Nino Haratischwili und ihr neuer Roman »Das achte Leben«

»Ein Teppich ist eine Geschichte.
In ihr verbergen sich wiederum unzählige andere Geschichten«

Knapp zwei Monate ist es schon her, dass die Bücherliebhaberin vom glasperlenspiel13 und ich in der Frankfurter Verlagsanstalt zu Besuch waren (hier berichtet meine Bloggerkollegin darüber). Es gab Kaffee, Kekse, Weintrauben – und einen Überraschungsgast: Nino Haratischwili, die gemeinsam mit dem Verleger Joachim Unseld den Raum betrat, unter dessen Arm ein stattlicher Stapel Papier. Es handelte sich um den neuen Roman der Autorin, Das achte Leben (Für Brilka), der im Herbst erscheinen wird. Fast tausend Seiten, rief der Verleger und zeigte uns gleich mehrmals, an welcher Stelle er im Lektorat schon angelangt war, nicht ohne Stolz, vor allem aber mit aufrichtiger Begeisterung für das Werk. Und ich glaubte ihm sofort, hatte mich doch schon Haratischwilis letzter Roman, Mein sanfter Zwilling, vollkommen eingenommen. Wenn man mich nach meinem Lieblingsbuch aus einem Indie-Verlag fragt, dann nenne ich noch heute dieses.

Als man uns an jenem Nachmittag in der Frankfurter Verlagsanstalt fragte, ob wir nicht vorab einen Blick in Das achte Leben werfen und darüber schreiben möchten, zögerte ich also nicht lange und nahm voller Vorfreude die Leseprobe entgegen, deren Umfang der eines kompletten Romans sein könnte. Damals ahnte ich noch nicht, wie sehr ich mich ärgern würde. Ganz richtig, ich ärgere mich, und zwar unsäglich. Über meine Gier nach guten Stoffen, meine Unfähigkeit, nein zu sagen und geduldig zu warten. Denn es ist gekommen, wie es kommen musste: Mich will diese Geschichte nicht mehr loslassen – und ich sie nicht. Nicht das titelgebende zwölfjährige Mädchen Brilka oder die Erzählerin Niza, nicht deren Urgroßmutter Stasia, den Schokoladenfabrikanten oder all die anderen Figuren, denen ich in den vergangenen Tagen so nah gewesen bin, dass es mir schwerfällt, (vorerst) Abschied von ihnen zu nehmen.

Die Theaterregisseurin und Schriftstellerin Nino Haratischwili kehrt mit ihrem Buch Das achte Leben dorthin zurück, wo sie herstammt: nach Georgien. Und sie geht zurück in der Geschichte, zurück bis zum ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution, um dann die Geschicke des Landes entlang der Familie Jaschi zu erzählen, angefangen beim Ururgroßvater von Niza bis hin zu deren Nichte Brilka, die bei einem Gastauftritt ihrer Tanzgruppe in Amsterdam abgehauen ist und nach der sie, Niza, nun suchen muss. Das erfährt der Leser im Prolog, danach geschieht ein Sprung zurück in der Zeit, und doch bleiben Niza und Brilka stets präsent: die eine als diejenige, die die Geschichte erzählt; die andere als diejenige, für die die Geschichte erzählt wird. Eine Geschichte, die, weil vor allem der Krieg sie schrieb, zwangsweise voller Lücken ist – Lücken, die Niza mit der eigenen Vorstellungskraft füllt.

An einer Stelle ist die Rede von einem alten Teppich, einem Familienerbstück. »Ein Teppich ist eine Geschichte. In ihr verbergen sich wiederum unzählige andere Geschichten«, sagt die Urgroßmutter zu Niza, und weiter: »Du bist ein Faden, ich bin ein Faden, zusammen ergeben wir eine kleine Verzierung, mit vielen anderen Fäden zusammen ergeben wir ein Muster. […] Die Muster sind einzeln schwer zugänglich, aber wenn man sie im Zusammenhang betrachtet, dann erschließen sich einem viele fantastische Dinge.« Wie die Erzählerin – bzw. die Autorin – die Fäden dieser über ein Jahrhundert und mehrere Generationen gesponnenen Familiechronik miteinander verknüpft, ist – sofern ich das nach der Lektüre von zweihundert Manuskriptseiten beurteilen kann – schlichtweg beeindruckend und weckt Erinnerungen an Meisterwerke der Weltliteratur wie Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez oder Das Geisterhaus von Isabel Allende. Selten fieberte ich dem Bücherherbst so sehr entgegen.

