Lange Nacht der kurzen Liste

Literaturhaus Frankfurt

Alle Jahre wieder kommen Ende September die Finalisten des Deutschen Buchpreises im Literaturhaus Frankfurt zusammen, um aus ihren Werken zu lesen. Selten waren sie in den vergangenen Jahren vollzählig, mal war jemand erkrankt, mal aus terminlichen Gründen verhindert. Nicht so dieses Jahr: Alle sechs Autoren fanden sich am Samstag an der Schönen Aussicht 2 ein – und mit ihnen geschätzt zweihundert Literaturbegeisterte. Ganz zu schweigen von all denen, die die Veranstaltung zu Hause mitverfolgten, denn dank des neuen Medienpartners 3sat wurde die Shortlist-Lesung erstmals via Livestream übertragen.

Begrüßt wurden Autoren, Moderatoren und Publikum vom Kulturdezernent Dr. Felix Semmelroth, vom Leiter des Literaturhauses, Hauke Hückstädt, sowie von Alexander Skipis, dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. Als Antwort auf die heftige Kritik, auf die die Arbeit der diesjährigen Jury im Feuilleton gestoßen war, äußerten sich die drei Gastgeber voller Zuversicht über die Qualität und Vielfalt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und über den Zustand des deutschen Buchhandels; die positive Entwicklung spiegele sich nicht zuletzt im wachsenden Interesse, das der Deutsche Buchpreis in den zehn Jahren seines Bestehens wecke.

Anschließend wurde das Wort an die drei Moderatoren übergeben, die im Wechsel durch den weiteren Abend führten: Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg (FAZ), hr2-Redakteur Alf Mentzer sowie 3sat-Moderator Gert Scobel. Bedauerlicherweise ließ Letzterer den Verdacht aufkommen, sich unzulänglich vorbereitet zu haben, häufig bewegte er sich mit seinen Fragen nur an der Oberfläche der Werke entlang und stellte Thesen in den Raum, mit denen seine Gesprächspartner und das Publikum sichtlich wenig anfangen konnten. Auch von Lovenberg war diesmal nicht in Höchstform, verlor sich zu Beginn etwas in ihren Ausführungen, fing sich aber erfreulicherweise recht schnell. Durchgehend souverän zeigte sich hingegen Mentzer.

Den Anfang auf der Bühne machte der Österreicher Heinrich Steinfest, der mit viel Verve seinen Roman Der Allesforscher (Piper) vorstellte. Auf Scobels Kommentare entgegnete er mit ebenso überraschenden wie geistreichen Erörterungen, was die Zuschauer ihm mit viel Applaus dankten. Zunächst aber zeigte Steinfest anhand zweier Ausschnitte, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, wie skurril und singulär die parallele Welt seiner Fiktionen ist: Als Erstes hörten wir den Anfang des Romans, eine essayistisch anmutende Passage über die Notwendigkeit einer ›Literaturmusik‹ in Analogie zur Filmmusik; später dann die höchst amüsante Beschreibung einer Geburt.

Heinrich Steinfest und Gert Scobel

Diese permanenten Wechsel von Tempo und Ton seien Teil seines Schreibens, erklärte Steinfest, selbst in seinen Krimis gebe es derartige Exkurse, und einmal sei es sogar vorgekommen, dass ein Protagonist erst nach hundertzwanzig Seiten aufgetaucht sei. Das liege daran, so Steinfest, dass er beim Schreiben keine poetologischen Strategien anwende, sondern einfach seinen Figuren folge, ohne zu wissen, wohin es gehe. Auf diese Weise fänden all die ausgefallenen Ideen – jene Walexplosion etwa, mit der Der Allesforscher beginnt – in seine Geschichten und es trete das ein, was ihm immer wieder zum Vorwurf gemacht werde: dass es seinen Büchern an einem nachvollziehbaren Plot mangele.

