Im Gespräch mit Stephanie Bart

stephanie bart

»Es gibt überhaupt keine unpolitischen Bücher und Autor*innen«

Im Juni 1933 gewann der Boxer Johann Rukelie Trollmann die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht, doch schon wenige Tage später wurde ihm der Titel wieder aberkannt. Offiziell wegen unsportlichen Verhaltens – in Wahrheit konnten die Funktionäre unmöglich akzeptieren, dass ein Sinto den Titel trug. 1944 wurde Trollmann im Konzentrationslager Wittenberge ermordet. Nun hat Stephanie Bart einen Roman über ihn geschrieben, Deutscher Meister, und wurde dafür mit dem Rheingau Literaturpreis ausgezeichnet. Pünktlich zur Buchmesse titelte die FAZ: »Ein Roman wie ein Faustschlag«. Ich habe mich mit der Autorin über die Entstehung des Buches, die Annäherung ans Boxen und die Aufgabe von Literatur unterhalten.

Der Roman Deutscher Meister handelt von Johann Trollmann, allerdings erzählst du kein ganzes Leben, sondern knapp vier Monate des Jahres 1933. Warum hast du dich entschieden, die Zeit davor und die danach weitgehend auszusparen?

Ich habe mich an Trollmanns Performances gehalten, die ich als recht eindeutige Botschaften verstehe, und ich denke, dass wir uns davon angesprochen fühlen dürfen. Hierfür waren die Zeit davor und danach nicht maßgeblich.

Wie bist du auf die Geschichte gestoßen und was hat dich daran so sehr gereizt, dass du einen Roman darüber schreiben wolltest? Wie war der Weg zum fertigen Manuskript?

Für Trollmann wurde 2010 ein temporäres Denkmal errichtet, und als ich auf diese Weise von ihm erfuhr, war die Sache geritzt. Gereizt hat mich, dass ein Einzelner der Übermacht die Kontrolle entrissen und sie geschlagen hat. Erst musste ich es mit mir herumtragen und nicht wissen wie anfassen, dann erhielt ich ein knappes Jahr später das Stipendium des Deutschen Literaturfonds, das mir die Arbeit an dem Projekt ermöglichte und das mich mit seiner zeitlichen Begrenzung gleichzeitig zur Eile trieb. Ich habe zweieinhalb Jahre ohne Pause sowohl abwechselnd als auch parallel recherchiert und geschrieben. Ich habe sehr charmante Leute kennengelernt und schaue weiterhin sehr gerne Boxkämpfe.

Romanbiografien gibt es derzeit zuhauf, auch dieser Stoff hätte sich für eine solche geeignet. Du aber hast dich für einen anderen Ansatz entschieden und näherst dich der Geschichte Trollmanns an, indem du (auch) die Geschichten der anderen Figuren erzählst. Trollmann selbst hat relativ wenige Auftritte, du umkreist ihn gewissermaßen. Was ermöglicht dir diese Herangehensweise?

Sie drängte sich auf. Rein theoretisch könnte man Performances ohne Publikum erzählen, aber das würde es in diesem Fall beliebig machen und am Kern der Sache vorbeigehen, denn Trollmanns Performances spiegeln dem Publikum die gesellschaftlichen Verhältnisse, das heißt, sie drücken aus, was Sache ist. Sache ist, dass Trollmann seit zweieinhalb Jahren regelwidrig und aus rassistischen Gründen der Zugang zum Titel verwehrt wird, während Straßenkämpfe zwischen Nazis und Kommunisten toben und künstlerische Avantgarden und Subkulturen blühen, und dass die braune Pest damit beschäftigt ist, die geschenkte und noch fragile Macht zu zementieren und hierbei eine schwere Niederlage von Trollmanns Händen hinnehmen muss.

Du bedienst dich eines überraschend heiteren Tons, erzählst mit Humor und Ironie selbst dort, wo es weh tut. Ist es trotz oder gerade wegen der Schwere des Themas? Ist dieser Ton gar eine Art Hommage an deinen Helden, der Versuch, seinen unkonventionellen Boxstil – die Lässigkeit, das Tänzelnde – in Sprache zu übertragen?

