Vier Enthusiasten, acht Bücher

Dass an diesem Sonntagvormittag so viele Zuschauer kommen, um der Abschlussveranstaltung des Literaturfestivals lesen.hören beizuwohnen, ist erstaunlich, ja, nahezu »gespenstisch«, wie es Gastgeber Roger Willemsen ausdrückt. Draußen ist gerade der Frühling ausgebrochen, der Gedanke, am Ufer des Neckar zu sitzen, ein Buch zu lesen und sich von der Sonne kitzeln zu lassen, ist nicht wenig reizvoll. Stattdessen sitzen wir im schummrigen Saal der Alten Feuerwache, klammern uns zu dieser ungewohnt frühen Stunde an unsere Kaffeetassen, lesen nicht, sondern lassen lesen. Oder besser: lassen erzählen. Vier professionelle Leser stellen uns Bücher vor, die in irgendeiner Weise in ihr Innerstes vorgedrungen sind, und das tun sie derart leidenschaftlich, dass sie dem Ankündigungstext im Programmheft alle Ehre machen: »[Sie] mögen seit vielen Jahren Literaturkritiker, bisweilen auch Literaturwissenschaftler sein, auf der Bühne sind sie vor allem Enthusiasten.«

Roger Willemsen, Maike Albath, Peter Hamm und Ursula März

Von links nach rechts: Roger Willemsen, zu dem kaum noch etwas gesagt werden muss; die Literaturkritikerin Maike Albath, die ich insbesondere für ihre Auseinandersetzungen mit der italienischen Literatur(geschichte) schätze; Peter Hamm, Lyriker, Herausgeber und Kritiker; sowie Ursula März, Literaturkritikerin der ZEIT, die ich bereits zu Beginn des Festivals im Gespräch mit Michael Maar erleben durfte. Es ist die dritte Zusammenkunft dieser Art im Rahmen von lesen.hören, die Besetzung ist über die Jahre dieselbe geblieben. Ein eingespieltes Team also, das dennoch nicht immer d’accord geht – und das ist auch gut so. Fast wünscht man sich sogar, die Diskussionen würden noch ein bisschen weiterführen, die kritischen Töne wären noch ein bisschen lauter. Doch die Zeit ist wie immer begrenzt, das Publikum soll an einem derart schönen Sonntagmorgen nicht überstrapaziert werden, sodass Roger Willemsen wiederholt zur Kürze aufruft.

Das erste Buch, dem sich die illustre Runde widmet, ist die kommentierte Ausgabe von Franz Kafkas Briefen 1918-1920, mitgebracht wurde sie von Peter Hamm, der der Ansicht ist, die Briefe (und Tagebücher) Kafkas gehören zu dessen Werk, weil sie dieses erhellen, was man zum Beispiel nicht von denen Thomas Manns behaupten könne. In den Vordergrund stehen die Briefe an Milena Jesenská – eine faszinierende Frau aus dem Großbürgertum, die alles ausprobiert habe, wie Maike Albath betont. In diesen Briefen – und nur in ihnen – spiele sich eine große Liebesgeschichte ab, tatsächlich sehen sich Kafka und Milena lediglich viereinhalb Tage, danach erlischt der Kontakt schnell. Kafka selbst vergleiche sich mit einem Waldtier, dass sich, um sich zu retten, verkriechen müsse, weil es die Sonne nicht ertrage (passenderweise porträtiere auch Franz Blei ihn in seinem Bestiarium als »eine sehr selten gesehene, prachtvolle mondblaue Maus«, so Willemsens Hinweis).

Einerseits sei der Schriftsteller süchtig nach Briefen von Milena, andererseits seien sie eine Qual für ihn. Hamm führt diesen Rückzug Kafkas auf dessen gestörtes Verhältnis zur Sexualität zurück, das sowohl aus seinen Tagebücher als auch aus seinen Romanen und Erzählungen deutlich werde. Ursula März hingegen betont, dass der Adressat in Kafkas Briefen – sei es nun Milena oder der Vater – gar nicht wichtig sei, wichtiger sei das Schreiben an sich, es finde eine vollkommene Überführung des Lebens in die Literatur statt, mit Briefen habe das kaum noch etwas zu tun. Dies sei auch der Grund dafür, dass Kafka mit einer Begegnung mit der realen Person nichts anfangen könne – um dieser zu entgehen, habe er willentlich die Beziehung sabotiert, als Milena ihn zu sich nach Wien eingeladen habe. So sieht es auch Willemsen: Kafka sei einer der wenigen Briefeschreiber, die nicht das Ich und auch nicht das Du ins Zentrum stellen, sondern die Sprache, die Vermittlung, die Deutung.