» Nachtrag vom 01/09/2014: Hier geht es zur Rezension des kompletten Romans.

***

Interview mit Nino Haratischwili

Nino wurde 1983 in Tbilissi geboren und lebt in Hamburg. 2010 wurde ihr der Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis verliehen, im selben Jahr erschien ihr Romandebüt Juja (Verbrecher Verlag), das für die Longlist des Deutschen Buchpreises, die Shortlist des ZDF-aspekte-Literaturpreises und die Hotlist der unabhängigen Verlage nominiert war und mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses Lübeck ausgezeichnet wurde. Für ihren zweiten Roman Mein sanfter Zwilling erhielt sie den Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage. 2013 erschien in der FVA ihr Einakter »Die zweite Frau« in der Anthologie Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien, herausgegeben von Manana Tandaschwili und Jost Gippert.

Nino Haratischwili © privat

Du stammst aus Georgien: Während dein Debüt Juja völlig losgelöst ist von diesem Land, spielen Teile deines zweiten Romans Mein sanfter Zwilling dort; nun aber hast du erstmals georgische Protagonisten, obgleich natürlich auch hier der Bezug zu Deutschland nicht fehlt. Warum erst im dritten Roman diese intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte Georgiens und seiner Menschen? Was hat dich vorher daran gehindert oder inwiefern waren die anderen beiden Geschichten dringlicher?

Ich habe es mir in dem Sinne nicht »verboten« über Georgien zu schreiben, aber ich habe mir auch nicht vorgenommen: dieses Buch handelt von Paris, dieses von Deutschland, und nun ist endlich Georgien an der Reihe. Meistens geht’s mir um Geschichten. Was will ich erzählen, welche Themen sind mir wichtig? Und die Geographie muss sich nun einmal dem Inhalt unterordnen. Ich bin ebenfalls nicht der Meinung, dass ich meinen kulturellen Hintergrund, wie stets und vor allem in der jüngsten Literaturdebatte eingefordert wird, bedienen müsste. Ich kann und darf mich ebenso für Kenia interessieren, wie auch für Deutschland und Georgien. Die Frage ist und bleibt, was will ich erzählen?

Ich weiß, die Frage nach dem autobiographischen Gehalt ist lästig, und doch komme ich nicht umhin zu fragen: Wie viel von deiner eigenen Familie, deiner eigenen Geschichte steckt in diesem Roman? Oder ist es vielleicht so, dass die Jaschis Modell stehen für viele georgische Lebensläufe und -brüche?

Ich schreibe grundsätzlich niemals etwas, das real stattgefunden hat, eins zu eins auf. Selbstverständlich steckt viel Persönliches darin, aber es ist niemals privat. Das würde mich langweilen, das ist auch nicht die Art von Schreiben, die mich interessiert. Da das Buch sehr stark in einen historischen Rahmen eingebettet ist, sind viele Ereignisse exemplarisch und sie haben für sehr viele georgische Familien und einzelne Schicksale große Bedeutung, bzw. haben sie gezeichnet, beeinflusst und geformt.

Eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, beinahe ein Jahrhundert Zeitgeschichte: Wie hast du diese Fülle an Material bewältigt? Was war für dich der zentrale Gedanke bei der Aufarbeitung des Stoffes, der Kern, um den es dir ging?

Eigentlich ging es mir anfangs nur darum, gewisse historische Zusammenhänge zu begreifen. Ich wollte persönlich verstehen, was hinter mir liegt – denn ich stelle immer wieder fassungslos fest, wie wenig wir Menschen aus der Geschichte zu lernen scheinen, und vor allem auf Georgien und Russland scheint mir dies sehr stark zuzutreffen.

