Im Gespräch mit der Klappentexterin

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»Mein Lieblingssatz lautet: ›Empfehlen Sie mir was!‹«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt die Buchhändlerin Simone Finkenwirth zu Wort, die als Klappentexterin über »das gute Buch« bloggt. Alle bisherigen Gespräche dieser Reihe können hier nachgelesen werden.

Simone Finkenwirth

Wer bist du und was machst du mit Literatur?

Mein Name ist Simone Finkenwirth, und ich arbeite auf unterschiedlichste Weise mit Literatur. Hauptberuflich bin ich im Buchhandel tätig. In meiner freien Zeit schreibe ich seit fünf Jahren über Literatur auf meinem Blog »Klappentexterin« und engagiere mich seit 2013 mit dem Bloggerkollektiv »We read Indie« für Bücher aus unabhängigen Verlagen.

Und was macht Literatur mit dir?

Literatur inspiriert mich, stimmt mich nachdenklich, kitzelt mich wach, führt mich in fremde Welten, erweitert meinen eigenen Horizont und macht mich unglaublich glücklich. Ein Tag ohne ein Buch ist für mich wie ein Bad ohne Wasser. Darüber hinaus bringt mich Literatur mit vielen interessanten Menschen zusammen – im Internet wie auch im Buchhandel. Es ist einfach wunderschön und bereichernd, sich mit anderen über Literatur auszutauschen.

Wie bist du zu deinem Beruf und zum Bloggen gekommen?

Seit Kindheitstagen bin ich ein begeisterter Bücherwurm. Meine große Bücherliebe hat mich nach meinem abgebrochenen Literaturstudium und meiner Tätigkeit als Journalistin in den Buchhandel geführt. Eine Entscheidung, die ich bis heute keinen Tag bereut habe.

Der Buchhandel wiederum hat mich zum Bloggen gebracht. Denn mir sind vor allem die Bücher wichtig, die nicht das Siegel »Spitzentitel« tragen oder in der Bestsellerliste stehen. So ist die »Klappentexterin« eine große Herzensangelegenheit und obendrein eine Plattform für meine unbändige Schreiblust und meine kreative Ader. Ich freue mich wirklich sehr über all die Dinge, die in den vergangenen Jahren auf und durch meinen Blog passiert sind. Die wertschätzenden Rückmeldungen der LeserInnen und Verlage zählen ebenso dazu wie die zahlreichen Kontakte, die ich innerhalb der Verlags- und Blogwelt knüpfen konnte.

Inwiefern überschneiden, ergänzen und beeinflussen sich diese beiden Tätigkeiten?

Sie ergänzen sich ganz wunderbar, gehen sozusagen Hand in Hand. Einerseits kann ich Bücher, die ich mit meiner Blogarbeit entdeckt habe, für den Laden einkaufen und Empfehlungskarten mit Auszügen aus meinen Blogbeiträgen füllen. Andererseits bekomme ich von Vertretern – die fast alle meinen Blog kennen – Geheimtipps oder persönliche Empfehlungen.

Wie sieht dein beruflicher Alltag aus?

Da dreht sich alles um Bücher. Und in erster Linie darum, sie an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Mein Lieblingssatz lautet: »Empfehlen Sie mir was!«

Bücher zu verkaufen ist mir eine große Freude. Natürlich gibt es auch eine gewisse Routine. Wie kommen die Bücher in den Verkaufsraum? Wie kommen sie überhaupt erst in den Laden? Es gibt Menschen, die sie bestellen. Dann Leute, die sie auspacken und verräumen, und ebenso fleißige Kollegen, die sie ins Regal stellen. Damit es nie langweilig wird, werden Tische und Fenster regelmäßig umgebaut und neu dekoriert. Spannend ist es auch, Themen aufzugreifen und sich auf Trends einzulassen. Unvermeidlich und nicht so schön ist es, nicht verkaufte Bücher zu remittieren, also zurückzuschicken – an den Verlag, den Zwischenbuchhändler oder das Zentrallager. Damit all das reibungslos abläuft, braucht es jemanden, der diese Arbeit organisiert. Das mache ich dann als Führungskraft.

Was war ein besonders schöner Moment in deinem bisherigen Werdegang – ein erfolgreiches Projekt zum Beispiel oder eine inspirierende Begegnung?

