Im Gespräch mit Philippe Genêt über den Deutschen Buchpreis

»Ein Spiel mit Meinungen, Geschichten und Eitelkeiten«

Spiel, Satz und Sieg: Unter diesem Titel haben die Literaturwissenschaftler Dr. Ingo Irsigler und Gerrit Lembke gemeinsam mit Studierenden der Universität Kiel vor einem Monat eine Bestandsaufnahme des Deutschen Buchpreises vorgelegt – pünktlich zu dessen zehnjährigem Jubiläum. Neben Textanalysen und kritischen Auseinandersetzungen mit der Inszenierung des Preises darf eines dabei natürlich nicht fehlen: ein Interview mit Philippe Genêt, jenem Mann im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der für die Koordination des Buchpreises zuständig ist. Herzlichen Dank an die Herausgeber sowie an den Verlag Berlin University Press für die Erlaubnis, das Interview abzudrucken.

Philippe Genêt

***

Am Abend der Preisverleihung im Frankfurter Römer sind alle Blicke auf die sechs AutorInnen gerichtet. Aber damit sie überhaupt im Scheinwerferlicht stehen können, muss jemand für die Beleuchtung sorgen – und dass diese ›Lichter‹ teuer sind, zeigt die hohe Summe von 250.000 Euro, die für die Preisvergabe aufgewendet wird (vgl. Göpfert 2014). Derjenige, der im Börsenverein des Deutschen Buchhandels dafür zuständig ist, dass der Glanz des Deutschen Buchpreises nicht ermattet, ist Philippe Genêt, der sich zu einem telefonischen Interview bereiterklärte. Das Gespräch führte Gerrit Lembke.

Herr Genêt, Sie sind im Börsenverein des Deutschen Buchhandels verantwortlich für den Deutschen Buchpreis. Worin bestehen Ihre Aufgaben?

Ich trage die Gesamtverantwortung für den Deutschen Buchpreis, d. h. zusammen mit meinem kleinen Team begleite ich das ganze Projekt von A bis Z, von der Sitzung der Akademie Deutscher Buchpreis im November, bei der die Jury gewählt wird, über die einzelnen Jurysitzungen bis hin zur Preisverleihung im Oktober, dem Höhepunkt des Buchpreisjahres. Die Verleihung selbst ist eine recht aufwendige Veranstaltung mit Fernsehkameras, Radio-Übertragung und einem live-stream im Internet … Das alles will natürlich auch organisiert und betreut werden. Ich arbeite eng mit der Presse- und Öffentlichkeitsabteilung im Börsenverein zusammen, die die Pressemitteilungen erstellt, für die Veröffentlichung der Listen sorgt etc. Ich bin allerdings erst 2007, im dritten Buchpreis-Jahr, dazugestoßen. Kurzum: Bei mir laufen alle Fäden des Deutschen Buchpreises zusammen, und wenn jemand eine Frage zum Deutschen Buchpreis hat, ruft er bei mir an.

Wenn bei Ihnen die Fäden zusammenlaufen, können wir uns Sie also als den ›Puppenspieler des Deutschen Buchpreises‹ vorstellen?

Das ist natürlich falsch, weil weder die Jury noch die Akademie nach meiner Pfeife tanzen, aber in der Tat liegt das Projekt in meinen Händen.

Und wessen Hände haben den Preis geformt, d. h. von wem ging damals die Initiative aus, den Deutschen Buchpreis zu gründen?

Das ist keine einfache Frage, denn der Erfolg hat bekanntlich immer viele Väter. Es ranken sich viele Mythen um die Entstehung dieses Preises. Ich weiß, dass Prof. Gottfried Honnefelder der eigentliche Motor war, um diesen Preis aufs Gleis zu setzen. Starke Fürsprecher hatte der Börsenverein dabei in dem Verleger Joachim Unseld und dem Schriftsteller Bodo Kirchhoff, die ein ähnliches Projekt im Sinne hatten. Sehr wichtig war auch die Unterstützung der damaligen Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt a. M., Petra Roth. Nicht vergessen darf man Florian Langenscheidt, der diesen Preis gefördert hat, und auch den Spiegel-Verlag, der zu den ersten Sponsoren gehörte. Viele haben geholfen, diesen Preis Wirklichkeit werden zu lassen.

Nach der Ernennung der Jury durch die Akademie Deutscher Buchpreis trifft sich die Jury mehrere Male, um eine Long- und Shortlist zu erstellen und schließlich den Sieger bzw. die Siegerin zu küren. Wie laufen solche Treffen ab?

