Blind-Date-Lesung in Frankfurt

Zwillingstürme der Deutschen Bank in Frankfurt

Jedes Jahr wieder gibt es im Rahmen des Deutschen Buchpreises die sogenannten Blind-Date-Lesungen: Die nominierten Autoren begeben sich mit ihren Büchern auf Deutschland-Tournee (und manchmal auch darüber hinaus: 2012 las jemand in Portugal, 2011 in Prag), Buchhandlungen können sich hierfür vorab als Veranstaltungsort bewerben. Das Besondere an der Reihe: Erst vor Ort erfahren die Besucher, wer auf der Bühne stehen wird. Dieses Jahr fanden neun solcher Lesungen statt, in Berlin und Hildesheim ebenso wie in kleineren Städten wie Oberderdingen oder Waldbröl. Und auch in Frankfurt am Main natürlich, wo mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels der Organisator des Deutschen Buchpreises sitzt und wo ebendieser zum Auftakt der Buchmesse verliehen wird.

Aus diesem Grund geht es hier auch immer etwas größer und prunkvoller zu als bei den anderen Lesungen. Nicht in einer Buchhandlung, sondern in den Zwillingstürmen der Deutschen Bank, deren Stiftung den Buchpreis seit diesem Jahr fördert, kamen am vergangenen Montagabend die kulturbeflissenen Städter zusammen, um ihr Blind Date wahrzunehmen. Ein recht unausgewogenes Rendezvous wohlgemerkt: An der einen Seite des Tisches sitzt der Autor / die Autorin – ihm gegenüber gut dreihundert willige Zuhörer, darunter auch einige von Rang und Namen. Sehr selten erlebe ich, dass ein literarisches Ereignis in Frankfurt derart viele Menschen anzieht; nur der Andrang auf die Preisverleihung selbst dürfte noch größer sein.

Und das, obwohl – oder gerade weil? – man nicht weiß, was einen erwartet. Wer lesen würde, das erfuhren wir tatsächlich erst zu Beginn der Veranstaltung; nicht einmal der Büchertisch im Foyer gab Aufschluss darüber, war er doch zunächst noch gänzlich leer. Nach ein paar einleitenden Worten des stellvertretenden Stiftungsvorsitzenden Michael Münch trat unser Date schließlich ans Pult: Ulrike Draesner. Die in München geborene und in Berlin lebende Dichterin, Essayistin und Prosaautorin wurde mit ihrem Roman Sieben Sprünge vom Rand der Welt, der im Frühjahr bei Luchterhand erschienen ist und die Vertreibungen am Ende des Zweiten Weltkrieges thematisiert, für den Deutschen Buchpreis nominiert. Unter die sechs Finalisten hat sie es allerdings nicht geschafft, wie zwei Tage nach der Lesung bekannt wurde.

Drei längere Abschnitte las Draesner vor, eine knappe Dreiviertelstunde lang. Dass sie auch und vor allem in der Lyrik verhaftet ist, spürte man ihrer Vortragsweise an: auf außergewöhnliche Weise rhythmisiert und akzentuiert, was den sonderbaren Effekt hatte, dass ich mich beim Zuhören eher der Melodie hingab, mich an der einen oder anderen schönen Formulierung festhielt, sie in mir drinnen wiederhallen ließ, statt Wort für Wort zu folgen. Ganz anders freilich beim Gespräch, das die Pressesprecherin des Deutschen Börsenvereins, Claudia Paul, anschließend mit der Autorin führte. Allerhand Spannendes hatte die gewohnt eloquente Draesner über das Entstehen des Romans zu sagen, über seine Struktur, über die Bezüge zu ihrer eigenen Biografie.

So erzählte sie etwa, dass sich in der Geschichte ihre eigene Herkunft spiegele, das merkwürdige Gefühl des Entwurzeltseins, des Lebens in einem nicht greifbaren Zwischenraum, das – weitergegeben durch das Schweigen der Flüchtlingsgeneration (das Wort »Heimat« sei in ihrer Familie nicht benutzt worden) – auch die Nachgeborenen betreffe. Keinen Roman über den Nationalsozialismus habe sie also schreiben wollen, sondern über die Frage, wie wir heute kollektiv mit dieser Vergangenheit umgehen, wie wir sie – jenseits aller wissenschaftlicher Erklärungen – erzählen. Und genau dieser Gedanke liege auch der Webseite zum Roman, www.der-siebte-sprung.de, zugrunde: Hier wird der Leser eingeladen, gleich den sechs Figuren im Buch seine Geschichte zu erzählen und so den siebten Sprung zu vollführen.

Im Anschluss an die Veranstaltung fanden sich die Gäste im Foyer vor dem Saal zusammen, man trank Weißwein und aß Häppchen, ließ sich das eben erworbene Buch von der Autorin signieren und kam miteinander ins Gespräch. Oder man bestaunte die »25 schönsten deutschen Bücher 2014«, ausgezeichnet von der Stiftung Buchkunst, die etwas abseits des Büfetts in einer provisorischen Konstruktion aus Pappkartons ausgestellt wurden, darunter Perlen wie Die Zukunft des Mars von Georg Klein aus dem Rowohlt Verlag oder Sebastian Lörschers Graphic Novel Making Friends in Bangalore aus der Büchergilde Gutenberg. Und so wurde man nicht nur von schönen Worten, sondern auch von schönen Bildern im Kopf begleitet, als man am späten Abend aufbrach – glücklich über das gelungene Blind Date und in Vorfreude auf ein mögliches Wiedersehen.

Ulrike Draesner: Sieben Sprünge vom Rand der Welt. Luchterhand, München 2014, 560 Seiten, 21,99 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» Literaturen
» dasgrauesofa
» 54books
» Lesen macht glücklich dbp14

2 Gedanken zu “Blind-Date-Lesung in Frankfurt

  1. Liebe Caterina,
    das ist ja spannend! Ich wusste gar nicht, dass es solche Lesungen gibt. Da werde ich nächstes Jahr mal darauf achten müssen!
    Wir werden im September auch Frau Draesner hier in Darmstadt hören und ich freue mich schon sehr.
    Danke für die schöne Berichterstattung!
    Mina

    Gefällt mir

    1. Oh, liebe Mina, da hast du wirklich was verpasst. Ich finde das Konzept sehr spannend – da erlebt man auch mal Autoren, die man unter normalen Umständen vielleicht ignoriert hätte. Die Lesungsorte wechseln jedes Jahr, in Frankfurt findet aber immer was statt, weil hier ja der Buchpreis ausgerichtet wird. Ansonsten wird wohl darauf geachtet, dass auch kleinere Städte immer wieder mal drankommen. Vielleicht ja irgendwann auch mal Darmstadt? Du könntest der Buchhandlung deines Vertrauens ja mal empfehlen, sich zu bewerben, sollte sie es nicht schon getan haben. 😉
      Dir jedenfalls viel Freude bei der Lesung mit Frau Draesner!
      Herzlich,
      caterina

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s