»Krimis machen 2« in Frankfurt

krimis machen 2

Am 27. und 28. Juni fand in Frankfurt das Symposium »Krimis machen 2« statt. Vergangenes Jahr waren auf Einladung der Krimi-Experten Tobias Gohlis und Thomas Wörtche zum ersten Mal zahlreiche Autoren, Kritiker, Verleger, Lektoren, Agenten, Buchhändler und Blogger im Brecht-Haus in Berlin zusammengekommen, um über den Zustand und die Zukunft der Kriminalliteratur zu diskutieren – hier das Resümee des Journalisten Ulrich Noller. Es wurden viele spannende Gedanken geäußert und noch mehr spannende Fragen aufgeworfen, sodass eine Fortsetzung unumgänglich war, und so holten Wörtche und Gohlis die Autorin und Verlegerin Zoë Beck sowie den Journalisten Alf Mayer ins Organisationsteam und luden gut ein Jahr später erneut alle Interessierten zum Gespräch ein.

Während ich am Freitag nicht übers Krimismachen redete, sondern Krimis machte, indem ich die Stellung im Büro hielt, ließ ich mir den zweiten Tag des Symposiums nicht entgehen und begab mich am Samstagmorgen in die Deutsche Nationalbibliothek – gespannt auf das Programm, vor allem aber in Vorfreude auf das Wiedersehen mit einigen bekannten Gesichtern. So interessant der offizielle Teil einer solchen Veranstaltung auch sein mag – das Schönste daran sind doch immer die geselligen Zusammenkünfte, in den Kaffee- und Zigarettenpausen und am Abend dann bei Wein und Bier. Im Netz steht man zwar im regen Austausch miteinander, doch Begegnungen im nicht-virtuellen Leben sind selten; zuletzt bot die Criminale, das jährlich stattfindende Krimifestival, das diesmal in Nürnberg zu Gast war, eine Gelegenheit dazu.

Im Vergleich zum Vorgänger war »Krimis machen 2«, zumindest was die Räumlichkeiten und die Programmvielfalt betrifft, größer angelegt; die Anzahl der Teilnehmer dürfte sich hingegen im selben Rahmen bewegt haben. Während man im Berliner Brecht-Haus dicht gedrängt saß, sodass Podium und Publikum quasi ineinander übergingen, was der Konzeption der Veranstaltung aber durchaus entsprach, verloren sich Referenten und Zuhörer im Konferenzsaal der Nationalbibliothek ein wenig. Vielleicht war das einer der Gründe dafür, dass bei einigen Panels – so mein Gefühl – kein richtiges Gespräch aufkommen wollte. Dennoch: Die Themen, die auf der Agenda standen, waren allesamt vertiefenswert, und fast bedauerte man es, dass mehrere parallel Panels liefen.

Tobias Gohlis, Cover-Schau

Nach einer Begrüßung durch die Organisatoren gewährte Tobias Gohlis einen Einblick in sein Bücherregal und hinterfragte kritisch die Covergestaltung im Krimigenre. Der Vortrag samt Bildmaterial, der mehr ein Bashing war als eine fundierte Analyse, war stellenweise unterhaltsam, polemisierte aber vor allen Dingen. Wer weiß, vielleicht wollte Gohlis die vom ersten Kongresstag und von den bis in die Nacht fortgeführten Gesprächen noch müden Zuhörer einfach nur wachrütteln, indem er zu Diskussionen anregte – was ihm, den Kommentaren in der anschließenden Kaffeepause nach zu urteilen, auch gelungen ist. Wohl nicht umsonst war der Veranstaltungsbeschreibung »Eine Cover-Schau« in Klammern die Frage »Show?« beigefügt.

