Stephanie Bart: Deutscher Meister

Bart - Deutscher Meister (c)

»Von Trollmann lernen heißt siegen lernen!«

Für ihren Roman Deutscher Meister über den Sinto-Boxer Johann Trollmann erhielt Stephanie Bart Ende September den Rheingau Literaturpreis, der mit 11.111 Euro und 111 Flaschen Rheingauer Wein dotiert ist. »Die Handlung des ganzen Buchs läuft selbst ab wie ein idealer Boxkampf: ein stetes Hin und Her, lauter Finten, Vorstöße, Rückzüge und bisweilen Aufwärtshaken und Tiefschläge«, heißt es in der Rezension vom Literaturchef der FAZ, Andreas Platthaus, und auch dessen fulminante Laudatio am Tag der Preisübergabe war wie ein Boxkampf aufgebaut – samt Gong! Fazit sowohl der Rezension als auch der Laudatio: »Dank Stephanie Barts Roman bekommt [Trollmann] nun ein Nachleben geschenkt. In einem angemessen meisterhaften Roman.« Fürwahr!

Johann Trollmann, genannt Rukelie, wurde 1907 in Wilsche bei Gifhorn geboren und 1944 im Konzentrationslager Wittenberge ermordet. 1933 kämpfte der Halbschwergewichtler gegen Adolf Witt und erzielte einen klaren Sieg nach Punkten; der Titel des Deutschen Meisters wurde ihm aber schon wenige Tage später wieder aberkannt. Wegen unsportlichen Verhaltens – so zumindest begründeten es die Funktionäre. In Wahrheit konnte man unmöglich akzeptieren, dass ausgerechnet ein Sinto den Titel trug. Die Nationalsozialisten hatten soeben die Macht ergriffen, die Arisierung sämtlicher Lebensbereiche – auch des Berufssports – war in vollem Gange. Dass Trollmann überhaupt antreten durfte, lag am Engpass, den der massenhafte Ausschluss jüdischer Boxer zur Folge hatte.

Wenn es nicht um diesen elenden Titel gegangen wäre, dann wäre Trollmann in der Pause zwischen den Runden in die Ringmitte gesprungen und hätte ein paar zackige Liegestütze vorgemacht, um den Gegner zu demoralisieren und das Publikum zu unterhalten, und alle hätten gelacht, und hinterher hätte man Trollmann Mätzchen vorgeworfen. Nun also keine Mätzchen, sondern Titel, nationale Ehre, Lachen verboten, innere Werte, Hacken zusammenschlagen, hygienisch sauberes Boxen. […] Im Ring hatte Trollmann die Geschichte auf seiner Seite, aber außerhalb der Seile bekämpfte ihn die Gegenwart, in der die Dümmeren sich aufmachten, über Schwächere zu siegen.

Die Autorin Stephanie Bart bereitet diese Geschichte nun in einem Buch auf, das vieles auf einmal ist: Sportlerdrama und Gesellschaftsroman, Tragödie und Komödie, in jedem Fall ein Meisterwerk. Eines ist es dabei aber nicht: eine Biografie. Denn Bart erzählt nicht – wie es vielleicht nahegelegen hätte – an Trollmanns Lebensweg entlang, sondern greift sich wenige Monate aus diesem Leben, aus dem Jahr 1933, heraus; was davor und danach geschah, wird lediglich angedeutet oder gar komplett ausgeblendet. Mehrere politische Ereignisse sind in die Handlung eingeflochten, die Bücherverbrennung am 10. Mai etwa oder die Köpenicker Blutwoche Ende Juni. Im Vordergrund aber stehen zwei Boxkämpfe: jener um den Titel am 9. Juni und jener am 21. Juli, der das Ende von Trollmanns Karriere markierte.

Sie rahmen die Handlung nicht im zeitlichen, wohl aber im erzähltechnischen Sinne ein: Dem Prolog und dem Epilog sind zwei Passagen vorangestellt, die beide den Titel »Die Flanke« tragen und beschreiben, wie der Boxer den Ring betritt bzw. verlässt, über die Seile federnd und nicht – wie es üblich ist – durch sie hindurchkletternd. Die erste der beiden Passagen bezieht sich auf den 9. Juni, den Tag von Trollmanns größtem Triumph, die zweite auf den 21. Juli, als er eine K.o.-Niederlage gegen Gustav Eder erleidet. Weil er als Sinto unter keinen Umständen gewinnen darf, lassen die Nazis ihn unter unlauteren Bedingungen antreten. Der Kampf ist eine Farce, doch Trollmann wendet ihre eigenen Waffen gegen sie und erringt trotz allem einen Sieg – einen moralischen. »Von Trollmann lernen heißt siegen lernen!«, steht an einer Stelle.

