Die wunderbare Welt der Kontaktanzeigen mit Roger Willemsen und Katrin Bauerfeind

»Ich lache nicht im Keller. Demnächst mit dir.«

Im Netz gibt es ganze Sammlungen von Fotos, deren eigentliche Funktion es ist, das Objekt in Frage anzupreisen, Bilder aus Immobilienannoncen etwa oder in Kochportalen, die jedoch derart missglückt sind, dass sie eine unfreiwillige Komik bergen und ihr Ziel gänzlich verfehlen. Freiwillig, meistens aber doch unfreiwillig komisch ist auch so manche Kontaktanzeige: auch sie eine Form des Anpreisens, nur um ein Vielfaches heikler, weil sie allein mit Worten auskommen muss, weil das angepriesene Objekt man selbst ist und weil in ihr etwas so Großes verhandelt wird wie die Liebe. Roger Willemsen hat sich ihrer angenommen, hat jahrelang an noch so abwegigen Orten recherchiert und dabei allerlei Erstaunliches, Skurriles und auch Befremdliches zutage gefördert. Das Bühnenprogramm »Die wunderbare Welt der Kontaktanzeigen« feierte gestern im Rahmen des Mannheimer Literaturfests lesen.hören Premiere.

Die anderthalbstündige szenische Lesung, die es im Übrigen auch als Hörbuch geben wird, bestreitet Willemsen gemeinsam mit Katrin Bauerfeind, Moderatorin, Schauspielerin und Autorin des Buches Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag. Geschichten vom schönen Scheitern (Fischer Verlag, 2014). Dafür, dass er alles, was er tut, mit außerordentlich viel Leidenschaft und Verve tut, ist Willemsen bekannt; insbesondere hier in Mannheim, wo das Publikum ihm regelrecht verfallen scheint – auch dieser Abend war im Vorfeld schon in kürzester Zeit ausverkauft. Mit Bauerfeind hat Willemsen sich eine ebenso bestechende Partnerin auf die Bühne geholt, ihre Stimme ist tief, kraftvoll und reich an Nuancen, mal mimt Bauerfeind die sentimentale Romantikerin, mal das derbe Großmaul, mal den ganz und gar Hoffnungslosen.

Im Mittelpunkt des Programm stehen freilich die Annoncen selbst, doch Willemsen und Bauerfeind reichern sie mit geschichtlichen Hintergründen, Statistiken und allerhand kuriosen Fakten an. Auf diese Weise entsteht der Eindruck eines roten Fadens, doch eine tatsächliche Ordnung in das Material zu bringen ist angesichts seiner Fülle und Vielfalt nahezu unmöglich. Und so schlingern die beiden bisweilen durch die Welt der Kontaktanzeigen, von einem Motiv zum nächsten und wieder zurück, und halten sich dabei an manch allzu bemühten Parallelen und Übergängen fest. Ungeachtet dessen ist das (wenn auch komplett durchinszenierte) Gespräch, in das Willemsen und Bauerfeind treten, jedoch in höchstem Maße amüsant: zum einen wegen der glänzenden Auswahl an Textbeispielen, zum anderen wegen der bissigen Kommentare, mit denen sie diese begleiten.

Die Kontaktanzeige ist, so legen sie zu Beginn dar, eine Literatur neben der Literatur. Eine, die massenhaft verbreitet ist, die aus allen Menschen Autoren macht und die auf ganz eigene Weise von dem spricht, was ist, was fehlt und was sein soll. Über achtzig Millionen Kontaktanzeigen haben die Deutschen im vergangenen Jahr ins Netz gestellt, fast jedes fünfte Paar lernt sich heute online kennen. Eine Tradition, die bis in 17. Jahrhundert zurückreicht, genau genommen bis ins Jahr 1695, als in einem Londoner Wochenblatt die allererste Kontaktanzeige geschaltet wurde: »Ein Herr von etwa 30 Jahren mit ansehnlichem Besitz sucht eine junge Dame mit einem Vermögen von circa 3000 Pfund.« Der finanzielle Aspekt ist bis heute zentral, nicht zufällig sprechen wir von »Heiratsmarkt« und die Vermittlungsportale heißen »Partnerbörsen«.

»Bin dauergeil und finanziell abgesichert.«

»Attraktive Blonde, schlank, sucht gepflegten, gutaussehenden Mann, mit dem sie sein Geld ausgegeben kann.«

»Hilfe! Ich verliere den Boden unter den Füßen. Wer schiebt mir eine Yacht drunter?«

Damals noch war es ein Skandal, dass ein Mann per Anzeige, also unter Einbeziehung der Öffentlichkeit, nach einer Frau suchte (übrigens traute sich erst dreißig Jahre später eine Frau an die Heiratsanzeige, wurde allerdings auf der Stelle als Exzentrikerin verurteilt und in eine Nervenanstalt eingewiesen). Es dauerte bis zum neunzehnten Jahrhundert, dass die Liebesheirat die arrangierte Ehe ablöste und somit auch die Kontaktanzeige ihren Siegeszug antrat. Jetzt endlich – und erst recht mit der Entdeckung der freien Liebe in der Flower-Power-Zeit – konnte sich ihre Prosa voll und ganz entfalten, sie reicht von gefühlvoll (»Unter Einbringung meiner Empathie wünsche ich mir einen lebhaften Dialog, der vielleicht in eine gemeinsame Zukunft mündet. Wenn ich einmal anfange zu lieben, dann höre ich nicht mehr auf.«) bis hin zu explizit und schamlos (»mollige Dreilochnymphe«, »Wüstling sucht Wüste«).

