Spiel, Satz und Sieg. 10 Jahre Deutscher Buchpreis

Ingo Irsigler & Gerrit Lembke - Spiel, Satz und Sieg

Am 6. Oktober, am Vorabend der Buchmesse, wurde im Kaisersaal des Frankfurter Römer der Deutsche Buchpreis 2014 verliehen. Dass kurz vor sieben, nach einer knapp einstündigen Zeremonie, Lutz Seilers Name verkündet wurde, überraschte wohl kaum jemanden, war doch sein Romandebüt Kruso (Suhrkamp Verlag) als klarer Favorit gehandelt worden. So gab es beim anschließenden Empfang in den Hallen des Rathauses gleich zweierlei zu feiern: einen würdigen Preisträger, der die allermeisten Leser mit der viel kritisierten Arbeit der diesjährigen Jury versöhnt haben dürfte, und die Tatsache, dass der Deutsche Buchpreis zum zehnten Mal verliehen wurde.

Preisverleihung 27

Ebendieses Jubiläum gab Anlass zu einem Buch, das pünktlich zur Preisverleihung in der Berlin University Press erschienen ist: Spiel, Satz und Sieg. 10 Jahre Deutscher Buchpreis, herausgegeben von den Literaturwissenschaftlern Dr. Ingo Irsigler und Gerrit Lembke, mit Beiträgen von achtzehn Studierenden und Promovierenden der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Im Klappentext heißt es: »Keine Frage, der Deutsche Buchpreis polarisiert […]. Weil er sich zugleich als Marketinginstrument und Kulturförderung versteht, scheiden sich an dem Preis die Geister. Aber gerade dadurch ist er ein streitbares Medien-Event, der Aufmerksamkeit für die deutschsprachige Literatur schafft.«

Vor einer Woche wurde das Buch im Rahmen der Frankfurter Buchmesse im Paschen Literatursalon vorgestellt, wo auch die Werkschau der diesjährigen Longlist-Autoren untergebracht war. Neben der Moderatorin Claudia Paul, Pressesprecherin des Börsenvereins, saßen Gerrit Lembke sowie zwei der Autoren, Lara Schwanitz und Simon Hansen, auf dem Podium, außerdem Philippe Genêt, der als Projektleiter beim Börsenverein Jahr für Jahr den Deutschen Buchpreis koordiniert. Gesprochen wurde über die Entstehung von Spiel, Satz und Sieg (und nicht zuletzt des Titels selbst) sowie über Lieblingsbücher und Lieblingsmomente der letzten zehn Jahre.

Herausgeber Gerrit Lembke erzählte, dass er und sein Kollege Ingo Irsigler mit diesem Projekt zwei Interessen verfolgten, ein pädagogisches und ein wissenschaftliches: Zum einen wollten sie den Kieler Studierenden die Möglichkeit bieten, an der Realisierung eines Buches mitzuwirken; zum anderen haben sie festgestellt, dass der Deutsche Buchpreis hierzulande zwar der Literaturpreis mit der größten Resonanz ist, in der Literaturwissenschaft aber – im Gegensatz etwa zum Georg-Büchner- oder zum Bachmannpreis – bisher kaum Aufmerksamkeit erregte. Tatsächlich gaben sowohl der Herausgeber als auch die beiden Autoren zu, vorher keine genaue Vorstellung von dem Preis gehabt zu haben.

Bei der Arbeit an dem Buch stand die Frage im Fokus, wer und was der Deutsche Buchpreis ist: Wie ist der genaue Ablauf und welche (auch unausgesprochene) Regeln befolgt er? Wer sind die Preisträger und was haben die preisgekrönten Texte gemeinsam? So sind sich die Herausgeber und Autoren einig, dass eine bestimmte Art von Literatur bevorzugt wird: Oft werden Familienromane ausgezeichnet, die sich mit der deutschen Zeitgeschichte beschäftigen und dabei nicht zu experimentell sind. Emblematisch hierfür war das Jahr 2008, als es zwei Favoriten gab, einerseits Dietmar Dath mit Die Abschaffung der Arten, andererseits Uwe Tellkamp mit Der Turm, der ja schließlich auch als Sieger hervorging.

Im Buch gibt es vergleichende Textanalysen, Auseinandersetzungen mit dem Ritual der Preisverleihung und mit der Kritik an dieser Inszenierung, Interviews mit Autoren und Machern. Simon Hansen berichtete auf der Bühne von seiner Begegnung mit Uwe Tellkamp, einem »furchtbar gebildeten Menschen«, der Kaffee und Kuchen für die Studenten bereithielt und zwei Stunden lang mit ihnen über Literatur, Romantik, amerikanische Western und Harry Potter plauderte. Philippe Genêt, der ebenfalls für das Buch interviewt wurde, sprach hingegen über die Mechanismen des Preises, räumte mit Vorurteilen auf und erzählte von schönen Momenten ebenso wie von kritischen.

Schön fand er beispielsweise die Dankesrede von Lutz Seiler, der gar nicht erst so tat, als sei er unvorbereitet gewesen, und der auf bewegende Weise die Arbeit des Suhrkamp Verlages würdigte. Oder das Jahr 2009, als Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhielt und gleichzeitig auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand – Letzteren hat sie schließlich nicht gewonnen, doch wurde sie während der Preisverleihung mit einem Sonderapplaus bedacht. Schwierig wird es hingegen dann, so Genêt, wenn die Juroren unterschiedliche Auffassungen davon haben, was Literatur kann und soll, und die Gräben derart tief sind, dass sie selbst nach langen Diskussionen nicht überbrückt werden können.

Zudem stößt die Formulierung »bester Roman des Jahres« immer wieder auf Widerstand, es gab in der Vergangenheit mehrfach den Vorschlag, keine Entscheidung zu treffen und das Preisgeld unter den Nominierten aufzuteilen – was natürlich nicht möglich ist. Dies ist eine der Regeln, betonte Gerrit Lembke, die den Wettkampfcharakter des Deutschen Buchpreises ausmachen: ebenjenen Wettkampf, den Daniel Kehlmann 2008 als »entwürdigendes Spektakel« kritisierte und der auch den Ausschlag für den Titel Spiel, Satz und Sieg gab. Simon Hansen ergänzte, dass es bei dem Preis ja auch darum geht: zu polarisieren, mit der Empörung der Öffentlichkeit zu spielen und so für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Ingo Irsigler / Gerrit Lembke (Hg.): Spiel, Satz und Sieg. 10 Jahre Deutscher Buchpreis. Berlin University Press, Berlin 2014, 272 Seiten, 19,90 €.

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5 Gedanken zu “Spiel, Satz und Sieg. 10 Jahre Deutscher Buchpreis

    1. Ja, das Buch ist in der Tat spannend, vor allem die Interviews mit Uwe Tellkamp, Mirko Bonné und Philippe Genêt. Viele Dinge, die dem Buchpreis in diesem Jahr (und auch den vergangenen) vorgeworfen wurden, erscheinen in einem anderen Licht. Gut möglich, dass ich in den nächsten Wochen noch mal in irgendeiner Form darauf eingehe.

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