Die Akademie trifft sich meist im November, um die neue Jury zu wählen. Dabei haben alle Akademiemitglieder gleiche Vorschlagsrechte. Auf der Sitzung gilt es, eine möglichst stimmige, vielseitige Jury-Zusammensetzung zu finden. Auch Nachrücker müssen bestimmt werden, denn mit ein, zwei Absagen muss man immer rechnen.
Die Jury kommt dann insgesamt viermal im Lauf eines Buchpreis-Jahres zusammen: zur konstituierenden Sitzung im April und später jeweils zur Wahl der beiden Listen und des Preisträgers. Bei der ersten Sitzung lernen sich die Mitglieder der Jury erst einmal kennen. Im Zuge dieses Treffens erläutern wir den genauen Jahresablauf und machen einen Vorschlag, wie die Juryarbeit vonstattengehen könnte. Bis zum Ende des ersten Treffens sollten sie sich gegenseitig soweit kennengelernt haben, dass sie sich für einen Jurysprecher entscheiden können. Dabei hilft in der Regel das gemeinsame Mittagessen. Bei der Sitzung, in der über die Longlist verhandelt wird, geht es natürlich schon eher ›um die Wurscht‹. Um die Diskussion etwas zu strukturieren, bitten wir im Vorfeld die einzelnen Juroren um die Nennung persönlicher Favoriten. Sie sollen möglichst viele, zwischen 12 und 35 Titel nennen, die sie gern auf der Longlist sehen würden, wobei ich noch nie erlebt habe, dass jemand die Maximalzahl von 35 Titeln vorgeschlagen hat. Dieses Procedere hat sich im Lauf der Zeit und aufgrund der Erfahrungen in den ersten Buchpreis-Jahren entwickelt und verfeinert. Am Anfang mussten wir erst selbst noch lernen, wie es am besten geht – und ein Patentrezept haben wir auch heute noch nicht. Mit jedem Buchpreis-Jahr lernen wir dazu. Die Jurys sind für unsere Handreichungen aber immer sehr dankbar. Die Favoritenlisten der Jury kompilieren wir dann zu einem völlig unverbindlichen Ranking, das eine gute Diskussionsgrundlage für die Jury-Mitglieder darstellt.

Und diese Steuerungsmaßnahme genügt, damit die sieben Juroren sich in einer Sitzung auf eine Liste ›20 aus 200‹ einigen?

Ja, es ist eine einzige Sitzung, aber nicht die einzige Maßnahme. Die Jury muss vorher zu allen eingereichten Titeln Bewertungen und Kommentare abgeben, so dass schon im Vorfeld der Longlist-Sitzung eine Diskussion entsteht. Unsere Aufgabe ist es dabei, die Diskussion übersichtlich aufzubereiten und alle Jurymitglieder laufend auf dem aktuellen Stand zu halten. Dabei wird bereits absehbar, welche Titel kontrovers sind, bei welchen sich alle einig sind und was eher rausfällt. Und dann genügt tatsächlich ein einziges – ganztägiges – Treffen, an dessen Ende wir eine Longlist haben.

Die Juroren haben ein wahnsinniges Lesepensum, wenn sie innerhalb von vier Monaten ca. 200 Romane lesen sollen, oder?

Ich weiß auch nicht, wie sie das schaffen, aber sie schaffen es. In nur vier Monaten diese vielen Texte zur Kenntnis zu nehmen, ist natürlich eine Höllenarbeit. Ich finde es großartig, dass sich immer wieder sieben literaturbegeisterte Menschen finden, die sich dem freiwillig aussetzen. Es gibt zwar eine Aufwandsentschädigung für die Juroren, aber die ist gemessen am Umfang der Arbeit äußerst bescheiden.

Ist es nicht völlig unmöglich, diese Romane allesamt zu lesen? Spielen Klappentexte, Verlagsinformationen und Rezensionen nicht doch eine größere Rolle?

Wie gesagt, die Jurymitglieder schaffen es. Doch letztlich sind das alles hauptberufliche Leser. Sie sind sehr erfahren und erkennen schnell die Qualität eines Textes. 200 Romane in vier Monaten stellen aber auch für diese Menschen eine Herausforderung dar. Wir versuchen, das bestmöglich zu unterstützen, zum Beispiel mit dem bereits erwähnten Bewertungs- und Kommentierungsverfahren. Damit stellen wir auch sicher, dass wirklich jedes eingereichte Buch von der Jury geprüft wird. Die Kommentare machen sehr deutlich, dass die Jury sich tatsächlich inhaltlich und formal mit allen Büchern auseinandersetzt, und zwar weit intensiver, als es durch das Lesen von Klappentexten oder Rezensionen möglich wäre.

