Michele Serra: Die Liegenden

Michele Serra - Die Liegenden (c)

»Eine Kette ist zerrissen – ich bin ihr letztes Glied«

Jugendliche: eine bizarre Spezies, die ihr Leben liegend verbringt, im Bett oder auf dem Sofa, ihrem bevorzugten Habitat. Wach, wenn der Rest der Menschheit schläft, und schlafend, wenn alle anderen wach sind; um sie herum diverse technische Geräte, Smartphone, Tablet, Laptop, iPod, Fernseher, wie Verlängerungen des eigenen Körpers. Sie scheinen unablässig zu kommunizieren, aber eine Verständigung mit ihnen kommt nicht zustande. So zumindest stellt es sich für den Vater dar, der in Die Liegenden des italienischen Journalisten und Satirikers Michele Serra vergebens versucht, eine Verbindung zu seinem Sohn herzustellen.

Dass es dabei gar nicht so sehr um diesen einen Jungen geht, sondern ebenso um seine Artgenossen, zeigt die Konturlosigkeit der Figuren. Wir ahnen, dass es sich bei dem Ich-Erzähler um das Alter Ego des Autors handelt; wissen, dass er ein etwa 50-jähriger, geschiedener, in Mailand lebender Schriftsteller ist. Der Sohn ist zwischen siebzehn und neunzehn Jahre halt, seinen Namen erfahren wir nicht. Ihre Beziehung – oder besser: Nicht-Beziehung – ist eine universale, das Gefühl, einander nicht zu kennen, betrifft nicht nur sie. Jugendliche scheinen heutzutage seltsam unerreichbar zu sein, wiewohl sie doch eigentlich permanent erreichbar sind.

Die Liegenden ist kein Roman, folgt keiner klassischen Dramaturgie; vielmehr ist es eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen, die das Zusammenleben von Vater und Sohn abbilden und gleichzeitig Raum für Reflexionen geben – darüber, seit wann der Graben zwischen den Generationen so tief ist und wie es so weit kommen konnte. Warum weigert sich der Sohn vehement, dem Vater diesen einen Gefallen zu tun und mit ihm den Colle della Nasca zu erklimmen, wie dieser es einst mit seinem eigenen Vater tat? Oder ihn zur Weinernte zu begleiten oder ins Sommerhaus in der Toskana? Warum versteht der Junge die Bedeutung solcher Rituale nicht und hat keinen Blick für die Schönheit der Welt?

Dabei hätte der Vater durchaus Verständnis dafür, wenn sein Sohn die Begeisterung für den Berg nicht teilen und einen anderen Ort als schöner empfinden würde. Aber um die Welt der Erwachsenen ablehnen zu können, müsste er sich doch erst einmal mit ihr auseinandersetzen. Es kommt unweigerlich der Verdacht auf, dass die unsichtbare Mauer zwischen Vater und Sohn nicht nur eine Fortführung des ewigen Generationenkonflikts ist, sondern ein radikaler Bruch – etwas, das die Jugendlichen in ihren Denk- und Verhaltensweisen von allem trennt, was davor gewesen ist. »Eine Kette ist zerrissen – ich bin ihr letztes Glied. Daran gibt es keinen Zweifel. Ich bin das letzte Glied.«

Die Liegenden ist ein hundertfünfzig Seiten langer innerer Monolog eines ratlosen, wenn auch liebenden Vaters, der zwischen Nostalgie und beißender Satire, zwischen zarten, beinahe melancholischen Tönen und urkomischen Passagen wechselt und darin ein wenig an die Romane von Tilman Rammstedt oder auch an Thomas Glavinic‘ Das bin doch ich erinnert. Den Sohn und seinesgleichen nimmt der Ich-Erzähler dabei ebenso auf die Schippe wie sich selbst – eine »Parodie von Vater« – und andere neurotische Eltern, mit humoristischen Einschüben, die bisweilen ins Absurde reichen.

So gibt es mehrere Motive, die den gesamten Text durchziehen und sein narratives Gerüst bilden. Das Buch im Buch etwa, die Geschichte des »Letzten Großen Krieges«, einer kolossalen Schlacht zwischen Jungen und Alten, deren Held niemand Geringerer als der Ich-Erzähler selbst ist, nur vierzig Jahre älter – ein tattriger General. Oder das beständige Flehen des Vaters, gemeinsam wandern zu gehen und jene überwältigende Erfahrung zu machen, die ihn in seiner eigenen Kindheit so geprägt hat. Mit immer irrwitzigeren Argumenten versucht er seinen Sohn zu überreden – indem er an dessen Mitgefühl appelliert, ihm Geld pro gelaufenem Kilometer anbietet oder Schläge androht. Oder auch so:

Die uralte Stele von Hutta, die man zwischen Steinen und Flechten des fernen Hauxtals entdeckt hat, wurde endlich entziffert. Sie ist siebentausend Jahre alt und enthält eine Prophezeiung. Wörtlich heißt es dort: »In siebentausend Jahren wird die Menschheit von einem Fluch heimgesucht, der sie gänzlich auszulöschen droht, Männer, Frauen und Kinder. Es sei denn, ein junger Held und sein Vater besteigen zusammen den Colle della Nasca.«

Am Ende wird die Wanderung tatsächlich stattfinden – zwar anders, als es sich der Vater vorgestellt hat, aber doch irgendwie versöhnlich. Die Liegenden von Michele Serra, ins Deutsche übertragen von Julika Brandestini, ist ein schmales Buch, es lebt nicht so sehr von seiner Geschichte, die fragmentarisch bleibt, ein loses Gefüge von Motiven und Beobachtungen, sondern von der sprachlichen Raffinesse und dem scharfsinnigen Witz. Selbst für LeserInnen wie mich, die sich zwischen den hier beschriebenen Generationen befinden – und schmunzeln können sowohl über das absonderliche Wesen der Jugendlichen als auch über die Ruhelosigkeit der Eltern.

