Literatur über den Dächern Frankfurts

literaTurm in Frankfurt

»Literatur und Zeit« – unter diesem Motto kamen vom 20. bis zum 27. Mai neunzig Autoren, Wissenschaftler, Kritiker und Künstler in Frankfurt zusammen, um gemeinsam zu diskutieren, rezitieren und musizieren. Das Literaturfestival »literaTurm«, das alle zwei Jahre stattfindet und vom Kulturamt der Stadt Frankfurt konzipiert und realisiert wird, ging damit in die siebte Runde – ich war erstmals dabei, habe mir ausgewählte Veranstaltungen angesehen und ganz nebenbei einen Ausblick genossen, der sich hier einem selten bietet. Das Festival trägt seinen Namen nicht umsonst: »literaTurm« findet größtenteils im 170 Meter hohen OpernTurm statt; dort, wo tagsüber Anwaltskanzleien und Investmentbanken ihren Geschäften nachgehen, werden am Abend die Pforten für die Kultur geöffnet.

Und so fährt man mit hyperschnellen Aufzügen in den 18., 29. oder 41. Stock, sitzt in stattlichen Konferenzräumen, bisweilen gar um großflächige Tische gruppiert, blickt durch die Fensterfronten auf die Stadt hinunter und lauscht dabei den Gästen des Festivals, wie sie über die »Zeit als Stoff, als Form sowie als Objekt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur« sprechen. Die wenigsten Veranstaltungen sind als klassische Lesungen angelegt, vielmehr geht es um das Gespräch zwischen den Akteuren, und auch wenn die Literatur im Vordergrund steht, verfolgt das Festival einen interdisziplinären Ansatz. So spielen auch andere Künste wie der Film, die Musik und die Fotografie eine Rolle; es gibt ein Lesungskonzert, eine lange Filmnacht und sogar eine Party mit namhaften DJs.

Eröffnet wird das Festival am 20. Mai im Kaisersaal des Frankfurter Römer mit einer von Hubert Winkels moderierten Podiumsdiskussion zwischen der Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen, dem ehemaligen Hanser-Verleger und Lyriker Michael Krüger sowie dem Schriftsteller Uwe Tellkamp über die »literarische Figuration von Zeit«. Drei Persönlichkeiten, von denen jede allein gewiss einen Abend füllen könnte, so vertiefenswert ist ihr jeweiliges Schaffen und so zahlreich sind die interessanten Gedanken, die in diesem begrenzten Rahmen formuliert werden. An eine klare Zielführung ist da – trotz des gewohnt souverän auftretenden Gesprächsleiters Winkels – kaum zu denken, doch das stört nur geringfügig, wurde man doch schon vom Programmheft auf das »Labyrinthische des Themas« vorbereitet.

Uwe Tellkamp, Eva Geulen, Hubert Winkels und Michael Krüger

Als Winkels auf Zeitromane zu sprechen kommt, Romane also, in denen die Zeit nicht nur strukturell eine Rolle spielt, sondern auch – wie etwa in Tellkamps Der Turm (Suhrkamp 2008) – auf der Ebene des Inhalts verhandelt wird, greifen die Diskutierenden den kürzlich im Feuilleton laut gewordenen Vorwurf an die deutschsprachige Gegenwartsliteratur auf, sich nicht genügend mit unserer Zeit auseinanderzusetzen. Krüger stellt die Frage in den Raum, ob das überhaupt eine berechtigte Forderung sei: Wenn beispielsweise Ransmayr einen Roman wie Die letzte Welt schreibe, frage sich doch niemand, ob er unsere Gegenwart in all ihrer Komplexität darstelle. Tellkamp fügt hinzu, Politik sei ohnehin marginal im Leben der meisten, zentral seien stattdessen Themen wie die Geburt, die Liebe, der Tod. Abschließend lesen beide aus ihren Werken – Tellkamp aus einem, das noch im Entstehen begriffen ist, Lawa, einer Fortsetzung des Turms, und Krüger Gedichte aus seinem Band Umstellung der Zeit (Suhrkamp 2013).