Natürlich färbt der Stoff die Sprache. Wir sind im Roman aber noch in der ersten Hälfte des Jahres 1933. Die Schwere, das heißt, der Völkermord an den Sinti und Roma, hat sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ereignet, und noch niemand kann sich zu diesem Zeitpunkt eine Vorstellung von der industriellen Tötung von Menschen machen. Wir sind noch im Zustand der Unschuld, das spätere Auschwitz ist ein polnisches Städtchen namens Oświęcim, ein Städtchen wie jedes andere.

Es gibt zwei zentrale Boxkämpfe in dem Buch, einen davon – den um den Meistertitel – schilderst du in epischer Breite über hundert Seiten. Hattest du vor der Arbeit an dem Buch bereits Berührungspunkte mit dem Boxsport? Und falls nicht, wie hast du dich mit ihm – und speziell auch mit Trollmanns Kämpfen – vertraut gemacht und dir das technische Vokabular angeeignet?

Ich hatte vorher keine Berührungspunkte mit dem Boxen. Um zu verstehen, was überhaupt im Ring vorgeht, habe ich Bücher und Blogs über Boxen gelesen und Videos von Boxkämpfen angesehen. Es ist zum Beispiel interessant, einen Kampf zu betrachten und dann nachzulesen, wie Experten darüber sprechen, denn zwei Beobachter haben von einem Kampf mindestens drei Versionen. Die Sportberichterstattung zu Trollmanns Zeit war umfangreich, über Trollmanns sämtliche Kämpfe gibt es viele Kampfberichte, die durchaus auch Widersprüchliches enthalten und in ihrer Gesamtheit ein recht gutes Bild seiner Kampfkunst vermitteln.

In deinem Debütroman Goodbye Bismarck erzählst du von der Verhüllung des Hamburger Bismarck-Denkmals mit einer Helmut-Kohl-Maske am Tag der deutschen Wiedervereinigung 1990. Nun die Geschichte des von den Nationalsozialisten verfolgten Sinto-Boxers Johann Trollmann. Begreifst du dich als eine politische Autorin? Verfolgst du ein Anliegen bei der Wahl und der Aufbereitung deiner Stoffe?

Umgekehrt. Es gibt überhaupt keine unpolitischen Bücher und Autor*innen, ungefähr so, wie keine Antwort auch eine Antwort ist. An dem Begriff »politische Autorin« stört mich, dass er erstens voraussetzt, es könne doch eine »unpolitische Autorschaft« geben, und dass er zweitens das politisch Sein aufs Schreiben beschränkt, obwohl sich das Schreiben aus dem Leben jenseits des Schreibens speist, woher auch die Stoffe kommen. Ein Stoff kommt also, und dann kann ich wählen, in dem ich ja oder nein sage. Aber das muss nicht immer eine Wahl im Sinne einer autonomen Entscheidung sein.

Was ist in deinen Augen die Aufgabe von Literatur? Was kann sie, was soll sie leisten? Soll sie überhaupt? Und welche Bücher haben dich zuletzt beeindruckt?

Ich glaube nicht, dass die Literatur eine Aufgabe hat, denn sie ist kein handelndes Subjekt. Die einzelne Autorin oder der einzelne Autor kann sich, und nur sich selbst und sonst niemand, eine Aufgabe stellen und diese bearbeiten, aber einzelne Autor*innen sind natürlich nicht die Literatur, sondern ein Teil von ihr. Für mich ist der Stoff die Aufgabe. Im Augenblick beeindruckt mich Amanda herzlos von Jurek Becker, zuvor The Doors und Dostojewski von Susan Sontag und Zurück zum Feuer von Saskia Hennig von Lange, worin Max Schmeling stirbt, und mit der zusammen ich im November eine Lesung im Literaturhaus Zürich halten werde.

Gibt es bereits ein neues Thema, dem du dich literarisch annähern möchtest?

Ja, und es wird ungeheuer aufregend, aber leider kann ich noch nicht sagen, was es ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für dich und dein Buch!

Stephanie Bart: Deutscher Meister. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014, 384 Seiten, 22,00 €. Auch als eBook für 16,99 € bei ocelot.de erhältlich.

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