Zwei alternde Enthusiasten: Klaus Nüchtern und Tex Rubinowitz

»Ich kann nichts. Aber ich kann erzählen und Sie zum Lachen bringen.«

Was weiß ich eigentlich über diese beiden Herren, frage ich mich vor Beginn der Veranstaltung und komme zu einem ernüchternden Schluss. Tex Rubinowitz: hat im vergangenen Jahr das Bachmann-Wettlesen gewonnen; veröffentlicht demnächst sein neues Buch Irma im Rowohlt Verlag. Klaus Nüchtern: –. Das ist nicht viel. Abhilfe verschafft die Alte Feuerwache Mannheim, die auf ihrer Facebook-Seite sukzessive den Mailaustausch der beiden veröffentlicht. »ich weiß ja nicht, was die von uns wollen«, schreibt Klaus Nüchtern da zum Beispiel, »aber uns fällt schon was ein.«

Und weiter: »›ein abend mit zwei alternden enthusiasten‹ wäre doch ein schöner arbeitstitel – da könnten wir uns dann wegschwärmen über dinge, die wir lieben; vielleicht ein bissl was vorspielen und herzeigen, lesen und plaudern.« Der Ankündigungstext im Programmheft, übrigens ebenfalls von Nüchtern und Rubinowitz verfasst, verweist zudem auf Überschneidungen in ihren Biografien und Vorlieben: beide 1961 geboren und in Wien lebend, beide bei der Stadtzeitung Falter tätig, beide Marathonläufer, Biertrinker und Ringelshirts-Träger. Jetzt weiß ich zwar nicht unbedingt mehr über sie, aber immerhin: Ich ahne, dass es schräg wird.

Bier steht an diesem Abend auf beiden Tischen, doch die Passion für Ringelshirts bringt leider nur einer von ihnen zum Ausdruck, Klaus Nüchtern trägt stattdessen ein grau-rosa-geblümtes Hemd. Ansonsten kommt es in etwa so wie erwartet. Nüchtern erläutert zu Beginn, dass er und Rubinowitz öfter gemeinsam lesen und eigentlich immer auch einen Plan hätten, dass Rubinowitz besagten Plan aber spätestens nach zwei Minuten über den Haufen werfe und er selbst, Nüchtern, dann grantig werde. Letzteres tritt zwar diesmal nicht ein, doch die Planlosigkeit ist tatsächlich Programm.

Nüchtern und Rubinowitz mäandern durch die Veranstaltung, indem sie aus ihren Büchern lesen und um das Gelesene herum erzählen, und während der eine dran ist, blättert der andere in seinen Zetteln – viel scheint hier spontan zu passieren. Vor allem Rubinowitz holt weit aus, um seine Texte anzukündigen, selbst beim Lesen unterbricht er sich immer wieder und schiebt Erläuterungen und Geschichten ein. Und er tut gut daran, denn es stimmt, was der Vorsitzende der Bachmann-Jury, Burkhard Spinnen, einst zu ihm sagte: »Sie lesen scheußlich.« Er habe lauter fünfen auf seinen Zeugnissen gehabt und könne nichts, sagt Rubinowitz nun. »Aber ich kann erzählen und Sie zum Lachen bringen.«

Wohl wahr: Gelacht wird viel an diesem Abend. Über die Anekdoten und darüber, wie sich Rubinowitz und Nüchtern gegenseitig aufziehen, aber natürlich auch über die Texte selbst. Nüchtern liest seine Kolumnen aus dem Falter, zuletzt in dem Band ok ist eh ok versammelt, Rubinowitz vorrangig aus dem Buch Die sieben Plurale von Rhabarber, einmal auch eine längere Passage aus Irma. Einige der Texte sind tatsächlich großartig, allen voran Nüchterns »Wenn Kehlmann zweimal klingelt« und auch manche von Rubinowitz’ irrwitzigen Listen, etwa darüber, wie man Enten fertigmachen kann oder was für Notizen Psychiater sich während der Sitzungen machen.

Eine etwas gezieltere Auswahl hätte der Veranstaltung jedoch nicht geschadet: Nicht alle Texte können in gleichem Maße begeistern, und es entstehen einige Längen. Zudem ist es bedauerlich, dass die beiden im Wechsel je zehn, fünfzehn Minuten lang reden und lesen, dabei aber kaum miteinander ins Gespräch kommen – ungefähr so, wie die vorab veröffentliche Mailkorrespondenz es in Ausblick gestellt hatte. Wie Nüchtern und Rubinowitz, die immerhin seit einem Vierteljahrhundert befreundet sind, einander also sehr gut kennen, gemeinsam »wegschwärmen über dinge, die wir lieben« und sich in einen Schlagabtausch begeben, das wäre mit Sicherheit unterhaltender als mancher der Texte und Monologe.