Am ersten Festivaltag im OpernTurm fahre ich in den 29. Stock, wo die Literaturredakteurin Sandra Kegel mit der Autorin Katja Petrowskaja über deren Debüt Vielleicht Esther (Suhrkamp 2014) spricht. Für einen Ausschnitt daraus wurde sie im vergangenen Jahr in Klagenfurt mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet, im März war der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Vielleicht Esther, so erzählt Petrowskaja leise, fast zaghaft, aber immer mit einem eigentümlichen Strahlen im Gesicht, sei ein Roman über ihre Familie – aber eigentlich auch nicht. Was sie interessiert habe, sei nicht so sehr die Geschichte ihrer Familie gewesen, sondern die Frage, was diese mit ihr macht, woher das Bedürfnis kommt, sich der Vergangenheit zu stellen. Genau genommen gebe es die Vergangenheit ja auch gar nicht, wir formen sie erst im Laufe der Zeit und im Katja PetrowskajaLaufe unserer Bemühungen, sie zu entschlüsseln und zu domestizieren: Die Vergangenheit, sagt sie, sei ein unerzogenes Kind.

So erstaunt es kaum, dass Petrowskaja mit der Arbeit an dem Roman erst begonnen hat, als ihre Tante gestorben ist – die Letzte, die ihr von damals hätte erzählen können. Heute bereue sie es, dass sie sich nicht schon früher dafür interessiert habe, viele Geschichten kenne sie nicht, bestimmte Gelände könne sie nicht mehr betreten. Das »Vielleicht« im Titel deutet auf diese für immer verschlossenen Türen hin – Petrowskaja selbst begreift es vor allem aber als eine wichtige Modalität ihres Schreibens: Damit setze sie sich gegen die Selbstverständlichkeit zur Wehr, mit der die Vergangenheit heute aufbereitet werde und mit der man so tue, als hätte es nur einen Weg gegeben, als sei alles folgerichtig gewesen. Sie habe sich mit ihrem Buch Vielleicht Esther aus dieser festgeschriebenen Geschichte befreien wollen.

Höchst spannende Lebensgeschichten erzählen auch die zwei jungen Autorinnen Brittani Sonnenberg (Heimflug, Arche 2014) und Vanessa F. Fogel (Hertzmann’s Coffee, weissbooks 2014), die mit der Moderatorin Cécile Schortmann vor allem über das Thema Heimat reden. Sonnenberg, eine in Hamburg geborene und aktuell in Berlin lebende Amerikanerin, bezeichnet sich selbst als »Third Culture Kid«, sie sei in verschiedenen Nationen aufgewachsen, habe jedoch keiner von ihnen angehört und schließlich in ihrer Heimatlosigkeit eine Heimat gefunden. Heute verwende sie den Begriff »Heimat« im Plural und nehme sich so den Druck, sich selbst zu definieren. Fogel gefällt dieses »Heimaten« so gut, dass sie ankündigt, es ab sofort für sich selbst zu verwenden: Sie wurde in Frankfurt geboren, wuchs in Israel auf und studierte in New York. Am ehesten sei Israel für sie Heimat, aber noch mehr seien es die Menschen, die sie umgeben. Und so sei auch für ihre Protagonisten nicht ein bestimmter Ort Heimat, sondern das Jüdischsein und die jiddische Sprache.

Brittani Sonnenberg und Vanessa F. Fogel

Bei einer der Veranstaltungen, die ich in den kommenden Tagen besuche, geht es nicht vorrangig um Literatur, sondern um Architektur und Fotografie, genau genommen um den für manchen Betrachter schönen, für manch einen hässlichen, auf jeden Fall aber faszinierenden Silver Tower im Bahnhofsviertel und um die Fotoserie von Matthias Hoch, die um die Sanierung des Gebäudes in den Jahren 2009 bis 2011 entstanden ist. Für mich ist es eines der Highlights des Festivals: Mich beeindrucken die klaren, menschenleeren, konzentrierten Fotografien, die immer nur Ausschnitte abbilden, niemals das Ganze. Hoch erzählt, er habe sich auf die Suche nach den Hinterlassenschaften der Bank gemacht, der Inszenierung von Macht – viel davon sei nicht mehr übrig gewesen, was er zuerst bedauert habe, aber dann habe er es als eine Schärfung seines Blicks für die kleinen Details begriffen. Man sieht verlassene Empfangshäuschen, Abdrücke von Möbeln auf Teppichen, mit Ledertapete überzogene Wände. Ihn interessiere das Interieur, die Bühne, auf der wir uns bewegen – nicht die Menschen selbst oder spezifische Augenblicke. Seine Fotografien seien mehr als nur Dokumentation, sie lösen sich von den dargestellten Gegenständen und bilden Flächen für die Geschichten, die Projektionen des Betrachters.

