Im Gespräch mit Melanie Raabe

0 Button

»Ich schreibe Bücher, und Bücher schreiben mich.«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt die Autorin Melanie Raabe zu Wort, deren Debütroman Die Falle dieser Tage bei btb erscheint. Vor ihr standen Carolin Callies, Frank Berzbach sowie Irina Kramp Rede und Antwort.

Wer bist du und was machst du mit Literatur?

Melanie_Raabe-Faustus-5719bHi, ich bin Melanie Raabe. Ich lese und schreibe Bücher.

Und was macht Literatur mit dir?

Ich sage immer: »Ich schreibe Bücher, und Bücher schreiben mich.« Wenn ich einmal nachrechnen würde, dann würde ich wahrscheinlich feststellen, dass ich ähnlich viel Zeit mit Büchern verbinge wie mit meiner Familie und mit meinen Freunden. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, dass Literatur mein Denken und Fühlen massiv mitgeprägt hat. Und das von klein auf.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Wie das bei echten Liebesgeschichten manchmal so ist: auf Umwegen! Geschichten habe ich mir eigentlich schon immer ausgedacht und als junger Teenager begonnen, Texte auch aufzuschreiben. Aber natürlich war ich ein gutes Jahrzehnt lang zu unsicher und zu schüchtern, um mein Geschreibsel irgendwem zu zeigen. Nach dem Studium bin ich daher erst einmal Journalistin geworden – der Schriftstellerin vernünftige Schwester. Parallel habe ich an meinen literarischen Texten gearbeitet und irgendwann zum Glück den Mut gefunden, sie auch mal vorzuzeigen. Meine Texte haben sehr viel Zeit im Inkubator verbracht, bevor irgendwer sie zu Gesicht bekommen hat, und das ist – im Nachhinein – bestimmt auch gut so.

Wie sieht dein Alltag aus?

Jeder Tag ist anders, aber praktisch alle beinhalten frühes Aufstehen, Schreiben, Lesen, viel Zeit alleine an meinem Küchentisch, an dem ich arbeite, ein wenig Zeit mit meinen Freunden, Konzentration und Prokrastination, Social Media und Indierock, zu viel Kaffee und zu wenig Bewegung.

Was war ein besonders schöner Moment in deinem bisherigen Werdegang – ein erfolgreiches Projekt zum Beispiel oder eine inspirierende Begegnung?

Das letzte Jahr war voller unglaublicher Momente, daher fällt es mir schwer, einen herauszupicken. Endlich den Sprung zum großen Publikumsverlag zu schaffen, war ziemlich überwältigend. Und alles, was danach kam, ebenso. Dass mein Buch schon vor Erscheinen ins Ausland verkauft wurde zum Beispiel. Das kann ich kaum glauben.

Der spektakulärste Moment in der letzten Zeit war aber sicherlich der, in dem ich zum allerersten Mal in das Hörbuch zu meinem Roman reingehört habe. Zu erleben, wie zwei so großartige Schauspieler wie Birgit Minichmayr und Devid Striesow meinen Text lesen, ihn sich zu eigen machen und ihn transformieren – das war ein unglaubliches Gefühl.

Was kann Literatur in deinen Augen leisten oder bewirken, was muss sie? Muss sie überhaupt irgendetwas?

Literatur kann alles und muss gar nichts. Sie kann emotionalisieren, politisieren, informieren, aufrütteln, trösten, zum Lachen bringen, unterhalten – alles. Aber sie muss gar nichts. Nur da sein. Wenn es da Regeln gäbe, dann hätten wir nicht diese unglaubliche, wunderbare Vielfalt. Und ich bin immer und in jeder Hinsicht für Vielfalt.

Und wie ist es mit deiner eigenen Literatur? Was für Ansprüche hast du an sie?