Für die Schilderung der beiden Boxkämpfe nimmt Bart sich viel Zeit, der Titelkampf wird gar über hundert Seiten erzählt – es sind die besten des ganzen Buches. Wie Trollmann durch den Ring tänzelt, seine Gegner irritiert und das Publikum verführt, so weiß auch Bart, den Leser zu bezirzen und gleichzeitig zu fordern. Die Gefahr, sich im Pathos zu verlieren, dürfte angesichts der Ungeheuerlichkeit dieser Geschichte groß gewesen sein, doch die Autorin umgeht sie gekonnt, indem sie mit viel Witz und Tempo erzählt. Wie Trollmann im Boxen macht Bart »Mätzchen« im Erzählen, sie kalauert, parodiert und spöttelt, bedient sich narrativer Elemente der Dramatik: »ab«, wenn eine Figur die Szene verlässt, und eine schlichte Kombination aus Namen und Doppelpunkt bei der direkten Rede.

Der erste Vorsitzende: »Er müsste einmal stillhalten, damit man ihn verprügeln kann.«
Der Generalsekretär: »Er muss auf Biegen und Brechen zu Boden gehen und liegen bleiben.«
Purtz nickte. Der Chefredakteur, seufzend: »Man müsste, man müsste.«
Der Generalsekretär: »Könnte man ihm nicht das Laufen …«, der Chefredakteur: »… mit einiger solider Pressepropaganda …«, der erste Vorsitzende: »Verbieten! Verbieten! Verbieten! Bei Zuwiderhandlung Lizenzentzug! Sieg Heil!«

Nicht nur sprachlich schöpft Bart aus dem Repertoire des Theaters, der gesamte Roman ist als eine Art Bühne angelegt, auf der die Figuren auf- und abgehen – Trollmann selbst hat hierbei nicht einmal die Hauptrolle inne. Da sind all jene, die ihn verehren: die Bäckereifräulein Henriette Kurzbein und Maria Plaschnikow, der englische Großbürger Johnny Bishop und sein junger Begleiter Beaujean, die Lehrlinge von der Ullstein-Druckerei und die Turnlehrerin mitsamt ihren Elevinnen. Und da sind auf der anderen Seite der Erste Vorsitzende des Verbands Deutscher Faustkämpfer, der Chefredakteur des Box-Sport, der dümmliche SA-Mann Willi Radzuweit. Die Bühne, auf der sie sich bewegen, heißt Berlin, und sie alle zusammen stehen stellvertretend für eine zerrissene Gesellschaft am Rande des Abgrunds.

Die Autorin richtet das Scheinwerferlicht mal auf die eine, mal auf die andere Figur, beleuchtet bisweilen mehrere Szenerien parallel, überlagert sie – häufig innerhalb ein und desselben Abschnitts, manchmal sogar innerhalb ein und desselben Satzes: »[…] links-rechts, zwei Schläge wie einer, zackzack, Schwung mit dem Oberkörper, Schritt zur Seite, […], Bishop: ›Ah, jetzt holt er seine Rechte raus!‹, sich aufrichtend, fußwechselnd, Plaschnikow: ›Och je, der arme Witt.‹«. Es ist auch dieses simultane Erzählen, das den Roman zu einem derart furiosen und herausragenden Stück Literatur macht. Doch sosehr der Roman mit seinem erzählerischen Hakenschlagen beeindruckt und mit seiner beißenden Satire unterhält, sosehr schmerzt er auch und rüttelt wach.

Weil Bart auf Emotionalisierungen weitgehend verzichtet und stattdessen die Ereignisse in aller Lakonie wiedergibt, ist die Wucht, mit der diese den Leser erwischen, umso größer. Etwa, als das Kampfgericht Trollmann nach dessen Punktsieg gegen Witt den Titel verweigert: »Trollmann knickte ein. Diesem Schlag konnte er nicht ausweichen. Er war mit einem Satz bei Dirksen, riss ihm das Handtuch von der Schulter, warf es sich über den Kopf, verließ den Ring und lief mit schnellen, langen Schritten zu den Kabinen.« Oder als er bei jenem skandalösen Kampf gegen Eder auf die Floskel des Ringrichters »Protect yourself at all times!« entgegnet: »Ich auch?«. Mit Deutscher Meister hat Stephanie Bart ein eindrucksvolles Denkmal für Johann Trollmann und den Boxsport und zugleich ein Mahnmal gegen den Faschismus geschaffen.

Stephanie Bart: Deutscher Meister. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014, 384 Seiten, 22,00 €.

» Ein Gespräch mit der Autorin Stephanie Bart

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6 Kommentare zu „Stephanie Bart: Deutscher Meister

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