Michele Serra: Die Liegenden. Aus dem Italienischen von Julika Brandestini. Diogenes, Zürich 2014, 160 Seiten, 16,90 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» NDR Kultur
» booknerds.de
» Die Leselust

Was ich über ähnliche Bücher sage:

» Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren
» Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

9 Gedanken zu “Michele Serra: Die Liegenden

  1. Hallo Caterina!

    Schön, mal wieder italienische Literatur bei Dir! 🙂 Deine Eindrücke sind spannend zu lesen. Ich habe Lust auf das Buch bekommen.

    Kennst Du Dich eigentlich mit der sardischen Literatur/Sprache ein bisschen aus? Ich habe schon vor einiger Zeit den Film „Bellas Mariposas“ von Salvatore Mereu gesehen und dann gelesen, dass es sich um die Verfilmung des gleichnamigen Buches des sardischen Schriftsteller Sergio Atzeni handelt. Das schmale Buch (136 Seiten) wurde bisher nicht übersetzt und 1996, erst nach dem Tod Atzenis, veröffentlicht. Womöglich hatte er noch mehr mit der Geschichte vor. So blieb es bei einer Kurzgeschichte.

    Interessant fand ich, etwas über seinen Stil und seine Sprache zu lesen (vielleicht ein Grund, warum bisher nur eines seiner Bücher [Bakunins Sohn] ins Deutsche übersetzt wurde?). Er experimentiert anscheinend mit literarischem/hochsprachlichem Italienisch und der Sprache der Arbeiterklasse, bestehend aus vielen Worten und Redewendungen der sardischen Sprache. (Das habe ich im engl. Wikipediaartikel gelesen: https://en.wikipedia.org/wiki/Sergio_Atzeni).

    Bei meinen bescheidenen Grundkenntnissen der italienischen Sprache habe ich das im Film auch nicht mitbekommen.
    Sorry für den Exkurs, aber bei der Lektüre Deiner Rezension ist mir das wieder eingefallen.

    Viele Grüße!

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    1. Lieber wortlandschaften,
      schön, dass du da bist, und merci für den interessanten Exkurs!

      Leider bin ich weder in der sardischen Sprache noch in der sardischen Literatur sonderlich firm – um nicht zu sagen: gar nicht. Das Sardische ist ja nicht einfach nur ein Dialekt, sondern eine eigene Sprache, trotz meiner Italienischkenntnisse komme auch ich da nicht weit. Und auch ein sardischer Schriftsteller / eine sardische Schriftstellerin ist mir überraschenderweise bisher noch nicht untergekommen, dabei gibt es (mutmaßlich) einige, die ins Deutsche übertragen sind (spontan fällt mir allerdings nur Michela Murgia ein, die flattersatz von aus.gelesen besprochen hat).

      Was du über Sergio Atzeni schreibst, klingt spannend. Ich frage mich bei solchen sprachexperimentellen Ansätzen immer, wie das wohl in eine andere Sprache übertragen wird, vieles geht ja vermutlich dabei verloren. Andererseits reichen die Sprachkenntnisse aber eben auch nicht aus, um es im Original zu lesen und gänzlich fassen zu können – der Verlust wäre also ein ähnlicher. Aber wer weiß, vielleicht fällt mir Bellas mariposas doch mal in die Hände (allein der Titel stellt mich vor Herausforderungen, ohne einen Blick ins spanische Wörterbuch wäre ich nicht darauf gekommen, dass von Schmetterlingen die Rede ist).

      Danke jedenfalls für den kleinen Ausflug nach Sardinien und
      viele liebe Grüße,
      caterina

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  2. Klingt klasse und ich wüßte sofort jemanden dem ich das gerne schenken würde. Und das Thema erinnert mich an den Roman „Die Frühreifen“ von Djian, der mir noch lange nachgegangen ist obwohl ich die restlichen Bücher die ich von Djian las als etwas arg nach dem gleichen Schema empfand.

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    1. Den Roman von Philippe Djian kenne ich nicht, auch andere nicht, um ehrlich zu sein, auch wenn ich Betty Blue schon seit langem lesen will. Mein Gefühl sagt mir aber, dass – abgesehen vom Thema – Djians Roman und Serras Buch wenig gemein haben, oder? Ich kann mir vorstellen, dass viele Leser Serras Stil wenig abgewinnen können, aber gerade Leute mit Kindern in diesem Alter dürften ihren Spaß damit haben.

      PS: Just heute ist eine weitere Rezension erschienen, und zwar auf literaturkritik.de.

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      1. Djian ist sonst sicher nicht vergleichbar aber die Frühreifen ist echt ein spezielles Buch. Und sehr eindrücklich was Jugendliche angeht – doch der Blickwinkel ist ein anderer, ich kann mir vorstellen echt ergänzend. Betty Blue habe ich ewig hier stehen gehabt weil ich den Film damals gut fand und die restlichen Djian Bücher die ich gelesen haben fand ich eher nervig weil Sie immer nach dem gleichen Muster gestrickt sind Schriftsteller mit Geld jammert rum. Danke für den Link 🙂

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      2. Merci für die Ergänzung. Dann werde ich wohl nur eines seiner Bücher lesen – und zwar Betty Blue. Oder aber den Film sehen, der mir ebenfalls ans Herz gelegt wurde.

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