Im Gespräch mit Irina Kramp

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»Unabhängige Verlage sind für mich die Trüffelschweine des Literaturbetriebes.«

In der neuen Reihe »SeitenBlicke« führe ich in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art – Autoren, Verlegern, Buchhändlern, Veranstaltern, Bloggern und anderen enthusiastischen Büchermenschen. Wir unterhalten uns über ihre Werdegänge, über das Lesen und Schreiben im Zeitalter der Digitalisierung und darüber, was Literatur kann und möglicherweise sogar muss. Den Anfang macht Irina Kramp, Mitinitiatorin und -organisatorin der UV – die Lesung der unabhängigen Verlage in Leipzig.

Irina Kramp© Barbara Dietl

Wer bist du und was machst du mit Literatur? Wie bist du zu deiner Tätigkeit gekommen?

Mein Name ist Irina Kramp, ich bin gebürtige Leipzigerin und lebe und arbeite nach wie vor in meiner Lieblings- und Herzensstadt. Literatur hat es mir schon immer »irgendwie« angetan, so dass mein Weg vom Deutschleistungskurs beim Abitur direkt zum Studium der Germanistik und Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft (und Politikwissenschaft) an der Universität Leipzig führte. Während der Studienzeit hatte ich allerdings auch meine erste »Literaturkrise«: Lesen nach Lektürelisten, Schubladen für Literatur und kaum Werke aus der Gegenwart. Ich brauchte eine Pause, um die Lust am Lesen wiederzuentdecken und rauszufinden, was literarisch »mein Ding« ist. »Gefunden« habe ich Brigitte Reimann und von ihr ausgehend die Beschäftigung mit DDR-Literatur im Allgemeinen und Speziellen.

Und ich brauchte einen Plan, um mich neben dem Studium auch mit Gegenwartsliteratur beschäftigen zu können. Dafür habe ich in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung, der einzigen inhabergeführten Buchhandlung in der Leipziger Innenstadt, angeheuert – und bin auch nach meinem Studienabschluss freiberuflich dort tätig geblieben, insgesamt 15 Jahre lang. Im Laufe der Jahre habe ich mich vom »Mädchen für alles und die Büchertische« zum »Mädchen für alles, die Büchertische und die unabhängigen Verlage« gemausert und die Depots der unabhängigen Verlage in der Connewitzer initiiert und betreut. Daran wiederum ist die Leipziger Buchmesse »schuld«, für die ich von 2005-2012 ebenfalls frei gearbeitet habe. Seit 2006 habe ich – neben der Assistenz bei der Organisation der Stadtveranstaltungen bei »Leipzig liest« – die »Leseinsel Junge Verlage« in der Messehalle 5 inhaltlich koordiniert.

Dabei habe ich mein Herz von Jahr zu Jahr mehr und an immer neue unabhängige Verlage und VerlegerInnen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum verloren. Daraus hat sich dann gemeinsam mit den zwei Leipziger Autoren Sebastian Brock und Thomas Podhostnik, die selber in unabhängigen Verlagen veröffentlichen, die Idee entwickelt, während der Buchmesse einen Leseabend der unabhängigen Verlage zu organisieren: 2010 fand die erste UV – die Lesung der unabhängigen Verlage im Lindenfels Westflügel statt. Seither werden immer am Buchmessefreitag 18 AutorInnen und Autoren aus 18 unabhängigen Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Lesung und Gespräch präsentiert – 2015 zum sechsten Mal. Seit Mitte 2014 bin ich Vorsitzende des zur Lesung gegründeten Vereins UV – die Lesung der unabhängigen Verlage e.V., welcher der Veranstaltung die nötigen Strukturen und women- und menpower für die (mindestens) nächsten 50 Jahre geben soll.

Mein beruflicher Alltag hat allerdings seit Ende 2013 nichts mehr mit Literatur zu tun – in meinem Arbeitsvertrag steht nun, dass ich Eventmanagerin bin; eine begeisterte Orga-Liese bin ich also geblieben.

Und was macht Literatur mit dir?

Sie regt mich an, sie regt mich auf, sie bringt mich zum Nachdenken, sie saugt mich ein und spuckt mich desolat wieder aus, sie versetzt mich in andere Zeiten und in fremde (und mir fremde) Personen, sie fordert mich heraus, sie lässt mich recherchieren. Und sie deprimiert mich, weil ich nie alles lesen können werde, was ich gelesen haben muss.

