Zweimal Afrika: Charlotte Wiedemann und Rainer Merkel

Zweimal war das Mannheimer Literaturfestival lesen.hören in dieser Woche politisch: Am Dienstag erzählte die Reporterin Ronja von Wurmb-Seibel Geschichten aus dem Alltag in Afghanistan, nachzulesen in dem gerade veröffentlichten Buch Ausgerechnet Kabul (DVA). Am gestrigen Abend kamen hingegen die Journalistin Charlotte Wiedemann und der Schriftsteller Rainer Merkel zu einem Gespräch über Afrika zusammen. Wiedemanns Reportagen und Essays erscheinen unter anderem in der Zeit, in Geo und Le Monde Diplomatique, ihr Buch Mali oder das Ringen um Würde. Meine Reise in einem verwundeten Land ist im vergangenen Herbst bei Pantheon herausgekommen. Merkel lebte 2011 ein Jahr lang in Liberia, wo er ein psychiatrisches Krankenhaus leitete, nun ist er für eine Woche dorthin zurückgekehrt und hat seine Erfahrungen in dem E-Book Go Ebola Go (Fischer) festgehalten.

Roger Willemsen erwähnt zu Beginn des Abends, dass der Afrikaforscher Walter Michler vor zwei Jahrzehnten 1.100 Minuten »Tagesthemen« analysierte und zu dem Ergebnis kam, dass sich gerade einmal anderthalb davon mit Schwarzafrika beschäftigten. Ein Umstand, der sich, so Willemsen, bis heute kaum geändert habe – Ausnahmen bilden lediglich Katastrophen wie eben jüngst die Ebola-Epidemie. Um das Füllen dieser erheblichen Informationslücken geht es im folgenden Gespräch, moderiert von der wie immer sehr souverän auftretenden Literaturkritikerin Insa Wilke, aber weniger, angesichts des begrenzten Rahmens kann es darum auch gar nicht gehen – hierfür lohnt die Lektüre der Bücher, aus denen die beiden Autoren an diesem Abend nur kurze Passagen lesen. Stattdessen stehen Fragen nach dem Wie im Vordergrund: Wie reden und schreiben wir über afrikanische Länder? Wie werden unsere Blicke gelenkt?

So greift Wiedemann die Einleitungsworte des Gastgebers auf und gibt zu bedenken, dass Ausdrücke wie »Schwarzafrika« bereits eine auf uns zentrierte Sichtweise offenbaren. Man müsse bei der Berichterstattung vorsichtig sein, welchen Standpunkt man einnehme, und das fange eben schon bei der Wahl der Wörter an. Tatsächlich habe sie versucht, so heißt es im Vorwort ihres Buches, nicht »weiß zu schreiben«: Man könne zwar den eigenen Blick nicht gänzlich ausschalten, müsse sich aber der Klischees und Rassismen, die man zwangsläufig in sich trage, bewusst werden, sich selbst immer wieder überprüfen, bevor man Annahmen formuliert. Das bedeute für ihr Schreiben auch, das eigene Ich zurückzunehmen und lediglich als diejenige aufzutreten, die präsentiert. In diesem Umgang mit Subjektivität sieht Wiedemann einen Unterschied zu ihrem Kollegen, bei dem das eigene Ich deutlich präsenter sei.

Merkel betont hierauf, dass er primär Schriftsteller und kein Journalist sei, er arbeite mit einem bewusst naiven Blick, erzähle Defizite mit und mache so sein Vorgehen transparent. Auch er sei sich im Klaren darüber, dass man sich gewisse Haltungen, die nicht zu vermeiden seien, vergegenwärtigen müsse. Als Vorbereitung auf seine jüngste Reise hat er den Essay An Image of Africa des nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe über Joseph Conrads Heart of Darkness gelesen: Afrika werde, so Achebe, zu einem metaphysischem Schlachtfeld, auf dem sich der Europäer der Intaktheit der eigenen Zivilisation vergewissere. So habe diese Art von Reisen nach Afrika, diese Extremerfahrung, immer auch etwas Therapeutisches, führt Merkel weiter aus: Das sei bei den meisten historischen Expeditionen so gewesen, und das sei auch in der heutigen NGO-Szene so. Er selbst nehme sich da gar nicht aus.

Immer wieder steht in diesem Gespräch die Berichterstattung westlicher Medien in der Kritik, die in den allermeisten Fällen nur auf Katastrophen fokussiert sei. Während in der hiesigen Presse angesichts der Ebola-Epidemie in Liberia einerseits und der Besetzung weiter Teile Malis durch Islamisten andererseits von Ausnahmezuständen die Rede gewesen sei, sei Wiedemann und Merkel stattdessen die große Normalität aufgefallen, mit der das Leben dort weiterhin seinen Gang nehme. Emblematisch für die Hysterie der Medien, so Wiedemann, seien die Bilder von Helfern in Schutzanzügen, die in der aktuellen Berichterstattung über Ebola vorherrschen und die zu einer Metapher für unseren Umgang mit diesen Ländern werden: »Wir nähern uns Afrika nur im Schutzanzug an.« Das sei vor allem deshalb eklatant, weil die Afrikaner im Gegenzug immer nackt dargestellt werden, beispielsweise auf Buchcovern.

Kritik wird schließlich auch an den NGOs formuliert, den einheimischen wie den ausländischen, die ja auch, so Merkel, Kontrollmechanismen und somit eine Fortsetzung kolonialer Strukturen seien. Dennoch sind er und Wiedemann zwiegespalten in ihrem Urteil, das Eingreifen der Hilfsorganisationen habe negative wie positive Folgen. Ein Beispiel gelungener Arbeit ist die liberianische NGO Kriterion Monrovia, die ursprünglich als Kulturorganisation 2011 ins Leben gerufen wurde, die inzwischen aber Aufklärung über Ebola betreibt und darüber auch einen Dokumentarfilm dreht. Merkel hat sich ihr bei seinem jüngsten Aufenthalt angeschlossen. Die Leiterin von Kriterion, Pandora Hodge, wird nun per Skype zum Gespräch dazugeholt und berichtet, dass es seit fünfzehn Tagen keine neuen Ebola-Fälle mehr gab und dass die Grenzen ebenso wie die Schulen und Universitäten wieder geöffnet sind.

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