Carl Nixon: Settlers Creek

Nixon - Settlers Creek (c)

»… und er spürt, wie seine Welt erzittert und ins Rutschen gerät«

Anstelle eines klassischen Titelblattes eröffnen fünf doppelseitige Fotos von Lisa Bach das Buch; an ihren oberen Rändern sind die üblichen Angaben – Autor, Titel, Übersetzer und Verlag – und zum Schluss die Widmung vermerkt. Dass der Weidle Verlag großen Wert auf die Ausstattung seiner Bücher legt, darauf, dass jede Geschichte in ein angemessenes Gewand gekleidet wird, ist an Details wie diesen zu erkennen. Noch bevor man das erste Wort gelesen hat, ist man schon drin in der Romanwelt: Im Fall von Carl Nixons Settlers Creek sind es die Küsten- und Gebirgslandschaften Neuseelands, mal friedlich wie auf den erwähnten Bildern im Innern des Buches, mal unheilvoll wie auf Stephanie Nixons Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Umschlag und Einband zieren.

Beide haben ihre Berechtigung, denn Settlers Creek handelt zwar von Schmerz und Wut, ist jedoch keinesfalls rau, sondern zart und poetisch. Nixon nimmt sich viel Zeit, um seine Geschichte zu erzählen, in der Presse wurde er hierfür mitunter kritisiert. Doch genau in dieser Ruhe liegt die Stärke des Romans; was geschieht, entfaltet durch sie eine umso größere Intensität. Dabei ist das, was geschieht, nicht viel: Am Anfang begeht ein neunzehnjähriger Junge Selbstmord – es ist der Sohn des Protagonisten Box Saxton. Einst war Box ein erfolgreicher Unternehmer, doch die Finanzkrise nahm ihm fast alles, das luxuriöse Haus mit Meerblick, den BMW, das Geld für die Privatschule der Kinder. Nun ist er ein einfacher Bauarbeiter und lebt unter der Woche dort, wo es gerade Arbeit gibt.

An einem dieser Orte, Stunden von der Familie entfernt, ist er, als er die Nachricht vom Tod seines Sohnes Mark erhält. »Er hat so geparkt, daß ihn der Wind von der Seite trifft; eine starke Bö schüttelt den ganzen Wagen. Box sitzt in der Fahrerkabine und spürt, wie seine Welt erzittert und ins Rutschen gerät.« Auf den folgenden zweihundert Seiten begleiten wir Box in seinem altersschwachen Pick-up zum Flughafen und von dort nach Christchurch, wo die Familie lebt; sind dabei, wenn er seiner Frau Liz und seiner Tochter Heather Trost spendet, während er selbst im Stillen leidet; sind dabei, wenn er mit dem Bestatter redet und wenn er nach Governors Bay fährt, jene ländliche Gegend im Süden von Christchurch, wo er aufgewachsen ist und wo Mark nun beerdigt werden soll.

Tempo nimmt die Geschichte erst im letzten Drittel auf, als Marks leiblicher Vater Tipene auftaucht: Dieser ist Maori und will den Jungen auf dem Friedhof seiner Ahnen im nördlich gelegenen Kaikoura bestatten lassen. Box zeigt sich verständnislos – nicht gegenüber der Tradition, sondern gegenüber diesem Mann, der sich all die Jahre nicht um seinen Sohn geschert hat und nun Mitspracherecht fordert. Ein Gespräch lässt er gar nicht erst zu, und so nimmt Tipene den Leichnam kurzerhand mit sich. Es ist für Box der Beginn einer Odyssee, die ihn an den Rand seiner Kräfte – und an den Rand des Gesetzes – bringt: Abzuwarten, bis die träge Staatsgewalt eingreift, kommt für ihn nicht infrage, stattdessen bricht er ebenfalls nach Kaikoura auf, um die Sache auf eigene Faust zu regeln.

Ein Jahrhunderte währender Konflikt wird in dieser Geschichte verhandelt, das Aufeinanderprallen zweier Kulturen, zweier Traditionen, zweier Rechtsauffassungen, ein Konflikt, in dem es kein Richtig und kein Falsch gibt. Und doch ist Settlers Creek kein politischer Roman, nicht in erster Linie zumindest. Im Vordergrund steht das persönliche Drama eines Mannes, der vieles verloren hat in seinem Leben, ohne jedoch daran zu zerbrechen – bis zu diesem letzten Verlust, der ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Von der Trauer und der Wut seines Helden erzählt Carl Nixon (ins Deutsche übertragen vom Verleger Stefan Weidle) mit einer stoischen Ruhe und einer unaufgeregten, klaren Sprache, die umso mehr aufwühlen. Immer wieder hat man zu schlucken bei der Lektüre.

Sie drängten sich im Niemandsland des Flures zusammen. Box’ Augen blieben irgendwie trocken. Liz und Heather schluchzten, schnappten nach Luft durch Tränen und Rotz und Schleim; Ausscheidungen des Schmerzes, die sich in Box’ Sweatshirt ergossen.
So also ist das jetzt, dachte er. Das ist es, was übrigbleibt, das hier in meinen Armen. Box kam sich vor wie ein Überlebender eines verheerenden Erdbebens. Es war ihm nur das geblieben, was er festhalten konnte.

