Steven Uhly: Königreich der Dämmerung

Steven Uhly - Königreich der Dämmerung (c)

»Jetzt kroch sie auf dem Boden herum und aß Stücke
und dachte sich etwas Heiles dabei«

Rein äußerlich ist Steven Uhlys Königreich der Dämmerung aus dem Zürcher secession Verlag eines der schönsten Bücher, die vergangenes Jahr auf den Markt gekommen sind. Einen Schutzumschlag gibt es nicht, das Cover ist direkt auf den Einband aus festem Karton gedruckt: Die Gestalterin Cornelia Niere hat sich hierfür einer Collage des deutschen Künstlers Ransome Stanley bedient, dessen suggestive Arbeiten auch darüber hinaus einen Blick lohnen. Im Inneren des Buches befinden sich stahlblaue Vorsatzblätter mit Klappen, auf ihnen in dezentem Silber der Klappentext und die Autorenvita; eine gefällige Typografie und ein Lesebändchen runden das Ganze ab. Doch die Begeisterung, die angesichts von Optik und Haptik aufkommt, überträgt sich leider nur bedingt auf den Inhalt.

Dabei hätte dieser Roman durchaus das Zeug zu mehr gehabt: Wenn er mich auch in der Summe nicht so recht berauschen mag, so ist vieles an ihm doch reizvoll. Angefangen bei dem ambitionierten Vorhaben, ausgehend vom Ende des Zweiten Weltkrieges die Lebenswege nicht nur der Täter und Opfer, sondern auch der Nachgeborenen nachzuzeichnen – bis hinein in die Siebzigerjahre und weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Die Geschichten dreier Familien sind dabei zentral, sie durchziehen den gesamten Roman, verlaufen weitgehend parallel, verschränken sich aber auch immer wieder ineinander und bilden das Gerüst für zahlreiche Mikrogeschichten.

Die schöne Jüdin Anna Stirnweiss überlebt den Krieg als Haushälterin eines SS-Obersturmbannführers, der in einem polnischen Städtchen stationiert ist. Aus einer der Vergewaltigungen, die Anna jahrelang über sich ergehen lassen muss, geht ein Sohn hervor, mit dem sie schließlich – an der Seite des jüdischen Untergrundkämpfers Peretz Sarfati – nach Palästina auswandert. Besagter SS-Offizier, Josef Ranzner sein Name, nimmt indes eine neue Identität an und baut sich in München eine bürgerliche Existenz auf, indem er beim Bundesnachrichtendienst anheuert und eine Familie gründet. Nach und nach bröckelt die Fassade jedoch, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Vergangenheit gewaltsam in die Gegenwart einbricht.

Das Ehepaar Kramer, aus Rumänien ins Wartheland umgesiedelt, gewährt der schwangeren Jüdin Margarita Ejzenstain Unterschlupf, nachdem diese einen jungen Sturmbahnführer – einen Protegé Ranzners – erschossen hat. Während Wilhelm Kramer an die Front geschickt und später nach Sibirien deportiert wird, müssen die Frauen vor den herannahenden Russen fliehen. Als die von der Geburt der Tochter noch geschwächte Margarita stirbt, nimmt Marta Kramer die kleine Lisa an sich, gibt sie als ihre Enkelin aus und baut sich mit ihr nach Ende des Krieges ein neues Leben in Lübeck auf. Erst als Jugendliche erfährt Lisa die Wahrheit über ihre Mutter, sie beschließt, sich auf die Suche nach ihren Wurzeln zu begeben und nach Israel zu reisen – wo sie auf Annas Sohn Shimon trifft.

