Zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2014

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Vorgestern erschien die Longlist des Deutschen Buchpreises und löste online wie offline erste Diskussionen aus. Die Presse meint fast einstimmig, die Jury habe auf Bewährtes gesetzt und die Liste sei »erwartbar«. Im Einzelnen haben die Literaturkritiker zwar wenig gegen die Nominierungen einzuwenden – vor allem auf Saša Stanišić, der bereits mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, scheinen sich die allermeisten einigen zu können. Was jedoch für Empörung sorgt, sind die Namen, die fehlen. »Die an diesem Mittwoch bekanntgegebene Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis geht mit traumwandlerischer Sicherheit am Gros der ungewöhnlichen Literatur vorbei«, befindet Andreas Platthaus in der FAZ. Immer wieder ist von Nino Haratischwili und ihrem Roman Das achte Leben (Für Brilka) die Rede, außerdem von Judith Hermann, Michael Kleeberg und Bodo Kirchhoff. Vor allem aber das Fehlen junger weiblicher Stimmen sei skandalös, schreibt Richard Kämmerlings in der Literarischen Welt und zieht das Fazit: »Diese Longlist ist ein schlechter Witz«. Die Presse steht der Longlist also gewohnt kritisch gegenüber. Doch wie sieht es jenseits des Feuilletons aus? Ich habe mich ein wenig umgehört und Stimmen von leidenschaftlichen Lesern gesammelt:

Die Longlist ist da und präsentiert sich erfreulich vielfältig; für nahezu jeden Geschmack findet sich (mindestens) eine passende Lektüre. Die Kritik des Feuilletons kann ich dementsprechend nur bedingt nachvollziehen: Natürlich hätte es weitere ’nominierungswürdige‘ Titel gegeben – die in diesem Zusammenhang diskutierte Einführung einer Frauen- oder Indie-Quote wäre aber ganz sicher der falsche Weg. – Torsten Woywod, Online-Redakteur und Social-Media-Manager der Community Was liest du? sowie der Mayerschen Buchhandlung

Der Buchpreis wurde seinerzeit ins Leben gerufen, um den Buchverkauf anzukurbeln. Und der Buchverkauf findet vorwiegend im stationären Buchhandel statt. Dort stehe ich täglich und beobachte seit geraumer Zeit die Entwicklung des Buchpreises. Gerate oft in Verlegenheit, wenn mich die Kunden nach meiner Meinung zu den Titeln fragen, weil ich das Leuchten aus den Büchern vermisse. Dabei ist es die Vielfalt, die die Literaturwelt ausmacht: Es darf gezittert, gelacht, geseufzt, gezweifelt werden; es darf schwer sein oder leicht, überdreht und verrückt. Doch die Listen der letzten Jahre ähneln sich im Gros, dort finde ich viel zu viel Düsternis und ganz viel Kopf. – Simone Finkenwirth, Buchhändlerin und Betreiberin des Blogs Klappentexterin (den kompletten Beitrag könnt ihr hier lesen)

Gute Auswahl dieses Jahr, wobei ich noch einige Romane von Autorinnen  vermisse – zum Beispiel von Verena Güntner, Lucy Fricke oder Nino Haratischwili. – Daniel Beskos, Verleger von mairisch

Die allgemeine Aufregung über die Longlist kann ich zwar einerseits nachvollziehen, andererseits wird es wohl niemals eine Longlist geben, die alle zufriedenstellt, Kritik gibt’s jedes Mal. Jeder wird Herzensbücher darauf vermissen, ich habe mich über die durchaus zugängliche Liste eher gefreut. Im letzten Jahr gab es viele literarische Brocken wie Jirgl oder eben auch Mora, die wirklich, trotz ihrer Qualität, schwer zu verkaufen waren. Ich freue mich sehr für die beiden Debütanten Martin Lechner und Franz Friedrich. – Sophie Weigand, Buchhändlerin und Betreiberin des Blogs Literaturen

Trotz meiner Enttäuschung, dass unsere Autorin Stephanie Bart mit dem von mir sehr geschätzten Deutscher Meister nicht dabei ist – ich freue mich wahnsinnig für Saša Stanišić, dem ich alle Preise dieser Welt wünsche! Ich hoffe nun also für die Kollegen von Luchterhand, dass Vor dem Fest am Ende gewinnt und dann noch mehr Leser begeistert! – Karla Paul, Leiterin Digitales Publizieren im Hoffmann und Campe Verlag

Es ist noch nie allen recht gemacht worden – mit keiner Liste. Aber dass mich das berechtigte Im-Gespräch-Bleiben eines Saša Stanišić mit dem Auf-der-Liste-Fehlen einer begnadeten Nino Haratischwili nahezu versöhnt, spricht für die Jury. Und am Ende ist es immer die persönliche Entscheidung eines jeden Buchhändlers: Entweder lobe ich einen Titel vor dem Hintergrund, dass er auf der Longlist ist, oder ich tue es mit dem festen Hinweis, dass er es unverdienterweise nicht ist. In beiden Fällen habe ich mehr Aufmerksamkeit auf das Buch gelenkt. Insofern sind die Longlist und der Deutsche Buchpreis allgemein Gold wert. – Maria-Christina Piwowarski, Buchhändlerin bei ocelot,

Und was haltet ihr von der Longlist? Was hat euch überrascht, was enttäuscht? Auf welche der Bücher, die euch noch kein Begriff waren, seid ihr gespannt?

