Melanie Raabe: Die Falle

Raabe - Die Falle (c)

»Dieses Buch ist die Axt«

Psychologische Spannung ist schon seit längerer Zeit en vogue; zuletzt landete Gillian Flynn mit Gone Girl einen Coup und wies dem Genre eine neue Richtung. Nun tritt mit der 1981 in Jena geborenen und in Köln lebenden Melanie Raabe eine Newcomerin auf den Plan, deren Buch den Markt gehörig aufwirbeln könnte. Mit ihrem Printdebüt Die Falle (btb Verlag) ist ihr schon jetzt eine Sensation gelungen: Auf den internationalen Buchmessen war es das Gespräch, die Rechte wurden bereits in mehrere Länder verkauft, da war es noch nicht einmal erschienen – darunter Italien, Spanien, Frankreich und die Niederlande. Inzwischen haben selbst Großbritannien und die USA zugelangt, sozusagen die Königsklasse der Auslandsverkäufe.

Ich bin nicht von dieser Welt.
Das sagen zumindest die Leute. Als ob es nur eine Welt gäbe.
[…]
In meiner Welt ist es Sommer wie Winter exakt 23,2 Grad warm. In meiner Welt ist immer Tag und niemals Nacht. Hier gibt es keinen Regen, keinen Schnee, keine kaltgefrorenen Finger. In meiner Welt gibt es nur eine Jahreszeit, und ich habe noch keinen Namen für sie gefunden.

Linda Conrads ist Ende dreißig, Autorin von Bestsellerromanen – und Extremophile. So nennt ihr Verleger sie liebevoll, denn sie lebt in beinahe kompletter Isolation. Ihre Villa am Starnberger See hat sie seit über einer Dekade nicht verlassen, sie tritt so gut wie nie an die Öffentlichkeit und hat nur zu einer Handvoll Menschen Kontakt. Die Presse vermutet eine schwere Krankheit, und tatsächlich leidet Linda unter Depressionen und Panikattacken. Dass ein Trauma dahintersteckt, weiß jedoch kaum jemand: Vor zwölf Jahren fand Linda ihre Schwester tot auf, den Mörder sah sie flüchten, doch er konnte nie gefasst werden, es gab nicht einmal Verdächtige. Sie zog sich zurück, schottete sich mehr und mehr ab, in die Enge getrieben von ihrer Angst und ihren Schuldgefühlen. Suchte Schutz in der Einsamkeit.

Diese so sorgsam errichtete Welt stürzt auf einmal in sich zusammen, als Linda den Täter in dem Fernsehreporter Victor Lenzen wiederzuerkennen meint. Weil sie nach all der Zeit noch immer die Frage quält, warum ihre Schwester sterben musste, entschließt sie sich, Lenzen eine Falle zu stellen. Sie schreibt – erstmals in ihrer Karriere – einen Thriller und schildert darin den Mord: Dass das keine Fiktion ist, sondern eine Anklageschrift, wissen freilich nur sie und der Täter. Als das Buch erscheint, erklärt Linda sich bereit, ein Interview zu geben, ein einziges – und zwar ihm, Victor Lenzen. Sie bereitet sich sorgfältig vor, stellt sich ihren Ängsten und testet ihre Grenzen aus, ergreift Vorsichtsmaßnahmen. Nach draußen kann sie nicht – also muss sie Lenzen in ihre einst so sichere Welt lassen.

Was nun folgt, ist ein perfides Katz-und-Maus-Spiel, bei dem bald niemand mehr – am allerwenigsten der Leser – mit Gewissheit sagen kann, wem von beiden zu trauen ist, wer Jäger und wer Gejagter ist. Linda ist nicht nur Autorin, berühmt dafür, Geschichten zu erfinden, sie ist auch labil, lebensfremd – im wahrsten Sinne – und verdammt allein. Nun ist sie kurz davor, den Verstand zu verlieren – oder hat sie ihn längst verloren, vor zwölf Jahren schon? Auf der anderen Seite der so smarte wie empathische Lenzen, gewiss kein Saubermann, aber auch kein Wahnsinniger, wie er in Lindas Vorstellung existierte. Über weite Strecken des Romans sind da nur die beiden: In dieser aufreibenden kammerspielartigen Situation umkreisen sie einander, lauern, rücken dem jeweils anderen allmählich zu Leibe.

Erst am Ende öffnet sich der Raum und die Geschichte gewinnt noch einmal an Fahrt. Aber auch auf eine andere Weise wird die enge Struktur aufgebrochen: Der Thriller, den Linda geschrieben hat, um den Mörder herauszufordern und zu überführen, aber auch, um endlich mit der Vergangenheit abzuschließen, ist in Ausschnitten in die Haupthandlung eingestreut. Ein Buch im Buch also, das mal Lindas Ich-Perspektive ergänzt, mal im Widerspruch zu ihr steht, willentlich eine andere Version erzählt, weil alles andere zu sehr schmerzt. Auf mehreren Ebenen wird hier die Frage nach Wahrheit oder Fiktion – Wahn, Traum – verhandelt, es ist ein raffiniertes Spiel mit Verzerrungen, Manipulationen und Täuschungen, das bis zuletzt überrascht.

Die Falle geht unter die Haut – doch nicht allein aufgrund des Plots, sondern auch aufgrund der stilistischen Ausgestaltung. Sosehr das Spannungsmoment auch im Vordergrund steht, so viel Zeit nimmt sich Raabe, in das Innenleben ihrer Hauptfigur vorzudringen. Es gibt immer wieder sehr langsame, sehr stille Passagen, und es gibt diese poetische, bildreiche Sprache, die Lindas Leid greifbar macht. Linda ist »ein Knoten«, heißt es einmal: »Ein Knoten in Form einer Frau, hart und fest.« Ihr Verleger, aufgebracht darüber, dass sie nun einen Thriller schreibt, erinnert sie an Kafkas berühmten Ausspruch: »Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns«, und Linda erwidert: »Dieses Buch ist die Axt.« Sie hat recht: Dieses Buch von Melanie Raabe ist die Axt.

Melanie Raabe: Die FalleBtb, München 2015, 352 Seiten, 19,99 €. Das Hörbuch wurde von Birgit Minichmayr und Devid Striesow eingelesen: der Hörverlag, München 2015, 624 Minuten, 19,99 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» Literaturen
» Die Liebe zu den Büchern
» Leseschatz

»Literatur kann alles und muss gar nichts«, sagt Melanie Raabe in einem Interview innerhalb meiner Reihe SeitenBlicke. »Sie kann emotionalisieren, politisieren, informieren, aufrütteln, trösten, zum Lachen bringen, unterhalten – alles. Aber sie muss gar nichts. Nur da sein.« Hier entlang zum kompletten Gespräch.

10 Gedanken zu “Melanie Raabe: Die Falle

      1. Das habe ich ehrlich gesagt nicht gelesen, ich kann also keinen Vergleich ziehen. Aber wenn Die Falle auch nur den zweiten Platz belegt, wäre das ja auch schon schön. 😉

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    1. Hab Dank! Offen gestanden habe ich mich mit dieser Rezension besonders schwergetan, da es wirklich nicht einfach ist, nicht zu viel zu verraten. Ich habe stundenlang Sätze hin- und hergeschoben, formuliert und wieder verworfen. Freut mich, dass das Ergebnis in deinen Augen gelungen ist. Und vor allem, dass auch dir der Roman gefallen hat!

      Gefällt 1 Person

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