Martin Kordić: Wie ich mir das Glück vorstelle

Martin Kordic - Wie ich mir das Glück vorstelle (Hanser)

»Ich erzähle alles so, wie der Zopf von der Oma unterm Kopftuch aussieht«

Gegen die Welt, Das kalte Jahr, Schlafgänger: Der DuMont Verlag steht auch für aufregende deutschsprachige Gegenwartsliteratur wie diese. Der 1983 geborene Martin Kordić ist Lektor ebendort und betreut Autoren wie Jan Brandt, Roman Ehrlich und Dorothee Elmiger. Nun hat Kordić einen eigenen Roman vorgelegt und zeigt, dass er nicht nur das Handwerk des Lektors, sondern auch das des Autors beherrscht (im Übrigen hat er am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim studiert). Sein Debütroman trägt den etwas gefühligen Titel Wie ich mir das Glück vorstelle und ist im Frühjahr dieses Jahres im Hanser Verlag erschienen. Ganz und gar nicht gefühlig ist die Geschichte, die er erzählt, im Gegenteil: Sie ist aufs Äußerste reduziert, sehr klar, nüchtern fast – und trotzdem richtet sie etwas an im Leser.

Dabei nimmt sie ihren Ausgang im »Dorf der Glücklichen« im hügeligen Hinterland der herzegowinischen Stadt Mostar, nicht mehr als eine Handvoll Häuser. In einem davon ist Viktor geboren und aufgewachsen, ein Krüppel und Kretin, so nennen die anderen Kinder ihn: Sein Rücken ist krumm, sein Verstand langsam, er ist ein Versehrter, ein Außenseiter. Und er ist es, der diese Geschichte erzählt: die Geschichte des Bosnienkrieges, der Anfang der Neunziger das »Land aller Völker« erschüttert, Bosnier, Serben und Kroaten spaltet und Viktor und seine Familie mit sich reißt, auseinanderreißt. Von diesem Krieg versteht Viktor nichts, er versteht nur, dass er auf der einen Seite des Flusses zwei Laibe und auf der anderen Seite zwo Brote kaufen muss, weil er sonst vergiftete Ware bekommt.

Als eines Tages seine Familie verschüttgeht, kommt der Junge vorübergehend bei Ordensschwestern unter, dann schlägt er sich alleine in Mostar, der Stadt der Brücken, durch. Bis sich ihm drei Gefährten anschließen – auch sie Versehrte, auch sie allein: ein einbeiniger Hütchenspieler, ein rothaariges Mädchen, das sich prostituiert, und ein herrenloser Hund mit einem kaputten Auge. Sie hausen in einer Baracke, die notdürftig zusammengeflickt ist, und lesen von der Straße auf, was brauchbar sein könnte – selbst davor, die Toten in den Massengräbern ihrer Kleidung zu berauben, scheuen sie sich nicht. Lange hat diese Gemeinschaft jedoch nicht Bestand, bald wieder ist Viktor auf sich allein gestellt. Am Ende verlässt er die Stadt, in der alle aufeinander schießen, lässt den Krieg hinter sich und begibt sich auf eine letzte Reise.

Viel Leid erfahren die Figuren dieser Geschichte, sie verlieren einander, werden verstoßen, werden vertrieben. Doch nie bezeichnet Viktor die Gräuel als solche, er erzählt von den Geschehnissen, ohne sie zu deuten oder zu werten, ohne sie mit Emotionen aufzuladen. Er beobachtet, füllt Tag für Tag sein Heft, erstellt Listen und fertigt Skizzen an – Listen und Skizzen, die sich auch im Roman wiederfinden: eine Art Inventur seiner Besitztümer und Erinnerungen. Dabei hat nichts Vorrang, alles ist gleichwertig, seine Erlebnisse wie die Kriegshandlungen, die Gegenwart wie die Vergangenheit. Es ist daher nur konsequent, dass alles im Präsens erzählt wird, selbst dort, wo die Logik der Chronologie das Präteritum verlangen würde. In Viktors Kopf ist alles miteinander verwoben, verflochten.

