Marie Bäumer und die Bücher ihres Lebens

»Der einzige Rat, den man jemandem fürs Lesen geben kann,
ist tatsächlich der, keinen Rat anzunehmen.«

Die neunte Ausgabe des Mannheimer Literaturfests lesen.hören in der Alten Feuerwache ist vorüber, heute Morgen ließ ich, nicht ohne Wehmut, meinen Blick ein letztes Mal über die Stadt schweifen, bevor ich die Tür meiner Turmwohnung hinter mir schloss. Ein bisschen bedaure ich es, mir die Sonntagsmatinee »Vier Leser im Gespräch«, mit der das Festival Jahr für Jahr ausklingt, nicht zu Gemüte geführt zu haben, doch nach zehn Veranstaltungen muss das Lesen, Hören und Darüberschreiben auch mal ein Ende haben. Dieses bereitete mir gestern die Schauspielerin Marie Bäumer mit den Büchern ihres Lebens.

Es handelt sich hierbei – wie die Matinee – um ein Format, das bereits in der Vergangenheit erprobt wurde, eingeweiht wurde es 2012 von Gregor Gysi. Wer hierzu eingeladen wird, hat, so erläutert Roger Willemsen zu Beginn, die Sympathie der Festivalmacher und bekommt von ihnen gewissermaßen eine Carte blanche, was die Gestaltung des Abends angeht. Marie Bäumer bringt deshalb nicht nur Bücher mit, sondern auch einen Musiker, Maxime Dumas, der sie an der E-Gitarre begleitet. Er improvisiert zu den gelesenen Texten, zurückhaltend, nur einzelne Saiten zupfend; dass er darüber hinaus so abgegriffene Stücke wie »Nothing Else Matters« oder »Hallelujah« interpretiert, ist allerdings schade.

Am Ende des Abends zitiert Bäumer Virginia Woolf, die einmal schrieb: »Der einzige Rat, den man jemandem fürs Lesen geben kann, ist tatsächlich der, keinen Rat anzunehmen, dem eigenen Instinkt zu folgen, den eigenen Verstand zu gebrauchen und zu eigenen Schlussfolgerungen zu kommen.« Wohl wahr. Und doch weiß vermutlich jeder leidenschaftliche Leser, wie schön es ist, sich von anderen Lesern anstecken zu lassen, wenn diese von den Büchern ihres Lebens – oder auch nur eines bestimmten Augenblicks – schwärmen. Ein leidenschaftlicher Leser kann nie genug Empfehlungen bekommen. Marie Bäumer hat derer gleich sieben, und sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Zunächst stellt sie alle sieben Texte vor, spricht ein paar recht knappe Sätze zu ihrem Inhalt oder dazu, was sie zu besonderen Lektüren macht. Anschließend liest sie aus allen, mal leise und zart, mal kraftvoll, die Wörter regelrecht ausstoßend. Leider versäumt sie es dabei, noch einmal Autor und Titel zu nennen, sodass es mitunter eine Weile braucht, bis man begriffen hat, was man da gerade hört. Den Anfang macht Michael Endes Momo, aus dem ihr Vater ihr häufig vorlas. Er sei ihre Brücke zur Literatur, erzählt Bäumer, und es habe sie sehr geprägt, ihn einmal beim Lesen von Momo weinen gesehen zu haben – es sei das erste Mal überhaupt gewesen.

Es folgen ausgewählte Liebesgedichte von Lily Brett, die sie persönlich kenne und deren Lebensgeschichte sie sehr beeindrucke, sowie eine längere – und für diesen Rahmen vielleicht allzu bedrückende – Schilderung Anaïs Nins über die Totgeburt der Tochter. Im scharfen Kontrast dazu steht der anschließende Text, Birgit Vanderbekes lakonische Erzählung Ich sehe was, was du nicht siehst, die Bäumers Verbundenheit zu Frankreich widerspiegelt. Wenn sie an die Literatur denke und an den Raum, den diese öffne, sagt Bäumer, komme sie außerdem an Ingeborg Bachmann nicht vorbei; von ihr liest sie das Gedicht »Erklär mir, Liebe!«.

Bevor Bäumer zur letzten Lektüre des Abends, Antoine de Saint-Exupérys wohlbekanntem Kleinen Prinzen, und zu einer kleinen Zugabe kommt, stoßen sie und Dumas mit Whiskey an und treten in einen literarisch-musikalischen Dialog: Er singt Udo Lindenbergs »Unterm Säufermond«, sie liest – mit tiefer und rauchiger Stimme – aus den Tagebüchern von Charles Bukowski. Er könne unmöglich fehlen, sagt Bäumer eingangs, wenn es darum gehe, über ihr Leben zu sprechen. Hier, mehr noch als in den melancholischen Momenten, zeigt sich die ganze Kraft des Duos, ein kompletter Bukowski-Abend hätte nicht wenig Reiz.

Die Balkontür steht offen, und ich friere mir einen ab, aber ich will nicht aufstehen und die Tür schließen, weil diese Worte mit mir davonlaufen, und das gefällt mir zu sehr, um damit aufzuhören. Trotzdem, verdammt noch mal, ich steh jetzt auf und mach die Tür zu und geh pissen.
So. Ich hab’s getan. Beides. Hab sogar einen Pullover angezogen. Alter Schriftsteller zieht sich einen Pulli über, setzt sich hin, stiert auf den Monitor und schreibt über das Leben. Geht’s noch ein bisschen heiliger? Ach Gott, habt ihr mal überlegt, wie viel ein Mensch in seinem Leben pisst? Wie viel er isst und ausscheißt. Grauenhaft. Wir sollten sterben und verschwinden, wir verpesten hier alles mit unseren Ausscheidungen, sogar die Tänzerinnen im Varieté tun es und sollen verdammt sein dafür.
[…] Ich denke, ich gehe jetzt runter, setze mich zu meiner Frau und sehe mir was Blödes im Fernsehen an. Ich bin entweder auf der Rennbahn oder sitze vor diesem Apparat. Vielleicht ist sie ja zufrieden damit. Ich will’s hoffen. Also, auf geht’s. Ich bin ein braver Kerl, wisst ihr? Die Treppe runter. Es muss seltsam sein, mit mir zusammenzuleben. Ich find’s selber seltsam. Gute Nacht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s