Zoë Beck, Till Frommann, Irmi Kaus und Karla Paul

Im ersten Panel des Tages kamen auf der Bühne Till Frommann (zdf.de), Irmi Keis (Heyne Verlag) sowie Karla Paul (ehemals LovelyBooks, jetzt Hoffmann & Campe) zusammen, um gemeinsam über »Social Media, Social Reading, Social Viewing« zu reden. Andreas Golla alias Lorenz Meyer leitete die von Zoë Beck moderierte Diskussion ein, indem er ein paar Zahlen zu den Facebook-Auftritten von Verlagen vorlegte und die These in den Raum stellte, es finde zu selten ein tatsächlicher Austausch mit den Lesern statt. Karla Pauls Lösungsansatz lautete »Leidenschaft statt Wissen«. Man dürfe nicht warten, bis die Leute zu einem kommen, sondern müsse selbst aktiv auf sie zugehen. Beispielsweise, indem man die Menschen hinter der Sache sichtbar mache, die Story hinter der Story erzähle und Maßnahmen mit rein werbendem Charakter vermeide.

Menschen mit Leidenschaft – das sind sowohl Till Frommann, der u.a. die erfolgreiche Facebook-Seite ZDF Krimi betreut, als auch die Pressereferentin Irmi Keis, die sich dem Social Media Marketing quasi nebenher widmet, weil es dafür im Verlag keine eigene Stelle gibt. Als es im Publikum vereinzelt kritische Stimmen zur zunehmenden Bedeutung der sozialen Netzwerke bei der Vermarktung der Bücher gab (»Es hält mich von meiner eigentlichen Arbeit ab«, »Alles schön und gut, aber wie erreicht man die Generation 50+?«), einigte man sich darin, dass Facebook & Co. die traditionellen Kanäle keinesfalls ersetzen, sondern eine nützlich Ergänzung darstellen, dass man sich aber so oder so nicht dazu zwingen solle, denn mit uninspirierten Auftritten sei nichts gewonnen.

Am Nachmittag teilte sich das Publikum: In einem Panel ging es um Formen der Zusammenarbeit in Zeiten des Umbruchs, in einem anderen um den Krimi als Event. Ich entschied mich aus nahe liegenden Gründen für die Gesprächsrunde zum Thema »Social Reviewing und/oder Literaturkritik?«: Vor einigen Wochen hatte Mara Giese mit einem Bericht über die Göttinger Veranstaltung »Demokratisierung Literaturkritik. Fluch oder Segen?« eine Debatte über die Diskrepanz zwischen Außen- und Selbstwahrnehmung von Bloggern ausgelöst (weitere lesenswerte Beiträge dazu sind auf Literaturen und Philea’s Blog zu finden); dass es auch hier um Ergänzung und nicht um Verdrängung geht, ist vielen Leuten – vornehmlich Feuilletonisten – offenbar noch immer nicht klar.

Nele Hoffmann, Marcus Müntefering, Sonja Hartl, Miriam Semrau und Thomas Wörtche

Und so rechnete ich auch auf diesem Krimi-Symposium mit einer angeregten und anregenden Diskussion, doch eine solche kam aus mehreren Gründen leider nicht zustande. Auf der Bühne saßen ausnahmslos Menschen, deren Schaffen fest im Internet verankert ist, sodass es zwischen ihnen kaum Dissens gab: Marcus Müntefering, der für Spiegel Online schreibt und den Blog Krimi-Welt betreibt, die Journalistin und Bloggerin Sonja Hartl (Zeilenkino), Miriam Semrau alias Krimimimi sowie Thomas Wörtche, der u.a. das CULTurMAG herausgibt. Die Moderatorin Nele Hoffmann kratzte mit vielen ihrer Fragen lediglich an der Oberfläche und ließ den Referenten nichts anderes übrig, als immer artig der Reihe nach zu antworten. Und selbst wenn Podium oder Publikum interessante Gedanken äußerten, wurden diese zu selten aufgegriffen.

