Shaun Usher: Letters of Note. Briefe, die die Welt bedeuten

»Ich liebe brüchige, spröde, knisternde Worte.«

Wuchtig ist dieses Buch, mit seinen 20 x 28 cm und gut vierhundert Seiten liegt es schwer in den Händen: Letters of Note. Briefe, die die Welt bedeuten, herausgegeben von Shaun Usher. Im November ist es im Heyne Verlag erschienen, verschiedene Schriftsteller und Übersetzer haben die Briefe ins Deutsche übertragen, darunter Ulrike Draesner, Timur Vermes und Zoë Beck (analog dazu wurde das Hörbuch von unterschiedlichen Sprechern, u.a. Lars Eidinger und Anna Thalbach, eingelesen). Dieser äußerlich wie inhaltlich imposanten Sammlung wird nun ein Abend in der Alten Feuerwache Mannheim gewidmet: Die Schauspieler Marion Mainka und Richy Müller lesen ausgewählte Briefe vor, durch die Veranstaltung führt Radio- und Fernsehmoderator Jörg Thadeusz.

Zu Beginn des Abends betont Gastgeber Roger Willemsen einmal mehr sein Bestreben, das Festival lesen.hören auch anderen literarischen Gattungen gegenüber zu öffnen. Im vergangenen Jahr war es beispielsweise das Tagebuch, nun sind es also die Briefe: beide private, bisweilen intime, wenn nicht gar heimliche Formen des Schreibens, die nicht – oder nicht in erster Linie – an eine Öffentlichkeit gerichtet sind. Dass sie ebendieser dann doch zugänglich gemacht werden, ist in vielen Fällen ein großes Glück. Die Webseite Letters of Note, vor einigen Jahren von dem Briten Shaun Usher ins Leben gerufen und mit inzwischen siebzig Millionen Klicks ungemein erfolgreich, versammelt rund neunhundert Briefe, die meisten von berühmten, manche aber auch von gänzlich unbekannten Verfassern.

Hundertfünfundzwanzig dieser Briefe wurden in das gleichnamige Buch aufgenommen, sie stammen von Emily Dickinson, Fidel Castro oder Iggy Pop und sind mal ergreifend, mal unterhaltsam, mal zornig – fast immer aber sind es literarische Kleinode. Etwa ein Fünftel davon stellen Mainka und Müller an diesem Abend vor, Thadeusz spricht jeweils ein paar einleitende Worte zum Entstehungskontext; auch im Buch selbst gibt es – neben den Abdrucken der Originalschriften – kurze Einführungstexte. Den Anfang macht passenderweise eine beeindruckende Ode an das geschriebene Wort: ein Bewerbungsschreiben von Robert Pirosh aus dem Jahre 1934, anderthalb Jahrzehnte bevor er für Kesselschlacht mit dem Oscar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde.

Ich liebe Worte. Ich liebe fette, buttrige Worte wie träufeln, Sündenpfuhl, schmuddelig, schaurig. Ich liebe althergebrachte, eckige, sperrige Worte wie bockbeinig, kommod, Quacksalber, piesacken. Ich liebe zwielichtige, fadenscheinige Worte wie schlüpfrig, Leichenbestatter, aalglatt, abwickeln. […] Ich liebe brüchige, spröde, knisternde Worte wie Splitter, Zwist, Keilerei, krustig. […] Ich liebe elegante, blumige Worte wie übersommern, flanieren, paradiesisch, Elysium. Ich liebe sich windende, wurmige, mehlige Worte wie krümmen, winden, kringeln, kriechen.