Wie sieht dein literarischer Alltag aus?

Mein beruflicher Alltag hat mittlerweile nichts mehr mit Literatur zu tun. Einen guten Teil des Jahres bin ich also »nur« noch Leserin und Lesungsbesucherin. Gar nicht so einfach, den Anschluss in der doch auch schnelllebigen Literaturbranche nicht zu verlieren, wenn man nicht mehr täglich damit zu tun hat. Aber wenn ich es einrichten kann, dann gibt es »gesetzte« Literaturtermine im Jahr (neben der Leipziger Buchmesse vor der eigenen Haustür), z.B. die »Kleinen Verlage am Großen Wannsee« im Literarischen Colloquium Berlin.

Zwischen Oktober und Mai bestimmt die Literatur meine gesamte Freizeit – dann bin ich, zusammen mit den anderen Vereinsmitgliedern, mit der Finanzierung, Organisation, Durchführung und Nachbereitung der UV-Lesung beschäftigt: Programme der unabhängigen Verlage und AutorInnenvorschläge sichten, das UV-Programm zusammenstellen, Förderanträge und Vereinbarungen schreiben, Barbetrieb und Büchertisch organisieren, den reibungslosen Ablauf des Abends koordinieren, auf zahlreiche Besucher hoffen und diese beim Einlassdienst am UV-Abend dann selber in Empfang nehmen, den Westflügel ein- und 22 Stunden später wieder ausräumen. Und zu guter Letzt: den gesamten Buchmessesonntag auf dem Messegelände, hauptsächlich in Halle 5, verbringen, beglückt von einer/m unabhängigen VerlegerIn zur/m nächsten hüpfen, Literaturempfehlungen und Bücher für das Restjahr einsammeln und ausgewählten (nämlich denen, die sich das gefallen lassen!) VerlegerInnen eine Klingel ans Knie schwatzen. Herrlich!

Was war ein besonders schöner Moment in deinem bisherigen Werdegang – ein erfolgreiches Projekt zum Beispiel oder eine inspirierende Begegnung?

Besonders schön sind seit 2010 natürlich die Buchmessefreitage der Leipziger Buchmesse, wenn UV – die Lesung der unabhängigen Verlage bis unters Dach voll die zwei Bühnen des Westflügels rockt.

Woran ich mich auch sehr bewegt erinnere: Zur Leipziger Buchmesse 2003 las Christa Wolf im vollbesetzten Gewandhaus aus ihrer 2002 erschienen Erzählung Leibhaftig. Ich war für die Connewitzer Verlagsbuchhandlung als – richtig! – Büchertischmädchen vor Ort und durfte Christa Wolf – die ein oder zwei Tage vorher Geburtstag gehabt hatte – die Hand schütteln, einen Blumenstrauß überreichen und ein paar Worte im Namen der Connewitzer Verlagsbuchhandlung hinstammeln. Was war ich aufgeregt, aber gestolpert bin ich nicht!

Was kann Literatur in deinen Augen leisten oder bewirken, was muss sie? Muss sie überhaupt irgendetwas?

Wenn ich von meinen Erfahrungen und den Beratungsgesprächen in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung ausgehe – da nehme ich jetzt aber die Stammkundschaft ausdrücklich aus –, dann muss Literatur für viele Menschen leicht und unterhaltsam und ja nicht zu nah an den schmerzhaften Stellen der Realität sein, etwas, das man gefahrlos vor dem Einschlafen oder im Urlaub »konsumieren« kann. Ich habe dann gern den Satz eines Dozenten aus der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft zitiert: In der Literatur gibt es nur drei große Themen – Liebe, Krieg und Tod. *Pause* Und jetzt mach‘ was draus, liebe/r LeserIn. Lass dich herausfordern, spring über deinen Wohlfühlschatten.

Auf der anderen Seite wird man im buchhändlerischen Alltag – gerade in der Sauregurkenzeit am Jahresanfang und im Hochsommer – auch demütig und freut sich, wenn man überhaupt ein Buch verkauft und nicht nur Zeitungen und Ansichtskarten mit dem Alten Rathaus. Das darf aber natürlich nicht dazu führen, dass man nicht immer wieder neue Versuche startet, die Trommel rührt und die »andere«, die unabhängige Literatur ins Gespräch bringt und im Gespräch hält. Steter Tropfen halt …

Für mich darf Literatur gern dahin gehen, wo es wehtut. Das funktioniert für mich über den Inhalt und zum überwiegenden Teil in erzählenden Formen. Ich bin also bekennende Belletristin. Aber das funktioniert für mich nicht nur über zeitgenössische Literatur, sondern auch aus der Reibung, die entsteht, wenn ich ältere Werke oder Wiederentdeckungen lese.

