Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Sibylle Berg - Der Tag als meine Frau (c)

»Wann ist meinem Unterleib die Sache nur dermaßen entglitten?«

Rasmus ist Theaterregisseur. In der Vergangenheit war er gefragt, gehörte zur intellektuellen Elite, inzwischen ist er in Vergessenheit geraten, Jüngere und Wagemutigere haben ihn verdrängt, und er muss sich nun mit Arbeiten an zweit- und drittklassigen Bühnen abfinden. Chloe definiert sich hauptsächlich darüber, dass sie Rasmus’ Ehefrau ist. Sie selbst hat keinerlei Ambitionen, sieht alles Schaffen ohnehin lediglich als »Zeitvertreib im Warten auf den Tod«, und weil sie keine eigenen Probleme hat, denkt sie, wenn sie nachts wachliegt, über die ihres Mannes nach. Seit zwanzig Jahren sind Rasmus und Chloe ein Paar, sie lieben und achten einander, sind aufeinander – auf den Halt des jeweils anderen – angewiesen. Nur in einer Sache sind sie nicht kompatibel, sind es nie gewesen: Sex.

»Ich habe mich damals gegen den Sex entschieden und für die Liebe. Sieg der Vernunft über die Begierde. Heute haben wir Sex, wenn ich morgens hart bin, weil die Blase auf meine Prostata drückt.« Sagt Rasmus. »Die Beziehungen vor Rasmus handelten nur von Leidenschaft, und war sie zu Ende, trennte man sich. Unsere Liebe hat die Leidenschaft überdauert. Oder sie war nie da. Es ging immer um mehr. Um alles.« Sagt Chloe. Am liebsten würden sie beide es sein lassen, aber sie tun es dennoch, »ein paar Minuten alle paar Wochen, im Urlaub öfter«, weil es nun einmal dazugehört. Da sind weder Begehren noch Vertrautheit, nur die mechanischen Bewegungen ihrer Körper, Geräusche, von denen sie glauben, dass sie den anderen erregen, und – am Morgen – das Verlangen nach Kaffee.

Der Roman setzt ein, da sind die beiden in einem nicht näher benannten afrikanischen Land. Rasmus will hier ein Theaterprojekt mit einheimischen Jugendlichen realisieren, etwas, das Bedeutung hat und ihn wieder ins Gespräch bringen soll. In Wirklichkeit ist es nur eine weitere Etappe seines Scheiterns, niemanden interessiert, was er tut, am allerwenigsten die Jugendlichen, und das vermeintliche Urlaubsparadies entpuppt sich als »veritabler Scheißort« mit viel Beton und mattem Meer. Ausgerechnet hier nimmt ihr Liebes- und Eheleben einen unerwarteten Lauf: In einem Massagestudio macht Chloe die Bekanntschaft von Benny, verliebt sich infolge einer im Drogenrausch erfahrenen sexuellen Offenbarung Hals über Kopf in ihn und verbringt die restlichen Tage an seiner Seite.

Doch mit der Abreise ist keineswegs Schluss, Benny kommt kurzerhand nach und nistet sich in Chloes und Rasmus’ Designerwohnung ein. Es ist der Beginn einer Dreiecksbeziehung, in der sich die Begehrlichkeiten, Machtverhältnisse und Bündnisse permanent verschieben – ein fragiles Gefüge, das, nicht zuletzt durch das Auftauchen von Rasmus’ eigensinniger Mutter, immer mehr ins Wanken gerät. »Wann ist meinem Unterleib die Sache nur dermaßen entglitten?«, fragt Chloe sich schließlich. »Ich hatte doch gedacht, nie, nie würde mir das passieren, was ich bei anderen Paaren so verabscheute. Der Verrat am Freund, nur um die Geschlechtsteile wieder zu benutzen.« Das Szenario, das die Autorin hier um ein Ehepaar auf Irrwegen entwirft, ist in etwa so grotesk wie sein Titel.