Es gibt Liebes- und Abschiedsbriefe an diesem Abend, beispielsweise von Katharine Hepburn an ihren langjährigen Lebensgefährten Spencer Tracy achtzehn Jahre nach dessen Tod oder von Virginia Woolf an ihren Ehemann Leonard kurz vor ihrem Selbstmord. Es gibt Dankesbriefe, Protestbriefe (wie jener dreier Elvis-Fans an den US-Präsidenten Eisenhower: »Wir finden’s schlimm genug, dass du Elvis Presley in die Armee steckst. Aber wenn du ihm die Koteletten abschneidest, dann sterben wir!«) und Bittbriefe. So schrieb etwa Mahatma Gandhi 1939 an Adolf Hitler: »Es ist offenkundig, dass Sie derzeit die einzige Person auf dieser Welt sind, die einen Krieg verhindern kann, der die Menschheit wieder in die Barbarei zurückfallen lassen könnte. Sind Sie wirklich bereit, einen derart hohen Preis zu bezahlen […]?«

Ein Highlight ist gewiss Nick Caves Verzicht auf die Nominierung als bester männlicher Künstler für die MTV Awards 1996: »Ich war immer der Überzeugung, meine Musik sei einzigartig und individuell und läge jenseits des Horizonts all jener, die die Dinge bloß vermessen und verwerten.« Oder Albert Einsteins Antwort auf die Frage einer Sechstklässlerin, ob Wissenschaftler an Gott glauben können: »[J]eder, der sich ernsthaft mit der Wissenschaft beschäftigt, ist irgendwann davon überzeugt, dass ein Geist den Gesetzen des Universums innewohnt, der dem des Menschen weit überlegen ist. Auf diese Art führt die Beschäftigung mit der Wissenschaft zu einem ganz besonderen religiösen Gefühl, das sich natürlich sehr von der Religiosität einer unbefangenen Person unterscheidet«. Großartig ist schließlich auch jener Brief, den F. Scott Fitzgerald an seine 11-jährige Tochter Scottie schreibt, die im Ferienlager ist:

Ich freue mich, dass du glücklich bist – aber ich glaube nicht sonderlich an das Glück. Auch nicht an das Elend. Das sind Dinge, die man auf der Bühne, der Leinwand oder in gedruckter Form sieht, sie geschehen aber nicht im richtigen Leben.

Ich glaube, dass man im Leben nur für Rechtschaffenheit (entsprechend der eigenen Talente) belohnt und für die Nichterfüllung seiner Pflichten bestraft wird, was einem doppelt so teuer zu stehen kommt. Sollte es den entsprechenden Band in der Bibliothek des Ferienlagers geben, frag doch bitte Mrs. Tyson, ob du dir ein Sonett von Shakespeare ansehen darfst, in dem die Zeilen vorkommen: »Wie faule Lilien mehr als Unkraut stinken«.

Angenehm sind die Stimmen von Marion Mainka und Richy Müller, man hört ihnen gerne beim Lesen zu; aufschlussreich und zugleich launig sind die Beiträge von Jörg Thadeusz. Das Publikum dankt es ihnen mit einem lang anhaltenden Applaus, und hinterher erfreuen sich nicht nur die Autogrammkarten von Lokalmatador Müller großer Beliebtheit, sondern auch Buch und Hörbuch zu Letters of Note. Ein kurzweiliger Abend also, keine Frage, und doch hätte ich mir gewünscht, die drei auf der Bühne wären hin und wieder von ihrem Konzept abgewichen, wären über das Vorstellen und Lesen einzelner Briefe hinaus auch miteinander ins Gespräch gekommen – Anregungen haben all die brillanten Textbeispiele ja genügend geliefert.

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9 Kommentare zu „Shaun Usher: Letters of Note. Briefe, die die Welt bedeuten

    1. Wow, klasse, danke dir für den Hinweis auf den Bericht! Die Lesung mit Marion Mainka und Richy Müller war ja schon toll, aber Benedict Cumberbatch ist natürlich noch mal eine ganz andere Nummer. Noch mehr beneide ich dich jedoch für deinen Besuch in Hay-on-Wye – der Traum eines jeden Bibliophilen, würde ich mal behaupten. Schön, dass du da sein konntest und deine Eindrücke mit uns teilst.

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, es war einfach grandios 🙂 Übernachtet hab ich bei dieser Reise in Hereford, auch eine hübsche kleine Stadt 🙂 Vielleicht schaffst du es ja auch, demnächst nach Hay-on-Wye zu fahren – ist jedenfalls sehr zu empfehlen 🙂

        Freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat 🙂

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