So kitschig das vielleicht klingen mag: Ich schreibe, weil das für mich die einfachste Art ist, mich auszudrücken. Das Schreiben ist mein Ventil, insofern steht am Anfang reiner, kreativer Egoismus. Schreiben ist, wie ich mir selbst die Welt erkläre, wie ich meine eigenen Gedanken und Gefühle ordne. Struktur, Handwerk, der Gedanke an den Leser – all das ist unglaublich wichtig, kommt aber erst viel später.

Welches Buch hat dich zuletzt beschäftigt? Und welches ein Leben lang?

Deutscher Meister von Stephanie Bart hat mich Ende 2014 sehr beeindruckt und enorm nachdenklich gemacht. Und der großartige, unfassbare, düstere Magier Kafka wird mich sicherlich ein Leben lang beschäftigen.

Welches Buch eines anderen Autors hättest du vielleicht sogar selbst gerne geschrieben?

Ich liebe und verehre Jonathan Safran Foer. Alles ist erleuchtet und Extrem laut und unglaublich nah waren unvergessliche Leseerlebnisse, denen ich seither nachjage wie Einhörnern im Wald.

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt, im Literaturbetrieb treiben dich um?

Momentan definitiv die anscheinend immer noch wachsende Power von Social Media wie Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest und Co. Ich nutze all diese Kanäle gerne und viel, um mit Leserinnen und Lesern in Kontakt zu kommen. Das macht mir sehr viel Spaß. Andererseits weiß ich von mir selbst, dass es mein Leseerleben manchmal beeinträchtigt, zu gut über den Autor informiert zu sein. Ich möchte oft gar nicht wissen, wie der Autor aussieht, wie er klingt, wenn er redet, und so weiter. Daher frage ich mich manchmal, ob ich meinen Lesern nicht etwas von ihrem unbedarften Leseerlebnis nehme, indem ich so präsent bin. Ob sie dann vielleicht immer ein bisschen mein Twitter-Avatar vor Augen haben oder meinen letzten Facebook-Post. Ob sie beim Lesen nicht vielleicht eher meine Stimme hören als die meiner Protagonistin. Das beschäftigt mich. Aber vielleicht muss ich da einfach auf meine Texte und vor allem auf die Fantasie meiner Leser vertrauen.

Und was schätzt du an dieser Branche? Auf was freust du dich in den kommenden Jahren?

Ich liebe die Menschen, die ich in dieser Branche bisher kennenlernen durfte. Lauter wunderbare Leute, mit denen ich nicht nur gerne arbeite, sondern mit denen ich nach Feierabend auch gerne noch ein Bier trinken gehe. Das ist ein großes Glück. Und genau darauf freue ich mich auch in den nächsten Jahren: mehr Arbeit, mehr Begegnungen, mehr Feierabendbier!

Welche anderen Künste inspirieren dich (und vielleicht auch dein Schreiben)?

Als Teenager habe ich angefangen, Theater zu spielen. Und da lernt man natürlich, sich intensiv in einen fiktionalen Charakter hineinzuversetzen. Das kommt mir beim Schreiben bestimmt ein wenig zugute. Und dann ist da natürlich die Musik. Ich höre gerne Musik beim Schreiben. Mein aktueller Roman, Die Falle, entstand zu viel Radiohead plus ein wenig Jean Sibelius und altem Jazz; zum Entstehen meines neuen Romans kommen definitiv Portishead und vielleicht auch hin und wieder My Brightest Diamond und Arcade Fire auf den Plattenteller.

Was wünschst du dir, deinen Projekten, der Literatur für die Zukunft?

Ich wünsche mir nur das Eine: dass ich Bücher lesen und schreiben kann, bis ich tot umfalle. Der Literatur brauche ich nichts wünschen. Die kommt schon klar.

Melanie Raabe wurde 1981 in Jena geboren, wuchs in einem 400-Seelen-Dorf in Thüringen und in einer Kleinstadt in NRW auf. Sie studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft in Bochum und absolvierte anschließend ein journalistisches Volontariat in Köln, wo sie bis heute lebt. Seit 2007 ist sie in der Domstadt als freiberufliche Journalistin und Autorin unterwegs. Ihr Roman Die Falle erscheint am 9. März 2015 bei btb.

