Christian Ankowitsch oder Warum Einstein niemals Socken trug

»Nein, es ist nicht egal, was ihr unten drunter anhabt.«

Als ich an diesem Abend zwanzig vor acht den Saal der Alten Feuerwache betrete, ist er bereits ordentlich gefüllt. Die Veranstaltung ist beinahe ausverkauft, halb Mannheim scheint gekommen zu sein, um jenen Mann zu sehen, der vielen als »grandioser Verwalter des unnützen Wissens«, wie Roger Willemsen es in seiner Ankündigung ausdrückt, bekannt ist, einigen aber auch als Moderator des Klagenfurter Bachmann-Wettlesens: Christian Ankowitsch. Gerade ist sein neuestes Buch bei Rowohlt Berlin erschienen, Warum Einstein niemals Socken trug. Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst, nun präsentiert er es zum ersten Mal vor Publikum. Und greift zu Beginn die Worte des Gastgebers auf: Ob es sich hierbei um unnützes Wissen handelt, darüber sollen die Zuschauer am Ende des Abends selbst urteilen.

Dass es eine ungewöhnliche Veranstaltung werden würde, das lässt die Ausstattung der Bühne erahnen: Kein Pult und kein Stuhl stehen da wie sonst bei Lesungen, stattdessen ein Barhocker in der Mitte, seitlich davon ein Bestelltisch mit ein paar Utensilien sowie ein Garderobenständer, an dem ein weißer Kittel hängt, und vorne links ein Trampolin. Ja, ganz recht, ein Trampolin. In den folgenden anderthalb Stunden beißt Ankowitsch auf einen Bleistift, verkleidet sich, hüpft, geht auf und ab; meistens aber sitzt er auf dem Barhocker, einen Stapel Karteikarten in der Hand, und erklärt auf ebenso erhellende wie vergnügliche Art, wie wir all das – Gestik und Mimik, Körperbewegungen und Kleidung – gezielt einsetzen können, um uns das Leben ein klein wenig leichter zu machen.

Ein Bestreben des Festivals ist es, immer wieder Brücken von der Literatur zur Politik, aber auch zur Wissenschaft zu schlagen. Dies ist einer jener Abende, an denen genau das geschieht. Denn so extravagant die Requisiten auch anmuten mögen und so unterhaltsam Ankowitsch seine Thesen vermittelt, wird doch schnell deutlich, dass es sich um ernst gemeinte Hilfestellungen handelt, denen fundierte Kenntnisse zugrunde liegen. Ausgangspunkt dieser Ratschläge ist die Annahme, dass unser Denken sowohl von unserem Körpergefühl als auch von unserer Umgebung, davon, wie wir sie wahrnehmen und wie wir uns in ihr bewegen, beeinflusst wird. Und dass wir im Umkehrschluss unser Denken selbst beeinflussen können, indem wir diese Dinge bewusst steuern.

Ankowitsch gibt also Handlungsanweisungen für den Alltag, deren Ziel es ist, unsere kognitiven Fähigkeiten zu stimulieren und unsere Stimmung zu heben, und stützt sie – um den Verdacht zuvorzukommen, es handele sich um Trivialitäten oder gar um esoterische Weisheiten – auf allerhand wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse. So bezieht er sich auf George Lakoffs und Mark Johnsons Standardwerk Leben in Metaphern, um zu erläutern, warum Trampolinhüpfen positive Energien freisetzt. Das ist mitnichten so trocken, wie es klingen mag, denn der bühnenerfahrene Ankowitsch hat ein Gespür für skurrile Geschichten und ist ein derart geistreicher Erzähler, dass es zu kaum einen Zeitpunkt fad wird, ganz gleich wie nüchtern die Materie ist.

Ein paar Anregungen gefällig, zusätzlich zum Trampolinspringen? Et voilà (für Erläuterungen bitte das Buch Warum Einstein niemals Socken trug hinzuziehen):

  • Lächelt! Und wenn es gerade keinen Grund zum Lächeln gibt, dann nehmt einen Bleistift zwischen die Zähne, der Effekt ist derselbe: Es hebt die Stimmung, was sich wiederum förderlich auf das Denkvermögen auswirkt.
  • Umklammert mit beiden Händen eine Tasse mit heißem Kaffee oder warmer Suppe, und schon nehmt ihr eure Umgebung und die Menschen um euch herum positiver wahr.
  • Tragt einen Arztkittel, wenn ihr genauer und sorgfältiger arbeiten wollt; tragt hingegen einen Künstlerkittel, wenn ihr eure Kreativität freisetzen wollt. Kleidung hat eine Essenz – darum ist es für eure Selbstachtung auch nicht gleich, was ihr unten drunter anhabt.
  • Setzt euch auf einen harten Stuhl, um euer Urteil zu schärfen.
  • Gestikuliert viel in Prüfungssituationen: Das verhilft dem Gegenüber, zu der Überzeugung zu kommen, ihr würdet die Lösung kennen, selbst wenn ihr sie nicht benennt.

Vieles macht Ankowitsch, um den Stoff anschaulich zu vermitteln, nur das Naheliegendste nicht: lesen. Hier wird auf konsequente Weise vorgeführt, was die Köpfe hinter lesen.hören meinen, wenn sie sagen, sie wollen das Format der Lesung aufbrechen – das Ergebnis ist ein ausgesprochen kurzweiliger Abend. Bei allem Entertainment geht in diesem Fall der Ansatz, ein eigenständiges Bühnenprogramm zu entwickeln, jedoch auf Kosten des Buches. Wie es strukturiert ist und welchen Duktus es hat, inwiefern es sich vom herkömmlichen Ratgeber unterscheidet, kurzum: wie viel Ankowitsch darin steckt, davon bekommt man allenfalls eine diffuse Vorstellung. Eine kurze Lesung, beispielsweise der Einleitung, hätte der Veranstaltung in dieser Hinsicht gut getan.

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2 Kommentare zu „Christian Ankowitsch oder Warum Einstein niemals Socken trug

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