Er selbst hat einen Roman mitgebracht, den er – so seine Worte – seinen Mitstreitern auf der Bühne und dem Publikum eigentlich kaum zumuten könne: Der Dschungel (1906) von Upton Sinclair. Sinclair habe eine Zeit lang zu den bekanntesten amerikanischen Schriftstellern mit gigantischen Weltauflagen gehört, mittlerweile sei er hierzulande in Vergessenheit geraten. Er habe einen genuinen Gerechtigkeitssinn gehabt, sei einer jenen gewesen, die mit ihrer Literatur den Schmutz der Gesellschaft aufwirbeln. Der Schmutz – das sind im Falle des Dschungels die Schlachthöfe von Chicago, wo zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts desaströse Arbeits- und hygienische Bedingungen herrschen. Mit der Aufdeckung dieses Skandals wird Sinclair schlagartig berühmt, ungeachtet der Tatsache, dass der Roman, der Einflüsse des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit erkennen lasse, in der zweiten Hälfte – darin sind sich die vier Kritiker einig, und Sinclair selbst habe es nicht anders gesehen – verunglückt, weil plakativ und thesenhaft sei.

Hamm sagt, er bewundere das Engagement, das Problem sei aber, dass Sinclair mehr als Literatur schreiben wolle, was meistens bedeute, dass es weniger ist. Auch März findet zwar, der Roman bleibe hinter seinen Möglichkeiten zurück, doch sie legt den Fokus auf seinen radikal aufklärerischen Auftrag und sagt, eine solche Literatur könne es heute nicht mehr geben, weil ein Autor in dem Bewusstsein schreibe, dass es Spiegel TV und dergleichen gebe, und deshalb keinen Roman hervorbringen könne, der sich ästhetisch auf der Höhe der Zeit bewege wie einst Der Dschungel, also nicht beeindruckt sei von und nicht in Konkurrenz stehe zu anderen Darstellungsformen. Maike Albath ist anderer Meinung, nennt als Beispiel die Schriftsteller Rafael Chirbes und Alexis Jenni und verweist auch auf Filme wie The Dear Hunter. Allerdings könne man dieses engagierte Schreiben eher in Spanien und Frankreich als bei uns beobachten, was mit den literarischen Traditionen zu tun habe.

Das Buch, das sie für diese Gesprächsrunde ausgewählt hat, stammt von einer Autorin, die in dieser Ausgabe des Festivals schon einmal im Mittelpunkt stand: Alice Munro. Albath hat sich für deren Band Tricks entschieden, wie in Munros gesamten Werk gehe es auch hier um weibliche Lebensentwürfe, um Versehrungen, die den Figuren widerfahren, um sich – mitunter auch gewaltsam – entfremdende Paare. Was Albath so sehr an diesen Geschichten fasziniere, ist, dass die Szenarien oft so beiläufig daherkommen, dass es am Ende aber immer einen Erkenntnisschock gebe. Die Schriftstellerin erschaffe einen erzählerischen Raum, der noch lange nachwirke. So sieht es auch Roger Willemsen, der auf die raffinierte Zeitökonomie der Geschichten verweist, auf die Brüche zwischen den Szenen, die der Leser selbst zueinander in Bezug setzen müsse. Am Ende bleiben immer Fragen offen.

