Im Gespräch mit Hauke Harder

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»Der Geruch, das Papier, das Layout …
die ganze Handerotik macht ein Buch viel erlebbarer als jede Datei.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt der Kieler Buchhändler Hauke Harder zu Wort. Vor ihm standen Melanie RaabeCarolin CalliesFrank Berzbach sowie Irina Kramp Rede und Antwort.

Hauke Harder

Wer bist du und was machst du mit Literatur?

Mein Name ist Hauke Harder und bereits als Jugendlicher musste ich immer etwas zu lesen haben. Der nordische Name mit dem literarischen Bezug wurde mir von meinen Eltern wohl auch zur Liebe zu guten Geschichten mitgegeben. Als Kind habe ich mir das Lesen mehr oder weniger selber beigebracht. Ich hatte meinen Bruder mit den Kindern aus Bullerbü so lange genervt, bis ich jedes Wort, das ich noch nicht kannte, lesen konnte. Jetzt bin ich Buchhändler und sehe mich als eine Art Leuchtturm im Büchermeer. Ich und meine Frau, Sonja, sind gelernte Buchhändler und haben für uns 2011 den Traum eines eigenen Ladens wahr gemacht.

Und was macht Literatur mit dir?

Sie macht mir Spaß, sie unterhält mich, sie bildet mich und ab und zu gruselt oder langweilt sie mich sogar. Aber ich lebe auch von ihr, denn ohne Bücher kann ich mir ein Leben nicht vorstellen. Ein gutes Buch packt mich emotional. Ein Text kann mich auf- oder anregen und mich zum Nachdenken bringen. Es bildet die Grundlage meines Wissens und schafft es immer wieder die Neugierde in mir wachzuhalten. Man erliest neue Welten und lernt neue Menschen kennen, die für mich fremde Situationen erleben, die mich dadurch berühren oder mir eine neue Sicht auf vieles ermöglichen. Literatur ist Kunst und kann dadurch auf vielen Wegen den Leser ansprechen, durch den Intellekt, die Gefühle oder einfach durch die erlebte Geschichte.

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

Das weiß ich eigentlich gar nicht mehr genau. Auf einmal war der der Wille da, Buchhändler zu werden. Mein Vater war kurzweilig überglücklich, denn er hatte verstanden, ich würde mich als Buchhalter bewerben. Vorher war ich mehr in sozialen Berufen tätig. Ich hatte nach dem Zivildienst noch etwas länger in der Pflege, Ergotherapie und Kinderbetreuung gejobbt. Dies bildete aber ebenfalls ein tolles Fundament für mich als Händler, denn es macht mir immer noch viel Freude, einen Beruf auszuüben, der mich mit Menschen verbindet. Meine Ausbildung habe ich dann in einer mittelständischen Universitätsbuchhandlung in Kiel gemacht. Diese Buchhandlung hatte ein tolles und sehr umfangreiches Sortiment und ich hatte die Möglichkeit, viel zu lernen und zu erfahren. Nach der Ausbildung habe ich in einer sehr großen Buchhandlung gearbeitet, die keiner Kette zugehörte, aber von Hertie, später Karstadt übernommen wurde. Dies war ein großer Gegensatz zu der klassischen Buchhandlung, in der ich gelernt hatte. So lernte ich beide Welten des Handels kennen. Die inhabergeführte Buchhandlung und eine »Rolltreppenbuchhandlung«. Ferner konnte ich mir auch einige Einblicke als Verlagsangestellter verschaffen.

Sonja und ich haben aber immer rumgesponnen und uns einen eigenen Laden erträumt. Als sich 2011 die Möglichkeit ergab, dass die vorherigen Inhaber aus Alters- und gesundheitlichen Gründen diese Buchhandlung verkaufen wollten, haben wir einfach losgelegt, die IHK und den Börsenverein des Deutschen Buchhandels kontaktiert, und es hat sich so ergeben. Jetzt ist es unsere eigene Buchhandlung, in der wir uns sehr wohl fühlen und auch für unsere Kunden einen schönen Raum zum Verweilen geschaffen haben.

Wie sieht dein Alltag aus?

