Im Gespräch mit Frank Berzbach

0 Button

»Ich hätte gern einen Mäzen. Aber wer hätte das nicht gern?«

In der Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Heute kommt Frank Berzbach zu Wort, Autor von Die Kunst ein kreatives Leben zu führen (Verlag Hermann Schmidt Mainz). Den Anfang machte vergangene Woche Irina Kramp.

Wer bist du und was machst du mit Literatur?

Frank BerzbachIch unterrichte Literaturpädagogik, schreibe Rezensionen, lese leidenschaftlich gern und schreibe selbst Bücher über Kreativität, Arbeits- und Lebenskunst sowie, eher sporadisch, Erzählungen.

Und was macht Literatur mit dir?

Sie beruhigt mich, entführt mich, irritiert und inspiriert mich.

Wie bist du zu deinem Beruf und zum Schreiben gekommen?

Als Doktorand war mir die Wissenschaft vorerst zu unsicher und ich habe als Journalist gearbeitet und ein Online-Magazin gegründet und einige Jahre geleitet. Zum literarischen Schreiben bin ich über das Unterrichten von Literatur gekommen. Zum verfassen von populärwissenschaftlichen Texten durch meine Psychologieseminare für Kreative.

Wie sieht dein Alltag aus?

Ich beginne sehr gern den Tag mit Meditation und Lektüre. Ich lese leidenschaftlich gern Zeitung, höre Radio, und da ich viel Bahn fahre, trage ich immer Bücher mit mir herum. Wenn ich nicht unterrichten muss, in der vorlesungsfreien Zeit, besteht mein Tag aus Schreiben und Lesen. Dazu gehört alles, vom Brief über das Tagebuch zu Rezensionen, Sachtexten und Erzählungen.

Was war ein besonders schöner Moment in deinem bisherigen Werdegang – ein erfolgreiches Projekt zum Beispiel oder eine inspirierende Begegnung?

Der große Erfolg meines zweiten Buches, Die Kunst ein kreatives Leben zu führen, bringt mir beinah täglich Leserpost und das ist ein auf Dauer gestellter »besonderer Moment«. Er verschleißt bisher nicht, ich gewöhne mich im positiven Sinne nicht daran. Diese Post ist spannend, ernst gemeint, oft auch mit Lob und Kritik versehen. Eine sehr inspirierende Begegnung ist die mit Hanspeter Fiechter, einem Schweizer Maler, mit dem ich nach einer meiner Lesungen in Bern diskutieren durfte und seither einen Briefwechsel pflege. Dann die Begegnung mit Maria-Christina Piwowarski, einer Buchhändlerin aus Berlin. Solche Menschen kennenzulernen verleiht mir Kraft, und sie bringen mich auf eine indirekte Art und Weise zum Schreiben und Erfinden von Geschichten.

Was kann Literatur – oder Kunst im Allgemeinen – in deinen Augen leisten oder bewirken, was muss sie? Muss sie überhaupt irgendetwas?

In der Kunst können wir den Tod überschreiten, wir können Träume erfüllen und das reale Leben aus dem Korsett der puren Vernünftigkeit befreien. Ich erwarte von Texten, dass sie mich durch ihre Stimmung und Atmosphäre und auch ihren Inhalt bereichern. Wenn mir etwas nicht gefällt, höre ich ganz schnell auf mit dem Lesen. Ich mag es, wenn Autoren mir vermitteln, dass ich vieles nicht kenne. Ich will unangestrengt durch Lesen lernen. Ich lerne aus fiktionalen und nichtfiktionalen Texten.

Ich finde, Kunst muss den Bezug zum Handwerk wahren – ich bin ein Liebhaber guter Formen. Das ist altmodisch, aber ich halte, um es provozierend zu sagen, Kreativität für ein Nebenprodukt handwerklicher Meisterschaft. Das ist nicht nur bezogen auf die Hochkultur. Bob Dylan ist ein herausragender Dichter. Ich kann den Beatles, David Bowie, auch bestimmten Bereichen des Hiphop einen Bildungswert abgewinnen. Kunst muss Stil haben, welchen auch immer, aber ich erwarte Formbewusstsein, Kenntnis, eigene Erfahrung. Texte ohne Erfahrung sind leer.

Welches Buch hat dich zuletzt beschäftigt? Und welches ein Leben lang?

Seit einiger Zeit beschäftigt mich Neil Gaiman. Ich habe ihn, wie wohl viele Leser, die nicht gerade Fantasie-Fans sind, durch seinen letzten, eher autobiographischen Roman kennen gelernt. Ich beschäftige mich gern systematischer mit Autoren, lese also viele Texte eines Autors. Das waren zum Beispiel Theodor Fontane, Goethes Prosa, William Faulkner, Virgina Woolf, Vladimir Nabokov, Thomas Mann, Marcel Proust, Henry James, Uwe Johnson, Günter Grass, die frühen Texte von Arno Schmidt sind ein Erlebnis.

Mein Leseverhalten ist nicht sehr mutig, weil ich die Zeit die Vorauswahl treffen lassen. Gutes bleibt. Lange habe ich nur die Russen des 19. Jahrhunderts gelesen. Tschechow, Dostojewskj und Tolstoj nehme ich mit auf eine einsame Insel. In den letzten Jahren, in denen ich mehr buddhistische und christlich-spirituelle Literatur lese, sind das Thomas Merton, Charlotte Beck, Jack Kornfield und vor allem Texte aus der Zen-Tratition Japans.

Welche Entwicklungen im Literaturbetrieb oder in der Kreativbranche treiben dich um?

