Ramona Ausubel: Der Anfang der Welt

Ausubel - Der Anfang der Welt (c)

»Alle Geschichten waren Geschichten vom Wandern, vom Verlorensein, vom Neubeginn«

Für Leser von Jonathan Safran Foer und Nicole Krauss: So kündigte der Piper Verlag Ramona Ausubels Debüt No One Is Here Except All of Us an, dessen deutsche Übersetzung vor knapp einem Jahr unter dem – etwas weniger poetisch-rätselhaften – Titel Der Anfang der Welt (und mit einem etwas weniger suggestiven Cover) erschienen ist. Auch die amerikanische Presse, etwa die New York Times, sah Parallelen zu Foers herausragendem Werk Alles ist erleuchtet; hierzulande blieb Ausubels Roman hingegen weitgehend unbeachtet. Zu Unrecht, denn Der Anfang der Welt ist – trotz Schwächen – voller Magie.

Magisch nicht nur im Sinne von »faszinierend«, sondern auch von »fantastisch«: Um von etwas zu schreiben, das sich unserer Vorstellungskraft und unserem Verständnis entzieht, verlässt Ramona Ausubel die Grenzen des Realismus, dehnt die Wirklichkeit und entwirft sie neu. Der Anfang der Welt ist das, was in der Wissenschaft als »Holocaustliteratur« bezeichnet wird. Es erzählt die Geschichte eines Schtetls in den nordrumänischen Karpaten, einer kleinen jüdischen Gemeinschaft, deren Vorfahren sich nach langer Wanderschaft hier, in Zalischik, niedergelassen haben – Schutz suchten vor dem Rest der Welt.

Das Leben war die Pause zwischen den Katastrophen. Jedes Mal mussten sie entscheiden, was sie zuerst wieder aufbauen sollten, den Tempel oder den Friedhof. […]
Zwanzig Jahre lang lebten sie als vergessene Menschen. Sie waren weit weg von anderen Dörfern und noch weiter von allen Städten. Dass sie lebten, wussten auch sie selbst nur, weil sie sich ihre Geschichten immer wieder erzählten: der erste Mann und die erste Frau, die große Flut, die vielen Plagen, Blut, Frösche, Heuschrecken, Finsternis. Alle Geschichten waren Geschichten vom Wandern, vom Verlorensein, vom Neubeginn. […]
Sie sagten sich immer wieder ein Wort: vergessen. Wir erinnern uns an die Geschichte, sagten sie sich, aber möge sich die Geschichte bitte nicht an uns erinnern. Lasst uns hier versteckt bleiben, wo wir in Sicherheit sind. Und so war es gewesen, bis jetzt.

Es ist das Jahr 1939, der Krieg ist soeben ausgebrochen und wird auch über sie herfallen, so wie er es immer getan hat. Er schickt einen Vorboten in Gestalt einer Fremden, die eines Tages aus dem Fluss gerettet wird: Ihr Dorf wurde überfallen, ihr Mann, ihre Kinder und alle anderen sind tot. Aus Furcht vor dem Unglück, das bald auch über Zalischik kommen könnte, fassen die Bewohner den Entschluss, die Flucht zu ergreifen: die Flucht in eine imaginäre Welt – in der törichten Hoffnung, unbehelligt zu bleiben von dem, was in der realen Welt vor sich geht.

Es hat etwas Märchenhaftes, wie Ausubel nun ihre Figuren diese neue Welt erschaffen lässt, die kaum mehr umfasst als die Biegung des Flusses, in der das Dorf liegt. Familien werden neu zusammengesetzt, die Scheune wird zum Tempel umgebaut, es werden Regeln aufgestellt und Komitees gegründet, etwa das »Komitee zur Würdigung und Inventarisierung Unseres Besitzes«, das Schaufeln (109) und Hochzeitskleider (25) ebenso zählt wie erdrückende Schwiegermütter (11) oder heimliche Lieben (6). In wunderlichen Details wie diesen kommt Ausubel der Erzählkunst eines Jonathan Safran Foer am nächsten.

Beklemmend ist dieser Teil der Geschichte, denn man liest ihn in der Ahnung, dem Wissen, dass der Anfang in Wirklichkeit ein Ende ist. Mehr und mehr dringt die Außenwelt in das Dorf ein, hält der Krieg Einzug; zunächst nur übers Radio, das die Bewohner wieder eingeschaltet haben, schließlich in Gestalt von Soldaten. Die meisten der Gemeinschaft werden getötet, manche gefangen genommen; nur wenige können entkommen. Unter ihnen die Protagonistin Lena, deren einsame Odyssee quer durch das Land in der zweiten Hälfte erzählt wird – hier wird der Roman etwas zäh, zerfasert zum Schluss hin.

Der Originaltitel ist einer der letzten Seiten des Buches entnommen: »›Tralala‹, sangen alle Geister. ›Keiner da außer uns allen.‹« Die Menschen, die man liebte, sind zwar tot, aber nicht verschwunden, sie sind immer noch da. Die Macht des Erzählens ist es, sie am Leben zu erhalten, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, und diese Aufgabe kommt Lena zu. Ähnlich wie es Téa Obreht in Die Tigerfrau macht, stattet Ausubel ihre Ich-Erzählerin dafür mit dem Wissen eines auktorialen Erzählers aus, das bisweilen Dinge einschließt, die eigentlich unwiederbringlich verloren sein müssten.

Wie so viele Stücke der jüngeren Holocaustliteratur – man denke beispielsweise auch an das Meisterwerk Stichwort: Liebe von David Grossman – verwehrt sich der Roman von Ramona Ausubel einer realistischen Darstellung; wo die Welt nicht mehr zu fassen ist, greifen auch die herkömmlichen Deutungs- und Strukturierungsversuche nicht länger. An ihre Stelle treten das Magische und Märchenhafte, die Fabulierlust – und eine sprachliche Schönheit, die schlichtweg erschütternd ist: »Ich […] durfte die Leere in meiner Brust, die den Umriss einer Familie hatte, nicht erwähnen.«

Ramona Ausubel: Der Anfang der Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Schaden. Piper Verlag, München 2014, 416 Seiten, 22,99 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» Literaturen
» Bücherwurmloch

Was ich über ähnliche Bücher sage:

» Téa Obreht: Die Tigerfrau

10 Gedanken zu “Ramona Ausubel: Der Anfang der Welt

  1. Liebe Caterina, du hast recht: Auch an mir ist dieser Roman leider völlig vorbeigehuscht, dabei klingt es ganz großartig, was du darüber erzählst! Danke für den Tipp! Herzlichst, Karo

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    1. Liebe Karo, gerne doch! Aber schau dir auf jeden Fall auch mal Marikis Meinung an, sie hat den Roman ganz anders gelesen, und ich kann ihre Bedenken durchaus nachvollziehen. Solltest du den Anfang der Welt trotzdem lesen, wünsche ich dir viel Freude damit.

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    1. Wenn ich da mal nicht zu viel versprochen habe… 😉 An Foer reicht es natürlich bei Weitem nicht ran, gerade im zweiten Teil verliert sich viel der Magie. Aber es ist dennoch ein ganz ungewöhnliches und außergewöhnliches Buch. Hoffentlich gefällt’s dir!

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