2007 wurde das Auswahl-Procedere noch einmal geringfügig geändert. Die Verlage dürfen seither nicht nur zwei Romane aus dem eigenen Programm einreichen, sondern auch fünf weitere Titel empfehlen. Was hat es mit dieser Regelung auf sich?

In den ersten beiden Jahren durfte tatsächlich jeder Verlag nur zwei Titel nominieren. Punkt. Das hat vielen Verlagen genügt, doch einige haben ein sehr breites deutschsprachiges Romansortiment. Diesen Verlagen ist es sehr schwergefallen, aus ihrem umfangreichen Programm nur zwei Titel auszuwählen, die sie der Jury einreichen wollen. Schließlich ist es auch ein Problem, als Verleger einem Autor zu erklären, dass man einem anderen den Vorzug gibt. Wegen dieser Unzufriedenheit haben wir 2007 die Empfehlungsliste eingeführt. Zwar dürfen die Verlage weiterhin nur zwei Titel einreichen, nun aber der Jury fünf weitereempfehlen. Die Jury darf von dieser Empfehlungsliste nachfordern, ist aber nicht daran gebunden. Sie darf grundsätzlich jedes Buch zusätzlich anfordern, das den Einreichungskriterien entspricht.

Mit solchen Listen lassen Sie Bücher in Konkurrenz zueinander treten. Aber nicht nur die Romane der Longlist, der Shortlist oder die Preisträger untereinander konkurrieren miteinander – auch der Deutsche Buchpreis steht doch in einem Wettkampf mit anderen Literaturpreisen, national wie international. Wo steht der Deutsche Buchpreis zwischen Büchner, Bachmann und Booker?

Ich bin gar nicht Ihrer Meinung, dass die Preise in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen. Natürlich konkurrieren sie alle um Aufmerksamkeit, aber sie sind doch im Einzelnen so wenig miteinander vergleichbar, dass sie sich keine Konkurrenz machen. Der Büchnerpreis etwa prämiert ein literarisches Lebenswerk. Das leistet der Deutsche Buchpreis natürlich nicht, sondern er zeichnet einzelne Romane aus. Und der Bachmann-Preis wiederum richtet sich an bislang unveröffentlichte Texte und ist ja überdies ein sehr oraler Preis, bei dem es stark um Präsentation und Performanz geht. Der Preis der Leipziger Buchmesse hingegen hat verschiedene Kategorien (Belletristik – Sachbuch/Essayistik – Übersetzung). In der ›Belletristik‹-Sparte kürt er – im Unterschied zum Deutschen Buchpreis – auch Erzählungen. Wir zeichnen ausschließlich Romane aus.

Die ›Königsgattung der Literatur‹.

… die sogenannte Königsgattung. Es wird uns gern vorgeworfen, dass wir den Literaturbegriff so eng fassen und nur Romane zulassen würden. Doch bei etwa 1.400 Literaturpreisen pro Jahr allein in Deutschland, ist es meiner Meinung nach vertretbar, dass der Deutsche Buchpreis ›nur‹ Romane auszeichnet. Für andere Gattungen sind eben andere Preise zuständig, die auch anders funktionieren. So etwas wie den Deutschen Buchpreis gab es in Deutschland vor 2005 nicht. Es gab keinen nationalen Literaturpreis mit einer solchen Dramaturgie, der ausschließlich für deutschsprachige Romane eines Jahres konzipiert war. Es gab Preise für das schriftstellerische Lebenswerk, regionale Preise und zahlreiche Preise für andere Genres. Es gab schon den renommierten Büchner-Preis und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, aber es fehlte noch ein Preis, der die Aufmerksamkeit für aktuelle Literatur auf sich zu bündeln versteht. Das geht nur über eine klare Positionierung. Der Deutsche Buchpreis soll die Diskussion über die aktuelle deutschsprachige Literatur anregen. Und das hat er geschafft. Was dem Börsenverein vorschwebte, war ein Preis, der mit dem französischen Prix Goncourt oder dem britischen Man Booker Prize vergleichbar sein sollte, der über die Ländergrenzen hinaus auf die deutschsprachige Literatur aufmerksam macht. Beim Booker haben wir uns deshalb auch ganz offen bedient.

Damit sind wir beim Ritualdesign: Sie haben die Teilung der Entscheidungsfindung in eine Long- (20 Titel) und eine Shortlist (6 Titel), die ja vom Man Booker Prize übernommen wurde, bereits erwähnt: Warum dieses Element?