Welches Buch hat dich zuletzt beschäftigt? Und welches ein Leben lang?

Zuletzt: Christine Koschmieder, Schweinesystem.

Ein Leben lang: Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand.

Was schätzt du an der Indie-Szene und an der Literatur, die sie hervorbringt?

Unabhängige Verlage sind für mich das Salz in der Literatursuppe und die Trüffelschweine des Literaturbetriebes. Während sich viele der Konzernverlage in ihren Programmen immer stärker der Unterhaltungsliteratur zuwenden, ist das bei den unabhängigen Verlagen nicht der Fall. Mit einem hohen Maß an persönlichem Risiko sind sie es, die dafür Sorge tragen, dass anspruchsvolle Themen und literarische Formen weit ab vom Mainstream überhaupt noch Verbreitung finden. Sie sind ÜberzeugungstäterInnen, die Bücher machen, weil sie gemacht werden müssen, weil sie sie für wichtig halten und nicht, weil sie sich davon in erster Linie kommerziellen Erfolg erwarten, bzw. die auf der anderen Seite lieber ein, zwei Bücher weniger machen, bevor sie »irgendwas« im nächsten Programm haben, weil man »irgendwas« (im Sinne einer bestimmten Titelanzahl) im Programm zu haben hat. Die Programme unabhängiger Verlage sind kein Einheitsbrei mit austauschbaren Titeln. Ist doch ein Paradox, dass gerade die Verlage, die keine finanziellen Polster haben und sich damit eigentlich nur wenige/keine Wagnisse »leisten« können dürften, das Wagnis zum Programm machen – und zwar in jedem Programm!

Und neben der verlegerischen Arbeit, die in unabhängigen Verlagen ja auch von wenigen Schultern getragen wird, engagieren sich die Verlegerinnen und Verleger: in der Kurt Wolff Stiftung, erfinden mal »eben« die HOTLIST und den Indiebookday und halten sie »nebenbei« am Laufen. Ich erlebe die unabhängigen Verlage – bei aller inhaltlichen Verschiedenheit – zudem als sehr solidarisch und gemeinschaftsorientiert. Immer wieder stoßen die VerlegerInnen auch unliebsame Debatten an, mischen sich ein, positionieren sich, so wie Jörg Sundermeier vom Berliner Verbrecher Verlag mit seiner Kritik an der Kritik, der Literaturkritik nämlich. Um gleich ein Sundermeier-Statement aufzugreifen und es auf die unabhängigen VerlegerInnen anzuwenden: Für mich sind das alles Menschen mit Haltung. Mit wenig personellen und finanziellen Ressourcen werden Bücher in wundervoller und durchdachter Ausstattung in einem Umfeld gemacht, das gefühlt immer schwieriger wird bzw. sich immer wieder neue Herausforderungen einfallen lässt (Stichwort: Digitalisierung, Amazon, Buchhandelssterben, Feuilletonschwund etc.) – und das mit einer Zähigkeit und bei ungebrochen guter Laune.

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt, im Literaturbetrieb treiben dich um?

Im großen Großen: das Internet und irgendwie alles, was damit zusammenhängt an Chancen und Risiken. Was »es« macht mit unserem realen Leben, mit unseren realen Buchhandlungen, Bibliotheken, Archiven, unserem Wissen, unseren (Lese-)Gewohnheiten und wo »es« hinführt, wenn dabei eine Handvoll Monopolisten die Spielregeln bestimmen. Ich bin beispielsweise fasziniert von der Idee, die hinter LOG.OS steht – einer offenen und unabhängigen Plattform, in der durch die kollektive Nutzung digitaler Texte ein Mehrwert entstehen soll und deren Wissens- und Datenschatz nicht einer Firma gehört, sondern der Gesellschaft. Und ich bin fasziniert, obwohl ich bisher und momentan nur Bücher auf Papier gelesen habe und lese!