Ich verfolge den Literaturbetrieb fast nicht. Ich lese Rezensionen, aber warte, bis man mir von allen Seiten einen Autor empfiehlt und ich glaube, er wird mehr als nur im Augenblick hochgeschrieben. Eine Zeit lang habe ich verfolgt, was Juli Zeh schreibt, weil mir ihre getarnte Nabokov-Hommage Spieltrieb und ihr Reisetagebuch durch Ex-Jugoslawien sehr gefallen. Ich achte auf die Veröffentlichungen und Neuübersetzungen der Klassiker, mag den Manesse Verlag oder Hanser. Ich finde das Starwesen etwas unangenehm, es werden jedes Vierteljahr Autoren hochgeschrieben, die sehr gut aussehen, telegen sind, aber ich bin davon selten angetan.

Worin siehst du einen möglichen Weg, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken?

Es muss beides geben. Solange die Klassiker oder Wiederentdeckungen ebenso rezensiert werden, stört mich der Hype um neue Autoren nicht. Ich lese die FAZ, die haben einen Hang zum Altmodischen. Ich lese selten Blogs oder Literatur-Magazine.

Welche anderen Künste inspirieren dich? Inwiefern sind auch sie Bestandteil deiner Arbeit, deines Denkens?

Joseph Beuys ist für mich eine andauernde Orientierung. Daneben die Illustratoren/innen, die ich persönlich kenne. Karl Jaspers war lange sehr wichtig, Niklas Luhmann. Michel Foucault. Alfred Edmund Brehm, Hans Jürgen von der Wense. Das Franz-Kafka-Tagebuch steht an meinem Bett, es liegt auf der LP-Box mit allen Alben der Beatles. Das sind Kreative, die nicht gerade in eine Reihe passen. Ich verehre die Fähigkeit von Anselm Grün oder Hugo Lassalle, sehr prägnant Wesentliches auszudrücken, und das theologisch und von der eigenen Erfahrung sehr fundiert.

Mich inspirieren aber auch einige Tätowierer und Musiker. Und ein Medium: das Radio. Es ist für mich ein Glück, früh aufzustehen und mir im Deutschlandfunk diese Interviews anzuhören. Ich mag, wenn Historiker die Gegenwart einschätzen. Ich mag diese weitschweifigen Referate in den Radiosendern, die klassische Musik spielen. Ich finde es spannend, was wer wem wann schrieb und welche Liebesgeschichte oder biographische Situation hinter eine Komposition steht. Wenn ich kann, höre ich die Morgenandacht, manchmal zwei, und eine davon beschäftigt mich immer. Mit meinem eigenen Schreiben hat das dann indirekt auch zu tun, es taucht alles auf, egal ob Tätowierungen, Lana del Rey oder Stellungnahmen des Papstes.

Was wünschst du dir und deinen Projekten für die Zukunft?

Dass ich genug Geld habe, um daran arbeiten zu können. Ich schreibe nebenbei, nicht hauptberuflich. Ich schreibe ungern und selten nur um Geld zu verdienen, es blockiert mich. Ich bin strategisch nicht gut, ich kann keinen »Markt bedienen«. Ich habe nicht über Achtsamkeit geschrieben, weil das ein Trendbegriff geworden ist, sondern weil die letzten sieben Jahre meines Lebens durch buddhistische Praxis geprägt sind. Es sind keine Auftragstexte, weder die Bücher noch die anderen Texte. Ich hätte gern einen Mäzen. Aber wer hätte das nicht gern?

Dr. Frank Berzbach, geb. 1971, hat nach einer Ausbildung zum Technischen Zeichner seinen Zivildienst in einer psychiatrischen Einrichtung absolviert. Mit der Arbeit im Buchhandel hat er den zweiten Bildungsweg bis zur Promotion finanziert. Er hat als Fahrradkurier gearbeitet, als Wissenschaftsjournalist und schreibt heute Bücher für Kreative. Er unterrichtet Psychologie und Kulturpädagogik in Köln. Seine fünfjährige Tochter hört am liebsten die Beastie Boys und die Beatles.

» Frank Berzbach auf Facebook
» Frank Berzbach liest aus Die Kunst ein kreatives Leben zu führen
» Die Kunst ein kreatives Leben zu führen. Eine Bildersammlung zum Buch

Foto: Bjørn Fehl Photography

Advertisements

12 Kommentare zu „Im Gespräch mit Frank Berzbach

  1. Wunderbar kreativ deine Reihe! Ich finde seine verschiedenen Einflüsse interessant und hab mich gleich inspirieren lassen. Nächste Woche höre ich mit Y. die Beatles.

    Gefällt 1 Person

  2. Eine Freude diese Reihe! Wie das erste Gespräch habe ich auch dieses hier sehr gerne gelesen. Mit einer Person, so lassen ihre Antworten erahnen, die ein interessanter Mensch zu sein scheint und kein bisschen Mainstream. Das macht sympatisch! 🙂

    Gefällt mir

    1. Geht mir genauso. Auch wenn ich Frank (noch) nicht persönlich kenne, so finde ich den Austausch mit ihm ungemein inspirierend, gerade weil er über den Tellerrand hinausblickt und alle möglichen Einflüsse zulässt. Ein wahnsinnig spannender Mensch.

      Gefällt 1 Person

  3. Hat dies auf Employability Blog rebloggt und kommentierte:
    Frank Berzbachs „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ hat mich in den vergangenen Wochen stark inspiriert. Es ist eines der wenigen Bücher, die ich nicht konsumiert habe; ich arbeite mit ihm, blättere vor und zurück, finde Anbindungen an meine Art, Wissenschaft ins Berufsleben zu überführen. Darum hier die Empfehlung, Caterinas Interview mit Frank Berzbach zu lesen, vielleicht als Einladung, sich dem ganzen Buch zu widmen. Oder mal früh aufzustehen und die Morgenandacht im DLF zu hören.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s