Karen Köhler liest aus »Wir haben Raketen geangelt«

»Wir könnten Helden sein. Nur für einen Tag.«

Wer meinem Blog folgt, der weiß, dass ich voreingenommen bin, was die gestrige Lesung im Rahmen des Mannheimer Festivals lesen.hören angeht. Dass Karen Köhlers Erzählband Wir haben Raketen geangelt in meinen Augen zu den besten und schönsten Büchern gehört, die im vergangenen Jahr erschienen sind, habe ich an der einen oder anderen Stelle bereits erwähnt. »Die Storysammlung ist ein Gesamtkunstwerk«, schrieb ich unter anderem. »Köhler hat alles richtig gemacht – bis auf eine Sache: Sie hätte schon viel früher debütieren sollen, denn kühne und außergewöhnliche Texte wie diese braucht die deutschsprachige Gegenwartsliteratur.«

»Hui, seid ihr viele!«, sagt die Autorin, kaum hat sie auf der Bühne Platz genommen. Und recht hat sie: Rund hundertfünfzig Besucher dürften sich an diesem Abend in der Alten Feuerwache eingefunden haben – für die Lesung einer Debütantin, die zumal bereits seit einem halben Jahr mit ihrem Buch durch die Republik tourt, ist das allerhand. Ein Synergieeffekt: Bei lesen.hören stehen Veranstaltungen mit bekannten Künstlern und solche mit Neuentdeckungen nebeneinander, und die allermeisten sind hervorragend besucht. Das Mannheimer Publikum vertraut den Machern des Festivals, lässt sich auch auf jene Programmpunkte ein, die eher als Geheimtipps gelten. Und ist am Ende gänzlich mitgerissen.

Ähnliches ist mir im vergangenen Jahr bei Kirsten Fuchs aufgefallen: Man möchte meinen, das klassische Lesungspublikum könne mit der Berliner Lesebühne wenig anfangen, aber weit gefehlt! Der Saal war in etwa so voll wie nun bei Karen Köhler, die Zuschauer genauso verzückt. Es mag zwar dem Rahmen zu verdanken sein, dass so viele herkommen, doch es sind die Autorinnen, die mit ihrem Charme und ihren wundervollen Texten das Publikum schließlich für sich gewinnen. Wie Fuchs ist Köhler bühnenerfahren: Sie ist ausgebildete Theaterschauspielerin, weiß ihre Stimme so zu modulieren, dass man ihrer auch nach einer Stunde Lesung nicht überdrüssig wird. Dazu sind die wenigsten Autoren imstande.

Sie liest an diesem Abend die Geschichte »Cowboy und Indianer«, eine derjenigen im Erzählband, die mich am meisten beeindruckt und bewegt haben. Eine Geschichte, die zugleich komisch und schmerzhaft ist – gerade lacht man noch und im nächsten Moment folgt der Schlag in die Magengrube. Es geht um eine junge Frau, die im Death Valley strandet und auf einen Indianer trifft; in Rückblenden erfährt man von ihrer Kindheit und davon, wie die anderen immer die Cowboys sein wollten und sie selbst der Indianer. Davon, wie dieses Spiel schon bald seine Unschuld verlor und Narben hinterließ, die erst jetzt, auf diesem Road Trip nach Las Vegas gemeinsam mit dem Indianer, allmählich verheilen.

Wir fahren. Wir fahren mit Wind in den Fenstern. Wir fahren mit Musik in den Ohren. Wir sind zwei Delphine im Wasser. Einer davon fast blind. Wir könnten Helden sein. Nur für einen Tag. Ich, ich wäre der König. Und du, du wärst die Königin.

Während sie die Erzählerstimme angenehm unaufgeregt liest, spielt sie in den Dialogen gekonnt mit den Tönen, ihr Repertoire erstreckt sich von der gelangweilten Telefonistin bis hin zum sich rau gebärdenden Halbstarken. Das Publikum hängt förmlich an Köhlers Lippen, hört konzentriert zu, lacht immer wieder laut auf. Lang ist der Applaus, mit dem die Autorin am Ende bedacht wird, lang ist schließlich auch die Schlange vorm Büchertisch. Karen Köhler, die auch als Illustratorin tätig ist (den Buchumschlag hat sie zum Beispiel selbst entworfen), signiert nicht einfach nur, sondern widmet jedem Leser eine kleine Zeichnung; mal ist es eine fliegende Rakete, mal ein Indianer.

Hinterher setzen wir uns im kleinen Kreis zusammen, trinken Wein und reden. Über gelungene und missglückte Lesungen, über Poetry Slams und Haul-Videos, über das Schreiben und Verlegen und Lesen von Büchern. Den Backstagebereich haben wir längst verlassen, wir sind oben in der Turmwohnung der Alten Feuerwache und blicken über das nächtliche Mannheim bis hin zur mächtigen BASF-Anlage in Ludwigshafen. Hier, in dieser Turmwohnung, nächtige ich während der Zeit des Festivals, hier lasse ich die Abende Revue passieren und schreibe meine Artikel. Ich wünschte, ich hätte ganzjährig einen derartig anregenden Arbeitsplatz.

Karen Köhler: Wie haben Raketen geangelt. Hanser Verlag, München 2014, 240 Seiten, 19,90 €.

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10 Kommentare zu „Karen Köhler liest aus »Wir haben Raketen geangelt«

  1. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Zuhörer an Köhlers Lippen gehangen sind, weil ich gerade der Hörbuchvariante von „Wir haben Raketen geangelt“ lausche und mich ein jedes Mal, wenn der Alltag meine Aufmerksamkeit zurückfordert, kaum überwinden kann, die Kopfhörerstöpsel aus meinen Ohrmuscheln zu ziehen.

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    1. Von Sandra Hüller gesprochen, wie schön! Leider sind Hörbücher überhaupt nicht mein Medium, ich schaffe es einfach nicht, die nötige Konzentration aufzubringen, und schweife schon nach wenigen Minuten ab. Aber vielleicht fehlt mir auch nur die richtige Beschäftigung, Autofahren zum Beispiel. Dir jedenfalls weiterhin viel Freude beim Abtauchen.

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      1. Ach, Verzeihung, falsch gelesen. Umso schöner! (Ändert nur leider trotzdem nichts an meiner Hörbuchphobie. Aber ich hab’s ja schon gelesen und dich lesen gehört – das ist, zusammengenommen, wie Hörbuchhören. 😉 )

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