Ein Kontrastprogramm dazu stellte die nächste Autorin auf der Bühne dar: Gertrud Leutenegger. Alles an ihr ist zart, ihre Gestalt, ihre Stimme, ihre Sprache; bedächtig las sie aus ihrem Roman Panischer Frühling (Suhrkamp) vor: »Nie hat ein Fluss mich mehr verwirrt als die Themse. Wenn die Gezeiten wechselten, entstand ein quirlender Stillstand.« Der Moderatorin Felicitas von Lovenberg hatten es insbesondere die autobiografischen Bezüge angetan, immer wieder kam sie auf die Parallelen zwischen Autorin und Hauptfigur zu sprechen – das Leben in London, die Begegnung mit einem jungen Mann, die Gespräche mit ihm, die einzig ihre Erinnerungen zum Inhalt haben und nie die Gegenwart.

Gertrud Leutenegger und Felicitas von Lovenberg

Jener Frühling 2010, als der isländische Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach und den Flugverkehr in ganz Europa lahmlegte, sei Leutenegger wie ein Riss in der Normalität vorgekommen, der die Gewohnheiten ausgehebelt und die Wahrnehmung verschoben habe. Dieses Auseinanderklaffen der Wirklichkeiten habe die Beziehung zwischen den beiden Menschen erst ermöglicht, die – so deute es ja auch der Titel des Romans an, der auf die griechische Gottheit Pan anspiele – eine Mischung aus Anziehung und Schrecken sei. Zentral sei dabei die Rolle der Natur, ihre elementare, bedrohliche, dämonische Seite, ihre Doppelgesichtigkeit, die ein Spiegel sei für das Doppelgesichtige unserer Welt.

Um die Natur geht es auch in Thomas Hettches Roman Pfaueninsel (Kiepenheuer & Witsch), der als Drittes vorgestellt wurde. Keine bedrohliche Natur jedoch, sondern eine von Menschenhand gezähmte und perfekt gestaltete. Im Gespräch mit Alf Mentzer erläuterte Hettche, die Geschichte spiele zu einer Zeit des ästhetischen Umbruchs, in der die moderne – Winckelmann’sche – Auffassung von Schönheit geprägt worden sei. Ausgerechnet in jener Zeit habe die königliche Familie auf der Pfaueninsel eine Art Exotarium errichtet: Um die innere Zerrissenheit der dort ausgestellten Menschen – »Zwergen«, »Riesen«, »Mohren« – sei es dem Autor gegangen.

Thomas Hettche und Alf Mentzer

Auf die Figur der kleinwüchsigen Bediensteten Marie sei Hettche dabei schon vor fünfundzwanzig Jahren gestoßen, aber es habe all die Zeit gebraucht, um den richtigen Ton für ihre Geschichte zu finden, die Fülle an Material zur Pfaueninsel allein habe nichts genutzt. Als Mentzer ebendiesen Ton als hybrid identifizierte – einerseits sei die Sprache fremd, auf gewisse Weise der Vergangenheit angehörig; andererseits sei der Erzähler trotzdem erkennbar im Heute verhaftet –, sagte Hettche, er habe in den letzten Jahren begriffen, dass es keinen Grund gebe, sich narrative Zwänge aufzuerlegen, eine Erzählung könne lebendig gestaltet sein. Hauptsache, sie wecke Emotionen im Leser.

Nach einer halbstündigen Pause, in der sich die Zuschauer im Foyer des Literaturhauses mit Brezeln und Wein stärkten, läutete Alf Mentzer den zweiten Teil des Abends mit einem heiteren Spruch ein: Weiter gehe es mit Thomas Melle, der mit seinem Debüt Sickster bereits auf der Longlist gestanden habe und nun mit 3000 Euro (Rowohlt Berlin) auf der Shortlist stehe – ein Trend sei also erkennbar, hier schreibe jemand unaufhaltsam auf den Preis hin. Wären die Verkäufe im Anschluss an die Veranstaltung und die Schlange am Signiertisch zuverlässige Indikatoren für den Erfolg des Buches, würde man dem deutschen Buchhandel einen solchen Gewinner nur wünschen.