Kritisch äußert sich vor allem Peter Hamm, der selbst zwar zwölf Bände von Munro besitze, aber dennoch das Gefühl habe, dass man, wenn man einen von ihnen gelesen habe, ihr ganzes Werk kenne. Die Geschichten bewegen sich immer im selben Milieu, die Figuren ähneln einander und seien ähnlichen Problematiken ausgesetzt. Es gehe immer um das kleine Glück und Unglück, um die Banalität derselbigen, während die großen Katastrophen nur nebenbei passieren. Munro öffne keine Türen zu neuen Welten – im Übrigen auch nicht sprachlich. Es gebe keinen solcher Sätze, die den Leser vom Buch aufblicken und innehalten lassen. Dennoch habe auch er, Hamm, eine Lieblingsgeschichte, nämlich »Leidenschaft«, die er als sehr rund empfinde. Allerdings kommt er nicht mehr dazu, sie zu erzählen, da Willemsen mit Blick auf die Uhr zum nächsten Buch überleitet.

Es handelt sich um Ach, dieses Paradies von John Cheever, vorgestellt von Ursula März, in dem es – ausgehend von einem Weiher, der einer Mülldeponie weichen soll – um die politischen Ränkespiele in einer amerikanischen Kleinstadt geht. Dabei stehe gar nicht so sehr das kulturkritische Thema des Naturschutzes im Vordergrund, das Cheever hier übrigens erstaunlich früh, Ende der siebziger Jahre, anbringe, sondern das Innenleben der Figuren, die sich um dieses Szenario herum gruppieren. Der Autor leuchte, stimmt Albath zu, ihre Seele aus und teile damit auch gleichzeitig etwas über Amerika und die Art und Weise, dieses Land zu besiedeln, mit. Für sie sei Ach, dieses Paradies eines dieser Bücher, bei denen sie glücklich sei, dass sie diesen Beruf ausübe, sie habe es mit einer ungeheuren Faszination gelesen, die daher komme, dass sie gar nicht so genau benennen könne, was den Sog ausmache.

In den Lobgesang steigt auch Hamm ein: Das Besondere an dem Roman sei, dass jede Figur sich im Laufe der Geschichte über sich selbst erhebe, es gebe zahlreiche kleine Augenblicke, die eine epische Dimension eröffnen, wie es Peter Handke ja auch im Nachwort erörtere. März hingegen empfindet die Erzähldramaturgie als das wahre Abenteuer dieses Buches: Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, an die Stelle ihrer Geschichte treten Exkurse – das zeuge von einer merkwürdig faszinierenden Nachlässigkeit, ja, fast schon Schlampigkeit im dramaturgischen Aufbau. Genau das sei – so auch Willemsen – das Meisterhafte an Ach, dieses Paradies: Es sei gar nicht nötig, den Stoff auszuerzählen, es gehe auch nicht um den Weiher, sondern um die Metapher, zu der dieser werde: eine Metapher für die Egoismen aller Beteiligten, für die Heuchlerei des ganzen Landes.

Zum Schluss sprechen die Experten noch in aller Kürze je eine Leseempfehlung aus. Roger Willemsen macht es vor und lobt Robert Musils Erzählung Drei Frauen als außerordentlich sinnlich und zugleich klug – der ideale Einstieg in das Werk Musils. Maike Albath empfiehlt Heimito von Doderers Die Strudlhofstiege all jenen, die erleben wollen, wozu das Deutsche in der Lage sei und wie jemand in der Sprache zu Hause sein könne – eine großartige Lektüreerfahrung. Peter Hamm hat für Lyrikliebhaber die Anthologie Moderne Poesie in der Schweiz ausgesucht, die auf fabelhafte Weise die Schweizer Gesellschaft in all ihren Facetten spiegele, eben auch mit ihren vier Sprachen: ein ungeheures Gewirr, in dem es nicht um die einzelnen Stimmen gehe, sondern um die Korrespondenzen untereinander. Ursula März hingegen hat sich für Martin Mosebachs Das Blutbuchenfest entschieden: Der Autor beginne damit sein Alterswerk, das sich durch seine Weisheit und seine Radikalität auszeichne; der Stil sei hier ausgehärtet, auch ausgenüchtert, dafür aber umso meisterhafter – ein Jahrhundertroman!

Roger Willemsen, Maike Albath, Peter Hamm und Ursula März (2)

2 Gedanken zu “Vier Enthusiasten, acht Bücher

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s