» www.melanieraabe.de
» Facebook
» Twitter
» Biographilia

Foto: Christian Faustus

Advertisements

10 Kommentare zu „Im Gespräch mit Melanie Raabe

  1. Der Frage nachzugehen „Eigene Social Media des Autor: ab wann ist des Guten zuviel?“ wäre sicher interessant und auch mal notwendig. Denn es sicher etwas dran, dass eine so anfassbare Autorin oder ein Autor etwas von ihrer/seiner „mystischen Aura“ verliert, die man seit Kindertagen mit SchriftstellerInnen verknüpft.

    Gefällt 2 Personen

    1. Interessant, ja, aber ich weiß nicht, ob das unbedingt notwendig ist? Ich glaube, dass der letzte Satz („Aber vielleicht muss ich da einfach auf meine Texte und vor allem auf die Fantasie meiner Leser vertrauen.“) genau der Kern der Sache ist. Die sozialen Medien haben die Inszenierung und Selbstdarstellung extrem vereinfacht, treiben auch sonst mitunter seltsamste Blüten. Damit lassen sich heutzutage viele Dinge anstellen – positiv wie negativ. Inwiefern das Autoren für sich nutzen, lässt keine pauschale Aussage zu. Roland Barthes‘ Kritik („Der Tod des Autors“[1968]) an der biographischen Aufschlüsselung eines Textes zugunsten einer Textinterpretation, die den Leser und dessen Fähigkeiten sozusagen mehr in die Verantwortung nimmt, mag vielleicht das Handwerkliche im Vergleich zum Künstlerischen zu sehr betonen. Sein Ansatz setzt ein gewisses Textverständnis voraus oder fordert/fördert es zumindest.

      Nun bin ich weder Literaturtheoretiker noch Kritiker oder irgendwas in diese Richtung und bin mir darüber im Klaren, dass das nur ein einziges, wenn auch nicht unwichtiges, Konzept ist. Neben Autorschaft und Ästhetik wird unter anderem über Inszenierung, Authentizität, Identifikationsfläche, Identität oder Geschlechterrolle diskutiert, um nur ein paar Stichworte aufzugreifen. Dabei tauchen Fragen auf wie „Wer darf über was schreiben? Wie? In welcher Form?“ Der Holocaust in der Literatur wird in diesem Zusammenhang relativ oft diskutiert. Damit ist man dann auch schnell bei der Herkunft des Autors, dem Geschlecht und kommt zu Begriffen wie Authentizität und Identität. Da sind sicherlich interessante, vielleicht auch notwendige und spannende Fragen dabei, die zum Nachdenken anregen, was Literatur ist, wie sie entsteht und wer sie macht (Es wird ja durchaus damit gespielt, inszeniert usw., ob aus Gründen des Marketing oder weil man es eben kann etc.). Sie erinnern mich aber auch daran, dass es in erster Linie um den Text geht und nicht um den Autor und alles was um ihn herum geschieht. (Der Markt folgt da natürlich anderen Gesetzen).

      Mich würde interessieren, was unter der „mystischen Aura“ zu verstehen ist und ob sie etwas ist, was ein Schriftsteller heutzutage noch verlieren kann bzw. ob sie ihm noch anhaftet? Ist sie vielleicht so etwas wie das klischeehafte, nostalgisch-verklärte Bild der Künstler-Boheme der zwanziger Jahre wie es von Woody Allen (ich denke gewollt) in „Midnight in Paris“ dargestellt wird? Oder handelt sie eher von Freiheit, Abenteuer, Freigeistern?