Es gewährt die größtmögliche Transparenz der Entscheidungsfindung. Als Leser werden Sie in diesen Prozess mit einbezogen. Und zudem kommt so nicht nur ein Buch, sondern kommen 20 ins Gespräch. In den ersten Jahren des Deutschen Buchpreises wurde am meisten auf die Preisträger geschaut. Da war das Aufmerksamkeitsgefälle zwischen Preisträgern und den Listen noch sehr groß. Vor allem die Longlist war anfänglich kaum ein Thema, inzwischen setzt sich das Feuilleton aber sehr viel intensiver mit ihr auseinander und schaut sehr genau auf die 20 nominierten Bücher. Und das ist grandios! Inzwischen hält sich die Resonanz auf die Longlist, die Shortlist und den Preisträger etwa die Waage. Die Longlist ist zudem ein wunderbares Instrument für den Buchhandel, um dem Kunden die ganze Bandbreite der deutschsprachigen Literatur zu zeigen. 20 Titel sind natürlich wahnsinnig viel, aber ich finde es richtig, die Longlist nicht, wie es etwa der Man Booker Prize getan hat, auf 12 Titel zu reduzieren. Die Longlist ist mir beim Deutschen Buchpreis überhaupt das Liebste, weil sie so viele unterschiedliche Titel aus der Jahresproduktion vorstellt, und da ist wirklich immer für jeden etwas dabei. Die Shortlist, und das ist meine ganze persönliche Meinung, stellt zu denBüchern sehr stark auch Autoren in den Vordergrund. Da es nur sechs Autoren sind, kann man sich auch über das einzelne Buch hinaus für die Person dahinter interessieren. Und damit bewegt der Preis sich dann von einer nüchternen Vorschlagsliste hin zum Auratischen …

Und zum Wettkampf …

Ja, natürlich.

Dieser Wettkampfcharakter hat ja auch zu der Kritik geführt, die 2008 laut wurde. Julia Franck, Monika Maron und Daniel Kehlmann haben den Preis insbesondere im Online-Lesesaal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung scharf kritisiert: Er sei ein reiner Marketingpreis, die Autoren würden zur Anwesenheit gezwungen werden und kämen sich wie »Schlagersänger in einer Castingshow« oder Teilnehmer eines Hundertmeterschreibens vor.

Selbstverständlich kenne ich all diese Kritikpunkte, aber ich kann sie nicht teilen. Ich verstehe natürlich, dass so eine Nominierung für manchen Autor eine Zumutung sein mag. Manche mögen die Bühne und sonnen sich gern in dem grellen Scheinwerferlicht, andere scheuen es eher und leiden sehr an einem solchen Preisverleihungsabend. Das ist eine Temperamentfrage. Und es gibt natürlich auch Autoren, die sagen: ›Ich möchte nicht mehr für den Deutschen Buchpreis nominiert werden‹.Wilhelm Genazino hat das in einem Interview in der Neuen Osnabrücker Zeitung öffentlich gesagt.
Man kann sich dem ganzen also auch entziehen, wenn man will. Und entgegen des hartnäckigen Gerüchts, dass nur diejenigen eine Chance auf den Preis hätten, die am Abend der Verleihung anwesend sind, wie Daniel Kehlmann gesagt hat, möchte ich klarstellen: Wir zwingen keinen Autor, bei der Preisverleihung zu erscheinen. Es gibt und gab niemals die Vorgabe, dass den Preis nur bekommen kann, wer auch persönlich im Frankfurter Römer erscheint. Trotzdem hält sich dieses Gerücht sehr hartnäckig. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Verlage sehr daran interessiert sind, dass ihr nominierter Autor auch zugegen ist. Denn sollte die Wahl dann doch gerade auf den eigenen Autor fallen, der nicht da ist, dann gäbe es keine Bilder – weder in den Zeitungen noch im Fernsehen. Natürlich kalkulieren wir mit der Anwesenheit aller Autoren, aber einen offiziellen Zusammenhang von Anwesenheit und Preisvergabe gibt es nicht. Man stelle sich nur vor, die deutsche Fußballnationalmannschaft würde an dem Finale teilnehmen, aber nicht bis zur Siegerehrung bleiben – darüber würden wir uns reichlich wundern … das ist halt ein Teil des Spiels.

2008 gewann Uwe Tellkamp mit dem Turm den Deutschen Buchpreis.War er nicht ein Glücksfall für dieses krisenreiche Jahr? Nicht nur, weil er die Plattform, die der Deutsche Buchpreis bietet, so gut zu nutzen verstand, sondern auch weil er in der Kritik so konsensfähig war?

