Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister

Daniel Woodrell - Der Tod von Sweet Mister (Liebeskind Verlag)

»Ich wünschte, ich könnte sagen, dass nichts von alledem passiert ist«

Kürzlich ist Daniel Woodrells neuer Roman erschienen, In Almas Augen heißt er und steht derzeit auf Platz 3 der viel beachteten KrimiZEIT-Bestenliste, die, sofern man anspruchsvolle Krimis schätzt, immer einen Blick wert ist. Bevor ich mich allerdings Woodrells aktuellem Werk widme, hole ich einen älteren Roman hervor: Der Tod von Sweet Mister, erschienen vor zwei Jahren im Liebeskind Verlag, gut ein Jahrzehnt später als das Original. Es hat wohl den Schub von Winter’s Bone gebraucht, dessen gleichnamige Verfilmung 2011 in die Kinos kam (parallel zum Erscheinen der deutschen Übersetzung Winters Knochen) und dem amerikanischen Schriftsteller endlich auch bei uns zu Ruhm verhalf, obgleich da bereits eine Handvoll Titel von ihm auf Deutsch erschienen waren, etwa die Bayou-Trilogie. Jede Menge Stoff, den es nachzuholen gilt – denn eines steht fest: Von Woodrell werde ich mir kein einziges Buch entgehen lassen.

Letztes Jahr habe ich Winters Knochen gelesen – und mich seither kaum von der Lektüre erholt. Es geht um eine jugendliche Heldin, Ree, die, um nicht das eigene Haus ans Gericht zu verlieren und mit den Brüdern und der unzurechnungsfähigen Mutter ohne Dach überm Kopf dazustehen, ihren kriminellen Vater ausfindig machen muss – lebendig oder tot. Schauplatz sind die Ozark Mountains, eine Gegend an der Grenze zwischen Missouri und Arkansas, deren atemberaubende Landschaft nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass ihre Bewohner vor die Hunde gehen. Zumindest die, von denen Daniel Woodrell in seinen Romanen erzählt: Menschen, die von Armut, Drogen und Gewalt zerfressen sind; Menschen, denen – wenn sie überhaupt je etwas hatten – alles genommen wurde, meistens sogar ihre Hoffnung und ihre Träume. Ree muss jede Menge einstecken, um sich diese zu bewahren.

Während sie unbeirrt ihren Weg geht, ganz gleich wie sehr man ihr zusetzt, ist Shug Akins, der dreizehnjährige Junge, um den Der Tod von Sweet Mister kreist, nicht imstande, sich zur Wehr zu setzen, lässt sich demütigen, schlagen, manipulieren. Anfangs zumindest, denn der im Titel angekündigte Tod ist natürlich metaphorisch gemeint: Sweet Mister – so wird Shug von seiner Mutter wegen seiner Sanftmut und seiner Arglosigkeit genannt, doch genau die streift er im Laufe der Geschichte ab; sterben – das tun hingegen andere in diesem Roman. Shug wird aufbegehren, wird nicht mehr nur Opfer sein, sondern selbst austeilen, wird seine Unschuld verlieren auf eine Weise, die keinem Jugendlichen zu wünschen ist. Und wie sollte es auch anders kommen, wie sollte ausgerechnet er, Sweet Mister, die Gewaltspirale, die seit jeher sein Leben prägt, das Leben vieler in den Ozarks, durchbrechen?

Shugs Vater Red – der vermutlich nicht einmal sein leiblicher Vater ist, was alle ahnen, aber niemand laut ausspricht – ist ein tablettensüchtiger Kleinkrimineller, der oft tagelang verschwindet (und darin dem Vater von Ree nicht unähnlich ist), und wenn er doch mal da ist, dann tyrannisiert er die Familie – missbraucht seine Frau Glenda und lässt sich von seinem Sohn Medikamente beschaffen, indem er ihn bei Alten und Todkranken einbrechen lässt. Glenda dürfte, als sie Shug bekommen hat, kaum älter gewesen sein, als er es jetzt ist, sie war mal eine Schönheit, ist es immer noch, trotz des Alkohols und der Gewalt, die ihre Spuren hinterlassen und an denen sie – wie alle hier – früher oder später zugrunde gehen wird. Shug verehrt seine Mutter, mehr als es ein Sohn sollte, versucht sie zu beschützen, um sich den einzigen Hauch von Zärtlichkeit und Wärme zu bewahren, den er in diesem Drecksleben hat.