Im großen Kleinen: eine gesicherte Finanzierung der UV – die Lesung der unabhängigen Verlage über das jeweilige Jahr hinaus. Unser Knackpunkt sind die AutorInnen- und ModeratorInnenhonorare, die wir seit 2010 zahlen und auch weiterhin zahlen wollen (als Selbstverständlichkeit, denn Arbeit gehört entlohnt!), die sich aber nicht durch die Einnahmen einspielen lassen. Die UV-Lesung benötigt dafür Förderung – Projektförderung, die in der Regel als Anschubfinanzierung verstanden wird. Maximal drei Jahre bekommt man diese gewährt, dann muss das Projekt selber laufen und sich selber finanzieren – zumindest in der Wahrnehmung der fördernden Institutionen. Außerdem werden die Institutionen, die überhaupt für eine Förderung in Frage kommen, von Jahr zu Jahr rarer. Das Finanzierungsproblem spitzt sich also zu, je länger wir die Lesung machen. Und jedes Jahr nimmt die Suche nach »frischem« Geld mehr Zeit und Nerven in Anspruch – das macht mürbe! Aber in gewisser Weise auch kämpferisch – man muss ja immer weniger Rücksichten nehmen!

Kann Crowdfunding deiner Meinung nach eine dauerhafte Antwort auf die Veränderungen sein?

Nein! Ich finde Crowdfunding ein sehr zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite kann die Crowd Dinge ermöglichen, Solidarität zeigen und finanziellen Unbill abwenden – ich denke da etwa an die Crowdfunding-Aktion, die Voland & Quist gestartet hat, um gegen das erstinstanzliche Urteil im »Wanderhurenstreit« in Berufung gehen zu können. Crowdfunding kann auch Aufmerksamkeit generieren und einen Spot setzen. Auf der anderen Seite und zum Beispiel in unserem UV-Fall kann das Publikum meines Erachtens nicht die dauerhafte Aufgabe haben, eine Veranstaltung zu ermöglichen, bei der es dann noch Eintritt, sein Bier an der Bar und – im besten Fall – seine neuen Bücher am Büchertisch bezahlt. Das ist auch das falsche Signal in Richtung der Förderinstitutionen, die dann glauben, es ginge tatsächlich auch so, irgendwie, auf jeden Fall ohne sie. Geht es nicht! Crowdfunding darf nicht die Hintertür sein/werden, durch die sich die Kommunen, die Länder und der Bund aus ihrem Kulturförderauftrag stehlen.

Auch UV – die Lesung der unabhängigen Verlage hat Crowdfunding bisher zwei Mal als Mittel eingesetzt, um die Veranstaltung in ihrer angestammten Form stattfinden lassen zu können: 2013 eher panisch (aber erfolgreich) nach einem sehr späten Ablehnungsbescheid einer Förderung und momentan sehr überlegt (aber letztmalig) mit der bis 07. Februar 2015 laufenden Kampagne »Bastel Deine/n SuperverlegerIn« – die noch einen grandiosen Endspurt vertragen kann. Ich muss gestehen, dass ich momentan nicht weiß, woher zukünftig das Geld kommen soll, wenn es keine Förderung UND kein Crowdfunding mehr gibt. Das ist so ein bisschen die Situation: Gut gebrüllt Löwe, aber im schlimmsten Fall findet die UV-Lesung dann einfach nicht mehr statt. Aber vielleicht muss man es einfach mal darauf ankommen lassen … [Ein ausführliches Gespräch über die Kampagne gibt es auf We read Indie, Anm. d. Red.]

Was wünschst du dir, deinen Projekten, der Literatur für die Zukunft?

Ich wünsche mir, der UV-Lesung, den unabhängigen Verlagen und der unabhängigen Literatur einen langen Atem, Durchhaltevermögen und Spannkraft, Optimismus und Gelassenheit, Mut, viele LeserInnen und mehr Penunzen. Und ich wünsche mir mehr peoples »da draußen«, die sich bewusst sind, dass es eine Entscheidung ist, was, wo und wie man kauft – in jeder Hinsicht und in alle Richtungen.

Irina Kramp ist gebürtige Leipzigerin, war 15 Jahre lang zwar studierte (Politikwissenschaft, Germanistik, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft), aber trotzdem ungelernte Buchhändlerin in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Sie ist Vorsitzende des UV – die Lesung der unabhängigen Verlage e.V., der die einmal jährlich stattfindende UV – die Lesung der unabhängigen Verlage am Buchmessefreitag in Leipzig organisiert.

» www.uvlesung.de

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