Uwe Tellkamp war auf jeden Fall eine sehr gute Wahl. Das Buch hatte sich schon vor der Verleihung gut verkauft und ging nach dem Gewinn förmlich durch die Decke: Allein am Abend der Preisverleihung sind 68.000 Bestellungen eingegangen. Der Roman landete prompt auf dem ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste – vor Charlotte Roches Feuchtgebieten. Es war das richtige Buch zur richtigen Zeit. Und dass Tellkamp es sehr gut versteht, sich selbst zu inszenieren, das hat man auf der Verleihung ebenso gesehen wie auf der Frankfurter Buchmesse danach. Der Turm war auf der Shortlist 2008 tatsächlich übermächtig, an ihm führte kein Weg vorbei, wie auch die Feuilletonisten immer wieder geschrieben haben. – Im Übrigen bin ich sehr gespannt auf den Beitrag über Dietmar Daths Abschaffung der Arten, der 2008 neben Tellkamps Turm auf der Shortlist stand. In Ihrem Buch ist ein Aufsatz, in dem geht es um …

… eine Antwort auf die Frage, warum Dietmar Dath den Deutschen Buchpreis nicht bekommen hat.

Das ist einfach: Wahrscheinlich, weil Uwe Tellkamp ihn gewonnen hat!

Waren Sie etwa nicht überrascht, dass die Jury sich entschloss, einen so ungewöhnlichen und sicherlich wenig massentauglichen Roman auf die Shortlist zu wählen?

Natürlich, ich war sehr erstaunt, ihn auf der Shortlist zu sehen! Und ich hätte mich persönlich auch sehr gefreut, wenn Dietmar Dath den Deutschen Buchpreis gewonnen hätte, weil Die Abschaffung der Arten ein so abseitiger, großer und großartiger Roman ist, den ich unheimlich gern gelesen habe. Das zeigt, dass auf der Shortlist auch Platz für literarische Experimente ist.

Welches war in dem ›Krisenjahr‹ 2008 der größere Aufreger: der Verzicht Peter Handkes auf seine Longlistnominierung mit der Morawischen Nacht oder Daniel Kehlmanns harsche Kritik?

Interessant, dass Sie von ›Krisenjahr‹ sprechen. Wir haben das nicht so empfunden. Die beiden Ereignisse folgten ja sehr dicht aufeinander. Zuerst trat Handke Anfang September 2008 von der Longlist zurück, was immerhin Wellen bis nach Italien schlug: Bis dahin war die Longlist des Deutschen Buchpreises in Italien ein völlig unbekanntes Phänomen, dank Peter Handke kennt man sie dort nun. Kurz darauf hatte Kehlmann diesen Text in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wo er seine Kritik ausführte. In diesem Jahr hatten wir eine Kooperation mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in diesem Zusammenhang ein Online-Diskussionsforum, den ›Lesesaal‹. Dort diskutierten Leser und auch einige Prominente über den Preis. Das entwickelte rasch eine unglaubliche Eigendynamik. Es meldeten sich Monika Maron, Julia Franck und Michael Lentz, viele andere sprangen auf den Zug auf und schlugen auf den Deutschen Buchpreis ein. Schlimm war das gar nicht: In der Preislogik konnte kaum etwas Besseres passieren, weil es den Preis und deutschsprachige Autoren mit einem Schlag sehr nachhaltig ins Gespräch brachte und einen Streit darüber entfachte, ob die deutsche Literaturlandschaft einen solchen Preis überhaupt braucht oder nicht. Und ebenso wurde darüber gestritten, ob der zurückgezogene ›arme Poet‹, wie Spitzweg ihn sah, das Ideal sein sollte, oder ob ein zeitgenössischer Künstler sich nicht auch inszenieren und inszenieren lassen müsse.

Kehlmann war mit seinem letzten Roman F (2013) erneut für den Deutschen Buchpreis nominiert. Angesichts der Kritik ist das doch erstaunlich. Gab es seinerseits einen Kommentar dazu, warum er der Nominierung zugestimmt hat?

Natürlich wird diese Geschichte jedes Jahr wieder rausgekramt – und als die Longlistnominierungen 2013, und darunter Kehlmanns neuer Roman, veröffentlicht wurden, wurde Kehlmann sicherlich bestürmt. In einem Interview sagte er dazu – sinngemäß: Das sei lange her. Er hat bei dieser Gelegenheit aber auch nicht nachgetreten, auch nicht in dem Moment, als er nicht auf der Shortlist berücksichtigt wurde. Natürlich habe ich damals viele Telefonate geführt, um mich zu erkundigen, ob Kehlmann damit auch wirklich einverstanden sei. Der Verlag hat mir dies versichert. Wir bitten grundsätzlich alle teilnehmenden Verlage, das Einverständnis ihrer Autoren einzuholen, für den Buchpreis eingereicht und – gegebenenfalls – nominiert und ausgezeichnet zu werden.

