So Long, Longlist: Teresa Präauer und Martin Lechner

»Man muss provokant vorgehen gegen die Übermacht der Themenromane

Der eine stand vergangenes Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, wurde aber dennoch vergleichsweise wenig beachtet und geriet mit Bekanntgabe der sechs Finalisten, zu denen er nicht zählte, schnell wieder in Vergessenheit. Der andere hatte es gar nicht erst auf die Longlist geschafft. Es ist die Rede von den Romanen Kleine Kassa von Martin Lechner (Residenz Verlag) sowie Johnny und Jean von Teresa Präauer (Wallstein Verlag): Sie stehen im Mittelpunkt dieses Abends und mit ihnen der Versuch, über »den selektierenden Tellerrand« von Listen und Preisen hinauszublicken und die Aufmerksamkeit auf Bücher zu lenken, die in diesem Rummel verloren gehen. Dass nun ausgerechnet Präauer für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert werden und jede Menge Aufmerksamkeit erhalten würde, damit konnten die Macher von lesen.hören bei der Konzipierung der Veranstaltung ja nicht rechnen.

Mit »So Long, Longlist« ist dieser Abend überschrieben: Leb wohl, Longlist. Eine Abkehr von den Listen also, auch und vor allem – so wünscht es sich Lechner – seitens der Kritik: Immer würden dieselben Bücher besprochen, dabei sei es doch viel lohnenswerter, sich mal freizumachen von den Zwängen und mehr Subjektivität zuzulassen. Aber man könne den Titel der Veranstaltung auch wörtlich nehmen, ergänzt er: Die Longlist sei viel zu lang, niemand könne sich all die Nominierten merken, weshalb alle bei der Shortlist aufatmen und dann auf den Gewinner warten würden, den sie vielleicht sogar lesen. Eine echte Auseinandersetzung mit den Büchern finde nicht statt, es gehe allein um Sieg und Niederlage. So sieht es auch Präauer, die es seltsam findet, auf einmal mit anderen Autoren als »Konkurrenten« zusammengespannt zu werden und der ganzen Prozedur derart ausgeliefert zu sein.

Durch das Gespräch führt an diesem Abend Marion Bösker, Pressesprecherin des Literaturhauses München; es geht um Geld, um den Antrieb zu schreiben und um die Rolle der eigenen Biografie beim Finden der Stoffe. Die beiden Autoren sind sich einig, dass das Erlebte irrelevant ist für ihre Texte: Für sie sei Literatur ein Imaginationsraum, erklärt Präauer, in dem sie all das sagen kann, was sie anderswo vielleicht nicht sagen darf, man müsse also sogar über das Nicht-Erlebte schreiben. Zudem sei ihr wahrer Antrieb die Sprache, das Wie reize sie an einem Buch mehr als das Was, und es sei notwendig, provokant vorzugehen gegen die Übermacht der Themenromane. Der Aussage Böskers, sie sei eine Sprachmalerin, stimmt Präauer jedoch nicht zu, sie würde ihr Vorgehen vielmehr in der Grafik verorten: Es gehe ihr um eine präzise und einfache Sprache, mit streng ausgewählten Wörtern und nicht auf Hochglanz poliert.

Auch Lechner interessiert sich sehr für den sprachlichen Aspekt. So mache es ihm beispielsweise viel Spaß, die Dramatik einer Geschichte auch im einzelnen Satz widerzuspiegeln, ihn mit Spannung aufzuladen. Gerade die deutsche Syntax eigne sich hierzu ja hervorragend, weil man erst am Ende erfährt, was denn nun geschehen ist. Lang und verschachtelt sind denn auch die Sätze in seinem Roman, dessen rasanten Anfang er nun vorliest. Und zwar ein bisschen so, wie sein Held durch den Wald rennt, hastig, atemlos, fiebrig; die Ästhetik des Horrorfilms, durch die die Wahrnehmung des Protagonisten geprägt ist, stellt sich auch akustisch ein. Im Kontrast dazu steht der Vortrag von Präauer: Sie liest mit großer Ruhe und sehr prononciert; immer wieder lässt sie sich vom Lachen des Publikums anstecken und schmunzelt selbst, wenn Johnny und Jean über das Leben sinnieren.