      Unhöflicherweise komme ich erst am Schluss auf den Artikel und die darin vorgestellte Autorin zu sprechen. Auf mich macht sie einen sehr sympathischen Eindruck. Besonders gefielen mir die Zeilen die kürzlich in der Reihe bei Literaturen auf die Vorlage „Völlig unterschätzt wird…“ zu lesen waren: „Unvollkommenheit. Immer und überall wird Perfektion erwartet. Dabei sind kleine Fehler und Macken oftmals doch erst recht charmant. Ein winziger Sprung in Omas kostbarer Sammeltasse. Eine kleine Narbe in einem schönen Gesicht. Ein unerwarteter Regenguss, eine schiefe Metapher. Unvollkommenheit kann unglaublich sexy sein, sogar oder vor allem in der Kunst.“
      Sag das bitte mal einer den Personalchefs! Nein, Spaß beiseite, aber es stimmt, Unvollkommenheit kann so schön sein. Man denke nur an Akzente in Fremdsprachen oder Dialekte in der Muttersprache. Sprächen wir alle akzentfrei, ginge so manche charmante Note flöten.

      Portishead und Radiohead mag ich auch sehr gern. Vielleicht gefällt ja die Musik von Djazia Satour, die mehr als 10 Jahre nach dem grandiosen Album „Dhikrayat“ als Mitglied der Gruppe MIG nun ihr Soloalbumdebüt gegeben hat. Das Album (Alwane) läuft bei mir momentan sehr oft.

      Um zum Abschluss zu kommen, bis vor kurzem wusste ich nicht, dass Melanie Raabe eine Schriftstellerin ist, obwohl ich den Namen auf der Facebookseite der Schönen Seiten schon ein paar Mal gesehen habe. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich selbst nicht bei Facebook bin und nur sporadisch wenigen Seiten folge. Dass die Filmrechte schon ins Ausland verkauft wurden und Birgit Minichmayr (ihre Rolle in „Alle Anderen“ werde ich wohl nicht vergessen) und Devid Striesow (mochte ich sehr in „Yella“ und „So glücklich war ich noch nie“) den Text lesen, weckt schon mein Interesse am Buch. Am Hörbuch trotzdem nicht (haha), weil das irgendwie (noch?) nicht so mein Ding ist.

      Viele Grüße!

      Gefällt 2 Personen

      1. Ich selbst habe dazu auch noch keine abschliessende Meinung. Ich wollte nur andeuten, dass das Autorenbild oft ein verklärtes ist. Eine mystische Aura bekommt es dann insofern, da Autoren ja Demiurgen ihrer Welten sind, in die sich ihre Leser hineinziehen lassen. Dabei ist die Rezeption jedes Lesers sehr individuell und – neben der Wahl des Genres – auch stark beeinflusst von der persönlichen Intention, z. B. der eskapistische Wunsch aus der realen Welt zu entfliehen oder Lebenshilfen und -weisheiten zu erhalten. Autoren, die dann zugleich weltlich und nah in den Netzwerken agieren, könnten da schon größere Teile ihrer Leserschaft irritieren. Abgesehen davon, dass mit wachsender Bekanntheit und „Verehrung“ solche direkten Leserkontakte auch sehr anstrengend werden können. Und nicht zuletzt baut man ja eine Community auf, die einem begeistert und aktiv folgt und der man sich ja auch moralische verpflichtet fühlt. Es wird schwierig, dieses Engegement dann irgendwann wieder zurückzufahren oder gar abzubrechen. Und so gibt es sicher noch vieles, was interessant wäre, abgewogen und konsequent weiter gedacht zu werden.

        Gefällt 1 Person

  2. Danke für die Erklärung der mystischen Aura, daran hatte ich so gar nicht gedacht. Ich wollte mit meinem Kommentar ausdrücken, dass Autoren aus vielen Gründen manchmal näher beleuchtet werden, als ihre Texte oder sich sehr an ihrer Biographie abgearbeitet wird.