Thomas Melle und Alf Mentzer

Gesprochen haben Mentzer und Melle über die Bedeutung der 3000 Euro, darüber, dass sie gleichzeitig zu viel und zu wenig seien, über die Ambivalenzen der beiden Hauptfiguren, über die unterschiedlichen »Blickregime«, denen sie ausgesetzt seien, die ständige Begutachtung und die Scham, die damit einhergehe. Dabei betonte Melle, wie schwierig es sei, immer diese Paratexte über den eigenen Text zu produzieren: »Ich erzeuge Fiktionen über meine Fiktion – und es wird nicht besser dadurch.« Dass er sich mit dieser Aussage aber keineswegs so sperrig geben wollte wie im Vorjahr Clemens Meyer, der angesichts der Fragerei etwas ausfällig geworden war, wurde spätestens dann deutlich, als Melle schmunzelnd hinzufügte: »Aber klar, wir müssen natürlich darüber reden.«

Anschließend betrat Angelika Klüssendorf die Bühne und sprach gemeinsam mit Gert Scobel über April (Kiepenheuer & Witsch), den Nachfolger zu ihrem gefeierten Roman Das Mädchen. So recht fanden Autorin und Moderator nicht zueinander; mal zeigte sich Klüssendorf ratlos und verblüfft, andere Male widersprach sie entschieden. Etwa als Scobel die Interpretation wagte, der in der DDR spielende Roman übe in erster Linie Systemkritik, selbst in den vermeintlich unscheinbaren Alltagsszenen. Gewiss sei das Leben durch Ambivalenzen geprägt gewesen, sagte Klüssendorf, aber das sei es doch in jedem System; tatsächlich könne ihr Roman überall spielen, die Figuren seien nicht DDR-spezifisch.

Angelika Klüssendorf und Gert Scobel

Die Passagen, die die Autorin vortrug, sind Ausschnitte einer harten Realität, sie handeln von einer misstrauischen alten Mitbewohnerin, einer zerrütteten Mutter, einem alkoholkranken Vater. Und doch sei die Protagonistin April, so betonte Klüssendorf, nicht umgeben von Arschlöchern, wie Scobel es ausdrückte – im Gegenteil, sie sei eine Art Glückkind: Zwar neige sie dazu, sich immer wieder den Boden unter den Füßen wegzureißen, doch gleichzeitig habe sie die Gabe, sich die richtigen Menschen zu suchen, um sich wieder aufhelfen zu lassen. Und schließlich gebe es ja noch die Literatur, die sie rette. Welche Rolle diese im bereits angekündigten dritten Teil spielen würde, das wollte die Autorin aber noch nicht verraten.

Den Abend beschlossen Lutz Seiler und Felicitas von Lovenberg – ein Gespräch, das von vielen Zuschauern sicher mit Spannung erwartet worden war, gilt Kruso (Suhrkamp) doch als Favorit für den Buchpreis. Bis dato ist Seiler ausschließlich als Lyriker in Erscheinung getreten; mit 51 nun der erste Roman – und das Lob seitens der Kritiker setzt sich fort. In der Vergangenheit habe er schon öfter in die Prosa wechseln wollen, erzählte Seiler, doch seien ihm jedes Mal die Gedichte dazwischengekommen. Beidem gleichzeitig könne er sich nicht widmen, da er sich auf jeweils andere Bewusstseinszustände einlassen müsse, die Lyrik erfordere eine konzentrierte Abwesenheit, die Prosa das Gegenteil davon.

Lutz Seiler und Felicitas von Lovenberg

Zudem habe er sich zuvor immer wieder in Konzepten verrannt und sich selbst behindert. Erst bei Kruso, jener »Robinsonade« über den Sommer ’89 auf Hiddensee, die seiner eigenen Erfahrung entsprungen sei, habe er einfach schreiben können, ohne sich Gedanken über ihre Mechanismen zu machen; gewisse Bilder seien sofort da gewesen. »Traumwandlerisches Schreiben« nannte Lovenberg es und rückte den Roman in die Nähe des magischen Realismus. Seiler selbst scheute sich davor, sich dieser Etikette zu bedienen, sprach stattdessen von einem Rhythmus, einem Klang, den er im Ohr habe und den er permanent erzeugen wolle – sei diese Maschine im Kopf erst einmal im Gange, könne alles passieren.