Die Frage nach der eigenen Identität angesichts des alles auslöschenden Krieges – das ist das wiederkehrende Thema in Königreich der Dämmerung. Da ist Anna, die sich in einem ständigen Zwiespalt befindet: Sie hilft beim Aufbau des noch jungen Staates Israel mit, wird aber das Gefühl, eine Komplizin ihres Peinigers gewesen zu sein, kein Recht zu haben auf diesen Ort – im Gegensatz zu all jenen, die im Lager waren –, ein Leben lang nicht los. Da ist Ranzner, der den Menschen um sich herum, vor allem aber sich selbst eine heile Welt vorgaukelt, während es in seinem Inneren bebt: ›Seine‹ Jüdin Anna will ihm nicht aus dem Kopf gehen, sie wird zu seiner Obsession und – mehr noch als seine Taten – zu seinem Verhängnis.

Es sind aber insbesondere die Kinder, die unter den Erinnerungen – schmerzhaften, falschen oder fehlenden Erinnerungen – leiden: Lisa, die sich mühsam ihrer Geschichte und dem Judentum annähert; Shimon, der an der Erkenntnis, nicht der Sohn eines israelischen Freiheitskämpfers, sondern der eines deutschen Mörders zu sein, zerbricht; Ranzners eheliche Kinder, die ebenfalls gezwungen sind, sich der Schuld des Vaters zu stellen. Dieser Roman ist voller Versehrter, Verlorener, innerlich Zerrissener. Der Krieg hat Wunden zugefügt, manche von ihnen durch Schweigen vererbt, die sich nicht mehr schließen lassen. Er hat ganze Leben zertrümmert, und nun stehen die Figuren vor diesen Trümmern und müssen zusehen, wie sich auf ihnen etwas Neues errichten lässt.

[Anna] wusste, dass nichts gut war, weil ›gut‹ ein Begriff aus der Kindheit war, und die Kindheit war ums Leben gekommen, mitten in ihr. Alle Freude, die sie empfand, musste sie sich selbst vordenken, allen Lebenssinn musste sie sich zusammensuchen wie jemand, dem das Frühstückstablett aus der Hand geglitten ist. Jetzt kroch sie auf dem Boden herum und aß Stücke und dachte sich etwas Heiles dabei.

Es sind spannende Fragen, die sich Uhly in Königreich der Dämmerung stellt, und in der deutschsprachigen Literatur hat es bislang vermutlich wenige Versuche gegeben, ein derart umfassendes Panorama zu entwerfen, das den Wegen untergetauchter NS-Funktionäre ebenso nachgeht wie jenen der Displaced Persons, der zahlreichen Heimatlosen im Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit. Was vielversprechend beginnt, büßt jedoch bald an Kraft ein, die Lektüre gestaltet sich ab dem zweiten Drittel immer zäher, sodass unterwegs das Interesse an den Figuren und ihren Geschichten abhandenkommt. Es fehlt dem Roman etwas – im besten Sinne – Schmökerhaftes, etwas, das den Leser über lange Strecken in seinen Bann zu ziehen vermag, wie etwa bei Nino Haratischwilis Das achte Leben (Für Brilka).

Die Aufgabe, den Leser über 650 Seiten hinweg zu verführen und zu berauschen, könnte freilich auch der Sprache zukommen, doch gibt es hier zu wenige Überraschungsmomente. Am stärksten ist Steven Uhly dort, wo er heraustritt aus dem Erzählfluss und mit Form und Sprache experimentiert. Etwa als Anna inmitten von Flüchtlingen sitzt und Fragmente dreier Gespräche zu ihr dringen, die auch visuell als solche kenntlich gemacht sind. Oder Wilhelm Kramers Briefe von der Front, die einem in ihrer scheinbaren Schlichtheit das Herz zerreißen: »Laufen immer noch herum. Bin ganz steif vor Kälte, der ganze Bauer Kramer hat sich nach innen zurückgezogen. Außen bin ich kalt wie die Umgebung.« Passagen wie diese sind von großer Intensität, reichen aber nicht aus, um den gesamten Roman zu tragen.