In einer Kontaktanzeige kann der Inserent alles sagen, was er will – über sich selbst ebenso wie über seinen Wunschpartner. Keine leichte Aufgabe, denn dazu müsste er sich erst einmal im Klaren darüber sein, wer er ist (oder als wer er gerne gesehen werden möchte), was er will, träumt und fürchtet. Fragen, die die meisten Menschen sich ihr ganzes Leben lang nicht gestellt haben, geschweige denn beantwortet. Es verwundert also nicht, dass manch einer eher vage bleibt: »Ich, 32, suche auch eine Frau. Wer will, kann mir schreiben. Ich bin Dieter.« Oder: »Suche eine nette Partnerin, treu und ehrlich und verschiedene allgemeine Attribute. Ich bin ein bisschen altmodisch. Bin gerne drin und draußen.« Und manch einer kapituliert gleich: »Ich bin ein vielschichtiger Mensch, beschreiben ist da nicht einfach. Aber es zu erleben lohnt sich dann doch.« Dabei ist die Rezeptur der Kontaktanzeige doch einfach: schlank, sportlich, attraktiv oder gutaussehend, gepflegt, kultiviert, unkompliziert, usw. usf.

Wie sich die Menschen stattdessen darstellen und welche Ansprüche sie an ihr Gegenüber haben, das ist mal rührend und mal grotesk, mal extravagant und mal ernsthaft beunruhigend – in der fabelhaften Interpretation von Roger Willemsen und Katrin Bauernfeind ist es aber vor allem urkomisch. Will man das Leben in all seiner wunderbar bizarren Pracht erfassen, genügt ein Blick in die Welt der Kontaktanzeigen, in der es alles, wirklich alles, gibt – jede Sorte von Mensch und Unmensch:

Gradlinige: »Ich bin dick, 42 und aus Krefeld.«

Humorlose: »Ich lache nicht im Keller. Demnächst mit dir.«

Desillusionierte: »Ich weiß mich zu benehmen, habe eine Arbeit, die ich mag. Und was ist nach der Arbeit? Nichts. Erwartungen habe ich keine.«

Intolerante: »Suche feminine Witwen, die sich ihrer Weiblichkeit bewusst sind. AIDS und Migräne sollten sie nicht haben.«

Romantiker: »Habe Häuschen. Da würden wir leben.«

Philosophen: »Ich habe Spaß daran, mich tief ins Leben einzudenken und dann alles auf einen knappen Satz zu reduzieren.«

Flexible: »Bei Gefallen gutaussehend.«

Kompromisslose: »Was ich nicht mag: Schweißsocken in meinem Bett, Smalltalk, Zigarettenrauch, Parfüm und was sonst alles noch so stinkt und nervt, dumm und dreist ist.«

Willkürliche: »Bei mehreren Zuschriften entscheidet das Los.«

Junge: »Angst vor der isolierten Zukunft, vegetiere zwischen Punk und Depressivität. […] Welches weibliche Wesen zieht mich da raus, gibt mir wieder Kraft und Halt? Bin 23 und undefinierbar.«

Alte: »Bin Rentner, 72, und suche jemanden, der das Leben genauso satt hat wie ich.«

Verrückte: »Alleinstehender Mann, der auf Kettensägen und Eishockeymasken steht, sucht gleichgesinnte Frau. Keine Verrückten bitte.«

Poeten: »Ineinander passen alle. Zueinander nur wenige.«

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8 Kommentare zu „Die wunderbare Welt der Kontaktanzeigen mit Roger Willemsen und Katrin Bauerfeind

  1. Sehr toll hört sich das an — danke fürs Aufmerksammachen (überhaupt habe ich alle Deine Berichte von dem Festival äußerst gerne gelesen)! Ich hoffe, die beiden machen mit dem Programm auch irgendwann mal bei mir in der Nähe Station. Falls nicht, bleibt ja immerhin das Hörbuch.

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    1. Danke für deinen Besuch, lieber Christoph, und für die netten Worte!

      Willemsen tourt ja immer sehr ausgiebig mit seinen Programmen, gut möglich also, dass er auch bei dir vorbeikommt – wo auch immer das ist. 😉 Und sonst ist das Hörbuch bestimmt ein angemessener Trost.

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