Stadt um Abhängigkeiten.

Warum es hierfür die zweite Protagonistin, die Journalistin Theresa, braucht, erschließt sich allerdings nicht so recht. Theresa übernimmt die Wohnung in Mumbai, die Wanka Holle zur Verfügung gestellt hat; die Wege der Frauen kreuzen sich nie, sie sind nur über diesen gemeinsamen Ort und über die Fragen, die beide sich stellen, miteinander verknüpft. Inwieweit darf oder muss ihre Arbeit die Klischees reproduzieren? Und inwieweit erfüllen sie selbst diese Klischees, zumal mit ihren jeweiligen Liebschaften? Im Gegensatz zu Holle bleibt Theresa dabei jedoch merkwürdig blass – vielleicht wäre ein größerer Kontrast, etwa durch Wankas Perspektive, reizvoller gewesen.

Aber es ließe sich ohnehin darüber streiten, ob es einer weiteren Hauptfigur überhaupt bedarf, derart präsent sind die Städte, fast so, als wären auch sie lebendige Wesen: das fiebrige Istanbul und »die alles verschlingende Metropole« Mumbai, wie es im Klappentext heißt, kurzzeitig auch das winternasse Berlin. »Du wirst zur Stadt, sobald du sie betrittst. Dein Körper verändert sich, weil diese Stadt vor nichts haltmacht.« So sehr rücken die urbanen Landschaften in den Vordergrund, so sehr verlieren sich die Figuren in ihnen, dass der Roman nur diesen Titel tragen kann, Die endlose Stadt. Für sie findet Ulla Lenze eine Sprache, die poetisch ist und flirrend wie das auf dem Cover abgebildete Istanbul.

Ulla Lenze: Die endlose Stadt. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2015, 320 Seiten, 19,90 €.

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