Die Kritik am Deutschen Buchpreis brandete ja schon 2007 ein wenig auf, als Julia Franck den Preis gewann. Dies war die erste Entscheidung, die doch einigen Gegenwind im Feuilleton erzeugte.

Ja, aber das ist genau das, was der Preis will. Eine Entscheidung für den ›besten deutschsprachigen Roman des Jahres‹ zu treffen, ist immer eine äußerst streitbare Sache. Und den Streit oder die Diskussion über die deutsche Gegenwartsliteratur anzuregen, ist genau die Aufgabe des Deutschen Buchpreises. Nichts ist langweiliger, als wenn die Jury einen Preisträger küren würde, von dem alle sagen würden: ›Na, ok.‹ – Es gibt immer Zustimmung und Ablehnung von Jury-Entscheidungen, wenn es auch in den letzten Jahren nicht mehr so ausgeufert ist. Bei Eugen Ruge (2011) und Ursula Krechel (2012) herrschte breite Einigkeit. Bei Terézia Mora (2013) wiederum ist die Kritik etwas lauter geworden. Denis Scheck hat im Deutschlandfunk von einer »unglaublichen Fehlentscheidung« gesprochen. Und auch der Buchhandel war nicht sehr glücklich, weil Das Ungeheuer – ungeachtet seiner literarischen Qualitäten – es natürlich dem Leser erst einmal schwer macht, sowohl formal als auch inhaltlich: Es geht immerhin um Depressionen. Wer schenkt schon seiner Schwiegermutter zu Weihnachten einen Roman über Depressionen mit dem Titel Das Ungeheuer? Der Deutsche Buchpreis ist ein Leuchtpfeil, der als Orientierung für die Leser dienen soll. Deshalb ist es gut, wenn das Siegerbuch vielen unterschiedlichen Lesern gefällt. Nicht nur für den Handel, sondern auch für die Akzeptanz bei den Lesern ist es sehr wichtig, dass auch Bücher prämiert werden, die ein breiteres Publikum ansprechen. Für die Glaubwürdigkeit des Preises ist es gleichzeitig von zentraler Bedeutung, dass die Jury frei und nur nach literarischen Kriterien entscheidet.

Ganz frei? Es gibt also keine Vorgaben seitens des Börsenvereins, etwa was die Verkäuflichkeit des Siegertextes angeht? Wenn wir einen Juror anriefen, würde der nicht sagen: Moment, das gab da doch diese Checkliste …?

Nein, ich erinnere mich an keine Checkliste. Vielmehr verändert sich der Preis mit den wechselnden Jurys. Deswegen finde ich dieses Rotationsprinzip der Jurymitglieder auch sehr wichtig. Das beugt dagegen vor, dass sich eine ›Buchpreisliteratur‹ entwickelt. Darauf spielen Sie ja an.

Man munkelt, es seien Familienromane mit starkem Bezug zur deutschen Geschichte, die eine besonders gute Chance hätten (vgl. Schröder 2014).

Das ist Unfug, weil es für beinahe jeden Roman gilt. Auch in Reinhard Jirgls verrücktem Mars-Roman Nichts von euch auf Erden (2013) ging es um Familie, Geschichte und irgendwie auch um unsere Gegenwart. Es gibt so unterschiedliche Longlists, wie es Jurys gibt.

Die Listen mögen ja Vielfalt abbilden, aber würden Sie nicht zustimmen, dass etwa die Gewinnerromane von Geiger, Tellkamp und Ruge gewisse Ähnlichkeiten haben und nicht vielleicht doch auf eine ›Buchpreisliteratur‹ hindeuten? Elmar Krekeler, Mitglied der Jury im Jahr 2006, schrieb von einem »Grundrezept« (Krekeler 2011). Und auch Sebastian Hammelehle schrieb von einer »Formel: Deutsche Geschichte plus Familienroman gleich Buchpreis« (Hammelehle 2011).

Journalisten spitzen gerne zu, das müssen sie auch. Ich kann nur wiederholen: Ja, diese drei sind alle Familienromane und ja, alle haben mit Geschichte zu tun und auch irgendwie mit Gegenwart, aber sie tun das alle auf sehr individuelle Art und Weise. Der Turm und In Zeiten des abnehmenden Lichts haben sehr wenig miteinander zu tun, wenn man davon absieht, dass beide DDR-Romane sind. Seit tausenden von Jahren drehen sich die Geschichten um die Themen, die die Menschen bewegen. Und dazu gehören nun mal: Familie, Geschichte und Gegenwart.Wenn das also das Rezept für einen garantierten Buchpreisgewinn sein soll, dann müssten wir jedes Jahr ganz schön viele Romane auszeichnen.