Äußerlich unterscheidet sich der Turm übrigens kaum vom 1978 eröffneten Original – das Verdienst der Architekten, die mit der Sanierung betraut wurden und die für den Erhalt der ursprünglichen Fassade kämpften. Einer von ihnen ist Michael Schumacher, der an diesem Abend ebenfalls anwesend ist: Er war es auch, der Matthias Hoch 2009 einlud, das Projekt fotografisch zu begleiten. Im Gespräch mit den beiden – und Moderator Jakob Hoffmann – ist außerdem der Schriftsteller Andreas Maier, der einen Text zum Bildband Silver Tower (Spector Books 2013) beigetragen hat, in dem er am Beispiel des Hochhauses auf ebenso kluge wie vergnügliche Weise über sich verändernde urbane Räume schreibt: »Eine Welt ist verschwunden, eine bestimmte, in sich geschlossene, lebendige Struktur, die – weil sie in sich geschlossen war – auch immer etwas Universales hatte und deshalb immer ein Abbild der gesamten Welt war. Alles, was draußen, außerhalb des Turms, geschah, geschah auch drinnen, wenn auch verkleinert, wenn auch nicht so zahlreich. Es gab vermutlich keine Beerdigungen, vermutlich keine Morde, wer weiß. Aber dass sie dort Kinder gezeugt haben, davon gehe ich aus. Sie haben auch dort gesoffen und gehurt und sich verliebt und ihre zartesten Augenblicke erlebt.«

Matthias Koch, Michael Schumacher und Andreas Maier

Nicht nur Fotografie, sondern auch Musik führe ich mir im Laufe des Festivals zu Gemüte. »Zeit am Werk« lauten drei Veranstaltungen, die je einen Lyriker und einen Komponisten zusammenbringen. Etwa Uwe Kolbe, der sich bisher vor allem als Lyriker hervorgetan hat und dessen Romandebüt Die Lüge soeben im S. Fischer Verlag erschienen ist, und Beat Furrer, Professor für Komposition in Graz. Das Schöne an diesem erstmaligen Zusammentreffen der beiden Künstler ist, dass sie – ausgehend von den Fragen der Musikwissenschaftlerin Marie Luise Maintz – in ein tatsächliches Gespräch kommen, sich gegenseitig Fragen stellen und so trotz der verschiedenen Kunstformen erstaunliche Parallelen in ihren Vorgehensweisen aufdecken. So verwehren sich beide gegen den Begriff der Linearität und beschäftigen sich vielmehr mit der Beschleunigung und dem Stillstand, der Gleichzeitigkeit von Ereignissen und Erzählungen, der Überlagerung und Verdichtung von Strukturen. Tatsächlich seien nicht Gedanken oder Themen der Ausgangspunkt ihrer Werke, sondern Klänge und Rhythmen. Zu hören bekommen wir unter anderem einige Gedichte von Kolbe aus den achtziger Jahren, die wie ein Stream of Consciousness funktionieren, und einen Auszug aus Furrers Hörtheater Fama, das in einem beklemmenden Crescendo Schnitzlers Fräulein Else aufgreift.

Uwe Kolbe, Beat Furrer und Marie Luise Maintz

Am letzten Abend des Festivals entscheide ich mich konsequenterweise für eine Veranstaltung, die sich mit dem Erzählen von Zukunft befasst und die von Doris Akrap, Kulturredakteurin bei der taz, moderiert wird. Geladen sind die Schriftsteller Georg Klein (Die Zukunft des Mars, Rowohlt 2013), Leif Randt (Schimmernder Dunst über CobyCounty, Berlin Verlag 2011) sowie Günter Hack (ZRH, Frankfurter Verlagsanstalt 2009), der in der FAZ kürzlich eine »neue Science-Fiction« forderte und der hier vor allem als Theoretiker denn als Autor auftritt. Interessant ist, dass an diesem Abend viel von Science-Fiction-Literatur die Rede ist – dabei bewegt sich genau genommen keiner der drei Autoren im klassischen Genre, sie alle schreiben das, was vielerorts als »Hochliteratur« bezeichnet wird, und bedienen sich dabei verschiedener Genreversatzstücke. Tatsächlich sagt beispielsweise Randt, es gehe in seinem Roman in erster Linie um etwas Innerliches: um eine Nebengegenwart mit einer Verlängerung in die Zukunft – nicht auf der technologischen, sondern auf der mentalen Ebene.