Morgens ist die meiste Arbeit zu machen. Die Lieferanten haben uns die Kundenbestellungen und die Verlagsbeischlüsse geliefert. Unsere Kunden können bei uns fast alles bis zum nächsten Tag bestellen. Also wer am Vortag etwas bis 17:30 Uhr bei uns persönlich bestellt hat, kann sein Buch, seine CD oder DVD bereits am nächsten Morgen bei uns abholen. Daher werden vorrangig erstmal diese Kundenbestellungen ausgepackt und zusortiert. Danach wird die bestellte Ware für den Laden ausgepackt, kontrolliert und einsortiert. Gegebenenfalls auch neudekoriert. Die größte Freude habe ich an meinem Beruf bei der Beratung. Mir macht es unglaublich viel Spaß, mit unseren Kunden über unsere Leidenschaft, das Lesen, zu sprechen. Ich gewichte auch nichts, jedes Buch hat seine Berechtigung. Es gibt keinen schlechten Lesegeschmack, nur einen anderen, und ich möchte, dass der Kunde Freude am Lesen hat. Ich kann über ein Bilderbuch, einen Jugendroman, einen Krimi oder Horrorroman genauso ins Schwärmen geraten wie über Belletristik, die ich eigentlich am liebsten lese.

Was war ein besonders schöner Moment in deinem bisherigen Werdegang – ein erfolgreiches Projekt zum Beispiel oder eine inspirierende Begegnung?

Dass ich während meiner Ausbildung Sonja kennengelernt habe. Wir hatten einen gemeinsamen Chef, arbeiteten aber in unterschiedlichen Filialen, und als Sonja den Blockunterricht in Malente wechseln musste, hatten wir auch gemeinsam Unterricht in der Berufsschule. Nach der Ausbildung haben wir auch gemeinsam in der zuvor erwähnten großen Buchhandlung gearbeitet. Viele sagen immer, sie fänden es schwierig den Ehepartner als Kollegen zu haben und manche Vorgesetzte hätten auch damit Probleme, aber wir hatten eine sehr soziale Chefin und ich kann nur für mich sagen, eine bessere Kollegin als Sonja kann ich mir nicht vorstellen.

Toll ist, dass wir auch zu den Autoren einen engeren Kontakt erhalten. Durch unsere Veranstaltungen oder auch durch unsere Besprechungen auf unserer Homepage oder in unserem Blog »Leseschatz«. Einige Autoren schreiben oder rufen uns an, um sich für die Besprechung zu bedanken.

Was kann Literatur in deinen Augen leisten oder bewirken, was muss sie? Muss sie überhaupt irgendetwas?

Sie muss begeistern. Sie sollte mich emotional packen und mich mitnehmen und eine zeitlang tragen, d.h. beschäftigen. Literatur ist Kunst und die wirkt erst im Betrachter. Also kann ich nur individuell antworten, denn für mich birgt jedes Buch, jeder Text in sich die Möglichkeit, mir eine neue Denkweise zu eröffnen. Die äußere Welt gleicht der inneren, wie wir aus der Physik und diversen spirituellen Lehren wissen. Also kann der kleinste Anstoß genügen, um meiner Welt eine neue Zutat hinzuzufügen. Literatur kann Leben somit in gewisser Weise auch verändern. Diesen Anspruch habe ich aber natürlich nicht immer. Literatur sollte vorerst den Leser auf eine Reise mitnehmen. Zu Menschen, die man vorher nicht kannte, oder an Orte, die man so schnell oder überhaupt nicht erreichen kann. Sie kann ein guter Freund sein, der mich unterhält, dem ich zuhören kann und durch den ich Gefühle und die Gedanken, die zu mir passen, annehmen kann.

Welches Buch hat dich zuletzt beschäftigt? Und welche ein Leben lang?

Diese Antwort kommt bei mir immer gleich aus dem Bauch und kann sich daher aber auch immer wieder verändern. Zuletzt hat mich der Debütroman von Julia Jessen Alles wird hell angesprochen. Ein großartiger Roman. Voller Leben und Liebe. Eine Liebeserklärung an das Leben. Ein Roman, der den Leser das Wesentliche betrachten lässt. Sehr gegenwärtig und farbenfroh. Aber auch der Roman von Donal Ryan Die Sache mit dem Dezember hat mir sehr gut gefallen. Ein Roman über einen stillen Protagonisten, der länger in mir lebendig war.

Welche Bücher mich ein Leben lang begleiten, sind wohl: Siddharta von Hesse, Kafka am Strand von Murakami, Momo von Michael Ende, Faust von Goethe, Owen Meany von John Irving, Die letzte Generation von Clarke und Es von Stephen King … Wenn ich aber morgen wieder gefragt würde, könnte die Antwort auch eine andere sein…

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt, im Literaturbetrieb treiben dich um?