Im Oktober 2009 entstand kurz vor der Preisverleihung eine für die Jury schwierige Situation, als Herta Müller am 8. Oktober 2009 der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. Sie war auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der am 12. Oktober vergeben werden sollte – schließlich ging er nicht an Herta Müller, sondern an Kathrin Schmidt.

Das war eine schwierige Situation für die Jury. Sie musste entscheiden, ob der Roman einer Frau, welche gerade die höchste literarische Weihe durch den Literaturnobelpreis erfahren hat, den Deutschen Buchpreis bekommen solle oder nicht. Von außen gesehen konnte die Jury nur falsch entscheiden: Entweder wirft sie Müller den Preis, der nicht mit dem Nobelpreis und seiner öffentlichen Wirkung vergleichbar ist, hinterher, ohne dass er irgendeine Wirkung hätte, oder sie gibt ihn ihr gerade nicht und profiliert sich gegenüber dem Nobelpreis. Das waren also schlechte Karten für die Jury. Sie konnte diesen Konflikt nicht einfach ausblenden: Das war nun mal in der Welt. Die Jury hat darüber gesprochen und sich dann darauf besonnen, dass der Deutsche Buchpreis Romane und nicht Autoren auszeichnet. Sie hat sich auf die literarischen Qualitäten des vorliegenden Romans von Herta Müller, Die Atemschaukel, im Vergleich zu den anderen fünf Romanen der Shortlist konzentriert und den Preis an Kathrin Schmidts Du stirbst nicht vergeben. Ich fand es sehr schön, dass Herta Müller trotz des Wirbels um den Nobelpreis zur Preisverleihung erschienen ist. Das hat den Abend zu etwas ganz Besonderem gemacht – wann hat man schon mal eine Nobelpreisträgerin um sich!?

Für die Jury mag es eine lose-lose-Situation gewesen sein, für den Preis aber doch eine win-win-Situation, weil die Aufmerksamkeit in jedem Fall sicher war!

Man sieht das ja an der Medienresonanz. Diese Shortlist hat so eine starke Medienresonanz bekommen wie keine andere Shortlist, weil im Zusammenhang mit dem Nobelpreis immer auch der Deutsche Buchpreis genannt wurde. Wir haben uns darüber sehr gefreut.

Welches waren für Sie die schönsten Momente der Buchpreisgeschichte?

Es war sehr bewegend, als Herta Müller 2009 diesen Sonderapplaus für ihren Nobelpreis bekam, das war ein Gänsehautmoment. Oder als Melinda Nadj Abonji 2010 den Preis gewann und ein lauter Freudenschrei durch den Kaisersaal ging, und zwar gar nicht von der Autorin selbst. Solche Begeisterung sieht man nicht oft in der sehr um Contenance bemühten Buchbranche. Es ist auch immer interessant, zu beobachten, wer die Preisverleihung und den Empfang im Anschluss als letzter verlässt …

Wer war es denn letztes Jahr?

Das darf ich nicht sagen.

Clemens Meyer, dessen Roman Im Stein 2013 auf der Shortlist war, aber ohne Preis blieb, ist letztes Mal ja sehr früh gegangen …

Das stimmt. Direkt nach der Verkündung der Preisträgerin hat er seine Meinung zur Veranstaltung kundgetan und angekündigt, dass er sehr schnell verschwinden werde.

Welche Augenblicke während der Preisverleihungen haben Ihnen die größten Sorgen bereitet?

Bei der Verleihung des Preises an Katharina Hacker 2006 war ich anwesend, damals als Aushilfe. Es ging dramaturgisch gerade auf den Höhepunkt des Abends und die Verkündung von Katharina Hacker als Preisträgerin zu, als wir merkten: Sie ist gar nicht mehr im Raum, sie war plötzlich weg. Alle Mitarbeiter, die irgendwie mit der Preisverleihung zu tun hatten, rannten panisch durch den Frankfurter Römer auf der Suche nach Katharina Hacker, die sich dann irgendwann in der Römerhalle fand und sich um ihr vor wenigen Wochen neugeborenes Kind kümmerte, weil sie auch nicht damit rechnete, den Preis zu bekommen. Wir mussten sie unter Vorwänden in den Saal zurücklocken, denn wir konnten ihr ja nicht sagen: ›Sie kriegen gleich den Preis, kommen Sie gefälligst.‹

Nun gut, die Stimmung des Abends wird es sicher nicht getrübt haben.

