Im Gespräch mit Stefan Weidle

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»Literatur sollte ein Mittel gegen Barbarei sein.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt Stefan Weidle zu Wort, Verleger des Weidle Verlags. Alle bisherigen Gespräche dieser Reihe können hier nachgelesen werden.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Literatur?

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Ich bin Übersetzer und Verleger, manchmal auch Lektor, immer Korrekturleser und war bis vor kurzem auch noch Vorstand der Kurt Wolff Stiftung.

Und was macht Literatur mit Ihnen?

Manchmal sucht sie mich aus, um sich zu materialisieren.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Durch Zufall. Ich wollte, daß ein Manuskript zum Buch würde, und fand niemanden, der das bewerkstelligen konnte.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Viel Arbeit, etwa 10 Stunden am Tag 7 Tage die Woche. Allerdings bin ich viel auf Reisen, wenn auch zumeist beruflich. Viel zuviel Zeit verbringe ich mit organisatorischem Kram, aber das wird jetzt besser, seit ich mein Amt bei der KWS abgegeben habe.

Inwiefern überschneiden, ergänzen und beeinflussen sich Ihre verschiedenen Tätigkeiten?

Wenn ich Übersetzer und Verleger eines Buches bin, dann ergänzt sich das aufs Prächtigste. Alles hat mit allem zu tun. Immer wichtiger wird das Marketing, Bücher haben sich noch nie von selbst verkauft und tun das jetzt noch weniger denn je.

Was war ein besonders schöner Moment in Ihrem bisherigen Werdegang – ein erfolgreiches Projekt zum Beispiel oder eine inspirierende Begegnung?

Davon gibt es viele. Die wichtigsten Begegnungen waren die mit deutsch-jüdischen Emigranten, die mir zeigten, an welche Traditionslinien ich anknüpfen konnte.

Was kann Literatur in Ihren Augen leisten oder bewirken, was muss sie? Muss sie überhaupt irgendetwas?

Sie muß gar nichts, aber sie sollte ein kleines bißchen dazu beitragen, daß die Welt besser wird. Oder zumindest nicht schlechter. Literatur sollte ein Mittel gegen Barbarei sein.

Welches Buch hat Sie zuletzt beschäftigt? Und welches ein Leben lang?

Zuletzt Nino Haratischwili, Das achte Leben (für Brilka). Das wird mich noch lange beschäftigen, ein Jahrhundertwerk. Mein Lebensbuch aber ist Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer. Neben vielen, vielen anderen, die ich unmöglich alle aufzählen kann. Aber ein paar müssen doch hierher: Jahrestage, Fluß ohne Ufer, Die zahnlose Zeit, A Dance to the Music of Time, 2666, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Joseph und seine Brüder, Krieg und Frieden, Schneeland, Sons and Lovers, Wolf Solent, Zeno Cosini, Duineser Elegien.

Was schätzen Sie an der unabhängigen Verlagsszene?

Ihre Breite, ihre Originalität, ihre Macher. Die Überraschungen. Die Lebhaftigkeit. Die Unbeirrbarkeit.

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt, im Literaturbetrieb treiben Sie um?

Die maßlose Eitelkeit des Betriebs, von der ich mich fernhalte. Auf dem Buchmarkt sehe ich viel Erfreuliches in unabhängigen Buchhandlungen, belesene Buchhändler, die auch ungewöhnliche Bücher mögen.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf Ihre Art des Büchermachens aus?

Wir verwenden keinen Bleisatz mehr. Aber setzen weiter auf Fadenheftung und Dispersionsleim. Vieles wäre einfacher geworden durch die Digitalisierung, wenn uns das Programm Word erspart geblieben wäre. Es ist der Hauptfeind des Buches.

Was wünschen Sie sich, Ihrem Schaffen, der Literatur für die Zukunft?

Ich würde gern einen Gang zurückschalten und mehr Muße zum eigenen Lesen haben. Der Literatur muß man nichts wünschen (ich schon gar nicht), sie gibt es, und das bleibt und ist gut so. Ich konnte ohne Literatur nicht leben bisher, und daran ändert sich auch nichts mehr. Wenn man mich mit einem langen Roman in die Ecke setzt, bin ich völlig zufrieden und störe niemanden.

Stefan Weidle, 1953 in Stuttgart geboren. Seit den 1980er Jahren Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen und freier Lektor. 1994 Gründung des Weidle Verlags, in dem seither rund 170 Bücher erschienen sind, vornehmlich Literatur der 1920er und 1930er Jahre, meist Titel von deutsch-jüdischen Autoren, die ins Exil gingen, seit einigen Jahren erscheinen auch Gegenwartsautoren und Übersetzungen aus dem Isländischen, Englischen, Französischen, Lettischen, Russischen, Portugiesischen, Finnischen. 2000 bekam er den Karl-Heinz-Zillmer-Preis, 2005 den Kurt-Wolff-Preis. Von 2007 bis 2015 ist er im Vorstand der Kurt Wolff Stiftung aktiv, seit 2010 als Vorstandsvorsitzender. Stefan Weidle lebt mit seiner Frau und Mitverlegerin, der Kunsthistorikerin und Kuratorin Barbara Weidle, in Bonn und Berlin.

» www.weidleverlag.de
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