Ich erzähle alles so, wie der Zopf von der Oma unterm Kopftuch aussieht. Diese Geschichte ist mein Leben. Diese Geschichte darf nicht länger sein als das Heft, in das ich reinschreibe. […] Jede Nacht schreibe ich ein paar Seiten. Oft streiche ich in der nächsten Nacht alles wieder durch und schreibe die Seiten neu zwischen die durchgestrichenen Zeilen. Wenn ich nichts mehr ändern will, stehe ich auf und male für jede Seite einen Elefanten an die Wand […]. Neunundsiebzig Elefanten sind es jetzt und die machen eine Kette von dem Rüssel zu dem Schwanz.

Das Motiv des Elefanten zieht sich durch den gesamten Roman; wie der Tiger in Téa Obrehts Debüt Die Tigerfrau, das ebenfalls in den Balkankriegen angesiedelt ist, wandelt er durch Kordić’ Geschichte, ein halb reales, halb magisches Wesen, Sinnbild dieser auf den Kopf gestellten Welt, der Welt des Krieges, in der alle Gesetze ausgehebelt sind und nichts mehr gilt, was jahrhundertelang währte. Während Obreht diese Welt sprachlich wie erzählerisch opulent inszeniert, macht Martin Kordić das Gegenteil: Er wählt eine radikal kindlich-naive Perspektive und eine entsprechend simple Sprache. Das ist vielleicht nicht so berauschend wie Die Tigerfrau, aber dennoch bewegend, denn in seiner Einfachheit trifft das Erzählte mit einer umso größeren Heftigkeit.

Martin Kordić: Wie ich mir das Glück vorstelle. Hanser Verlag, München 2014, 173 Seiten, 16,90 €. 

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13 Kommentare zu „Martin Kordić: Wie ich mir das Glück vorstelle

  1. Hallo,

    deine Rezension kommt gerade im rechten Augenblick. Wir veranstalten demnächst eine offene Buchdiskussion zu ebendiesem Roman und dein Text hat einmal mehr bewiesen, wie unterschiedlich Geschmäcker sind. Bei uns im privaten Lesekreis standen wir stellenweise sehr ratlos vor diesem kurzen Roman und hatten unsere liebe Müh‘ mit dem Präsens, das Kordic an wenigen Stellen doch auch entgleitet.
    Die meisten Probleme hatten wir aber mit Ende und Prolog. Was, meinst du, geschieht mit dem Jungen am Ende?
    Wir sind auf deine Interpretation gespannt.
    Liebe Grüße
    Das Team vom Debüt 🙂

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      1. Hm. nun ist es doch blöd, dass ich das Buch nicht vorliegen habe. (…) Aber ich glaube mich zu erinnern, dass der Prolog einem von der realen Hauptfigur losgelösten Erzähler zuzuordnen ist, wie Kordic überhaupt sehr eigenwillig mit den Erzählinstanzen jongliert. Das macht den Roman gleichzeitig eindringlich und schwierig (trotz der vermeintlich einfachen Sprache).
        Ist jetzt, ohne den Text vor mir, aber mehr vermutet, als belegbar. lg_jochen

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      2. Schade, dass du den Text nicht vor dir hast. Ein losgelöster Erzähler wäre möglich, dagegen sprechen aber zwei Dinge: Zum einen hat die Person auf dem berg einen Hund, so wie auch der Junge einen besaß. Zudem lebt die Person in den Bergen, abseits der Zivilisation. Genau das hat die Großmutter des Jungen ihm immer geraten.

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      3. Verzwickt, in der Tat. Ich sehe ein, ich muss mir das Buch wohl doch kaufen, um jetzt sinnvoll weiterdiskutieren zu können. 🙂
        Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. ich meld‘ mich demnächst einfach nochmal. lg_jochen

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    1. Ach, da hat sich ja in meiner Abwesenheit eine interessante Diskussion entsponnen. Leider kann auch ich eure Frage nach dem Ende nicht abschließend beantworten – wie Jochen würde ich sagen, Viktor steigt ins Meer, doch wie das mit der Figur in der Rahmenhandlung (der Hof in den Bergen, der am Anfang erwähnt wird und zum Schluss auf dem Foto zu sehen ist) zusammengeht, weiß auch ich nicht so recht. Aber das trübt mein Leseerlebnis ganz und gar nicht, ich muss eine Geschichte nicht in all ihren Einzelheiten begreifen, um mich von mir mitreißen zu lassen.

