Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Seethaler - Ein ganzes Leben (c)

»Ein jeder hinkt für sich allein!«

Robert Seethaler ist ein Erlebnis auf der Bühne. Er ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Theaterschauspieler, und wenn er liest, hofft man, dass er so bald nicht mehr aufhört. Dunkel ist seine Stimme und dennoch weich, den Text trägt er mit ebenso viel Bedacht vor, wie er im Interview nach Antworten sucht. Seethaler ist keiner, der poltert, keiner, der durch sein Gebaren Aufsehen erregt, sondern einzig durch das, was er sagt – und das, was er schreibt. Sein neuester Roman Ein ganzes Leben, im Juli vergangenen Jahres bei Hanser Berlin erschienen, wurde ein Überraschungserfolg, monatelang stand er auf der Bestsellerliste.

Dabei ist auch das Buch keines, das auf den ersten Blick für Furore sorgt, es ist ein leises Buch, das eine einfache Geschichte erzählt. Ursprünglich hatte es genau so heißen sollen, Eine einfache Geschichte, doch war der Titel bereits belegt; stattdessen also Ein ganzes Leben – nämlich jenes von Andreas Egger. Und Robert Seethaler breitet es vor dem Leser auf eine Weise aus, die selten ist in der Gegenwartsliteratur: bündig und funktional, reduziert auf das Elementare. »Einfach« – das bezieht sich zuallererst auf die Darstellung, die unaufdringlich ist und den Inhalt über die Form zu heben scheint. Und bei der sich erst auf den zweiten Blick offenbart, dass gerade sie eine Kunst ist.

Andreas Egger also. Geboren in einem Alpendorf, irgendwann um die vorletzte Jahrhundertwende herum. Er wächst auf dem Hof eines Großbauern auf, wird dessen Knecht und Prügelknabe; einmal wird er derart mit der Gerte gezüchtigt, dass sein Oberschenkelknochen bricht, fortan hinkt er, und das Hinken wird zu einer Metapher für sein Leben. Ganz am Ende ist Egger Bergführer, im Schlepptau Touristen, die ob der Schönheit der Natur mit offenen Mündern staunen und in ihrer Seligkeit bisweilen stolpern. Als eine von ihnen, eine dicke Frau, meint: »Jetzt können wir beide nebeneinander ins Tal hinken«, entgegnet Egger: »Ein jeder hinkt für sich allein!«

Es ist ein karges Leben, eines, das ihm fortwährend zusetzt. Mühsam erarbeitet er sich etwas, und im nächsten Augenblick verliert er es schon wieder. Sei es das kleine Grundstück am Hang, das er mit Ende zwanzig pachtet; sei es die Kellnerin Marie, mit der er ein kurzes Glück findet; seien es die Kameraden im Krieg oder die Arbeit bei der Firma Bittermann & Söhne, die ins Tal gekommen ist, um Seilbahnen zu bauen. Doch Egger klagt nie, er fügt sich stoisch dem Lauf der Dinge, und mehr noch: Er nimmt an, was ihm widerfährt, findet sogar so etwas wie Erfüllung, trotz allem. Er ist »ein dorniges Kraut, das sich, solange es irgendwie ging, der Sonne entgegenstreckte«.

An einer Stelle heißt es über ihn: »Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen ihre Spuren, und zwar genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten«, und in gewisser Hinsicht lässt sich dies auf den Roman übertragen. Ein ganzes Leben kommt mit keinem Knall daher, es ist ganz still und hallt dennoch lange nach im Leser. Nicht obwohl, sondern gerade weil Robert Seethaler auf die Beschreibung großer Gefühle verzichtet, seinen Helden kaum reflektieren oder bewerten, ihn stattdessen anpacken, reden und noch öfter schweigen lässt. Eine Erzählung so nackt wie die Berge im Winter.

Zu nackt, zu geradlinig, wenn man – wie ich – Fabulierlust, narrative Kapriolen, einen aufregenden Umgang mit Sprache schätzt. Und doch ist dieses Werk gerade in seiner Stringenz beeindruckend. Es gibt kein Abschweifen und keine Extravaganzen, stattdessen sind wir ganz nah an Eggers, schinden uns mit ihm und nehmen mit seinen Augen das Vergehen der Zeit wahr, den Wandel des Tals, in dem scheinbar immer schneller Altes durch Neues ersetzt wird und für Menschen wie ihn kein Platz mehr bleibt. Und wir blicken, wie Andreas Egger selbst, mit »einem einzigen, großen Staunen« auf dessen schlichtes Leben, für das Seethaler eine derart schlüssige Form gefunden hat.

Robert Seethaler: Ein ganzes LebenHanser Berlin, Berlin 2014, 160 Seiten, 17,90 €.

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10 Kommentare zu „Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

  1. Liebe Caterina,
    da hast Du wieder einen schönen Leseschatz gefunden.
    Das kleine Buch „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler hat seinen Titel zu Recht und es birgt in sich die Fülle eines Romans, die andere Autoren meist nur in einem dicken Wälzer ausleben können.Wenn man die letzte Zeile gelesen hat, spürt man die zarte Traurigkeit, aber auch die Hoffnung, etwas von dem stillen Leben von Andreas Egger möge am Leser hängen bleiben….
    Herzliche Grüße, Hauke

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    1. Ja, gerade diese Kürze ist beeindruckend: Seethaler erzählt viel – mit ganz wenigen Worten. Wie gesagt bin ich eigentlich eine Liebhaberin des Verzweigten und Verspielten, aber ich erkenne die Kunst an, die in dieser absoluten Reduktion liegt.

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  2. Ich kenne nur „Die Biene und der Kurt“ von Seethaler, war aber so hin und weg, dass ich von ihm sicher noch etwas lesen werden. Eventuell dieses hier! 🙂

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  3. Bin grad über Umwege zufällig auf diesen Thread gekommen. Interessanterweise habe ich auch im Herbst „Ein ganzes Leben“ gelesen und fand es ganz toll, habe aber von Anfang an gesagt, dass mir der „Trafikant“ noch besser gefallen hat. „Die Biene und der Kurt“ habe ich auch noch nicht gelesen. Ich bin gespannt, wie andere das sehen.

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  4. fang ruhig mit dem trafikanten an, aber vergiß den egger andreas nicht. seethaler ist ein großer. auch ich bin eher freund von ausschweifender fabulierkunst und umso mehr schätze ich seethaler, der es mit so wenigen worten schafft, dass sich seine figuren tief in mein herz brennen .

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