Im Gespräch mit Sophie Weigand

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»Wenn die Literatur ein Mensch wäre,
wäre sie wahrscheinlich eine ziemlich gute Freundin.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt Sophie Weigand zu Wort, Buchhändlerin und Betreiberin des Blogs Literaturen. Alle bisherigen Gespräche dieser Reihe können hier nachgelesen werden.

sophieweigand

Wer bist du und was machst du mit Literatur?

Ich bin Sophie Weigand, gelernte Buchhändlerin, Literaturbloggerin und Studentin der Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Literaturwissenschaft. Eigentlich mache ich also eine Menge mit Literatur, es gibt kaum einen Tag, an dem ich mich nicht mit irgendwas Literarischem beschäftige, sei es nun beruflich oder privat. Das kann man bei mir auch schwer trennen.

Und was macht Literatur mit dir?

Ganz unterschiedliche Dinge. Sie erdet mich, wenn sie nichts mit meinem Alltag und meinem Leben zu tun hat. Sie bildet mich, wenn sie das doch tut. Sie erweitert meinen Horizont und zeigt mir Dinge, die ich ohne sie vermutlich nie gesehen hätte. Sie lässt mich teilhaben, sie führt mich stetig mit interessanten Menschen zusammen, an denen ich ohne sie womöglich vorbeigelaufen wäre. Ja, wenn die Literatur ein Mensch wäre, wäre sie wahrscheinlich eine ziemlich gute Freundin.

Wie bist du zu deinem Beruf und zum Bloggen gekommen?

Zum Beruf durch Idealismus, zum Bloggen durch Vergesslichkeit. Schon bevor ich die Ausbildung im Buchhandel anfing, sagten mir zahllose Leute, das sei sowieso ein aussterbender Beruf, man fände nirgendwo eine Stelle, verschenkte Lebenszeit, aber gut, muss ich ja selber wissen. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe, wenn ich auch jetzt mit dem Studium versuche, mich ein bisschen breiter aufzustellen. Ich schätze den Buchhandel sehr. Das Bloggen habe ich kurz vor meiner Ausbildung begonnen, zunächst eigentlich als Gedächtnisstütze, weil ich wusste, dass ich als Auszubildende einer Buchhandlung mit Sicherheit mehr lesen würde als jemals zuvor. Und das wollte ich dringend irgendwo festhalten, am Anfang völlig ohne Ambitionen, andere Menschen damit zu erreichen.

Wie sieht dein literarischer Alltag aus?

Sowas wie einen literarischen Alltag gibt es gar nicht wirklich, weil viele meiner Tätigkeiten so ineinander übergehen. Ich lese fast jeden Tag, sei es nun was für die Uni oder für den Blog, ich versuche, hinsichtlich neuer Entwicklungen auf dem neuesten Stand zu bleiben, tausche mich aus, mische mich in Gespräche über Literatur. Ohne Feierabend oder strikte Trennung zwischen Beruf und Privat. Literatur ist ein elementarer Bestandteil meines täglichen Lebens.

Was war ein besonders schöner Moment in deinem bisherigen Werdegang – ein erfolgreiches Projekt zum Beispiel oder eine inspirierende Begegnung?

Oh, besonders schön ist es immer, wenn die eigene Arbeit wertgeschätzt wird. Wenn dadurch neue Kontakte zu Verlagen oder anderen Mitgliedern der Branche entstehen. Wenn man Menschen (wieder)trifft, die dieselbe Leidenschaft teilen, und man sich eigenartig vertraut ist, obwohl man sich gar nicht besonders gut kennt. Davon gab es in den letzten zwei Jahren sehr viel und dafür bin ich jedes Mal sehr dankbar, ohne eine konkrete Situation herausgreifen zu können oder zu wollen.

Was kann Literatur in deinen Augen leisten oder bewirken, was muss sie? Muss sie überhaupt irgendetwas?

Grundsätzlich muss sie wahrscheinlich nichts. Aber für mich muss Literatur etwas in mir anstoßen, sie soll mich nicht kalt und gleichgültig mit ihren Inhalten zurücklassen. Das gilt für jede Art von Kunst, mit der ich mich befasse. Sie soll Gedanken in mir anregen, die ich vorher nicht hatte, Dinge auf eine neue und besondere Weise beleuchten, erzählen, begreiflich machen. Manchmal genügt es mir aber auch vollkommen, wenn sie mich einfach sehr gut unterhält. Auch wenn das in manchen Kreisen ja sehr verpönt ist.

Welches Buch hat dich zuletzt beschäftigt? Und welches ein Leben lang?

Das ist wider Erwarten eine ziemlich schwierige Frage. Sehr beschäftigt hat mich zuletzt Daniela Kriens Muldental, weil ich so begeistert war von dieser klaren, präzisen und doch so einfühlsamen Sprache. Ob mich ein Buch ein Leben lang beschäftigt, will ich nach einem Vierteljahrhundert Lebenszeit noch nicht so definitiv festlegen, aber mit Michael Endes Momo, Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein und Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes Stories gibt es unbestritten Bücher, die für mich über Jahre hinweg aus ganz unterschiedlichen Gründen von großer Bedeutung waren.

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt, im Literaturbetrieb treiben dich um?

