Robert Seethaler liest aus »Ein ganzes Leben«

»Am Berg bin ich der Einzige, der gerade geht.«

Das letzte Mal, dass ich Robert Seethaler auf der Bühne erlebt habe, war im November im Frankfurter Literaturhaus. Der Saal war damals gut gefüllt, rund hundert Leute dürften da gewesen sein – ein voller Erfolg also. In der Alten Feuerwache Mannheim sind es etwa dreimal so viele, man spürt die Festivalatmosphäre. Das Glück des lesen.hören-Teams ist es aber auch, dass Seethalers Roman Ein ganzes Leben, das im vergangenen Jahr bei Hanser Berlin erschienen ist und aus dem er an diesem Abend liest, seit Monaten weit oben auf der Bestsellerliste rangiert; zu jenem Zeitpunkt, als der Autor eingeladen wurde, war das noch nicht absehbar.

Seethaler selbst zeigt sich verblüfft, wie viele Menschen sich eingefunden haben, um ihm zuzuhören. Er erzählt, wie er zuvor am Café der Alten Feuerwache vorbeikam und glaubte, die Veranstaltung würde dort stattfinden, und wie er sich an seine allerersten Lesungen erinnert fühlte. Stattdessen sitzt er nun auf dieser Bühne; einsam sei es dort oben bisweilen, manchmal komme er sich vor wie ein Ritter, der übers Feld blickt – nur dass es hier kein Feld gebe, sondern ein in absolute Dunkelheit getauchtes Publikum. Verloren wirkt Seethaler aber keineswegs, er hat eine faszinierende Präsenz, und zwar nicht allein aufgrund seiner imposanten Statur.

Über seinen Roman Ein ganzes Leben sagte er, er wollte ihn ursprünglich Eine einfache Geschichte nennen, doch war dieser Titel bereits von seinem Kollegen Péter Esterházy reserviert. Sowohl der eine als auch der andere Titel leuchten sofort ein, wenn man das Buch kennt, auch eine Verknüpfung beider wäre denkbar gewesen: Ein einfaches Leben. Auf bemerkenswert geradlinige Weise erzählt Seethaler darin von Andreas Egger, einem um 1900 in den Bergen geborenen Mann, dem das Leben immer wieder zusetzt, schon in der Kindheit, aus der er als Versehrter hervorgeht. Doch ganz gleich, was geschieht, Egger nimmt es nicht nur hin, er nimmt es an.

»Du hinkst«, sagte er. »So einen können wir nicht gebrauchen.«
»Es gibt in der Gegend keinen besseren Arbeiter als mich«, antwortete Egger. »Ich bin stark. Ich kann alles. Ich mache alles.«
»Aber du hinkst.«
»Im Tal vielleicht«, sagte Egger. »Am Berg bin ich der Einzige, der gerade geht.«

Gastgeber Roger Willemsen sagt zu Beginn des Abends, dass klassische Lesungen, bei denen die Autoren alleine auf der Bühne sitzen, lesen und dann wieder verschwinden, im Konzept des Festivals nur eine marginale Rolle spielen. Gelegentlich kommen sie aber eben doch vor – und zwar dann, wenn es sich um Autoren handelt, bei denen die schlichte Lesung zu etwas Besonderem wird. Seethaler ist zweifelsohne einer dieser Autoren: Als ausgebildeter Theaterschauspieler hat er das Hörbuch zum Vorgängerroman Der Trafikant selbst eingesprochen, nun liest er mit enormer Ruhe beinahe eine ganze Stunde lang, seine Stimme dunkel und gleichzeitig sanft.

Über den Inhalt verliert er zwischendurch nur wenige Worte, er lässt den Text für sich wirken. Das ist fraglos eindrucksvoll, und doch komme ich nicht umhin, etwas zu vermissen. Im Literaturhaus Frankfurt habe ich Seethaler im Gespräch mit der Kritikerin Sandra Kegel erlebt, er redete über die Berge, die Zeit und darüber, wie es sich anfühlt, auf der Bühne zu stehen, überraschte – wie auch im Buch selbst – mit scheinbar einfachen Beobachtungen, die jedoch von einem extrem wachen Verstand zeugten. Wie bescheiden und geerdet Robert Seethaler bei alldem (geblieben) ist, das spürt man aber auch an diesem Abend in Mannheim, auch ohne viele Worte.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Hanser Berlin, Berlin 2014, 160 Seiten, 17,90 €.

3 Gedanken zu “Robert Seethaler liest aus »Ein ganzes Leben«

    1. Tja, nachprüfen, was man sich während der Veranstaltung notiert hat, ist eben manchmal wirklich sinnvoll … Recht hast du, Ulrich Matthes hat es eingelesen, Seethaler hat hingegen das Hörbuch zum Vorgängerroman Der Trafikant gemacht. Wird auf der Stelle korrigiert. Danke für den Hinweis und den Verweis auf deinen schönen Bericht!

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