Ursprünglich wollte ich ein Buch über die Zeit der Perestroika schreiben, die ich selbst als Kind miterlebt habe. Dann wurde mir jedoch klar, dass man, in dem Fall ich, die Zusammenhänge nicht wirklich versteht, wenn man nicht früher anfängt. Dann war ich beim Stalinismus, Rotem Terror und Zweitem Weltkrieg gelandet, aber auch da war schon zu vieles verwoben. Also bin ich schließlich bei der Oktoberrevolution angelangt. Als ich realisiert habe, welche Fülle an Material es da zu bewältigen gibt, hat es mir Angst gemacht, aber ich war zu dem Zeitpunkt bereits mitten drin und hatte schon etliche Seiten geschrieben und so musste ich da durch. Es hat fast vier Jahre in Anspruch genommen. Ich habe viel mit Presse- und Archivmaterial gearbeitet, bin gereist, aber vor allem haben persönliche Erinnerungen der Menschen weitergeholfen. Es war für mich eine sehr schreckliche und zugleich befreiende Odyssee.

Ich musste, als ich die ersten Seiten von Das achte Leben las, unter anderem an Hundert Jahre Einsamkeit denken. Siehst du Parallelen zwischen deinem und Márquez’ Schreiben, der Art, wie ihr Familiengeschichte und Zeitgeschichte miteinander verwebt? Gibt es Autoren, die dir eine Art Lehrmeister waren, oder Werke, die dich inspiriert haben?

Ich habe versucht mich von allen Vorbildern und Standardwerken zu befreien, denn sonst würde mich eine zu große Ehrfurcht vor der Sache blockieren. Es gibt wunderbare Bücher, die solch eine lange Zeitspanne oder eine gewisse Historie großartig aufarbeiten, z.B. Jonathan Littells Die Wohlgesinnten, aber es hätte mir nichts genutzt, mich an ihnen zu orientieren. Denn ich kann ohnehin nur mit meinen Mitteln, meinen Möglichkeiten und meiner Fantasie schreiben. Etwas anderes zu versuchen, wäre zum Scheitern verurteilt. Der magische Realismus ist ein Stil, den ich durchaus mag, ja, aber ich habe nicht versucht, dieses Stilmittel bewusst einzuflechten. Ich suche beim Schreiben immer neue Herausforderungen, ich möchte etwas ausprobieren, das ich bisher noch nicht gemacht habe, da ich nichts langweiliger finde als Wiederholungen oder Selbstzitate. Bestimmte Dinge aber – vor allem ab einer gewissen Seitenzahl – gibt der Roman selbst vor. Die Figuren können einen auch gut anleiten und ich folge ihnen meistens vorbehaltlos und schaue, wo es mich hintreibt.

Herzlichen Dank an Nino Haratischwili für das Interview und viel Erfolg für den Roman!

Was andere über Mein sanfter Zwilling sagen:

» Bücherwurmloch
» Klappentexterin
» Syn-ästhetisch

Was andere über Techno der Jaguare sagen:

» Syn-ästhetisch
» buzzaldrins Bücher

indie_button

20 Gedanken zu “Nino Haratischwili und ihr neuer Roman »Das achte Leben«

  1. Dein Artikel, aber auch das Interview machen unheimliche Lust darauf, das Buch zu lesen – dafür danke ich dir, liebe Caterina. Ich glaube, ich bin wahrscheinlich eine der wenigen Bücherbloggerinnen, die den sanften Zwilling noch nicht gelesen haben, vielleicht schaffe ich das noch, bevor der neue Roman erscheinen wird.

    Gefällt mir

    1. Oh, stimmt, du hast den Sanften Zwilling noch gar nicht gelesen. Nun ja, ein paar Monate hast du noch, vielleicht schaffst du es ja bis dahin. Ich verspreche, es lohnt sich – selbst Mariki, die ja eine besonders kritische Leserin ist, fand es toll. 😉 Oder du fängst einfach gleich mit dem neuen Roman an: Du wirst es bestimmt nicht bereuen.

