Sheila Heti: Wie sollten wir sein?

Sheila Heti - Wie sollten wir sein? (Rowohlt Verlag)

»Es war wie reines Unschuldigsein, als schwebte ich in Sirup« *

Sorge dich nicht – lebe! Der 6-Minuten-Coach: Erfinde dich neu. Einfach glücklich sein!: 7 Schlüssel zur Leichtigkeit des Seins. Könnte Wunder bewirken: Das 40-Tage-Programm, um Ihr Leben grundlegend zu verändern. 50 Wege, das Leben positiv zu gestalten. Pimp Your Life: 99 Dinge, die du unbedingt mal tun solltest. Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will. Die Angst vor dem Glück: Warum wir uns selbst im Wege stehen. Wer wagt, gewinnt: Leben als Experiment. Denke nach und werde reich: Die Erfolgsgesetze. MACHEN – nicht denken!: Die radikal einfache Idee, die Ihr Leben verändert. Die Kunst, ein Egoist zu sein: Das Abenteuer, glücklich zu leben, auch wenn es anderen nicht gefällt. Heirate dich selbst: Wie radikale Selbstliebe unser Leben revolutioniert. Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest. Simplify Your Love: Gemeinsam einfacher und glücklicher leben. Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei: Ein Umdenkbuch. Wie Sie Ihre Hirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen. Ich bleib so scheiße, wie ich bin: Lockerlassen und mehr vom Leben haben.

Kurz habe ich überlegt, ob ich als Antwort auf die Frage, wie wir sein sollten, eine Collage aus diesen und weiteren Buchtiteln basteln sollte, denn Ratgeber (auch die ironisch gemeinten) scheinen ja zu wissen, wie das geht: sich selbst finden – bzw. eine bessere Version unseres Selbst. Wenn man im größten Online-Versandhaus der Welt nach Büchern zum Thema Lebensführung sucht, werden sage und schreibe 44.000 Treffer angezeigt. Alle Welt scheint das Gefühl zu haben, im falschen Leben zu stecken. Oder im falschen Körper und/oder Geist. Wir wollen unser Aussehen verändern, unseren Charakter, unsere Einstellung, unser Verhältnis zu allem, was uns umgibt – und unsere Umgebung gleich mit. Es ist eine permanente Selbstoptimierung, ach was, Selbstperfektionierung; wir streben nach einem erfüllten Leben, nach dem vollkommen Glück. Das können für den einen Geld und Macht sein, für den anderen innere Ausgeglichenheit, und die Wege dorthin sind so vielfältig wie die Anweisungen der Ratgeber.

Zugegeben: Ich habe wenig Sinn für Ratgeber dieses Typus, was in erster Linie daran liegt, dass ich mich nicht nur als Bloggerin, sondern auch beruflich mit der schönen Literatur befasse und meine Lesezeit zu rar ist, um über den Tellerrand zu blicken; zudem habe ich eine generelle Aversion gegenüber Anleitungen. (Anders verhält es sich freilich mit klugen und ansprechend aufbereiteten Büchern wie Frank Berzbachs Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen, die ich aber auch nicht als Ratgeber begreife, sondern eben als belles lettres – im wörtlichen Sinne.) Dennoch ist mir die Frage, die die kanadische Autorin Sheila Heti in ihrem Roman aus dem Leben stellt – die Frage also, wie wir sein sollten und was wir tun müssen, um das zu werden, was wir sein wollen –, nicht fremd. Auch mich begleitet sie, seit ich mir Gedanken über mich selbst mache: über meine Sichtweisen, meine Leidenschaften, meine Fähigkeiten und darüber, wie ich meine Gegenwart und meine Zukunft gestalten will.

In der Schulzeit und zu Beginn meines Studiums war ich immer beeindruckt und auch ein bisschen eingeschüchtert von Freunden, die genau wussten, was sie werden und wie sie leben wollen. Ich hatte lange Zeit keinen konkreten Berufswunsch, wählte meine Studienfächer nicht mit Blick auf das Danach, aber auch nicht aus Alternativlosig- oder Gleichgültigkeit, sondern weil ich mich ehrlich für sie interessierte. Ich studierte also jene Dinge, bei denen Fachfremde allzu gerne fragen: »Und was kann man später damit machen?«, und weil man selbst keine Antwort weiß, erwidert man mit einer unbestimmten Handbewegung: »Alles und nichts«. Mir kam das sehr gelegen, da ich immer schon eine typische Vertreterin dieser Generation war, die unzählige Optionen hat, sich aber für keine davon endgültig entscheiden mag – aus Angst, die falsche Richtung einzuschlagen und etwas zu verpassen. Womöglich etwas Besseres und Aufregenderes, auf jeden Fall aber etwas anderes.