      Im Fall von Wie ich mir das Glück vorstelle war es eher der erzählerische Ansatz, der mich gereizt – und überzeugt – hat: die in ihrer Einfachheit sehr sperrige Sprache, das Erinnern/Festhalten/Kategorisieren durch Listen und Zeichnungen, das durchgehende Präsens (dem Autor vorzuwerfen, es sei stellenweise schlichtweg falsch – wie es Christoph Schröder in der ZEIT tat -, ist meiner Meinung nach Unsinn: Als wüsste Kordic nicht, dass er da mit der Logik bricht – im Gegenteil, es ist ein bewusst eingesetztes Stilmittel). All das finde ich sehr spannend, es ist ein anderer, ungewöhnlicher und – zugegeben – nicht immer greifbarer/einleuchtender Ansatz, eine Kriegsgeschichte zu erzählen. Allein das hebt den Roman schon ab und macht ihn lesenswert.

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  2. Liebe caterina,
    um einen sprachlichen Eindruck zu bekommen, habe ich mir die Leseprobe durchgelesen. Hinterher hat sich mir die Frage aufgedrängt, inwieweit sich die Sprachartistik mit sich selbst beschäftigt oder mir einen Einblick gibt, mich mitnimmt in Viktors Denkzentrum. Ich müsste mehr lesen, um diese Frage für mich zu beantworten. Noch hat mich dieser gleichmäßig tröpfelnde Erzählfluss, der die Sätze oftmals mit „Ich“ beginnen lässt, nicht abgeholt. Dennoch bin ich neugierig, welche Wirkung der Text mit der Zeit entfaltet und vor allem, was die Geschichte mir erzählen will.
    Schöne Grüße
    Josef

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    1. Zugegeben: Schön ist diese Sprache nicht, das wollte ich auch mit dem Vergleich mit Téa Obrehts Roman verdeutlichen, der eine andere Wirkung entfaltet, weil er einen ganz anderen erzählerischen und stilistischen Ansatz verfolgt. Bei Kordic würde ich darum auch nicht von »Sprachartistik« sprechen, ich verliebe mich nicht in diese Sprache, aber es geschieht genau das, was du beschreibst: Sie nimmt mich mit in Viktors Denkzentrum. Für mich funktioniert diese Verknüpfung von Figur und Sprache sehr gut, auch wenn die Lektüre dadurch bisweilen mühsam ist. Aber gerade die Konsequenz, mit der Kordic die Reduktion vorantreibt, ist – wie ich finde – äußerst spannend.

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  3. Da ich das Buch gerade für die Literatour gelesen hatte (aber leider auch nicht mehr vorliegen habe) meine ich mich zu erinnern, dass der Prolog noch vor den letzten Zeilen statt findet. Habe es zwar selber auch nicht mehr genau im Kopf, aber da Kordić so mit den Zeitebenen spielt kann das gut möglich sein. Aber ohne Gewähr 😉

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    1. Ja, das stimmt, Kordic spielt mit den Zeitebenen und auch mit den Erzählerstimmen. Man denke auch an die Passagen, die aus der dritten Person erzählt werden (»der Junge«): Wer erzählt hier? Ist es noch immer Viktor, der in bestimmten Momenten eine größere Distanz zu sich selbst einnimmt, weil er das Erzählte nicht erträgt? Ganz zu schweigen natürlich vom rätselhaften Prolog … Darum ist auch für mich der Satz »Ich erzähle alles so, wie der Zopf von der Oma unterm Kopftuch aussieht« so zentral, man könnte es als ein Statement über das poetologische Prinzip des Romans lesen.

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