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9 Gedanken zu “Zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2014

  1. Liebe Caterina,

    Bücher fehlen natürlich immer irgendwie, ich hatte mit Katja Petrowskaja gerechnet, Olga Grjasnova, Robert Seethaler oder auch Judith Herrmann, deren Roman ich gerne gelesen habe. Alles in allem bin ich mit dieser Longlist aber zufrieden – ich finde die Mischung gelungen. Publikumstauglich, wenn man so will.

    Ich freue mich auf Kleine Kassa, das mir vorher noch kein Begriff gewesen ist. Ganz besonders freue ich mich aber auf Kruso, über den Roman habe ich schon so viel Gutes gehört!

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      mir geht es ein bisschen wie den Kritikern im Feuilleton: Die Titel, die auf der Liste stehen, kann ich kaum beanstanden, vor allem im Vergleich zum vergangenen Jahr scheint mir das eine sehr ausgewogene Auswahl zu sein, es sind Namen, die man erst noch entdecken muss, vertreten ebenso wie solche, die man bereits kennt. Dazu muss ich gestehen, dass ich kaum einen der Romane gelesen habe, und bis auf Stanisic hatte ich auch nicht vor, es zu tun, aber dafür sind solche Listen ja auch gut: dass man mal seinen Horizont erweitert und auf Bücher aufmerksam wird, die man sonst vielleicht übersehen hätte. So weit also zur tatsächlichen Liste.

      Was mich aber wie die meisten stört, ist das, was fehlt. Und zwar nicht, damit irgendwelche Quoten eingehalten werden – darum kann und darf es natürlich nicht gehen, einzig der Text sollte im Mittelpunkt stehen. Sondern weil diese Bücher schlichtweg großartig sind und es verdient haben. Allen voran Nino Haratischwilis Werk, das ich mit Begeisterung gelesen habe. Da möchte ich noch sehen, inwiefern die zwanzig nominierten Romane es mehr verdient haben, auf der Liste zu stehen. Dass es hier nicht (nur) um ein ganz persönliches Herzensbuch geht, zeigt der Konsens, mit dem das Fehlen dieses Titels bedauert wurde. Das habe ich in dieser Form letztes Jahr nicht erlebt.

      Aber das Schöne ist ja, dass die Buchhändler die Longlist so oder so für sich nutzen können: Sie können die Bücher, die drauf stehen, empfehlen oder auf diejenigen hinweisen, die ihrer Meinung nach fehlen. Ich weiß nicht mehr, wo ich es gehört/gelesen habe, aber das Dussmann Kulturkaufhaus in Berlin zum Beispiel hat genau das vor und einen Büchertisch vor, der beides bedient. Der Deutsche Buchpreis ist also in der Lage, Aufmerksamkeit zu erregen und Diskussionen zu entfachen – auch und vor allem über Bücher, die nicht nominiert wurden. Aber bei all dem dürfen natürlich diejenigen, die es geschafft haben, nicht vergessen werden, und so bin ich gespannt, was du und die anderen Bloggerinnen zu den einzelnen Titeln sagt.

      Herzlich,
      caterina

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    2. PS: Das mit den Quoten gilt natürlich auch für die Indie-Verlage oder für die Nationalität der Autoren. Es geht mir nicht darum, dass irgendwelche Quoten erfüllt werden, sondern um gute Literatur. Und ich kann einfach nicht glauben, dass es so wenig gute Bücher in Indie-Verlagen gibt, wie es die Longlist suggeriert.

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  2. Liebe Caterina, dein Beitrag gefällt mir sehr. Weil er beide Seiten der Entscheidung zeigt. Und nicht nach Empörung schreit. Ich freue mich über „April“, „Kruso“ und „Pfaueninsel“. Vermisse aber ganz doll die neuen Romane von Steven Uhly, Nino Haratischwili und Olga Grjasnowa.
    Auch hätte ich mich über Gregor Sander und Katja Petrowskaja gefreut.
    Schöne Grüße, masuko

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir! Ich habe mich bewusst einer Stellungnahme enthalten und stattdessen andere sprechen lassen – ich hätte nicht gedacht, dass die Stimmen so unterschiedlich ausfallen würden, nachdem das Feuilleton unisono die Longlist kritisierte (wobei ‚kritisieren‘ ein Euphemismus ist). Genau das freut mich: dass der Deutsche Buchpreis zur Diskussion anregt, zum Austausch, und sei es, indem man ihn ablehnt und die Aufmerksamkeit auf jeden Bücher lenkt, die völlig unverdient übergangen wurden. Dazu bietet die Longlist eine gute Gelegenheit. Sowohl für uns Blogger als auch für das Feuilleton, das sich jetzt hoffentlich nicht nur auf die nominierten Bücher stürzen wird, sondern gleichermaßen auf die anderen.

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  3. Mmmh, um es mal positiv zu betrachten: Ist es nicht auch irgendwie schön, dass hierzulande so viele tolle Literatur geschrieben wird, dass bei so einer Longlist immer etwas fehlen wird? 😉
    Lg, Karo

    Gefällt 2 Personen

    1. Das ist einer der schönsten und optimistischsten Kommentare zur Longlist, liebe Karo! Ja, du hast vollkommen recht: Eigentlich ist es Jammern auf hohem Niveau, das wir hier betreiben, wir können uns glücklich schätzen, dass es so viele gute Bücher gibt, dass wir uns nicht auf zwanzig einigen können.

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