Sandrone Dazieri: In der Finsternis

Dazieri - In der Finsternis (c)

»Die Welt ist eine gewölbte Wand aus grauem Beton«

Spannungsliteratur aus Italien hat sich längst auf dem deutschsprachigen Markt etabliert, auch jenseits des sizilianischen Schriftstellers Andrea Camilleri, der nunmehr seit fast vierzig Jahren aktiv ist und von dem jedes Jahr gleich mehrere Bücher bei uns erscheinen. Massimo Carlotto, Gianrico Carofiglio, Roberto Costantini, Giancarlo de Cataldo, Giorgio Faletti, Carlo Lucarelli, Marco Malvaldi – vom beschaulichen Regiokrimi, dessen Cover Zypressenhaine zieren, über den Mafia-Roman bis hin zum blutigen Thriller ist alles dabei (einen Überblick gibt es bei Thomas Wörtches kaliber .38 und auf der Krimi-Couch). Sandrone Dazieri ist bislang vor allem mit einer Noir-Reihe in Erscheinung getreten (deren ersten beiden Teile auf Deutsch bei Grafit erschienen, inzwischen aber nicht mehr lieferbar sind). Nun sorgt er mit dem Thriller In der Finsternis für Furore – hoffentlich auch hierzulande.

Dazieri, 1964 in Cremona geboren, hat vieles in seinem Leben gemacht: Er ist gelernter Koch, gehörte der Hausbesetzerszene an, schrieb Kinderbücher, arbeitete als Journalist und als Lektor, Letzteres bei Mondadori, dem größten Verlagshaus Italiens, für das er auch heute noch als Berater tätig ist. Und er ist Drehbuchautor – eine Erfahrung, die sich unverkennbar auf sein Schreiben niederschlägt. Gekonnt spielt er in seinem neuesten Roman mit der Synchronizität von Ereignissen, die zeitlupenhafte Schilderung einer Explosion ist emblematisch hierfür: Wenige Sekunden werden auf zehn Seiten ausgedehnt, der Blick des Erzählers kommt einer Kamerafahrt gleich. Solche narrativen Extravaganzen sind rar, dafür aber umso wirkungsvoller. Und auch die auktoriale Perspektive, dank der man immer gleichzeitig in mehrere Figuren blickt, verleiht dem Thriller etwas Unmittelbares, Rasantes, eben Filmisches.

Aber kommen wir zur Story. Es ist Anfang September in Rom, Familien fahren raus in die Natur, um zu picknicken. Für eine von ihnen kehrt sich das Idyll jedoch in sein Gegenteil um: Ein verwirrter Mann wird auf der Straße aufgegriffen, kurz darauf wird seine Frau enthauptet im Wald gefunden, vom sechsjährigen Sohn Luca fehlt jede Spur. Für den Staatsanwalt steht bald der als gewalttätig geltende Familienvater als Täter fest, doch Alfredo Rovere, Leiter der Spezialeinheit, vermutet einen anderen Hintergrund und betraut die junge Colomba Caselli mit dem Fall – obwohl sie auf eigenen Wunsch beurlaubt ist. Vor neun Monaten trug sich eine Katastrophe zu, seither steht Colomba am Abgrund. Sie hat sich nahezu komplett zurückgezogen, leidet unter Panikattacken und ist im Begriff, die Kündigung einzureichen. Da ihr Mentor Rovere jedoch der Einzige ist, der in all der Zeit zu ihr hielt, willigt sie ein.

An ihrer Seite: Dante Torre, Berater in Vermissten- und Missbrauchsfällen, der über die Gabe verfügt, das Verhalten von Menschen zu entschlüsseln und auf diese Weise tief verborgene Wahrheiten ans Licht zu bringen. Eine Fähigkeit, die er in jahrelanger Gefangenschaft entwickelte: Als Kind wurde er selbst entführt und in einem Getreidesilo festgehalten, erst nach elf Jahren konnte er fliehen. Gemeinsam mit ihm gelingt es Colomba, den Täter, in dessen Gewalt allem Anschein nach nicht nur der kleine Luca, sondern auch weitere Jungen sind, mehr und mehr einzukreisen. Vor allem aber kommen die zwei ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur, ihren eigenen Traumata; endlich erhalten sie Antworten auf Fragen, die Colomba seit neun Monaten, Dante fast sein ganzes Leben lang umtreiben. Eines wird schnell klar: Keiner der beiden ermittelt zufällig in diesem Fall, und genau das droht ihnen zum Verhängnis zu werden.

Die Dynamik zwischen diesen zwei gebrochenen Charakteren verleiht der Geschichte ihren Drive. Auf der einen Seite die junge Kommissarin, die ein bisschen an Clarice Starling aus Das Schweigen der Lämmer erinnert, nur wütender und rauer; auf der anderen Seite der verstörte, ganz und gar exzentrische und gleichzeitig brillante Dante. Beide misstrauische Eigenbrötler, die sich im Leid des anderen wiedererkennen, sich genau deswegen zusammenraufen, aber auch immer wieder aneinandergeraten; beide mit einem Hang zu ungewöhnlichen und nicht immer legalen Methoden. Auch wenn es durchaus drastische Szenen gibt, gehört In der Finsternis mitnichten zu jenen Thrillern, die auf den puren Effekt zielen; stattdessen vertraut Sandrone Dazieri auf die aufregende Figurenkonstellation, die temporeiche Erzählung und den clever konstruierten Fall – und macht damit alles richtig.

Sandrone Dazieri: In der Finsternis. Aus dem Italienischen von Claudia Franz. Piper, München 2015, 560 Seiten, 19,99 €.

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» Leseschatz

Die Rezension ist parallel auf Jargs Blog erschienen.

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4 Kommentare zu „Sandrone Dazieri: In der Finsternis

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