Oh, da gibt es zu viele, um sie alle aufzuzählen! Zu meinen persönlichen Highlights zählt jedoch unbedingt das Projekt »We read Indie«. Ich erinnere mich mit großer Freude an die Welle, die wir mit dieser Idee ausgelöst haben. Und mit der wir seit beinah zwei Jahren den Blick auf Bücher aus unabhängigen Verlagen in unterschiedlichen Formen schärfen. Das macht mich unheimlich glücklich, und ich konnte in eine besondere Verlagswelt eintauchen. Ich denke an die wunderschön gestalteten Bücher sowie an die zahlreichen Gespräche mit Verlegerinnen und Verleger. Dieses Projekt wäre übrigens nie ohne den vom mairisch-Verleger Daniel Beskos initiierten »Indiebookday« entstanden.

Was kann Literatur in deinen Augen leisten oder bewirken, was muss sie? Muss sie überhaupt irgendetwas?

Literatur muss gar nichts, kann aber sehr, sehr viel! Sie ist frei wie jede Kunst und jeder kann sich das herauspicken, was er möchte. Für den einen ist es die reine Unterhaltung, Ablenkung vom Alltag oder Alternative zum Fernsehen. Für andere bedeutet sie die Welt und ist eine große Bereichung, die Antwort auf viele Fragen. Oder einfach eine warme, tröstende Hand auf der Schulter.

Welches Buch hat dich zuletzt beschäftigt? Und welches ein Leben lang?

11188282_10205457949959801_1479824318709308488_nObwohl die Lektüre schon einige Monate her ist, denke ich immer noch mit Begeisterung an Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili. Untertauchen von Lydia Tschukowskaja hat mich zuletzt lange beschäftigt, weil es ein Gänsehautbuch ist, das über die Gräueltaten des Stalin-Regimes berichtet. Gleichzeitig trägt es mit seiner poetischen Sprache und den stimmungsvollen Naturbeschreibungen ein Leuchten in sich.

Mister Aufziehvogel von Haruki Murakami wird mich mein Leben lang begleiten. Es hat mich mit einem äußerst bemerkenswerten – und für mich nobelpreiswürdigen – Autor bekannt gemacht und mein Interesse für japanische Literatur geweckt. Durch Murakami habe ich beispielsweise Banana Yoshimoto kennengelernt, deren Buch Amrita zu meinen Lebensbüchern zählt. Die Glasglocke von Sylvia Plath ist ebenso in bleibender Erinnerung wie Narziss und Goldmund von Hermann Hesse und Owen Meany von John Irving.

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt, im Literaturbetrieb treiben dich um?

Die schiere Anzahl an jährlichen Neuerscheinungen – da kommt doch keiner mehr hinterher! Einerseits ist es natürlich toll, so eine große Auswahl zu haben. Andererseits gehen dadurch viele Titel unter. Die Frankfurter Verlagsanstalt hatte im vergangenen Herbst nur drei Titel im Programm – das fand ich gut. Mehr Mut für weniger Bücher würde ich mir wünschen. Natürlich beschäftigen mich auch die Auswirkungen des Onlinegeschäfts, denn der stationäre Buchhandel leidet unter dem großen A. Es ist schon erstaunlich, wie wenig Menschen wissen, dass wir im Handel Bücher ebenfalls zum nächsten Tag besorgen können. Aber so langsam bemerke ich auch, dass sich das Bewusstsein bei dem einen und anderen Kunden gewandelt hat.

Was schätzt du an der Indie-Szene und an der Literatur, die sie hervorbringt?

11066536_10205457968360261_5712012741776164371_nDie Indie-Szene ist wie eine große Familie. Wer jemals in der Halle 5 bei der Leipziger Buchmesse gewesen ist oder bei der jährlichen Gartenmesse am Wannsee – die in diesem Jahr am 25. Juli stattfindet –, weiß genau, was ich meine. Da herrscht stets eine offene und herzliche Atmosphäre, bei der man sofort in den Dialog tritt – nicht mit einem beliebigen Mitarbeiter, sondern direkt mit den Verlegern. Keine überflüssigen Hierarchien, die man überwinden muss.