Von einer leisen Schönheit sind vor allem jene Passagen, die nach Governors Bay führen. Zweimal kehrt Box im Laufe der Geschichte an den Ort seiner Kindheit zurück, einen Hof, der inzwischen dem Verfall preisgegeben ist; noch häufiger kehrt er in seiner Erinnerung dorthin zurück, zeichnet zarte Bilder seiner Großeltern. Jenseits der politischen Dimension ist die Familie – das Glück, das sie bedeutet; das Leid, wenn sie auseinanderbricht – das zentrale Motiv von Settlers Creek: Box Saxton kämpft für sie, er tut alles, um sie beisammenzuhalten und zu beschützen. Ihm dabei zu folgen und zu sehen, wie er droht, selbst kaputtzugehen, das ist manchmal beklemmend, manchmal fesselnd, in jedem Fall aber bewegend. Eine Lektüreerfahrung, die bleibt.

Nixon - Settlers Creek (4)

Carl Nixon: Settlers Creek. Aus dem Englischen von Stefan Weidle. Weidle Verlag, Bonn 2014, 344 Seiten, 23,00 €.

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19 Kommentare zu „Carl Nixon: Settlers Creek

  1. Liebe Caterina,

    da ist dir aber eine unheimlich interessante und kluge Besprechung gelungen. Wenn ich das Buch nicht schon besitzen würde, würde ich es mir nun sofort kaufen – nun machst du mich aber neugierig darauf, möglichst schnell loszulesen.

    Danke dafür.
    Mara

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Mara,
      danke für deine schönen Worte! Lies das Buch, es wird dir ganz sicher gefallen. Es ist eine dieser Perlen, auf die man nur selten stößt.

      Herzlich,
      caterina

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    1. Ja, nicht wahr? Ich mag vor allem diese unaufgeregte und feine Sprache, die Ruhe, die aus jedem Wort strahlt und die sich in den Fotos wiederfindet. Viel Freude bei der Lektüre, solltest du dir das Buch zulegen!

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  2. Liebe Caterina,
    für mich ist deine Rezension etwas ganz Besonderes – und das in vielerlei Hinsicht. Sie ist wundervoll geschrieben und sehr mitreißend! Schön sind auch die Fotos zum Buch selbst. Zudem freue ich mich über das Wiedersehen mit dem Buch. So war ich seinerzeit bei der Buchpremiere und blicke auf einen schönen literarischen Abend zurück. Die hochwertige Ausstattung der Weidle Bücher ist immer wieder ein Hochgenuss. Mich hat ja kürzlich Nordlicht – Südlicht sehr begeistert. Als ich den Schutzumschlag abnahm, gab es für mich eine schöne Überraschung. Aber auch inhatlich war die Lektüre eine große Freude!

    Sei lieb gegrüßt,
    Klappentexterin

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    1. Ach ja, ich erinnere mich, liebe Klappentexterin, von der Lesung hast du damals erzählt. Ich werde nicht nur den Autor, sondern insbesondere auch den Verlag nun verstärkt im Auge behalten, sie haben mir eines der schönsten Leseerlebnisse des Jahres beschert.

      Einen Gutenachtgruß nach Berlin!
      caterina

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  3. Liebe Caterina,
    eine schöne Besprechung eines Buches, das auch optisch und vermutlich haptisch ein richtiger Knaller (ohne Knall sozusagen) ist. Ich mochte schon den Vorgängerroman Rocking Horse Road sehr gerne und werde sicher auch dieses Buch lesen. Übrigens, auch die Rocking Horse Road erschien bei Weidle und ich hatte sich schon verliebt, ohne auch nur die ersten Seiten gelesen zu haben. Allein die Aufmachung, das Gefühl beim Anfassen und dann sind ja Weide-Bücher solche, bei denen man gern mal den Schutzumschlag abmacht, weil es darunter keinen hässlichen grauen Karton gibt, sondern schöne Überraschungen, die mit dem Buch zu tun haben. Und ja klar, Carl Nixons‘ Ton hat es mir natürlich auch angetan, die wunderbar, zuweilen fast bedächtige Art, wie er seine Geschichten entwickelt. Ich wünsche diesem und dem Vorgänger-Roman viele Leser, die in der Lage sind, sich die Zeit zu nehmen und einzutauchen.
    Danke für die schöne Besprechung und liebe Grüsse
    Kai

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    1. Lieber Kai,
      merci für deinen Besuch und die schönen Worte! Rocking Horse Road steht schon zur Lektüre bereit, genau genommen hatte ich es noch vor Settlers Creek, doch dann kam dankenswerterweise die Hotlist dazwischen. Aber ich freue mich schon auf die Lektüre des anderen Buches, zudem hat mir Herr Weidle verraten, dass im kommenden Jahr ein weiterer Roman von Carl Nixon erscheinen wird. Es gibt also allerhand Gründe zur (Vor-)Freude!

      Herzlich,
      caterina

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  4. Danke für diesen Buchtipp! Jetzt, Monate später habe ich das Buch gelesen und gerade ist meine Besprechung auf Kaffeehaussitzer.de online gegangen. Als ich Deinen Text jetzt noch einmal gelesen habe, stellte ich verblüfft fest, dass wir fast exakt dieselben Zitate verwenden – offensichtlich haben wir einen ähnlichen Sinn für Schlüsselstellen… 😉 Aber es ist einfach ein großartiger Roman. http://kaffeehaussitzer.de/kulturen-crash-am-ende-der-welt/

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    1. Es sind auch einfach wunderbare Passagen, ich lese sie noch immer gern! Und kann es kaum erwarten, den nächsten Nixon in die Hand zu nehmen. Zu Lucky Newman haben sich ja schon einige Leser begeistert geäußert, und auch Rocking Horse Road habe ich noch immer nicht gelesen, es gibt also einigen Grund zur Freude. 🙂

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