Vielleicht ist das der Grund für meine Rastlosigkeit – dafür, dass ich vier Praktika absolviert und in den letzten zehn Jahren in sieben verschiedenen Städten gelebt habe, dass ich außerdem am liebsten noch drei Sprachen und wenigstens ein Instrument erlernen würde. Oder vielleicht ist es der Selbstoptimierungswahn, von dem ich oben sprach und der heutzutage immer auch bedeutet, Entscheidungen in Hinblick auf den eigenen Lebenslauf zu fällen. Erfahrung um Erfahrung anzusammeln; jede Menge Hard und noch mehr Soft Skills zu erwerben; spannend nach außen zu wirken, indem man herumkommt und sich vielseitig interessiert und engagiert zeigt; auf keinen Fall Lücken zuzulassen. Da schwirrt einem ja der Kopf. Dabei bin ich mir nicht einmal sicher, ob nicht vor allem ich selbst es bin, die diese Anforderungen an mich stellt, und ob ich das alles wirklich so ernst nehmen muss, wie ich es bisweilen tue. Stünde ich heute so viel anders da, wenn ich mir ein klein bisschen weniger Mühe gegeben hätte?

Zumal: Was kann ich schon vorweisen? Ich bin fast dreißig und führe noch immer ein provisorisch eingerichtetes Leben, das manch einer als prekär bezeichnen würden. Mag mich nicht auf den Job und nicht auf die Stadt festlegen, von privaten Dingen ganz zu schweigen. Scheue mich vor Bindungen, angefangen beim Handyvertrag, und noch mehr vor Verantwortung. Habe keinen Lebensentwurf, den ich wie einen Bauplan aufrollen und Stück für Stück realisieren könnte, und folglich nicht die geringste Ahnung, wo ich in zwei, fünf oder zehn Jahren sein werde. Bislang fahre ich ganz gut mit dieser Nicht-Strategie, ich mag, wie es ist, mache aufregende Dinge, lerne großartige Menschen kennen. Es fühlt sich in etwa so an wie bei Sheila Hetis Romanfigur Sheila: »Den größten Teil meines Lebens über führte eins zum anderen. Jeder Schritt trug wie erwartet Frucht. […] Es war wie reines Unschuldigsein, als schwebte ich in Sirup. Die Menschen flogen mir zu. Bei der geringsten Berührung entfaltete sich Glück.«

Aber ein bisschen mulmig ist mir dabei schon. Wer weiß, vielleicht fange ich eines Tages an zu taumeln wie Sheila. Immerhin teilen wir dieselbe Unsicherheit und Unentschlossenheit, die mir das Gefühl geben, der Boden unter meinen Füßen sei wackelig. Und irgendwann stehe ich womöglich da und stelle fest, dass ich mich vertan habe. Aber offen gestanden bin ich zuversichtlich, dass es nicht so weit kommen wird, obgleich ich keine Antwort auf die Frage habe, wie ich sein sollte, und sie aller Wahrscheinlichkeit auch nie finden werde. Natürlich hat der Roman von Sheila Heti auch keine, und ich nehme an, selbst bei den Ratgebern geht es nicht darum. Die einzige Antwort, die ich mir geben kann, ist folgende: Ich muss mir immer wieder vor Augen halten, dass der Weg, den ich bis hierhin gegangen bin, gewiss einer von vielen möglichen ist, aber ganz bestimmt kein falscher. Dass das, was ich bin, auch schon was ist und dass ich allen Anlass habe, zu glauben, ich werde auch weiterhin in Sirup schweben. Wohin auch immer.

Sheila Heti: Wie sollten wir sein? Ein Roman aus dem Leben. Aus dem Englischen von Thomas Überhoff. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014, 336 Seiten, 19,95 €.

* Der Artikel ist für den Blog »Wie sollten wir sein?« entstanden, der anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung von Sheila Hetis gleichnamigem Roman ins Leben gerufen wurde.

Was andere Literaturblogger auf die Frage, wie wir sein sollten, antworten:

» buzzaldrins Bücher
» Literaturen

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7 Gedanken zu “Sheila Heti: Wie sollten wir sein?