Günter Hack, Georg Klein und Leif Randt

Genau diese Art von Science-Fiction-Literatur – diejenige, die sich nicht auf den technischen Aspekt fixiert – ist es, die für Klein über die Jahrzehnte hinweg Bestand hat, selbst wenn manche Vorstellungen darin längst von der Realität eingeholt wurden. Er selbst beschäftige sich vor allem mit Szenarien, die etwas Zukunftsträchtiges haben, weil er sich in unserer Wirklichkeit nicht heimisch, nicht heimelig fühle. Es ist ein spannendes, vor allem aber ein amüsantes Gespräch zwischen drei ausgesprochen sympathischen Gästen: Klein und Hack werfen sich gegenseitig permanent die Bälle zu und freuen sich fast schon schelmisch über das Beisammensein, während Leif Randt – nicht nur räumlich – etwas abseits sitzt, aber immer wieder mit unerwartet komischen Bekenntnissen blitzt. Ein gelungener Abschluss also, der mich mit Vorfreude in die Zukunft blicken lässt – in das Jahr 2016, zur achten Ausgabe von »literaTurm«.

Doris Akrap, Günter Hack und Georg Klein

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5 Gedanken zu “Literatur über den Dächern Frankfurts

  1. Liebe Caterina,
    ich habe wirklich etwas verpasst 😦 Ging aber nun mal nicht. Bei Dir hat es ja letztendlich doch geklappt. Wie schön. Vielen Dank für den sehr ausführlichen wie bereichernden Bericht. Für jeden was dabei. Mir war gar nicht bewusst, dass alle Veranstaltungen im OpernTurm statt finden. Schon allein aus diesem Grund hätte ein Besuch gelohnt. Na dann vielleicht bei der achten Auflage. Wird es denn das Festival nächstes Jahr nicht geben?

    Liebe Grüße von nebenan 😉

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    1. Liebe Bücherliebhaberin,
      ja, zu ein paar Veranstaltungen am Anfang und am Ende konnte ich immerhin gehen, aber an vier von acht Festivaltagen war ich nicht in der Stadt, weshalb ich das Festival als Ganzes leider nicht begleiten konnte. Den Filmabend hätte ich zum Beispiel gerne miterlebt und auch die Party, um meinen Einblick in das Programm abzurunden, aber ich denke, der Artikel gibt auch so eine ganz gute Vorstellung davon, was „literaTurm“ ist.

      Genau, das Festival findet nur alle zwei Jahre statt, darum war es auch das erste Mal, dass ich dabei war. Es wechselt sich – wenn ich mich recht erinnere – mit einem Poesiefestival ab, das ebenfalls vom Kulturamt Frankfurt organisiert wird. Für die nächste Ausgabe von literaTurm müssen wir uns also noch ein wenig gedulden – aber es gibt ja genügend literarische Alternativen in der Stadt, zum Beispiel Open Books zur Buchmesse, auch wenn ich davon immer wenig mitbekomme.

      So oder so werden wir zwei noch genügend zu entdecken haben. 🙂
      Herzliche Grüße,
      caterina

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  2. Liebe Caterina,

    deine interessanten und fundierten Berichte lese ich jedes Mal, obwohl es dafür ein wenig mehr Kondition benötigt, sehr gerne. Danke dafür 🙂

    Grüße
    Muromez

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    1. Ja, ich gebe zu, dass meine Berichte dazu neigen, auszuarten. Aber mehrere einzelne Berichte waren in diesem Fall zeitlich nicht zu schaffen, darum eine Zusammenfassung des gesamten Festivals – bei der natürlich keine Veranstaltung zu kurz kommen sollte. Und zack, schon waren mehrere Word-Seiten gefüllt. 😉 Danke fürs Durchhalten und fürs Lob!

      Herzlich,
      caterina

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