Der Trend der Digitalisierung. Ich stehe dem E-Book-Markt nicht sehr positiv gegenüber. Denn ich lebe vom Verkauf von echten Büchern. Natürlich haben wir auch einen Online-Shop und der Kunde kann sich alles bequem und einfach online bestellen und zustellen lassen oder herunterladen. Aber ich habe ja ein Ladengeschäft, in dem ich Menschen ansprechen möchte, die auf der Suche nach guten Geschichten sind. Diese erreiche ich nur persönlich. Durch das Gespräch versuche ich das passende Buch für mein Gegenüber zu finden. Ich möchte nichts aufschwatzen, sondern ich sehe mich als eine Art Berater. Wir Buchhändler sind kein generierter Code, der eine Verkaufsempfehlung ausspricht. Also kann man von einem Einkaufserlebnis sprechen, das der Kunde nur in einem echten Geschäft machen kann. Jede Stadt lebt von seinen Händlern und wird durch diese lebendiger. Wenn man nur noch online bestellt und den Handel nicht unterstützt, geht etwas Menschlichkeit verloren.

Was zeichnet – gerade in diesen Zeiten des Umbruchs – eine gute Buchhandlung aus? Wie kann sie der Abwanderung des Buchverkaufs ins Netz entgegenwirken?

Ich hoffe, wir sind eine gute Buchhandlung. Der Kunde sollte einen Raum vorfinden, in dem er sich wohlfühlt. Der Stammkunde sollte uns mögen und der Kunde, der lediglich stöbern möchte, sollte unseren Laden und die Titelauswahl mögen. Das Internet sehe ich als Kommunikationsmittel mit unseren Kunden an. Wir nutzen die neuen Medien, um auf das Buch und auf uns aufmerksam zu machen. Ich möchte, dass man, wenn man etwas von uns liest, merkt, dass wir ehrliche Menschen sind, die über ihre Leidenschaft sprechen, dass wir Bücher lieben.Laden

Wie hat sich dein eigenes Leseverhalten durch die Digitalisierung verändert? Worin siehst du ihre Chancen?

Mein Leseverhalten hat sich nicht verändert, denn ich habe keinen Reader. Ich will noch ein Buch in der Hand halten. Ich brauche das Gefühl der einzelnen Seiten beim Umblättern und ich möchte ein Buch mit allen meinen Sinnen erfassen können. Die Hauptargumente für einen Reader sind meist, dass man auf Reisen alle seine Bücher dabei hat und dadurch Platz spart. Ich habe auf Reisen immer ein bis drei Bücher dabei, das reicht mir. Toll ist natürlich, dass man die Schriftgröße seinen Lesegewohnheiten anpassen kann. Aber ich persönlich benötige keinen Reader und möchte diesen auch nicht, denn ich liebe echte Bücher. Ich denke, dass ein Buch erst als gedrucktes Buch erfasst werden kann. Der Geruch, das Papier, das Layout … die ganze Handerotik macht ein Buch viel erlebbarer als jede Datei, die man gleich den Puppen bei Momo nicht lieb haben kann …

Was wünschst du dir, deiner Arbeit, der Literatur für die Zukunft?

Dass Bücher immer noch wichtig sind und gelesen werden. Es ist schön, in unserem Beruf zu erleben, wenn gerade junge Leser ein Buch für sich entdecken, das sie so sehr begeistert, dass sie ihr Umfeld mit diesen neuen Anregungen anstecken wollen. Bücher sind eigene Welten. Es gibt bekannte und unbekannte Werke und unsere Aufgabe ist es, diese zu verbreiten. Ich möchte Menschen weiterhin mit dieser Begeisterung anstecken dürfen. Ich spüre auch ein neues Bewusstsein von Lesern, die wieder gezielt im Handel einkaufen und das Gespräch und den Menschen aufsuchen wollen, denn auch der Buchhändler ist ein kleiner Geschichtenerzähler. 🙂

Almut_Schmidt_Logo_2014Hauke Harder wurde 1974 in Flensburg geboren. In der Kieler Waldorfschule hatte er einen tollen Deutschlehrer, der ihn für die Literatur und das Schauspiel begeisterte. Nach der Schule arbeitete er als Zivildienstleistender in der Altenpflege und Ergotherapie. 1997-1999 Ausbildung zum Sortimentsbuchhändler. Danach angestellter Buchhändler. Zwischenzeitig auch im Verlagswesen tätig mit dem Schwerpunkt Kalender. Seit 2011 mit seiner Frau, Sonja, Inhaber der Buchhandlung Almut Schmidt oHG.