So auch am 6. Oktober, wenn im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse zum zehnten Mal der Deutsche Buchpreis im Kaisersaal des Rathauses verliehen wird: Sechs sehr unterschiedliche Autoren stehen zur Wahl – und mit ihnen sechs ebenso unterschiedliche Geschichten und Stimmen. Über die Qualität der Bücher mag jeder Leser für sich urteilen, doch mangelnde Vielfalt kann man der Auswahl der Jury ganz sicher nicht vorwerfen. Das zeigte diese lange Nacht der kurzen Liste, die jedes Jahr wieder innerhalb weniger Minuten ausverkauft ist und zu Recht einen Höhepunkt des literarischen Lebens in Frankfurt darstellt.

Presseschau:

» Buchmarkt
» Frankfurter Rundschau

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8 Kommentare zu „Lange Nacht der kurzen Liste

    1. Wie bereits an anderer Stelle gesagt: Dafür hattest du das Glück, auf dem heimischen Sofa sitzen und Cola & Chips (o.ä.) konsumieren zu können. Was ja auch seinen Vorteil hat!

      Aber Spaß beiseite: Sind dir die qualitativen Unterschiede bei den Moderationen auch aufgefallen oder ist das auf dem Bildschirm nicht so rübergekommen?

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  1. Als Österreicher freue ich mich natürlich zu hören, dass sich ein Landsmann mit viel Verve präsentiert hat.
    Trotzdem wäre wohl alles andere als Kruso eine wirkliche Überraschung.
    Schöne Grüße nach Frankfurt
    Josef

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    1. Ja, dein Landsmann hat das Publikum tatsächlich sehr beeindruckt und unterhalten. Ein starker Einstieg! Und was deine Prognose betrifft, stimme ich dir zu. Kruso oder aber Pfaueninsel, die ebenfalls hervorragende Kritiken bekommt – zwischen den beiden wird es sich entscheiden, denke ich, tendiere aber zu Seiler.

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  2. Da ist er also der lange Beitrag zur langen Nacht der sechs Kurzen 😉 Sehr schön und vielen Dank! Ja, so lässt sich manche Nachtschicht erklären. Geschmunzelt habe ich bei der Moderatoren-Kritik, als hätte man keine Lehre aus letztem Jahr gezogen und auch deinen Verweis auf Clemens Meyer amüsierte. Hach, wär ich doch dabei gewesen. Wir hätten uns so manches mal einfach angestupst und leise gelächelt ;). Und wer ist nun dein Favorit?

    Ganz liebe Grüße ums Eck von der Bücherliebhaberin

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    1. Ja ja, es wurde mal wieder ein ausgesprochen ausführlicher Bericht, ich gebe es zu. Aber hey, irgendwie muss ich ja sechs Autoren unterbringen, und zwar zu gleichen Teilen, damit keiner benachteiligt wird. 😉

      Und was die Moderation betrifft, fühlte auch ich mich natürlich sehr an letztes Jahr erinnert, das Niveau war in etwa vergleichbar. Den Organisatoren kann man aber keine Schuld geben, schließlich können sie nicht ahnen, wie sich ein Moderator präsentieren wird (ein bisschen mehr Vorbereitung seitens des Herrn Scobel hätte schon viel bewirkt). Zudem sind ihnen sicher auch die Hände gebunden, schließlich war 3sat diesmal Medienpartner der Veranstaltung, da liegt ein 3sat-Moderator natürlich nahe. Nun ja, hoffen wir, dass es nächstes Mal nicht zu derartigen Ausfällen kommt. Andererseits: Amüsant war es schon!

      Mein Favorit? Den habe ich nicht, da ich gestehen muss, kaum einen der Romane gelesen zu haben. Kruso reizt mich sehr, der Rest eher nicht so. Wenn du mich aber nach einer Prognose fragst, dann würde ich sagen: Kruso macht das Rennen, vielleicht auch Pfaueninsel – alle anderen wären eine echte Überraschung für mich.

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