Genauso schätze ich die spannenden Projekte, die von den Indies initiiert wurden. Ich denke da beispielsweise an den bereits erwähnten »Indiebookday«, die »Hotlist« oder das neue Forum der Leipziger Buchmesse »Die Unabhängigen«. Und natürlich erfreuen mich all die außergewöhnlichen Bücher, die mit der Kraft der Herzen entstehen. Eins schöner als das andere! Da werden Klassiker wie Die Manon Lescaut von Turdej, Untertauchen oder Vater und Sohn unterwegs publiziert, weil man sie liebt. Nicht Profitdenken, sondern Leidenschaft bringt solche besonderen Werke zutage. Das entzückt und beeindruckt mich gleichermaßen.

Was wünschst du dir, deinem Schaffen und der Literatur für die Zukunft?

Mein Wunsch ist, weiterhin für und mit der Literatur arbeiten zu dürfen. Sowohl beruflich als auch in meiner freien Zeit. Für mich gibt es nichts Erfüllenderes als meine geliebten Bücher und die Welten, die sie mir eröffnen. Gleichzeitig hoffe ich, dass die Menschen noch mehr uns Buchhändler vor Ort im Kopf haben, wenn sie ein Buch in der Zeitung oder im Fernsehen entdecken. Wie gesagt – wir können Bücher genauso schnell zum nächsten Tag besorgen. Und sind dabei Menschen, die gern beraten und interessierte Leser an Titel heranführen, an die manch einer vielleicht nicht gedacht hätte. Und das ohne eine maschinell erstellte Vorschlagsliste, sondern aus purer Begeisterung.

Zudem wünsche ich mir, dass der Literaturbetrieb so vielfältig bleibt. Dabei denke ich an all die Projekte und Veranstaltungen, mit denen Menschen das Kulturgut Buch lebendig machen. Last but not least wünsche ich mir ein friedliches Miteinander zwischen eBooks und dem gedruckten Buch. Denn nichts geht über das Erlebnis, ein Buch in den Händen zu halten, es zu riechen und zu fühlen. Besonders natürlich, wenn eine liebevolle Ausstattung all unsere Sinne bedient.

Simone Finkenwirth wurde 1980 in Schwerin geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Verlagskauffrau in Hannover. Im Anschluss folgte ein redaktionelles Volontariat bei der Hannoverschen Allgemeinen. Danach nahm sie das Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft auf, das sie jedoch abbrach. Seit 2005 ist sie im Buchhandel tätig. Den Blog »Klappentexterin« betreibt sie seit April 2010. 2013 initiierte sie »We read Indie«.

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8 Gedanken zu “Im Gespräch mit der Klappentexterin

  1. Danke für die Vorstellung dieser sehr sympathischen Fachfrau. Stellenweise spricht sie mir wirklich aus der Seele
    „Nicht Profitdenken, sondern Leidenschaft…“ Ganz genau. Masse ist nicht gleich Klasse, vor allem nicht in der Buchwelt.
    Der literarische Einkauf beim großen A hat für mich einen faden Beigeschmackr. Mal ganz abgesehen davon, dass jegliche Art von Übermacht die Vielfalt zerstört und somit vielen kleinen liebvoll geführten Buchhandlungen das Wasser abgräbt….Ich liebe es, zu blättern, zu fühlen, zu riechen, reinzulesen, zu fachsimpeln…
    Ich wünsche dir eine schöne (Lese-)Woche 🙂

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    1. Ich bin ganz deiner Meinung! Von allem, was die Vielfalt bedroht, ist Abstand zu nehmen. Allerdings sehe ich schon auch die Chancen des Digitalen: Damit meine ich nicht das Einkaufen beim großen A, sondern die digitalen Verlage, die sich neuen Formaten und Themen widmen, die im Print so noch nicht möglich sind. Das finde ich schon spannend, auch wenn mein Herz nach wie vor für das papierne Buch schlägt.

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  2. Nur damit das nochmal klar ist; Ihr zwei seid »schwerstens schuld« daran, dass ich im vergangenen Jahr Indie-Verlage kennengelernt habe, von deren Existenz ich bis dahin nicht einmal etwas ahnte und dort Bücher und Autoren kennenlernte, die ich jetzt nicht mehr missen möchte. Danke. lg_jochen

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    1. Diese Schuld nehme ich gerne auf mich! Es freut mich sehr, dass es uns mit dem Projekt tatsächlich gelingt, die Aufmerksamkeit der Leser auf die kleinen Verlage und deren Literatur zu lenken. Ich wünsche dir weiterhin schöne Entdeckungen und Lektüren!

      Gefällt 2 Personen

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