Literaturfest »lesen.hören« in Mannheim: ein Gespräch mit Roger Willemsen

Roger Willemsen© Mathias Bothor

»Die Literatur ist so reich.
Es wäre fatal, sie auf die Lieblinge des Feuilletons zu beschränken.«

Roger Willemsen war und ist vieles: Buchautor, Herausgeber und Übersetzer, Essayist und Kolumnist, Fernsehmoderator, Regisseur und Darsteller, Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin, Schirmherr des Bonner Literaturhauses sowie des Afghanischen Frauenvereins. – Und er ist Kurator des Literaturfests »lesen.hören« in der Alten Feuerwache Mannheim, das nun zum neunten Mal stattfindet und das ich wie schon im vergangenen Jahr als Bloggerin begleite. Zur Einstimmung habe ich mich mit Roger Willemsen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Festivals unterhalten.

Sie sind gerade auf einer Recherchereise in Japan. Können Sie schon etwas über Ihr aktuelles Projekt erzählen?

Tatsächlich, ich komme nach Mannheim fast direkt aus Tokio und werde zur Eröffnung noch Jetlag haben. Gerade treibe ich Recherchen für ein Buch, das ich unbedingt lesen will, da es aber nicht existiert, will ich versuchen, es selbst zu schreiben. Bis ich aber weiß, ob es dieses Buch geben kann, brauche ich noch ein bisschen. Ich habe auch Projekte schon mal nach 300 Seiten abgebrochen …

In drei Tagen geht es weiter nach Mannheim. Was ist Ihre erste Erinnerung an diese Stadt?

Aus der Ferne hatte Mannheim immer etwas kulturgeschichtlich Revolutionäres mit Schiller, der Mannheimer Schule … Als ich dorthin kam, passte die Atmosphäre der »Feuerwache« genau zu meinem Bild. Schiller wäre bestimmt gerne da aufgetreten und hätte Randale gemacht.

Was schätzen Sie an dem Kulturort Alte Feuerwache? Was unterscheidet ihn von anderen?

An den meisten Orten, an die man kommt, werden Veranstaltungen professionell abgewickelt, die Beteiligten sprechen Kulturmanagement-Denglisch fließend, aber der seltene Rohstoff Enthusiasmus hat sich verflüchtigt. Das war in der »Alten Feuerwache« immer anders und ist es noch. Da brennen selbst die Techniker für die Sache. Ich habe es dort nicht mit Veranstaltern zu tun, sondern mit Freunden.

Bei der ersten Ausgabe von »lesen.hören«, 2007, waren Sie als Gast geladen, im Jahr darauf übernahmen Sie die Schirmherrschaft, nun sind Sie zum zweiten Mal in Folge auch Programmleiter. Warum liegt Ihnen gerade dieses Festival so sehr am Herzen?

Mit den Jahren baut man etwas auf. Das Festival wird immer erfolgreicher, immer mehr Leute kaufen Karten für mehrere Veranstaltungen. Dass lesen.hören ein Ereignis ist, hat sich inzwischen vermittelt, und so geraten wir auch immer näher an Zonen, in die wir wollen – mit allen Farben, allen Akzenten und einem Publikum, das uns vertraut und selbst dann kommt, wenn es die Akteure vielleicht nicht kennt.

Sie engagieren sich auch für andere Literaturfestivals, etwa für die LitCologne. Worin sehen Sie die Vorteile – und vielleicht auch die Nachteile – dieses Formats?

Was die LitCologne mit der Literarisierung einer ganzen Stadt geschafft hat, ist einzigartig in Europa. Davon können wir nur träumen. Wir haben ein sehr eingeschränktes Budget, und was wir auf die Beine stellen, geht manchmal nur, weil die Auftretenden oder die Verlage uns wohlgesonnen sind oder uns unterstützen. Auch müssen wir größere Anstrengungen machen, um das Publikum in die »Feuerwache« zu kriegen, aber wir sind das erste Literaturfestival des Jahres, können manche Premiere anbieten und finden ein Publikum für fast alle Themen.

Das Mannheimer Festival »lesen.hören« zeichnet sich durch seine inhaltliche wie formale Vielfalt aus: Vergangenes Jahr gab es beispielsweise eine Perry-Rhodan-Konzertlesung im Planetarium, dieses Jahr geht es u.a. um Kontaktanzeigen, Briefe und Abendlieder. Warum ist Ihnen die Einbindung verschiedener Formate, Gattungen und Genres wichtig?

Die Literatur ist so reich. Es wäre fatal, sie auf Neuerscheinungen, Lesungen und die Lieblinge des Feuilletons zu beschränken. Sie haben recht, auch dieses Mal gibt es wieder viele Gattungen und Veranstaltungsformen. Wir haben sogar ein Buch im Programm, das brandaktuell und nur als E-Book erschienen ist. Rainer Merkel, einer der besten Reportage-Autoren Deutschlands, hatte ein Jahr in einer Nervenklinik in Liberia gearbeitet und ist nun dorthin zurückgekehrt und hat einen ergreifenden Bericht geschrieben. Er musste in Sicherheits-Quarantäne wegen Ebola, bevor er wieder die Außenwelt betreten durfte, und wird in Mannheim erstmals auf großer Bühne davon berichten. Direkter kann man nicht reagieren.

Was waren für Sie die schönsten Momente in den vergangenen neun Jahren?

Mit einem Gedächtnisabend für Dieter Hildebrandt zu eröffnen im letzten Jahr, das hat mir viel bedeutet. Liao Yiwu, den chinesischen Friedenspreisträger, nach Mannheim zu bringen, war ein Ereignis, aber so viele, von Christoph Ransmayr über Franz Hohler bis zu Kirsten Fuchs, waren auf ihre Weise beeindruckend, genauso wie die Schauspielerinnen Barbara Auer, ChrisTine Urspruch oder Maria Schrader. Man tut unrecht, Einzelne hervorzuheben.

Und auf welche Veranstaltung freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?

Der Afrika-Abend, auch der zum afghanischen Alltag werden ganz sicher besonders. Sie stoßen Fenster zur Welt auf und beweisen den hohen Sachverstand von Autorinnen und Autoren. Der Longlist-Abend mit Teresa Präauer (die inzwischen für den Leipziger Buchpreis auf der Shortlist steht) und der Abend mit den beiden »alternden Enthusiasten« werden vom Publikum vielleicht noch unterschätzt. Sie werden sich wundern!

Können Sie schon einen Ausblick wagen? Wie wird es mit »lesen.hören« weitergehen? Gibt es Dinge, die Sie noch ausprobieren möchten?

Zum 10-Jährigen werden wir uns im nächsten Jahr etwas Besonderes einfallen lassen. Ich würde gerne die Stadt stärker einbeziehen, auch stellen wir dauernd Überlegungen zu einer Schreibwerkstatt an. Am meisten wünsche ich mir, dass sich die Stadt bewusst ist, dass das Festival eine Errungenschaft ist – und damit meine ich mal nicht zuerst die Politik, die sowieso, aber vor allem das Publikum.

Ich danke Roger Willemsen herzlich für dieses Gespräch und wünsche dem Team von »lesen.hören« ein gutes Gelingen!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s