» www.buchhandlung-friedrichsort.de
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14 Gedanken zu “Im Gespräch mit Hauke Harder

  1. Hat dies auf leseschatz rebloggt und kommentierte:
    Vielen Dank an Caterina Kirsten für das schöne Interview mit mir.
    In der Reihe »SeitenBlicke« führt sie in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art. Heute komme ich zu Wort.

    Gefällt 1 Person

  2. Ein interessantes Interview.

    „Ich will noch ein Buch in der Hand halten. Ich brauche das Gefühl der einzelnen Seiten beim Umblättern und ich möchte ein Buch mit allen meinen Sinnen erfassen können.“
    Dem kann ich nur zustimmen. Ein Buch in Händen zu halten, das ist einfach was anderes. Aber als Buchhändler wird man es wohl in der Zukunft noch schwerer haben. Nicht nur wegen ebooks sondern auch dem Komfort den das Bestellen über Internet einfach bietet.

    Liebe Grüße
    Tobi

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    1. Danke dir für deinen Besuch und deine Worte, lieber Tobi. Mir geht es wie Hauke und dir, ich bin eine Liebhaberin des gedrucktes Buches und finde das Lesen auf dem Reader immer noch etwas umständlich. Allerdings verfolge ich sehr wohl mit, was im digitalen Bereich passiert, da gibt es nämlich einige überaus spannende Projekte und Verlage wie etwa mikrotext, Frohmann, Das Beben, CulturBooks. Die machen häufig mehr als »nur« Bücher in digitaler Form, sondern ganz andere Formate, die es so gedruckt gar nicht gibt, weil sich die traditionellen Printverlage sich noch nicht herantrauen und weil sie behäbiger sind als die E-Verlage (also zum Beispiel nicht so schnell auf aktuelle Debatten reagieren können). Das finde ich alles schon wahnsinnig interessant – nur lese ich halt nicht gerne auf dem Reader. Ein Dilemma …

      Gefällt mir

  3. Haukes Blog kenne ich natürlich und es ist immer wissenswert, mehr über die Person dahinter zu erfahren, genau wie in diesem Fall. Sollte ich zufällig mal dort oben im Norden in der Nähe sein, werde ich mich gerne in seinem Buchladen beraten lassen. Auch sonst decken sich unsere Meinungen, was die Digitalisierung betrifft!

    Gefällt 2 Personen

    1. Dito. Auch ich habe unbedingt Lust, Hauke und seine Frau zu besuchen und in ihrem Laden zu stöbern, der ja augenscheinlich mit viel Liebe geführt wird. Leider ist Kiel von hier aus gesehen ziemlich weit, aber irgendwann lässt es sich hoffentlich einrichten.

      Und auch ich finde es schön, auf diese Weise die Leute hinter den Blogs und Büchern kennenzulernen. Wenn du magst, kannst auch du gerne mal mein Gesprächspartner sein. Es würde mich freuen.

      Liebe Grüße,
      caterina

      Gefällt 2 Personen

  4. Ein tolles Interview mit Antworten in denen ich mich (ebenfalls gelernter Buchhändler) sehr wiederfinde.

    Solche Buchhändler, die nicht nur mit Leib und Seele dabei sind, sondern auch die nötige Kompetenz und das Wissen mitbringen, werden immer seltener. Man kann nur hoffen, dass viele in Kiel und Umgebung das wertschätzen und bei Hauke vorbeischauen.

    Gefällt 1 Person

    1. Merci für deinen Besuch und die schönen Worte! Ja, Hauke ist – soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann – ein großartiger, weil leidenschaftlicher und aufgeschlossener Buchhändler, auch sein Blog ist sehr empfehlenswert. Solange es solche Leute noch gibt – und derer gibt es viele -, mag ich an den Untergang des stationären Handels noch nicht glauben.

      PS: Du hast eine falsche URL angegeben, deinen Blog habe ich aber dennoch gefunden und sogleich abonniert. 😉 Viel Freude beim Lesen und Darüberschreiben!

      Gefällt 2 Personen

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