  1. Ein sehr schönes, auch sprachlich überaus gelungendes Posting, liebe Caterina, verbunden mit einem interessanten Buch, das meinem Leseradar noch komplett entgangen war. Und wahre Worte … zum Selbstoptimierungs-Ratgeberwahn (von dem auch ich lebe als einer, der sie massenhaft verleiht, aber so gut wie nie liest!) Und zur Unmöglichkeit einer Lebensstrategie. Was kann das auch sein, eine Lebensstrategie? Ich bin auch einige Umwege gegangen und mir geht es trotz etwas fortgeschrittenern Jahren und einer zugegeben aufgrund der Kinder ruhigeren, gesetzteren Lebensweise immer noch so, dass die spannensten Wege oft die überraschend und zunächst vielleicht gar nicht so wichtig genommenen Abzweigungen sind. Also weiter durch den Sirup. Unbedingt. Und sich überraschen lassen … !
    Liebe Grüsse zum Wochenende von Jarg

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    1. Du sagst es, lieber Jarg: Immer weiter durch den Sirup, denn das Leben im Sirup ist gar nicht schlecht und hält viele wunderbare Überraschungen bereit. Und wie du schon sagst: Was ist schon eine Lebensstrategie? Gibt es das? Und falls ja, wie kann so etwas aussehen? Ich will es gar nicht wissen, denn so klappt es auch ganz prima. Danke dir für deine lieben Worte!

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      1. Liebe Caterina,
        gern geschehen. Das Leben hält so viel bereit für diejenigen, die den Augenblick wahrzunehmen in der Lage sind … und an was erinnern wir uns später anders als an Augenblicke – schöne wie dramatische, glückliche wie unglückliche?
        In diesem Sinne herzliche Grüsse und einen ausgesprochen schönen Welttag des Buches!
        Jarg

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  2. Danke Caterina, nach diesem Artikel weiß ich wieder sehr genau, warum ich Deinen Blog mit Interesse und Begeisterung verfolge.
    Die Fragen, Zweifel und Überlegungen, die du dir darin stellst, kommen mir wie alte Bekannte vor, die auch zu meinem Leben gehören. Der Umstand, dass diese Gemeinsamkeit höchstwahrscheinlich viele ähnlich empfinden, hat mich dazu veranlasst, die Frage »Wie sollten wir sein?« anders zu lesen. Dieses WIR nicht als wie-sollte-jeder-Einzelne-für sich-sein zu verstehen, sondern als wie sollten WIR – wir als Gemeinschaft, Gesellschaft, Gruppe – sein. Aus der Sicht des Individuums, das seine eigene Entwicklung in den Mittelpunkt stellt, ist und bleibt es stets ein Wettstreit der individuellen Lebensentwürfe. Würden wir das Leben als Gemeinschaftsprojekt begreifen und uns stärker auf das Gesellschaftsmodell fokussieren, in dem wir leben wollen (WIR leben will), könnten wir uns hinterher noch immer überlegen, welche Rolle wir darin spielen sollen. Manche der gewichtig erscheinenden Ego-Fragen lösten sich dann vermutlich im kollektiven Sirup auf.
    Genug der idealistischen Weltverbesserungsgedanken für heute 🙂
    Schöne Grüße
    Josef

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    1. Schön, dass ich dich auch mit diesem Artikel nicht enttäuscht habe, lieber Josef. 😉
      Und mit deinem Gedanken, dass diese Frage auch in einem kollektiven Sinne begriffen werden kann, liegst du sicherlich nicht falsch, denn das eine schließt ja immer auch das andere an. Ich kann nicht an mich denken, ohne auch an meine Umgebung zu denken (das merkt man ja im Übrigen auch an manch Ratgebertitel, wenn auch in ganz anders gemeint) und somit im weitesten Sinne an die Gesellschaft. Ich lebe ja nicht alleine, in einem luftleeren Raum, sondern werde von anderen beeinflusst und beeinflusse mit meinen Entscheidungen und Handlungen andere.

      Und die Frage, wie WIR sein sollten, ist mit Sicherheit dringlicher als die, wie ICH sein sollte. Nur leider fühle ich mich nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten – noch weniger als die nach mir selbst. Ich würde – so mein Gefühl – nur an der Oberfläche kratzen, Plattitüden von mir geben oder doch wieder nur von mir reden, von meinen eigenen Erfahrungen und Wünschen ausgehen. Aber vielleicht trage ich, indem ich mir Gedanken über meine eigene Lebensweise mache, dazu bei, die Frage nach dem Wir zu beantworten. Denn das WIR besteht ja wiederum aus Individuen.

      Hach, ich merke, ich drehe mich im Kreis, und Samstagabend ist nicht der richtige Zeitpunkt, um die Frage zu erörtern, wie wir sein sollten. Aber ich denke, wir alle, du und ich und andere, die so ähnlich ticken wie wir, haben eine Ahnung davon, wie wir sein könnten.

      Liebe Grüße und ein schönes Osterfest,
      caterina

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