    Es macht natürlich einen Unterschied, ob jemand eher als Privatperson in sozialen Netzwerken unterwegs ist oder hauptsächlich bezüglich seines Buches (womöglich noch auf eigener Facebook-Buchseite). In letzterem Fall kann ich die geschilderten Bedenken sehr gut nachvollziehen. Gerade was die Interpretation angeht, ist es vielleicht besser, wenn man da nicht noch den Erklärbär spielt, Lesarten als falsch bezeichnet oder sich Kritik und Bemerkungen zu sehr zu Herzen nimmt, gar seinen Stil ändert. Wie gesagt, was für den einen falsch ist, kann aber für den anderen klappen. Womöglich gibt es schon Autoren, die den Leser sogar am Schreibprozess „mitwirken“ lassen, wichtige Entscheidungen von den Lesern abstimmen lassen? Vorstellbar ist alles, gefallen muss es einem ja nicht. Bald 50 Jahre ist es her, dass in der damaligen Tschechoslowakei Radúz Činčera für die Weltausstellung in Montreal den ersten interaktiven Film erfand. An bestimmten Stellen mussten die Zuschauer entscheiden, wie es weitergeht. Die Tochter des Regisseurs sagte über die Idee ihres Vaters:

    „Mein Vater hat beim Theater angefangen. Und als er dann zum Film kam, fehlte ihm sehr der direkte Kontakt zwischen Publikum und Bühne. Er hat also überlegt, wie man es machen kann, dass der Zuschauer besser in das Geschehen auf der Bühne – in diesem Falle auf der Leinwand – eingebunden ist. Und so ist er auf diese Idee gekommen.“

    Der Film ist eine schwarze Komödie und sicherlich ein großer Spaß. Hier kann man etwas mehr darüber lesen: http://www.radio.cz/de/rubrik/medien/der-kinoautomat-filmweltwunder-aus-der-tschechoslowakei-wieder-belebt

    Gerade in elektronischer Form ist so etwas natürlich auch in der Literatur denkbar, aber ob es gut oder schlecht wäre, dem Leser die Macht über Entscheidungen einzelner Figuren zu geben, dazu habe ich auch noch keine abschließende Meinung. Skeptisch bin ich allerdings. Ich stimme Dir jedenfalls zu, dass es mitunter schwierig sein/werden kann, wenn man in den Netzwerken zu involviert ist, aber das gilt ja nicht nur für Autoren und es muss jeder selbst wissen, was ein gesundes Maß ist.

    Gefällt 1 Person

  3. Habt Dank für die spannende Diskussion, ihr zwei.

    Die Frage, wie viel Social Media notwendig ist und wie viel sinnvoll, lässt sich auch meiner Meinung nach nicht pauschal beantworten. Dass es angesichts der zunehmenden Konzentration der Aufmerksamkeit auf wenige ‚große‘ Bücher mittlerweile zu einem wichtigen Werkzeug des Autors zur Selbstvermarktung geworden ist, steht außer Frage: Ich selbst kann bei den Autoren, die ich betreue, beobachten, dass sie sich umso schwerer tun, auf dem Markt Fuß zu fassen, desto weniger sie von sich aus aktiv werden und die Arbeit dem Verlag überlassen.

    Andererseits gibt es sicherlich auch eine Grenze, jenseits derer die Nutzung von Social Media schädlich wird – nämlich dann, wenn man nur noch reine Werbung für das Buch betreibt und darüber hinaus keinen Mehrwert schafft. Was ich hingegen gutheiße, ist, wenn der Autor ‚anfassbar‘ wird, d.h. sich als Mensch präsentiert und nicht in erster Linie das Produkt Buch. Wenn er also zum Beispiel Musik postet, die er hört, auf Artikel hinweist, die er spannend findet, usw. In meinen Augen verliert der Autor dadurch nichts, sondern er gewinnt etwas, nämlich Kontur, ein Gesicht, etwas, das greifbar ist für den Leser.