Daniel Woodrell braucht nur wenige Worte, um den Leser jeder Illusion zu berauben, diese Geschichte könne ein gutes Ende nehmen. Der Roman beginnt mit dem Satz: »Seine Stimme schien für mich immer voll von diesen Würmern zu sein, die einen fressen, wenn man tot ist«, und am Ende des ersten Kapitels sagt Shug: »Ich wünschte, ich könnte sagen, dass nichts von alledem passiert ist.« Als der smarte Jimmy Vin Pearce mit seinem grünen Thunderbird in dem Städtchen auftaucht und Glenda Hoffnung auf ein besseres Leben macht, überrascht es nicht, dass anstelle des Glücks nur noch mehr Unheil über diese ohnehin schon kaputte Familie kommt, dass solch versehrten Gestalten, wie Shug und seine Mutter es sind, keine Heilung widerfahren wird. Selbst wenn sie sich eines Tyrannen wie Red entledigen können, werden sie nicht befreit sein. Denn der Hass, der Argwohn, die Gier – sie stecken in ihnen.

Die Welt, die Woodrell in seinen Romanen erschafft, ist eine unbarmherzige, und aus ihr scheint es kein Entkommen zu geben. In diese Welt wirft er Jugendliche hinein, die auf sich allein gestellt sind und selbst entscheiden müssen, wie sie mit der Gewalt und dem Elend fertigwerden – ob sie sich ihnen ausliefern oder ob sie ihnen entgegentreten. Insofern bewegen sich Winters Knochen und Der Tod von Sweet Mister irgendwo zwischen Coming-of-Age und Noir – genau genommen »Country Noir«, wie der Autor selbst dieses Genre bezeichnet. Es ist eine raue und beklemmende Literatur, die Sprache so schroff wie die Menschen, die in den Ozarks leben, die Geschichten so schmerzhaft wie die Faustschläge, die sie austeilen. Einmal sagt Glenda zu ihrem Sohn, er müsse hellwach sein, um in dieser Welt zu bestehen – Gleiches gilt für den Leser: Wenn er sich nicht auf die Wucht dieser Literatur gefasst macht, wird er von ihr niedergeworfen.

Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München 2012, 192 Seiten, 16,90 €.

Was andere über dieses Buch sagen:

» Zeilenkino
» buzzaldrins Bücher
» Analog-Lesen

Was ich über ähnliche Bücher sage:

» Donald Ray Pollock: Knockemstiff
» James Sallis: Driver
» Daniel Woodrell: Winters Knochen

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15 Kommentare zu „Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister

  1. Eine sehr schöne Rezension dieses beeindruckenden Buches, liebe Caterina. Da möchte ich es fast nochmal lesen. Dein Schlusssatz („Wenn er sich nicht auf die Wucht dieser Literatur gefasst macht, wird er von ihr niedergeworfen“) fasst es wunderbar zusammen.
    Ein zauberhaftes langes Wochenende Dir!
    Jarg

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    1. Merci, lieber Jarg. Woodrell ist schon echt eine Wucht, und ich freue mich wahnsinnig auf seinen neuen Roman, In Almas Augen, der ganz oben auf dem Lesestapel liegt. Und irgendwann werde ich auch mal in die Vergangenheit zurückgehen und mir die Bayou-Trilogie vorknöpfen. – Manchmal ist es schön, wenn man Autoren so spät entdeckt, ´dann hat man geballten Lesestoff. 😉

      Sei herzlich gegrüßt,
      caterina

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      1. Das stimmt, liebe Caterina. Auch wenn ich nach Woodrell und einigen anderen Autoren ähnlicher Art und damit massivem Input in dieser Richtung eine Pause von der Düsternis brauchte, die diese beeidnruckenden Romane verströmen. Aber der neue Woodrell ist natürlich auch schon innerlich vorgemerkt …
        Sonnige Grüsse aus dem frühlingswarmen Hamburg von
        Jarg

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    1. Mach das! Es lohnt sich wirklich, wobei ich Winters Knochen ein klitzekleines bisschen besser fand. Viel Vergnügen jedenfalls bei der Lektüre, sollte dir eines der beiden über den Weg laufen.

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    1. Merci, lieber Kaffeehaussitzer! In Almas Augen liegt auch schon bei mir bereit, die Besprechungen dazu waren ja phänomenal – allesamt euphorisch, wenn ich mich nicht irre. Und auf der KrimiZeit-Bestenliste stand’s auch ganz oben. Woodrell ist echt ’ne Wucht!

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