      Gefällt mir

  2. Ich hab den Zwilling so sehr geliebt. Kein anderes Buch hat mich derart aus der Bahn geworfen. Und ich bin richtig neidisch, dass du Nino treffen durfest! Allerdings weiß ich nicht, ob ich mich traue, ihr zweites Buch zu lesen. Ich hab doch diese komische Hemmung, nicht mehr als einen Roman vom selben Autor zu lesen – schon gar nicht, wenn ich ein Buch von ihm grandios fand. Außerdem schrecken mich die 1000 Seiten ganz schön ab!

    Gefällt mir

    1. Es ist zwar eine sonderbare Angewohnheit, aber du hast sie ja nicht umsonst, willst die Leseerfahrungen, die dich am meisten geprägt haben, nicht im Nachhinein trüben. Also zwing dich nicht. Bzw. warte erst einmal ab, was andere Leser zu dem Buch sagen, es läuft dir ja nicht weg.

      Gefällt mir

  3. Ich freue mich sehr, liebe caterina, über diesen schönen Beitrag (sowie bei We read Indie) und über das neue Buch von Nino, wobei ich großen Respekt vor der Seitenanzahl habe, aber ein Buch aus der Feder dieser bemerkenswerten Autorin und deine begeisternden Worte dazu – da werde ich wohl über meinen Schatten springen und mich in die 1000 Seiten stürzen.

    Es grüßt dich lieb,
    Klappentexterin

    Gefällt mir

    1. Ja, ich gestehe, auch ich tue mich zurzeit schwer mit derart umfangreichen Büchern, wo ich doch ohnehin schon eine so langsame Leserin bin. Gleich für einen ganzen Monat (denn so lange bräuchte ich mit Sicherheit) nur mit einem Buch beschäftigt zu sein ist schon hart, wo doch so viele andere warten. Aber zum Glück habe ich ja die Leseprobe gelesen und weiß, dass es sich lohnen wird, alle anderen Bücher stehen und liegen zu lassen.

      Gefällt mir

  4. Liebe Caterina,
    Dein Ärger ist meine Freude – denn solange es noch nicht draußen ist, muss ich es noch nicht kaufen. Und dass es ein Muss zu sein schient hast Du ja begeisternd deutlich gemacht. Passend dazu dieses Interview, das ich wirklich erfrischend und informativ finde.
    Nun wünsche ich Dir noch ein wenig Geduld beim Warten und danke Dir für diesen schönen Beitrag.
    Liebe Grüße, Kai

    Gefällt mir

    1. Danke dir, lieber Kai, für deinen netten Worte. Freu dich nicht zu früh, bis zum Erscheinen ist’s nicht mehr lang, und dann musst du dir das Buch wohl oder über kaufen. 😉

      Herzliche Grüße,
      caterina

      Gefällt mir

  5. Liebe caterina,
    ich hatte mich schon sehr auf diesen Beitrag gefreut. Und ich freue mich umso mehr, dass ich die 200 Seiten nicht begonnen habe. Kenne ich doch meine Ungeduld. Und so kann ich ganz geduldig den Herbst abwarten, wissend, dass etwas GROßES kommt 😉

    Übrigens ist Mara nicht die Einzige, die den sanften Zwilling nicht gelesen hat. Aber er steht griffbereit. Mal sehen, wann ich zuschlage…

    Liebe Grüße von der Bücherliebhaberin

    Gefällt mir

    1. Das habe ich doch gerne übernommen, liebe Bücherliebhaberin. Den Sanften Zwilling kannte ich da ja bereits, und es war eines der beeindruckendsten deutschsprachigen Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe – da konnte ich unmöglich nicht zuschlagen. Zumal ich mich dann wohl wie viele andere vor den 1.000 Seiten gescheut hätte – so aber bleibt mir gar nichts anderes übrig, als das Buch zu lesen. Und zu lieben. Ich werde dann natürlich berichten.

      Herzlich,
      caterina

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s