Saša Stanišić: Vor dem Fest

Stanisic - Vor dem Fest (c)

»Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde.
Und was wir uns davon erzählen.«

Eine Sache sei vorweg gesagt: Saša Stanišić’ zweiter Roman Vor dem Fest ist nicht das Meisterwerk, als das er vielerorts gefeiert wurde. Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und nominiert für den Deutschen Buchpreis, war er letztes Jahr in aller Munde – zumal acht Jahre seit Stanišić’ hochgelobtem Erstling Wie der Soldat das Grammofon repariert vergangen waren und die Erwartungen entsprechend groß gewesen sein dürften. Den zahlreichen hymnischen Besprechungen kann ich mich zwar nicht uneingeschränkt anschließen – und doch: Vor dem Fest ist ein ziemlich gutes Buch.

Dabei ist das, wovon es erzählt, auf den ersten Blick so unscheinbar: Fürstenfelde, ein halb fiktives Dorf mit kaum tausend Einwohnern in der nordbrandenburgischen Uckermark, angelehnt an das reale Fürstenwerder ebendort. Ein Ort wie unzählige andere in der deutschen Provinz, in keiner Weise bemerkenswert, so scheint es. Weshalb Stanišić ausgerechnet ihm einen Roman widmet, könnte für Verwunderung sorgen – wenn es nicht genau darum ginge: um das ganz Gewöhnliche und darum, im Gewöhnlichen das Außergewöhnliche zu erkunden.

In Fürstenfelde geschieht nichts von Belang, doch bei Stanišić wird das Belanglose zum Ereignis; selbst eine Füchsin, die auf der Suche nach Nahrung durch das Dorf streift und dabei argwöhnisch das Treiben der Menschen beäugt, wird da zur Protagonistin. Die Menschen – das sind der Glöckner und sein Lehrling Johann, Frau Schwermuth, die das Haus der Heimat leitet, der NVA-Offizier a. D. Herr Schramm, die Malerin Frau Kranz, der Eiermann Ditzsche und all die anderen verschrobenen, einsamen und wehmütigen Gestalten, die das Tableau dieser Nacht bevölkern.

Es ist die Nacht vor dem jährlichen Annenfest, doch statt zu schlafen, scheint das halbe Dorf auf den Beinen: Herr Schramm ist unentschlossen, ob er zum Zigarettenautomaten fahren oder sich lieber eine Kugel durch den Kopf jagen soll; Frau Kranz steht knietief im See und versucht an ein früheres Gemälde anzuknüpfen; ins Haus der Heimat wird eingebrochen, und die drei Kirchenglocken sind auf einmal nicht mehr dort, wo sie hingehören. In fiebriger Aufregung ob des nahenden Festes ist hier eigentlich niemand; genau genommen ist den Bewohnern schon längst seine Bedeutung abhandengekommen:

Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.

Fürstenfelde ist vor allem das: die Gesamtheit seiner Geschichten – der wahren ebenso wie der erfundenen, denn wer kann schon mit Gewissheit sagen, ob manch Dokument im streng behüteten Archiv nicht aus Frau Schwermuths Feder stammt. Demnach ist Vor dem Fest nicht nur die Chronik einer Nacht, sondern die eines ganzen Dorfes, es ist das Buch eines kollektiven Gedächtnisses. Am deutlichsten zeigt sich dies an den historisch anmutenden Textauszügen, die immer wieder eingeflochten werden, wie an der ersten Person Plural, in der der Roman über weite Strecken verfasst ist.

Was auch immer du über uns gehört hast, das nicht von uns selbst kommt, stimmt so nicht. Hier geht es anders zu als in den Touristenführern, in den Büchern, den demografischen Studien. Wenn bei uns irgendwo ein Fenster eingeschlagen wird und offen steht, dann haben wir mehr Angst vor dem, was entkommen sein könnte, als vor dem, der vielleicht eingestiegen ist.
Und der blöden Wanderkarte ist schon mal gar nicht zu trauen: Wir haben nämlich einen dritten sehenswerten Einzelbaum – die Eiche auf dem Feld am Geherschen Gehöft. […]
Es ist aber so, dass an der Eiche über die Jahrhunderte hinweg massig Leute hingerichtet wurden und man manchmal vor Wut am liebsten das ganze Feld mit Zement zuschütten möchte, aber nicht, weil man auf das Feld und die Eiche wütend ist, sondern weil das außer Frau Schwermuth niemanden interessiert. Nicht mal eine Tafel weist irgendwo darauf hin.
Wir schweifen ab.
So eine Nacht ist das.

Dieser Chronikcharakter bringt einerseits eine Stimmenvielfalt hervor, die nicht nur stilistisch höchst interessant ist, sondern auch viel Komik birgt. Andererseits hat er aber auch eine dramaturgische Schwäche zur Folge: Hat man das erzählerische Prinzip erst einmal verstanden, wird es recht bald redundant; hier fehlt einem eben doch manchmal eine für sich genommen kraftvolle und kohärente Geschichte. Nichtsdestotrotz handelt es sich um ein erstaunliches und oftmals berauschendes Buch, das in der wie immer herausragenden Ausstattung der Büchergilde auch ein visuelles und haptisches Fest ist.

Stanisic - Vor dem Fest (2)

Saša Stanišić: Vor dem FestLuchterhand, München 2014, 316 Seiten, 19,99 €. / Büchergilde Gutenberg, Frankfurt 2014, 320 Seiten, 17,95 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

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Was ich über ähnliche Bücher sage:

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10 Kommentare zu „Saša Stanišić: Vor dem Fest

  1. Mir erging es bei der Lektüre ähnlich. Das viele Lob im Vorfeld hat meinem Lesevergnügen eher geschadet, weil sich die hoch gesteckten Erwartungen nur teilweise erfüllt haben. Dennoch ein interessantes Buch, das ich gerne gelesen habe.

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    1. Das habe ich schon von einigen in meinem Umfeld gehört. Und trotzdem möchte ich noch mal die Qualität des Romans hervorheben – schließlich gehörte es zu den fünf besten Büchern, die ich letztes Jahr gelesen habe.

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    1. Zugegeben: Die Sprache muss man mögen. Dieses leicht Saloppe und Humorige, das sich auch vor Kalauern nicht scheut – ich mochte es sehr, aber es ist vermutlich nicht jedermanns Sache. Und es bleibt – mit Ausnahmen von einigen Kapiteln – im gesamten Roman so. Aber vielleicht kannst du ja in einem anderen Moment, einer anderen Stimmung mehr damit anfangen…

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  2. Ich kannte von Stanisic vorher nichts und habe das Buch auch bisher nicht gelesen. Aber wir waren auf seiner Lesung und es war einfach toll, ihm zuzuhören und mit ihm gemeinsam in die Geschichte abzutauchen.

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      1. Auf jeden Fall. Er hat unglaublich viel Charisma, obwohl er noch recht „jung“ ist. Und er hat durch seinen Schilderungen zum Buch die Charakteren alle so aufblühen lassen, dass man meinte, man sei mitten in Fürstenfelde und trinke abends mit ihnen einen Bier.

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