Anschließend wird diskutiert, inwiefern es sich bei den beiden Geschichten um Schelmenromane handelt und wie viel Hochstapler in den jeweiligen Hauptfiguren steckt. Fragen, die ein Stück weit auch von den Texten selbst beantwortet werden, aus denen die beiden Autoren nun jeweils eine zweite Passage lesen. Den Abend beendet Marion Bösker mit zehn »Fragen aus der Hüfte«, einem netten Spiel, bei dem sich das Bild verfestigt, das man sich in den vergangenen zwei Stunden von Teresa Präauer und Martin Lechner gemacht hat: zwei klugen, entspannten Autoren, die sich selbst angenehm zurücknehmen. Insbesondere Präauers Erwiderung auf die letzte Frage ist dabei derart entwaffnend, dass ihr nichts mehr hinzuzufügen ist und sie deshalb auch als Abschluss dieses Artikels stehen soll – auf dass dieser nun ebenso viel Applaus bekommt wie die drei Gäste auf der Bühne.

Wenn mein Buch verfilmt wird, dann von …
Präauer: … Wes Anderson.
Lechner: … David Lynch.

Wenn ich im Lotto gewinne, dann werde ich …
Präauer: … mir ein Atelier kaufen.
Lechner: … mehr schreiben.

Morgens oder abends?
Lechner: Immer morgens.
Präauer: Immer abends.

Berge oder Meer?
Lechner: Meer.
Präauer: Meer.

Kaffee oder Tee?
Lechner: Beides.
Präauer: Kaffee!

Hund oder Katze?
Lechner: Nichts.
Präauer: Nichts.

Fernweh oder Heimweh?
Lechner: Fernweh.

Eine Person in der Gegenwart oder in der Geschichte, die ihr gerne zum Abendessen einladen würdet?
Lechner (verträumt): Monica Vitti.
Präauer (überfordert): Äh, äh, äh … Cranach!

Eine Sportart, die ihr doof findet?
Lechner: Eine Sportart, die ich toll finde, ist Skateboardfahren.
Präauer: Wie heißt das, wo man so ein Ding auf dem Eis schiebt?

Die bedeutendste Erfindung der Menschheit?
Präauer: Vielleicht, dass ein Abend auch mal enden kann.

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4 Kommentare zu „So Long, Longlist: Teresa Präauer und Martin Lechner

  1. Auch ein sehr interessanter Artikel, bzw. zwei Autoren zu denen ich ein bißchen Beziehung habe, da Lechner-Buch habe ich kurz nach seinem Erscheinen gelesen und besprochen, muß aber sagen, daß es mich nicht so besonders begeistert hat, wahrscheinlich habe ich ein Problem, mit den „Hans im Glück-Motiven“, da tun mir die Helden immer leid und Teresa Präauer sehe ich manchmal im Literaturhaus oder in einem Cafe, habe ich ja das „Glück“ in Wien zu wohnen, habe aber noch nicht sehr viel von ihr gelesen, so bin ich auf das Buch und wie es in Leipzig aufgenommen wird schon sehr gespannt. Sie ist glaube ich eine sehr interessante Autorin, die würde ich mal schätzen, auch ganz gut zu Wolf Haas, Klaus Nüchtern und Tex Rabinowitz passt.

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    1. Kleine Kassa habe ich noch nicht gelesen, dafür aber Johnny und Jean, das ich hier besprochen habe. Ein ganz bezauberndes Buch, weil witzig, überraschend, ein bisschen verrückt.

      Und weil du Wolf Haas ansprichst: Sie hat ja auch mal – aber das weißt du vermutlich – mit ihm zusammengearbeitet, und zwar beim Bilderbuch Gans im Gegenteil, das sie illustriert hat. Insofern: Ja, sie passen ganz wunderbar zusammen und ergänzen einander.

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      1. Ich sehe sie manchmal zusammen. Habe mich jetzt ein bißchen in dieses Literatur Festival eingelesen, was sehr spannend sein dürfte und sehr Wien bezogen. Kommt noch etwas zu der Seethaler Lesungen? Den habe ich vor kurzem im MUSA gehört?

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      2. Ja, über Seethaler werde ich ebenfalls berichten. Ich habe ihn bereits im Literaturhaus Frankfurt erlebt und war sehr angetan.

        Und deine Beobachtung stimmt: Dieses Jahr ist das Festival ungewöhnlich österreich-zentriert. Ich nehme an, das ist Zufall, werde aber noch mal bei den Programmleitern nachhaken.

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