    Trotzdem kann ich durchaus nachvollziehen, wenn Leute das anders empfinden und sich durch diese Allgegenwart des Autors – fast schon so, als wäre es ein enger Freund – eher bedrängt denn bereichert fühlen. Wie wir einen Autor wahrnehmen, beeinflusst sicher unser Lektüreerlebnis: Bei mir ist es zum Beispiel schon vorgekommen, dass ich Bücher von Autoren, die ich bei Lesungen oder Interviews als unangenehm empfunden habe, partout nicht mehr lesen mochte. Andersherum fällt es vielleicht schwer (auch mir), Bücher von Autoren, die einem sympathisch sind, zu kritisieren. Es fällt schwer, von der Person zu abstrahieren.

    Inwiefern das ein Problem darstellt, muss aber jeder Leser für sich entscheiden. Letztlich ist es ja jedem selbst überlassen, ob er auf die Nähe eingeht, sprich: ob er dem Autor in den sozialen Netzwerken folgt oder nicht.

    PS: Dir, lieber wortlandschaften, auch vielen Dank für den Hinweis auf Djazia Satour, in ihr Album werde ich in einer ruhigen Minute mal reinhören.

    Gefällt mir

    1. Danke für Deinen Einblick! Ich stimme Dir in dem, was Du als „anfassbar“ beschreibst, also sich als Mensch zu präsentieren, vollkommen zu, das kann sehr interessant sein. Ein Buch, ein Song oder ein Gemälde ändert sich ja nicht, nur weil ich weiß, welche Musik oder welche Filme ein Schriftsteller, Songwriter oder ein Maler gerne mag. [Okay, zugegebenermaßen ist da schon manchmal eine gefühlte Nähe zum Text und/oder (??) Autor, wenn man z.B. auf dessen Spuren wandelt bzw. die Örtlichkeiten, die in einem Roman beschrieben werden, auch gut kennt. Aber das ist wieder ein anderes Fass].
      Vielleicht meine ich Vorbilder oder Bezugspunkte zu erkennen, vielleicht plaudert er auch selbst etwas aus dem Nähkästchen, aber ansonsten sind das ja meist Allerweltsthemen des Smalltalk, von Mensch zu Mensch. Wen’s interessiert, der schaut vorbei, ansonsten eben nicht.

      Wahrscheinlich geht es Dir durch Deinen Beruf etwas anders als mir, auch dadurch, dass Du viel mit zeitgenössischer deutscher Literatur zu tun hast und vielen Autoren persönlich begegnest. Mir kommt der Autor während des Lesens normalerweise nicht soooo oft in den Sinn. Wenn mir etwas besonders gefällt oder die Sprache durchgehend irgendwelche Besonderheiten aufweist, frage ich mich schon, wie der- oder diejenige das gemacht hat, oder unter welchen Umständen? Aber ansonsten kann ich ganz gut in Geschichten eintauchen, vergesse den Autor beim Lesen. Das Interesse an weiterer Literatur desselben Autors ist bei Gefallen schnell geweckt. Ansonsten lese ich kreuz und quer, die sozialen Netzwerke spielen für mich dabei aber bisher keine Rolle. Wird sich glaube ich auch nicht mehr ändern. 😉

      Gefällt mir

      1. Ja, klar, da spielt natürlich ganz viel mein Beruf mit rein. Die Autoren, zu denen es diese Nähe gibt, sind in erster Linie ‚meine eigenen‘ Autoren, aber auch andere, weil man mitverfolgen will, was sie so machen und wie sie es machen. Aber wenn wir uns ein bisschen entfernen von der aktuellen deutschsprachigen Literatur, dann sieht das schon ganz anders aus: Bei amerikanischen oder italienischen Autoren beispielsweise habe ich nicht das geringste Bedürfnis, mich mit ihnen zu ‚vernetzen‘ und – wie du es treffend bezeichnest – Smalltalk zu betreiben. Und wenn wir uns dann auch noch zeitlich entfernen, also zu den Klassikern, so ist diese Art von Austausch und Nähe ohnehin nicht mehr möglich. Der Zugang zu den Büchern ist hier also ein ganz anderer, ‚unbelasteter‘, wenn man so will.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s