Als gelernte Buchhändlerin treibt mich natürlich um, mit welchen Konzepten der Buchhandel in Zeiten von Onlineshopping und Digitalisierung weiterhin Bestand haben kann und wo er sich womöglich überdenken muss. Als Literaturblogger beschäftigt mich darüber hinaus die Frage, auf welche Weise man die Freude an Literatur verbreiten und zum Lesen anregen kann. Wie kann man, abseits vom klassischen Feuilleton Literatur vermitteln? Ich schätze, dass die Möglichkeiten da noch längst nicht ausgereizt sind.

Wie hat sich dein Leseverhalten durch die Digitalisierung verändert?

Ich habe meinen E-Reader noch nicht besonders lang, manches hat sich aber dahingehend verändert, dass ich mir auch mal Zeit für kürzere oder ungewöhnlichere Formate gebe. Ein gutes Beispiel dafür sind die Titel der Hanser Box, die ich immer sehr interessiert zur Kenntnis nehme, weil sie so facettenreich sind. Weil sie auch in eine Zeit passen, in der niemand Zeit zu haben scheint. Und natürlich hat mein Lesen sich auch durch das Bloggen und die Onlinepräsenz generell sehr gewandelt. Ich habe immer viel gelesen, das hat sich aber durch den Blog und den Austausch mit anderen nochmal potenziert. 

Worin siehst du die Chancen des E-Books?

Im Moment hauptsächlich darin, viele spannende Literaturformen und -formate auszuprobieren. So manches, was gedruckt unmöglich realisierbar wäre, kann als E-Book erscheinen. Ein gutes Beispiel hierfür ist natürlich immer Christiane Frohmann mit ihrem Projekt Tausend Tode schreiben, woran unheimlich viele Menschen partizipiert haben, um etwas bisher Einzigartiges zu schaffen. Etwas, das nur digital so funktionieren kann. Oder Verlage wie Das Beben, die sich einfach auf Novellen spezialisiert haben, auf diese kurzen unerhörten Begebenheiten. Mir gefallen die Experimentierfreude und der Ideenreichtum, die da vielfach in Digitalverlagen zu spüren sind. Bisher muss ich zugeben, dass ich digital vor allem das lese, was es auch nur in dieser Form gibt.

Und die Chancen der Online-Literaturkritik im Vergleich – bzw. in Abgrenzung – zum Feuilleton?

Ich glaube, dass die Onlinekritik andere Menschen erreichen und somit für Bücher begeistern kann. Leser, die das Feuilleton vielleicht aus begreiflichen Gründen abschreckt – zu trocken, zu schwierig, zu sehr im intellektuellen Elfenbeinturm gefangen –, können von der Onlinekritik dort abgeholt werden, wo sie sind. Sie können in der Auswahl ihrer Lieblingsblogs genau das heraussuchen, was sie interessiert, genau den Blogger finden, dessen Geschmack sich mit ihrem deckt. Dadurch entsteht ein Vertrauensverhältnis zum jeweiligen Blog und seinem Betreiber, den es in dieser persönlichen Form im Feuilleton nicht gibt. Es können direkt im Austausch mit dem Rezensenten Diskussionen entstehen, es ist insgesamt bedeutend interaktiver. Und ich glaube, dass das vielen Menschen heute entgegenkommt.

Was wünschst du dir, deinen Projekten, der Literatur für die Zukunft?

Ich wünsche mir weiterhin so positive und interessante Begegnungen, aus denen im Idealfall vielleicht auch gemeinsame Arbeit erwächst. Und der Literatur, dass sie weiterhin viele Menschen begeistert und anregt. Daran, dass ihr das gelingt, zweifle ich nach wie vor nicht.

Sophie Weigand (*1989) ist gelernte Buchhändlerin und studiert Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Literaturwissenschaft. Seit 2011 betreibt sie den Blog Literaturen, seit 2013 ist sie außerdem Teil des Bloggerzusammenschlusses We read Indie. Mit dem bibliophilen Reiseführer versucht sie außerdem, inhabergeführte Buchhandlungen sichtbar zu machen.

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4 Gedanken zu “Im Gespräch mit Sophie Weigand

  1. Ein interessantes Interview. Ich muss allerdings gestehen, dass ich sehr froh bin beruflich nichts mit Literatur zu tun zu haben. „auf dem neuesten Stand zu bleiben“ gibt es bei mir in dieser Hinsicht nicht und ich genieße es nur zum Vergnügen zu lesen und dadurch auch völlig frei zu sein. Das ist sicherlich anders, wenn man wie du Literaturwissenschaften studiert und sich beruflich auch irgendwie positionieren muss.

    Die eigenen literarischen Reisen nicht zu vergessen ist eine Motivation zum Bloggen, die ich schon öfter gelesen habe und ich muss zugeben, unter anderem auch für mich. Bei der Menge hat man das Gefühl, dass einem auch wieder so vieles verloren geht.

    Ein sehr schönes Interview und sehr sympathisch (schon seitdem ich dich einmal in dem Videobeitrag über die Leipziger Buchmesse gesehen habe).

    Liebe Grüße
    Tobi

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Tobi,
      ja, es kann tatsächlich aufreibend sein, sowohl beruflich als auch privat immer mit Literatur zu tun zu haben. Mir geht es da ja nicht anders als Sophie, die Grenzen zwischen Beruf und Hobby verschwimmen, und man schaltet nie ganz ab, ist immer in Gedanken bei dem einen oder dem anderen oder bei beiden, liest kaum noch einfach so zur Entspannung. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, schließlich mag ich meinen Job sehr und bin froh, mit etwas meinen Lebensunterhalt zu verdienen, für das ich Leidenschaft aufbringe.

      Herzlich,
      caterina

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