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5 Kommentare zu „Zwei alternde Enthusiasten: Klaus Nüchtern und Tex Rubinowitz

  1. Das sind zwei vielleicht ein bißchen schräge Österreicher und kulturell seit langen tätig beim Falter, Rubinowitz ist Zeichner, hat wahrscheinlich für die meisten sehr überraschend den Bachmannpreis gewonnen, Klaus Nüchtern war glaube ich schon der Bachmann Jury und ist in Wien in einigen anderen literarischen Jurries, ist also ein stadtbekanntes Kulturgewicht und spannend, daß die zwei bis nach Deutschland finden, das heißt Rubinowitz ist ja von dort nach Wien gezogen. Ich bin gespannt auf seine preisgekrönten Roman und war vor Jahen einmal bei einer Lesung der zwei im Literaturhaus, da war es sehr voll

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  2. Und Alter? Wir werden alle älter, die beiden sind aber Kinder glaube ich der Sechzigerjahren, also jünger als ich und würde mich über den Ausdruck ältere Frau wundern und mich nicht so sehen

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    1. Danke dir für die Infos! Zugegeben: Ich habe etwas mit meinem Unwissen kokettiert, um einen (mehr oder weniger gelungenen) Einstieg in den Artikel zu haben. In Wirklichkeit habe ich mich vor der Veranstaltung natürlich über die beiden informiert, und auch währenddessen kam vieles von dem, was du erwähnst, zur Sprache.

      Auf Irma war ich auch gespannt, aber seltsamerweise war der Roman kaum Thema an diesem Abend. Rubinowitz las zwar eine längere Passage daraus vor, erzählte auch einiges dazu, aber nichts über das Buch im Allgemeinen: Worum geht es darin? Ist es ein Roman oder etwas anderes? Ich konnte es überhaupt nicht fassen und somit auch die gelesen Passage schlecht einordnen, was mich leider auf Abstand zu dem Buch hielt.

      Und was den Titel der Veranstaltung und auch meines Artikels betrifft, liegt wohl ein Missverständnis vor. Wie aus der oben zitierten Mailkorrespondenz der beiden hervorgeht, stammt »Zwei alternde Enthusiasten« von ihnen selbst, nicht von den Machern des Festivals. ich finde, das zeigt ganz schön, dass sie sich nicht so ernst so nehmen und alles, was sie tun und sagen, mit einem Augenzwinkern begleiten. Eine charmante Angewohnheit.

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  3. Liebe Frau Catarina,
    danke für die aufmerksame Nachberichterstattung. Der Grund, warum ich nicht oder wenig oder kaum aus Irma gelesen habe, lag daran, dass es nicht gepasst hätte, das Buch ist nicht durchgehend lustig, sondern mitunter „schwer“, verstörend, brutal gar. Teile daraus aus dem Kontext gerissen und in den vergnüglichen Kontext der kurzen und präzisen Kolumnen und Listen verfrachtet, wären irgendwie verhungert und hätten die Leute ratlos gelassen, es wäre ein zu großes Ungleichgewicht entstanden, das wollte ich vermeiden. Wenn ich alleine dort gewesen wäre, hätte ich mit Sicherheit mehr daraus gelesen, und hätte mehr erklärt, aber so sollte das eigentlich ein 50/50 Abend sein, also das wir einen gleichberechtigten Wortanteil haben, ich fürchte aber, dass meiner etwas länger war. Aber alles in allem, ein sehr tolles Publikum, sehr tolle Veranstalter, und ein hervorragender Raum. Schade, dass sich nicht herausfinden ließ, woher die Zeile „um 5 Uhr kommt mein Mann heim“ stammt, und sich die Suche nach Frauke Jacobs nur ein winziges Bild auf einem Handtelefon zeitigte.
    Schöne Grüße
    Tex Rubinowitz

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    1. Lieber Tex Rubinowitz,
      merci für den Besuch und die erhellenden Worte über Irma bzw. darüber, warum Sie es nicht in den Mittelpunkt gestellt haben – genau die hätten vielleicht auch am Abend selbst gutgetan. So aber blieb man (nein: ich) leider vor allem ratlos zurück, weil die gelesene Passage nur schwer in das restliche Programm eingeordnet werden konnte und daher wie ein Bruch wirkte.

      Sei’s drum: Ein vergnüglicher Abend war es allemal!

      Für Ihre Suche nach Frauke Jacobs wünsche ich Ihnen alles Gute.
      Herzlichst,
      caterina

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