Steven Uhly: Königreich der Dämmerung. Secession Verlag, Zürich 2014, 655 Seiten, 29,95 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» masuko13
» Analog-Lesen
» Ruth liest
» buchrevier

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13 Gedanken zu “Steven Uhly: Königreich der Dämmerung

    1. Bei Haratischwili fiel es mir ja interessanterweise überhaupt nicht schwer, diese lange Strecke mit ihr zu gehen, und ich kann nicht einmal so richtig fassen, woran das liegt – und warum es diesmal nicht geklappt hat. Ich wünsche dir jedenfalls viel Kraft und langen Atem! 🙂

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  1. Hallo Caterina,
    Du hast einen wunderbaren Ausdruck für das gefunden, was mir auch bei diesem Buch gefehlt hat: das Schmökerhafte. Wenn das fehlt, ist jeder Roman über 400 Seiten trotz aller Qualitäten einfach nur ein hartes Stück Lesearbeit.

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    1. Ich finde ja, »schmökerhaft« ist ein etwas armseliger Platzhalter, denn es bedeutet alles und nicht. Tatsächlich hatte ich offen gestanden Schwierigkeiten, zu benennen, was mich an diesem Roman störte bzw. was mir fehlte. Manchmal bleiben einem nur diffuse Äußerungen wie »es ging nicht an mich heran« oder eben »nicht schmökerhaft«, und das ärgert mich dann.

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  2. Ich danke dir für diese interessante und aufschlussreiche Besprechung, liebe Caterina. Das Buch liegt bereits zu Hause auf meinem Lesestapel, es wird nun aber erst einmal ein wenig nach unten rutschen. Lesen möchte ich es immer noch gerne, aber vielleicht nicht mehr mit so ganz hohen Erwartungen.

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    1. Sieh selbst, liebe Mara. Klappentexterin und Masuko waren ja sehr begeistert von dem Buch, und ich kann sehr wohl nachvollziehen, warum sie es waren. Gut möglich also, dass es dir nicht anders ergehen wird. Eine schöne Lektüre jedenfalls schon jetzt!

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  3. Liebe Caterina,

    das war die beste Inhaltsangabe meines Romans, die ich bisher gelesen habe. Schade, dass Ihnen mein Buch nicht so gut gefallen hat.
    Herzlich
    Steven Uhly

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    1. Lieber Steven Uhly,
      vielen Dank für das Lob, und ja, auch ich bedaure, dass mich Ihr Roman nicht in allen Punkten überzeugt hat, ragt er doch, was Thema und Anliegen angeht, heraus aus den Büchern, die im vergangenen Jahr erschienen sind. Es war aber mitnichten eine schlechte Lektüre, und ich werde auch weiterhin mitverfolgen, was Sie machen.

      Alles Gute.
      caterina

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  4. Hallo und danke für die erstklassige Besprechung! Jetzt habe ich einen sehr differenzierten Eindruck vom Buch, auch durch die schön eingeflochtenen Zitate. Mir gefällt, wie du die sicher sehr verschränkten und verstrickten Figurenkonstellationen zusammengefasst hast, sehr gelungen! Und danke auch für die plastische Beschreibung der Buchgestaltung. Ich bin blind und kann es mir jetzt sehr genau vorstellen. Schade, dass sich das Äußere dann doch mitreißender ausnimmt als der Inhalt.
    viele Grüße von Philipp aus dem Zeilenzeisig

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    1. Merci für die schönen Worte, lieber Philipp, und auch für deinen Besuch.

      Auch wenn ich letztendlich keine klare Empfehlung aussprechen konnte, so freut es mich dennoch zu hören, dass meine Besprechung ein differenziertes Bild von dem Buch vermitteln konnte. Denn oft ist es ja tatsächlich so, dass selbst negative Kritiken Interesse an einem Buch wecken können, und man möchte das Urteil des Rezensenten überprüfen und bestenfalls widerlegen, indem man selbst liest. Wenn mir das gelungen bin, dann bin ich froh.

      Und schön auch, dass du die Beschreibung des Äußeren so lobend erwähnst. Das ist ein guter Anreiz, das öfter mal zu machen, sofern es die Ausstattung denn hergibt.

      Herzliche Grüße,
      caterina

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