Berg geht dabei gewohnt schonungslos vor, legt ihren Protagonisten, die abwechselnd in knappen Kapiteln zu Wort kommen, jede Menge Zynismen, Widerlichkeiten und ernüchternde Einsichten in den Mund. »Wie ich das immer gehasst habe, an den westlichen Frauen«, sagt Rasmus einmal, »dieses Analysieren des Ichs, dieses dauernde Sich-Verorten in der Welt, und weder den Humor noch die Intelligenz zu besitzen, sich als lächerliches Wesen zu betrachten, aus dem ständig etwas rinnt.« Anders als in den vorangegangenen zwei Romanen, Der Mann schläft und Vielen Dank für das Leben, gibt es hier jedoch kaum einen Moment der Wärme, kaum einen Lichtblick, allerorten nur Desillusion und Unglück. Für zarte Gemüter dürfte sich das bisweilen an der Grenze des Erträglichen bewegen.

Für alle anderen ist es das, was Sibylle Bergs Prosa- und Theaterstücke, Kolumnen und Tweets seit je auszeichnet: ein bissiger Kommentar auf unser Ringen um Selbstverwirklichung, unsere Gefallsucht, unser Bedürfnis nach Verbündeten – und darauf, was für Narren wir dabei zuweilen aus uns machen. Während ihre Artikel häufig Bezug auf aktuelle politische und gesellschaftliche Debatten nehmen, spielt Berg in ihren literarischen Texten diese Themen vorzugsweise anhand der Beziehung zwischen den Geschlechtern durch, der Inkompatibilität von Mann und Frau. Das ist oft zugespitzt und polemisch, gewiss, aber deshalb im Kern nicht weniger wahr. In seiner Pointiertheit ist Der Tag, als meine Frau einen Mann fand jedoch vor allem eines: verdammt komisch.

Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Hanser Verlag, München 2015, 256 Seiten, 19,90 €.

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4 Gedanken zu “Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

  1. Liebe caterina,

    eine wirklich schöne Besprechung zu einem nicht ganz so schönen Buch. Ich habe mich oft gefragt, warum mir »Vielen Dank für das Leben« so gefallen hat – und das obwohl es auch keine heitere Lektüre war – und dieses hier so gar nicht, ach, überhaupt nicht. Du hast mir nun eine Antwort vor die Augen gelegt: Hier gibt es kein Fünkchen Wärme. Nicht ansatzweise. Das Buch ist einfach nur schrecklich deprimierend und abschreckend. Daher habe ich es auch relativ schnell wieder zugeschlagen. Es ist mir ein Rätsel, dass so viele von euch sich für dieses Buch erwärmen, damit begeisternd wedeln, siehe die anderen Rezensionen. Vielleicht gibt es speziell für dieses Buch ein bestimmtes Gen, das man entweder hat oder nicht?

    Sei herzlich gegrüßt

    Klappentexterin

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    1. An dich, liebe Klappentexterin, musste ich tatsächlich beim Tippen dieser Besprechung denken, und genau genommen zähle ich auch mich zu den »zarten Gemütern«: Der Mann schläft war zwar absolut trostlos und melancholisch, aber doch nicht ganz so kaputt wie dieser Roman, es gab auch viel Zärtlichkeit. Die habe ich hier ein wenig vermisst. Und doch mag ich Sibylle Bergs Schreiben, den Zynismus und den Weltekel, die aus beinahe jeder Zeile sprechen, die Bösartigkeit, die mich immer wieder laut auflachen ließ. Man kommt raus aus der Lektüre und fühlt sich wie durch den Fleischwolf gedreht; manch einem tut das weh, andere haben ihren Spaß daran.

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  2. Genau: Verdammt komisch. Ich habe mich teilweise köstlich amüsiert. Letztendlich analysiert sie eine Vielzahl von Beziehungen, die genau so ablaufen. Und ich glaube, dass ist das eigentlich deprimierende: das Wissen um die Realität, die im Buch widergespiegelt wird.

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    1. Genau. Sie überzieht es natürlich, indem sie diese groteske Wohn- und Liebesgemeinschaft entwirft – so weit kommt es hoffentlich in den wenigsten Beziehungen. 😉 Und trotzdem dürfte vielen Paaren die Problematik bekannt sein, und das macht es einerseits so amüsant und andererseits so gruselig.

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