Sie und Er. Ein Polgar-Abend mit Senta Berger

»Vielleicht ist es Liebe. Vielleicht ist es Schwäche.«

Fast genau ein Jahr ist es her, dass ich an dieser Stelle saß, in der Alten Feuerwache Mannheim, erste Reihe links, und dass Roger Willemsen seinem Kollegen und Freund Dieter Hildebrandt gedachte, der im Winter zuvor verstorben war. Es war der furiose Auftakt zum Literaturfest lesen.hören, das ich zehn Abende lang begleitete. Nun geht das Festival in die neunte Runde, Schirmherr und Programmleiter Willemsen steht erneut auf der Bühne – aber nur, um ein paar einleitende Worte zu sprechen, gewohnt leidenschaftlich die Veranstaltungen der kommenden Tage zu preisen und schließlich das Wort dem eigentlichen Star des Abends zu überlassen: Senta Berger.

Genau genommen sind die Stars an diesem Abend zwei: Neben der Schauspielerin Senta Berger ist es der 1873 geborene und 1955 verstorbene Wiener Literat und Feuilletonist Alfred Polgar, dem die Veranstaltung gewidmet ist. Um ihrer Bewunderung und ihrer Ehrfurcht vor diesem scharfsinnigen und wortgewandten Autor Ausdruck zu verleihen, zitiert Berger zunächst Marcel Reich-Ranicki, der im Vorwort der von ihm herausgegebenen Werkausgabe Kleine Schriften meint: »Man müsste so schreiben können, wie Polgar schreibt, um beschreiben zu können, wie Polgar schreibt.« Er sei ein Sprachkünstler gewesen, so Berger, selbst Kurt Tucholsky habe ihn verehrt.

Wie genau das klingt, das zeigt Berger nach einer sehr knapp gehaltenen Einführung in die Person und das Werk Polgars. Einzig der Hinweis auf seine Wiener Herkunft scheint wichtig, auf sie sei die »Skepsis« zurückzuführen, die sowohl seine Kritiken als auch seine Kurzprosa auszeichne. Die Texte, die die Schauspielerin unter dem Motto Sie und Er zusammengestellt hat, handeln allesamt vom Spannungsverhältnis zwischen Mann und Frau, zwischen Liebe und Leidenschaft. Polgar selbst bringt es folgendermaßen auf den Punkt: »In der Liebe ist es besser, Zwei zu bleiben, anstatt – wie es die festlich-erotische Formel verlangt – Eins zu werden.«

Es sind Einakter voller Esprit, bissiger Ironie und auch ein bisschen Bosheit: Sie entblößen die Lächerlichkeit der Liebenden, sezieren ihre ewige Reibung, die Diskrepanz zwischen Gesagtem und Gedachtem. »Vielleicht ist es Liebe«, sinniert einer der Männer an einer Stelle, »vielleicht ist es Schwäche«. Gelesen von Senta Berger werden sie zu kleinen Theaterstücken, die Schauspielerin braucht dafür kein Bühnenbild, keine Requisiten, keine anderen Darsteller, sondern einzig ihre Stimme, die angenehm sonor ist, ihre Gestik und Mimik. Zwischen den Texten sorgt Lorenzo Di Toro vom Nationaltheater Mannheim für die passende musikalische Untermalung, indem er beschwingte bis stürmische Stücke am Piano zum Besten gibt.

Für die Zugabe wählt Berger eine Geschichte über das, wie sie sagt, selbstverliebte und heuchlerische Wien, »Der verlogene Heurige«. Hier läuft sie noch einmal zur Höchstform auf, mimt einen Betrunkenen, spricht in breitem Dialekt, stimmt Volkslieder an. Leider ist es das einzige Mal, dass sie sich vom Liebesmotiv wegbewegt, die volle Bandbreite von Polgars Schaffen kommt hier nicht zum Tragen. Das ist vor allem deshalb schade, weil die Erinnerung an Polgar gerade jetzt durch die späte Entdeckung seiner Marlene-Biografie eine Wiederbelebung erfährt. Doch dieses Versäumnis ist ein kleiner Wermutstropfen, denn zugegeben: Der Zyklus »Sie und Er« eignet sich ganz hervorragend für die Bühne, insbesondere in der gelungenen Interpretation von Senta Berger wird er zu einem kurzweiligen Abendprogramm.

2 Gedanken zu “Sie und Er. Ein Polgar-Abend mit Senta Berger

  1. Liebe caterina,
    ich freue mich, dass du wieder beim Literaturfest »lesen.hören« in Mannheim dabei bist und uns mit schönen Berichten wie diesem bereichern wirst. Ich wünsche dir in der Alten Feuerwache eine inspirierende, aufregende und wundervolle Zeit.

    Sei ganz lieb gegrüßt
    Klappentexterin

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    1. Liebe Klappentexterin,
      und ich freue mich erst! Leider bin ich nur an zehn von siebzehn Veranstaltungen anwesend, aber dafür sind es mutmaßlich zehn sehr schöne. Heute Abend Karen Köhler, morgen Klaus Nüchtern und Tex Rubinowitz, danach u.a. Teresa Präauer und Robert Seethaler; dazwischen auch immer wieder Sachen, die ich normalerweise nicht auf dem Schirm hätte. Inspirierend wird es also mit Sicherheit! Und ich freue mich auf eine ganze Woche in ‚meiner‘ kleinen Turmwohnung in der Alten Feuerwache, von wo aus ich wieder über ganz Mannheim blicken kann. 😉

      Schöne Grüße zurück!
      caterina

      Gefällt 1 Person

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