Zielführend war das Gespräch auch deshalb nicht, weil zu keinem Zeitpunkt geklärt wurde, worüber wir eigentlich reden: Wie definiert sich Literaturkritik? Was unterscheidet das sogenannte »Social Reviewing« davon? Welche Absichten verfolgt dieses, an wen richtet es sich, was sind seine Chancen? Um diese Fragen beantworten zu können, wäre zudem eine Differenzierung notwendig gewesen, bestenfalls anhand von konkreten Beispielen (Blogs, Lesercommunitys wie LovelyBooks, Amazon-Rezensionen etc.). Den Referenten mögen diese Punkte bekannt gewesen sein, nicht aber jedem Zuhörer, sonst hätte es keine pauschalisierenden Kommentare gegeben wie: »Mich interessieren Laienrezensionen wegen ihrer mangelnden Sachkenntnis und Qualität nicht.«

Es wurde also allenfalls über die Gefahren des Social Reviewing gesprochen: etwa darüber, dass immer seltener kritisiert und immer häufiger nur noch empfohlen werde, eine echte Auseinandersetzung mit der Literatur finde nicht mehr statt. Eine Gefahr, die im Übrigen zunehmend auch die ‚seriöse’ Krimikritik betreffe, da es in den Printmedien kaum noch Raum für sie gebe, sie also ins Netz abwandere, wo aber so gut wie niemand fürs Schreiben bezahlt werde – für schlechte Bücher sei da kein Platz mehr. Der Aufruf von Tobias Gohlis, für die Rückkehr der differenzierten Kritik zu kämpfen, betrifft aber meines Erachtens nicht nur seinesgleichen, sondern auch Blogger: Beide sollten – jeder auf seine Weise, mit seinen jeweiligen Möglichkeiten und für die jeweilige Zielgruppe – das Buch als Kulturgut und nicht als Produkt behandeln.

Jutta Wilkesmann, Uli Deurer, Diane Kopp, Daniela Müller und Zoë Beck

Das letzte Panel des Tages befasste sich mit der Frage, wie man welche Art von Krimi in den Buchhandel bekommt. Über ihre Erfahrungen sprachen Jutta Wilkesmann (Buchhandlung Die Wendeltreppe, Frankfurt), Vertriebsdienstleister Uli Deurer, Diane Kopp (Vertriebsleiterin des Gmeiner Verlages) sowie Daniela Müller (Hugendubel Berlin-Steglitz) und machten dabei eine erwartbare Dichotomie zwischen inhabergeführten Buchhandlungen und Ketten, zwischen Klein- und Publikumsverlagen auf: Die Kleinen suchen nach dem Unbekannten und Besonderen, müssen aber um jeden Leser kämpfen; die Großen gehen auf Nummer sicher und setzen auf Spitzentitel. Es hätte eine frustrierende Veranstaltung werden können, hätten da nicht Menschen wie Wilkesmann und Deurer gesessen, die mit viel Begeisterung und noch mehr Ausdauer ihrer Arbeit nachgehen und zuversichtlich sind, dass jedes gute Buch früher oder später seine Leser findet.

So nahm das Symposium »Krimis machen 2« am Samstagabend ein ebenso vergnügliches wie Mut machendes Ende, das auf der Stelle Lust auf einer weitere Fortsetzung weckte. Denn auch wenn vielleicht keine wirklich überraschenden Gedanken formuliert wurden und man zu wenig neuen Ergebnissen – gerade auch im Vergleich zur ersten Ausgabe – gekommen ist, so ist der Austausch mit den verschiedenen Akteuren der Branche doch immer wieder bereichernd. Es sind ebenso kluge wie aufgeschlossene Menschen, und die Leidenschaft, mit der sie sich der Literatur widmen, ist ansteckend. Als sie sich nach und nach verabschiedeten und ich schließlich selbst mit dem Rad nach Hause fuhr, befiel mich daher etwas Ähnliches wie das, was irgendjemand mal als Nachmesseblues bezeichnet hatte: die Wehmut darüber, dass es schon wieder vorbei ist und das nächste Event dieser Art noch so fern.

8 Gedanken zu “»Krimis machen 2« in Frankfurt

    1. Ach, schade. Trotz einiger inhaltlicher Schwächen war es eine interessante Veranstaltung, der Ansatz ist auf jeden Fall richtig, und es waren viele spannende Leute da, die spannende Dinge zu sagen haben. Zwar nicht unbedingt auf dem Podium, aber zumindest in den Pausen. Was mindestens genauso bereichernd ist. Vielleicht klappt’s ja nächstes Jahr!

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