Nein, das stimmt. Die Stimmung lebt vor allem vom Geheimnis um den Preisträger, das wir sehr streng hüten. Kurz vor der Preisverleihung schießen aber jedes Jahr die Spekulationen ins Kraut. Offenbar geht das schon bei der Anreise nach Frankfurt los: Mit Zügen aus Berlin und München kommen am Montag vor der Buchmesse viele Preisverleihungsgäste, und unwahrscheinlich viele davon geben vor, ganz genau zu wissen, wer den Preis bekommen wird. Ich gehe nicht davon aus, dass irgendjemand tatsächlich vorher Wind davon bekommt, aber wenn ich vor der Preisverleihung zufällig den richtigen Autorennamen höre, zucke ich immer ein bisschen zusammen. Es ist jedes Jahr ein Rätsel, ob das Buchpreis-Geheimnis diese 24 Stunden, die es bestehen muss, überstehen wird. Es ist eine Zerreißprobe auch für die Juroren, weil auch die garantiert von den Verlagen gelöchert werden. Von mir erfährt es natürlich niemand.

Schade, aber mit wem würden Sie denn am 6. Oktober 2014, dem Tag der diesjährigen Preisverleihung, sehr gern auf ein Siegerbier oder ein Glas Siegerwein anstoßen?

Von den Autoren? Das kann ich natürlich nicht sagen! Das ist eine fiese Fangfrage. … mit der Jury! Das schönste ist immer der Moment nach der Verleihung, wenn ich mit der Jury auf die getane Arbeit anstoßen kann. Oft versacken wir danach im Frankfurter Hof an der Autorenbar …

An dieser Bar geht also das jährliche Spiel zu Ende: Spiel, Satz und Sieg.

›Spiel, Satz und Sieg‹ – mir gefällt der Titel, denn der Literaturbetrieb ist eben ein ›Spiel‹ mit Meinungen, Geschichten und Eitel- keiten. Es ist auch eine Frage des Glücks, auf einer solchen Liste zu landen. Dass Romane mit Sätzen anfangen und auch enden, ist natürlich banal – es ist aber immer ein ganzer ›Satz Romane‹, den wir dem Publikum jedes Jahr an den Kopf werfen. Und der Sieg – der gehört am Ende, so hoffe ich, allen.

Quellenverzeichnis

Göpfert, Claus-Jürgen (2014): »Buchpreis sucht Sponsor«. In: Frankfurter Rundschau. 13.01.2014.

Hammelehle, Sebastian (2011): »Buchpreis-Gewinner Eugen Ruge: Ein allzu geradliniger Gewinner«. In: Spiegel Online. 11.10.2011. Zugriff am 03.08.2014.

Krekeler, Elmar (2011): »Kitsch komm raus. Julia Franck schreibt einen Unterhaltungsroman wider Willen«. In: Die Welt. 27.11.2011. Zugriff am 03.08.2014.

Schröder, Christoph (2014): »Im Abgrund ist’s gemütlich«. In: Zeit Online. 09.01.2014. Zugriff am 03.08.2014.

***

Ingo Irsigler / Gerrit Lembke (Hg.): Spiel, Satz und Sieg. 10 Jahre Deutscher Buchpreis. Berlin University Press, Berlin 2014, 272 Seiten, 19,90 €.

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2 Kommentare zu „Im Gespräch mit Philippe Genêt über den Deutschen Buchpreis

  1. Mmh zum Thema Deutscher Buchpreis müssen wir uns noch einmal gesondert unterhalten. Aber schon sehr spannend all diese Eindrücke vermittelt zu bekommen. Und vor allem all die kleinen Skandale, einige davon kannte ich bisher noch gar nicht. Ach, und wieder unser Herr Meyer. Er wächst mir richtig ans Herz.

    Aber ich gestehe an einigen Stellen sind mir die Antworten dann doch zu „aalglatt“. Kritik perlt ja förmlich ab…

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    1. Nun ja, was bleibt ihm anderes übrig? Er ist der Leiter des Deutschen Buchpreises, antwortet hier im Namen des Börsenvereins und nicht als Privatperson und Leser, er muss also – vermute ich – gewisse Sprachregelungen einhalten und darf keine Interna ausplaudern. Auch dies ist natürlich Teil des »Spiels«, von dem im Interview die Rede ist, Teil der Inszenierung des Deutschen Buchpreises.

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